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S.P.O.N. - Der Kritiker: Heidegger ein Nazi? Meister Propper!

Der deutsche Philosoph Martin Heidegger soll ein rechtsradikaler Platoniker sein? Ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit? Seine Tagebuchnotizen sprechen Bände - doch im deutschen Feuilleton reagiert man gerne mit der typischen deutschen Abwehrhaltung. Georg Diez über Martin Heidegger - SPIEGEL ONLINE

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katzenheld1 03.01.2014, 20:26
50. Vom Nutzen der Haaresbreiten

Zitat von gantenbein3
...dass Heidegger aus heutiger Sicht ein A*loch ist - da rennt Diez offene Türen ein - sondern warum er aus damaliger Sicht nicht als solches galt, sondern, ganz im Gegenteil, bei den Eliten so hoch im Kurs stand. Heute ist es wohlfeil, Heidegger zu verdammen. Ich habe auch gar nichts dagegen. Aber was soll es nützen, auf einen toten Hund einzuprügeln oder eine Philosophie auseinander zu nehmen, die keine Rolle mehr spielt, außer bei den ewig Gestrigen vielleicht?
Weil die ewig Gestrigen heute noch nachwachsen. Und für ihre Überzeugungen auch manchmal Philosophen gebrauchen.

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wakaba 03.01.2014, 20:38
51.

Zitat von 2idane
Schön, wie Diez die perfiden Mechanismen des argumentlosen Abwertens bloßlegt. Doch leider hat auch er selbst wenig mehr zu bieten. Die Unterscheidung von Werk und Biographie ist nicht tempelhafte "Kunstreligion", sondern der Tatsache geschuldet, dass ein bedeutendes Werk immer "größer" und "klüger" ist als sein Verfasser - genau genommen liegt die Bedeutung des Werkes sogar genau in diesem Überschuss. Und so kommt es, dass sogar menschliche "Arschlöcher" in Kunst, Literatur oder Philosophie Bedeutendes hervorbringen können. Das macht sie "als Menschen" nicht akzeptabler. Aber ihr Werk auch nicht kleiner.
Im rationalen Post-Dekonstruktivismus ist die Unterscheidung von Werk und Person nicht zulässig. Jeder Ausdruck kann auf t,xyz genau verortet werden. Heidegger ist aber in jedem Fall nur noch eine Fussnote im Wikieintrag der NSDAP und von AH.

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socrateased 03.01.2014, 20:45
52.

Zitat von wakaba
Im rationalen Post-Dekonstruktivismus ist die Unterscheidung von Werk und Person nicht zulässig. Jeder Ausdruck kann auf t,xyz genau verortet werden. Heidegger ist aber in jedem Fall nur noch eine Fussnote im Wikieintrag der NSDAP und von AH.
Ja, und:

http://www.nytimes.com/2010/05/09/bo...anted=all&_r=0

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deb2011 03.01.2014, 20:57
53. Was will uns der Verfasser ...

Zitat von waigelghost
...so kennen wir's von Ihresgleichen. Ist die Meinung oder Bewertung nicht genehm, heißt es "Schnauze halten". Heidegger lädt zur Diskussion ein? - Na sicher, und Leni Riefenstahl zum Tanztee. Viel Spaß und geistige Erbauung mit den alten Recken! Ach ja, noch etwas: Wenn Sie etwas Substanzielles zu sagen haben, dann sollten Sie dieses tun und nicht konjunktivistisch herumschwadronieren.
... dieser Zeilen sagen? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Wer hat etwas von "Schnauze halten" gesagt? Diese Ausdrucksweise ist mir sehr fremd - Ihnen offensichtlich nicht ...

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Spiegelkritikus 03.01.2014, 21:07
54. Diez wird Heidegger nicht gerecht

Zitat von sysop
.......Wenn man nun wieder über die hässlichen Seiten seines Lebens redet, sollte man deshalb endlich auch wieder über die hässlichen Seiten seines Denkens reden, über das Raunende, Sektenhafte, Vernunft- und Menschenfeindliche, über die Sprachklumpen, den so dumpfen wie verführerischen, weil so einfach wie schwer verständlichen Technologie-Ekel, seinen Hölderlin-Kult auch und überhaupt die immer noch herumgeisternde Art von geistesaristokratischer Arschlochmentalität. War das also, was Heidegger mindestens in den zwanziger und dreißiger Jahren vertrat, wollte und formulierte, Nationalsozialismus oder "rechtsradikaler Platonismus", wie es ein Kritiker nannte?.....
Ach Herr Diez, mit diesen Formulierungen haben Sie sich als jemand geoutet, der Heidegger wohl kaum gelesen, denn verstanden hat. Die zeitweilige Nähe Heideggers zum Nationalsozialismus anfangs der 30er-Jahre ist das eine, sein einen viel grösseren Zeitraum umfassendes philosophisches Denken das andere. Das Hauptwerk "Sein und Zeit" erschien 1927, also 6 Jahre vor Hitlers Machtergreifung. Dieses Wek verstand sich als fundamentale Kritik des onotologischen abendländischen Denkens seit Platon, insbesondere des Descartes'schen Subjekt-Objekt-Schemas der Neuzeit. Ich will und kann hier nicht weiter ins Detail gehen, nur so viel: Allein die Heideggersche Daseinsanalyse des Menschen ist phänomenal (in beiden Bedeutungen des Begriffs) und nach wie vor erhellend. Er hat in Anlehnung an Dilthey die Historizität und sinnhafte Bezogenheit alles Seienden zurecht der früheren ontologischen Reduktion rntgegengesetzt. Allein damit hatte er einen ungemein grossen Einfluss auf die Geisteswissenschaften.

Heideggers Technikkritik leitet sich unmittelbar aus dem die Neuzeit konstituierenden wissenschaftlichen Naturverständnis ab, das die Welt nur noch als Verfügungsmasse sieht, die - ihrer Lebendigkeit und Komplexität beraubt -, in Zahlen gebannt und ausgebeutet wird.
Die Folgen können wir heute allenthalben besichtigen: Eine ungeheure Naturbeherrschung und -exploitation, gleichzeitig aber auch deren massive Zerstörung und damit der menschlichen Lebensgrundlage.
So gesehen war heidegger ein früher Vorläufer der Grünen (nicht der heutigen, sondern der echten am Anfang der Bewegung).

Sein "Hölderlin-Kult" war wohl letztlich seiner Erziehung in katholischer Umgebung geschuldet, die ihn ähnlich wie Kant trotz Ablehnung der traditionellen Metaphysik und einer ebensolchen Gottesvorstellung (als letzte Zweck-Ursache von allem) doch an Kunst als göttlicher Offenbarung festhalten liess.

Das mit der "Arschlochmentalität" will ich überlesen haben: man kann Heidegger seinen politischen Irrtum natürlich vorwerfen, doch sollte man nicht das Kind mit dem Bad ausschütten und das gesamte Werk dieses grossen Philosophen damit desavouieren. Und noch eins: Der zurecht ktitisierte Antisemitismus war beileibe kein nur deutsches Phänomen, sondern in ganz Europa mehr oder weniger verbreitet - besonders auch in Frankreich.

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duschinabuschi 03.01.2014, 21:36
55.

Zitat von blackpride
Und als nächstes bitte Kant zerpflücken, den alten Rassisten den.
Genau. Und Hegel, bitte.

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AntiDe 03.01.2014, 21:39
56.

Zitat von sysop
Der deutsche Philosoph Martin Heidegger soll ein rechtsradikaler Platoniker sein? Ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit? Seine Tagebuchnotizen sprechen Bände - doch im deutschen Feuilleton reagiert man gerne mit der typischen deutschen Abwehrhaltung.
Heidegger war durch und durch Nazi, er wählte von Anfang an NSDAP, er trat früh in die Partei ein. Punkt. Da gibt es nichts zu deuten.

Doch wie steht's mit Heideggers Philosophie? Hat sie irgendeinen _objektiv_ fassbaren Wert? Kaum.

Hat Heideggers "Denken" die Naturwissenschaften sinnvoll informiert? Nein. Hat er z.B. zum Verständnis der Quantenmechanik beigetragen? Nein. Hat er jemals ein nichttriviales Theorem gezeigt? Nein. Er gehörte jener Gruppe von "Philosophen" an, welche keine Erkenntnis, sondern lediglich Lyrik produzieren, und der Wert von Lyrik ist Geschmackssache. Heideggers Werk hat bestenfalls Unterhaltungswert. Wissenschaft ist das jedenfalls nicht.

Es ist wirklich an der Zeit, solche angeblich "grandiosen Denker", welche nichts als heisse Luft in abgehobenem Sprach-Geschwurbel verpackt hervorbringen, von ihren Sockeln zu holen. Diese Art von intellektuellem Elitismus, welcher lediglich inhaltsleere Debatten ("über das Sein und das Seiende" o.ä.) führt, um sich von den vermeintlich "Ungebildten" abzugrenzen und sich über sie zu erheben, wird heute immer mehr durchschaut. Heidegger selbst schwurbelte etwa von "Größe und Herrlichkeit des Denkens".

Es ist keineswegs so, dass jemand der sich lieber mit Dieter Bohlen als Heidegger befasst, Heidegger notwenig nicht verstanden hätte. Möglicherweise hat er letzteren und seinesgleichen nur zu gut verstanden (durchschaut).

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socrateased 03.01.2014, 21:40
57. Anmerkung

Zitat von Spiegelkritikus
man kann Heidegger seinen politischen Irrtum natürlich vorwerfen,
Das war kein "politischer Irrtum", sondern fundamentales, handlungs-ethisches Versagen. Heidegger wurde schlicht seinen eigenen, hohen Maßstäben nicht gerecht, indem er nämlich die Universität Freiburg, der er ab 1933 und bis 1934 als Rektor vorstand, als Hilfsfigur der Nazis mit "judenfrei" machte.

Das, und zwar genau das, ist wirklich durch nichts zu rechtfertigen. Weder zum damaligen Zeitpunkt, noch irgendwann oder "irgendwie" später. Genauso wenig wie die 1933 erfolgte Denunziation seines Kollegen Eduard Baumgarten nach einem größeren, fachlichen Dissens (1931), den er schlicht aus Konkurrenzgründen - und nun mit der nötigen, formalen Autorität versehen - aus dem Weg geschafft haben wollte:

http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_...nalsozialismus

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Guillermo Emmark 03.01.2014, 21:44
58.

Zitat von deb2011
Der Künstler, der menschlich ein Schwein ist und trotzdem ein Künstler. Ein anderes Beispiel gefällig: Gottfried Benn war menschlich ebenfalls ein Schwein, politisch den Nazis am Anfrang sehr zugewandt - und hat trotzdem einige der schönsten und berührendsten deutschen Gedichte geschrieben. Das gilt es auszuhalten.
Wieso war der Benn "menschlich ein Schwein"?

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to5824bo 03.01.2014, 21:46
59.

Zitat von socrateased
(...) Marcions perfide Unterstellung, der jüdische G'tt wäre ja eh nur Demiurg und nicht Schöpfer-Entität und "der Jude" an sich daher ein auf Diesseitigkeit festgelegtes, gleichsam zur "Dunkelheit" verdammtes Wesen, und daher im Diesseitigen von allem eigentlich-Weltschaffenden, ewig-Höheren ausgeschlossen, ist die erste, frühe Emanation der Denkgrundlagen zur späteren NS-Ideologie, welche dann historisch zur "Endlösung" führten. Die philosophischen Basics des organisierten Christentums tragen so gesehen den Wunsch nach Vernichtung der jüdischen Kultur in sich.
Naja, ganz so geradlinig wie Sie es darstellen, war es denn doch nicht.

Das "organisierte Christentum" hat den marcionitischen Dualismus zwischen dem "Demiurgen" und dem "Gott der Liebe, der sich in Jesus offenbart", ja nun in allen - auch späteren gnostischen - Formen dezidiert abgewiesen und auf seine Weise in der Trinitätslehre versucht, den Gott Israels und den Vater Jesu Christi zusammen zu denken.

Dass der eliminatorische Antisemitismus der Nazis nicht ohne christlichen Wurzeln zu verstehen ist, wird damit nicht bestritten.

Wenn es übrigens einen christlichen und deutschen Denker gab, der dem alten Ketzer Marcion den Hof gemacht hat, dann war es der Berliner Kirchenhistoriker und Dogmengeschichtler Adolf von Harnack.

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