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Umgang mit Depression: Sprechen Sie drüber - aber nicht mit jedem
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Depressive geraten schnell in einen Teufelskreis: Die Angst vor Ausgrenzung treibt Betroffene immer tiefer in ihre Krankheit. Ein Ausweg: sich öffnen, dem Umfeld die eigene Situation erklären. Am Arbeitsplatz und auch in der Familie gibt es für diese Regel jedoch Ausnahmen. Depression: So schützen Patienten sich vor Attacken und bekommen Hilfe - SPIEGEL ONLINE

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Bathory 19.10.2012, 19:32
10.

Zitat von Gertrud Stamm-Holz
(...) Es ärgert mich immer wieder von vorne, wie ganz simpel die Moderne zuständig für die vielen Depressiven sein soll. (...)
Klar war die Krankheit früher ein Tabu und die Menschen haben sich deshalb umgebracht, weil sie sich niemandem anvertrauen konnten. Dennoch hat es seine Gründe, warum die Zahl der Betroffenen heute höher ist als vor Jahrzehnten.
Sicher spielt auch eine Rolle, dass das Gebiet der Depression besser erforscht ist als noch vor einem halben Jahrhundert.
Trotzdem, es wird heute viel mehr von einem Menschen verlangt und der Fokus liegt auf Gewinn, man lebt um zu existieren und nicht umgekehrt.
Dazu kommt die Austauschbarkeit im Beruf und eine "Wegwerfgesellschaft" und Abflachung in puncto Beziehungen.
Woher soll der Mensch denn da noch Wertschätzung erhalten, Perspektiven sehen, Kraft schöpfen?
Und warum wird sich dann noch gewundert, warum so viele depressiv in unserer Zeit werden?

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rabenkrähe 19.10.2012, 20:13
11. nene

Zitat von sysop
Depressive geraten schnell in einen Teufelskreis: Die Angst vor Ausgrenzung treibt Betroffene immer tiefer in ihre Krankheit. Ein Ausweg: sich öffnen, dem Umfeld die eigene Situation erklären. Am Arbeitsplatz und auch in der Familie gibt es für diese Regel jedoch Ausnahmen.
.........

Mit ihrer Offenheit sollen Schwermütige aber wahrlich vorsichtig sein, denn psychische Leiden sind noch immer stigmatisiert und gerade jene, die im Akutfall einfühlsam tun, erweisen sich in späteren Zeiten gerne als jene, die sich an die Belastung erinnern und zu unliebsamen Folgen für die Betroffenen beitragen.
Zudem gibt es nicht wenige, die sehr wach nach Schwachpunkten bei anderen suchen, um diese für sich zu nutzen. Merke: Gerade Schwache fühlen sich stärker, wenn sie Schwächen bei anderen entdecken.
Für die Betroffenen selber ist Offenheit ein wahrer Schatz, der wirklich weiterhilft, er sollte nur sehr genau und bedacht genutzt werden!
rabenkrähe

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musca 19.10.2012, 20:56
12.

Zitat von sysop
Depressive geraten schnell in einen Teufelskreis: Die Angst vor Ausgrenzung treibt Betroffene immer tiefer in ihre Krankheit. Ein Ausweg: sich öffnen, dem Umfeld die eigene Situation erklären. Am Arbeitsplatz und auch in der Familie gibt es für diese Regel jedoch Ausnahmen.
Meine Erfahrung ist, das nicht selten sehr stille ruhige Menschen
( introvertierte Menschen) ( man muss deswegen noch nicht depressiv sein) nicht selten sehr starkem Druck von anderen "normalen" Mitmenschen teils ausgesetzt sind.

Das verlangt irgendwie die momentane derzeitige Gesellschaft...schwer zu schildern -Doch die Gesellschaft verlangt danach... ( "mitun" - sich einbringen) das geht schon bei den Medien los.... "Stichwort" übertriebene Sensationsgeilheit und das setzt extrovertiert zu sein statt den Gegenpart sehr stark vorraus.

( auch durch diesen eigentlich ja offiiziell nicht existenten Druck aber doch da können Depression oder soziale Phobien entstehen)


Extrovertiert sein , das entspricht dem aktuellen Zeitgeist.


Introvertiert sein, nicht


Wobei manche zu extrovertierte Menschen vielleicht besser manchmal nach der alten Redewendung "Reden ist Silber-Schweigen ist Gold" sich leiten lassen könnten. ( für manche der "Über-extrovertierten"

Der Boom der Reality-Shows und "Dokus" zeigt das sehr interessant.

Ich hab nichts gegen Extrovertierte...aber ein extrovertierter Mensch fährt oft leicht drüber - vor allem über den introvertierten Menschen - dieser kann sich mündlich oft nicht einfach so gut ausdrücken und kontern schon gar nicht...zumindest nicht direkt.. ..bzw...ist so ähnlich dran wie kurz nach dem Aufwachen nach 18 Stunden Schlaf nach zuviel Alkoholgenuss...zbps. ...und schon sind die Missverständnisse da.

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korox 19.10.2012, 21:23
13.

Irgendwann hat man kein Verlangen mehr, mit irgendwem darüber zu reden. Egal ob Familie, Beruf oder sonst wo, viele Menschen können damit garnicht umgehen, weil sie überhaupt nichtmal im Ansatz erahnen können, was es heisst, wenn man von tiefster Gleichgültigkeit betroffen ist. Allein das reicht schon aus, um diese ganzen "Ratschläge" bezüglich der Willensanstrengung vollkommen ad absurdum zu führen. Man sucht sich die Depression nicht aus und kann auch nicht alle ausschlaggebenden Faktoren immer und überall überblicken.

Wo der Wille selbst ernsthaft beeinträchtigt ist, kann übrigens schlecht von Drückeberger gesprochen werden. Warum? Wenn man sich vor etwas drückt, bedarf es auch eines Willens. Anders gesagt, dahinter steckt eine Zielabsicht. Wenn einem allerdings alles egal ist, fehlt einem auch die Absicht. In den möglichen Folgen sieht es von aussen gleich aus (ausbleibende Arbeit, schleifende Kontakte usw.), von innen her ist es aber ein wesentlicher Unterschied.
Diesen Kreislauf aufzubrechen, ist wahrlich nicht leicht, bedarf vieler Massnahmen und einiges an Nachsorge.

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coraccorioredannae 19.10.2012, 21:36
14. Und was ist mit den Nachbarn im Dorfe?

Zitat von sysop
Depressive geraten schnell in einen Teufelskreis: Die Angst vor Ausgrenzung treibt Betroffene immer tiefer in ihre Krankheit. Ein Ausweg: sich öffnen, dem Umfeld die eigene Situation erklären. Am Arbeitsplatz und auch in der Familie gibt es für diese Regel jedoch Ausnahmen.
Und was ist mit den Nachbarn im Dorfe? Ein Kollege hat es einmal den Nachbarn erzählt, und nun behandeln sie ihn seit geraumer Zeit quasi als Minderwertigen. Er steigert sich in Vermutungen und Befürchtungen hinein, was diese Nachbarn alles treiben und was die Nachbarn denken was er treibt. Und es ist möglich, das sie wirklich ihr Spielchen mit ihm treiben. Unzähliges hat er darüber zu erzählen, was ihm schon für Merkwürdigkeiten passiert sind.

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teekaysevenfive 19.10.2012, 22:39
15. Es sei Ihnen beiden gesagt...

Zitat von tangram
sehe ich die Ursachen einer Depression auch. Vielen Dank @kostuek. Und weil die Situation in einer Depression so paradox ist, sind die Chancen so gering, sie ohne Hilfe zu überwinden. Die Folgen der Depression werden zu weiteren Ursachen ihrer selbst und verstärken sie immer mehr. Ein Teufelskreis ...
...und das aus eigener Erfahrung, dass Sie Unsinn schreiben. Die Aussage "Jede Angst kann man schließlich mit einer Willensanstrengung überwinden und sein Vehalten entsprechend ändern. Genau das funktioniert aber bei einer Depression überhaupt nicht. Die Betroffenen ziehen sich nicht deshalb zurück, weil sie Angst haben." ist schlicht weg falsch. Glauben Sie mir. Es gibt vielfältige Ausprägungen von Depressionen. Und unter anderem gehört dazu auch, große, ja sehr große Angst zu verspüren, für die man den Grund nicht kennt. Und die kann man mit keiner Willensanstrengung alleine überwinden. Ihnen scheinen weder die Wirkungsweise von Psychotherapien im Allgemeinen noch von der unterstützenden Medikation geläufig zu sein.

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BuenaBanana 19.10.2012, 23:17
16. .

Zitat von Gertrud Stamm-Holz
Es ärgert mich immer wieder von vorne, wie ganz simpel die Moderne zuständig für die vielen Depressiven sein soll. All diese Betroffenen waren einmal Kinder und haben alle irgendwie und irgendwo ihre Stolpersteine eingebaut bekommen. Ohne Vorleistung gibts keine Depressionen. Sieht sich ein wehrhafter und gesunder Zeitgenosse einer Pfeife als Chef gegenüber, er haut dem eins auf die Nuss und geht. Die Wehrloser erdulden unendlich und gehen dabei unter. Wehrhaftigkeit kann man lernen, Wehrlosigkeit auch.
Auch wenn es Sie ärgert ändert es nichts daran dass die Ursachen in den modernen lebensbedingungen zu suchen sind. Allerdings anderweitig als Sie denken. Es ist bekannt dass Studien zufolge bis zu 60% der Kinder von getrennt lebenden Eltern später im Leben Depressionen entwickeln. Bei der altuellen scheidungsrate kann man schnell abschaetzen welche gesamtgesellschaftlichen auswirkungen das haben muss.

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sowi86 20.10.2012, 00:11
17. Fehlfunktion - Der (Mittelschicht-) Mensch ist kein (!!) soziales Wesen

Das propagieren Politik, Medien und Werbung: das Einzelkämpfertum. Teile und herrsche, lautet die Devise in der Berufswelt und jeder ist seines Glückes Schmied. Wer weich ist, wird halt depressiv. Es gilt: Depressive gleich Weicheier, Minderleister. Im Jahr sind es wohl mehr an Depression erkrankte Menschen, die Suizid begehen, als es Tote im Strassenverkehr gibt. Wer in der Natur schwach ist, geht unter, das war schon immer so. Geben wir es einfach zu, dein bester Freund ist der Therapeut, ohne den die US-Mittelschicht schon lange nicht mehr auskommt. Die Folge ist eine sinkende Reproduktionsrate, die gerade bei der Unterschicht nicht auftritt. Warum nur?
Interessant ist, das Fachärzte diese Bezeichnung führen dürfen, z.B. "für Psychotherapie", wenn sie 2 Semester dafür in Psycho-Pharmakologie dranhänger und lernen, mit Produkten der Pharmaindustrie zu therapieren. Nimm mal diese Pille, kommste wieder auf die Rille! Das ist Einzeltherapie und bedeutet Anpassung an die Anforderungen der industriellen Arbeit, die Ursache für dein Nichtfunktionieren liegt in Dir, lautet die Botschaft. Du bist also eine Fehlfunktion. Und diese kann wissenschaftlich analysiert, also diagnostiziert und damit therapiert werden. Und die Ursachen liegen im Hirnstoffwechsel und sind daher mit Psychopharmaka zu besiegen. Alles Andere sind spekulative, philosophische, unwissenschaftliche Verfahren, in der der Patient sein Innen auf das Aussen neu einstellen soll. Entscheidend in unserer Wettbewerbsgesellschaft ist, dass man optimal funktioniert und nützlich ist. Mehr zählt nicht, nirgends. Also hört auf zu jammern, da fühlt man sich dem Burnout nahe und versinkt in tiefer Depression und wird zur Fehlfunktion. Nehmt gefälligst eure Pillen! Dann steigen auch die Aktienkurse!

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psycheciety 20.10.2012, 01:20
18. cont...

Zitat von oliverwollenberg
Dass Depressionen durch Zurückziehen ausgelöst wird ist jedoch total falsch.
Genau, und in meiner Selbsthilfegruppe (und einer zweiten NUR für Angst und Depressionen) ziehen sich die Teilnehmer eben NICHT mehr zurück, selbst wenn sie das wollten. Wer den Schritt in eine Selbsthilfegruppe findet, braucht nicht unbedingt Therapie. Dieser Schritt IST schon fast die ganze Überwindung, aber der es BESSER geht!
UND: Ich PERSÖNLICH brauche Alleinsein; das ist noch LANGE NICHT "KRANK"!
psy

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pixie48 20.10.2012, 07:40
19. Mit wem

Zitat von korox
Irgendwann hat man kein Verlangen mehr, mit irgendwem darüber zu reden. Egal ob Familie, Beruf oder sonst wo, viele Menschen können damit garnicht umgehen, weil sie überhaupt nichtmal im Ansatz erahnen können, was es heisst, wenn man von tiefster Gleichgültigkeit betroffen ist. Allein das reicht schon aus, um diese ganzen "Ratschläge" bezüglich der Willensanstrengung vollkommen ad absurdum zu führen. Man sucht sich die Depression nicht aus und kann auch nicht alle ausschlaggebenden Faktoren immer und überall überblicken.....
sollte man auch darueber reden? Im Uebrigen muss es bei einem Depressiven ja gar nicht Gleichgueltigkeit sein, die dazu fuehrt, dass der Depressive unfaehig ist, seine taegliche Arbeit zu machen. Es kann auch durchaus selektiv sein, d.h. der Depressive arbeitet normal, vollbringt auch volle Leistung, braucht aber vielleicht etliche Stunden und uebermenschliche Willenskraft, um sich aufzuraffen ueberhaupt zur Arbeit zu gehen. Wieder zu Hause ist es ihm unmoeglich die simplesten Aufgaben zu erledigen; er isoliert sich.

Ich hatte Glueck, der Psychologe am Arbeitsplatz hat bemerkt, dass ich hochgradig suizidgefaehrdet war. Mit unendlicher Geduld und taeglichem(!) Kontakt - selbst in seinem Urlaub (!) hat er mich vom Abgrund weg gefuehrt und einer Therapie zugefuehrt. Eines Tages werde ich vielleicht die Krankheit Depression, die auf Vergewaltigungen in der Kindheit zurueck zu fuehren ist, managen koennen. Nach 60 Jahren werde ich sie wohl nie los werden. Ohne meinen Arbeitskollegen waere ich heute wohl nicht am Leben; die Familie hat nie etwas gemerkt.

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