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Als den Vätern die Seele erfror
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Franz Richter 31.03.2008, 10:51
1.

Mein Vater, Jahrgang 1914, war als der älteste Sohn eines Bauern aus dem Sudentenland erst für 3 Jahre lang von den Tschechen zu Militätdienst eingezogen worden (ca. 1933 - 36). Nach dem Anschluss ans Reich kam er dann (wahrscheinlich) ziemlich schnell zum deutschen Militär und verbrachte den ganzen Krieg in Russland. Aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass er sich in den letzten Kriegstagen ein Fahrrad und Zivilkleidung organisierte und sich in seine Heimat im Osten der Tschechei durchschlug. Dort kamen allerdings ziemlich schnell die Russen an und er musste sich lange Zeit verstecken. Als ihn eines Tages einige Russen im Kuhstall aufgriffen, stellten sie ihn auf den Misthaufen und legten die Gewehre auf ihn an. Unbegreiflicherweise schossen sie aber dann über seinen Kopf und ließen ihn laufen. Vielleicht hatte er ihnen auf Russisch etwas gesagt. Bis zu seinem Tode mit 53 Jahren im Jahre 1967 hörte ich (* 1949 in Bayern) kein Wort über den Krieg über seine Lippen kommen. Sein jüngerer Bruder, der Pilot gewesen war, erzälte offenbar etwas mehr. Er war Lehrer und starb im Jahre 1984 an Krebs. Als es dem Ende zuging, wiederholte er im Koma öfters: "Ich werfe keine Bomben auf London - ich werfe keine Bomben auf London"

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31.03.2008, 10:51
2.

Sehr geehrter Herr Hohlen,
Vielen Dank fuer Ihren Beitrag. Er hat mich sehr beruehrt. Die Gruende dafuer sind vielschichtig, #1 ich kann voll nachempfinden, dass wir auf der einen Seite so viel ueber diesen Jahre wissen, auf der persoenlichen Seite kaum etwas. Und es laeuft uns die Zeit davon, da die Generation unserer Eltern mitlerweile sehr alt ist oder - wie im Falle Ihres Vaters - verstorben. Ich weiss so gut wie gar nichts von meinen Eltern oder Grosseltern ueber diese Zeit und die geschilderte Reaktion Ihres Vaters schein massgebend zu sein fuer einen Grossteil dieser Generation. #2 Ich lebe seit fast 10 Jahren in den USA und hier ist Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit (nicht nur Vietnam) ganz anders. Band of Brothers war eine Serie ueber den zweiten Weltkrieg die sehr interessant war, weil es mehr die Persoenlich Ebene geschildert hat, als den Geschichtlichen Hintergrund. Warum koennen wir das nicht? #3 Meine Tante ist for 3 Wochen verstorben. Sie wurde in Insterburg geboren und ist dort aufgewachsen. In den spaeten Kriegstagen ist Sie mit Freunden Ihrer Familie nach Berlin gefluechtet. Ich habe mit meiner Schwester, die Sie bis zu Ihrem Tode gepflegt hat lange darueber gesprochen. Wir wissen kaum etwas und Luise hat quasi nie darueber gesprochen - ueber das Russische Maedchenlager, die Flugt aus Ostpreussen, die folgen der offenen Lungenentzuendung waehrend der Flucht, ohne Ihre Familie ihre Heimat zu verlassen, etc. Nun ist es zu spaet und viele, viele Fragen werden nie wieder beantwortet ...

Nochmals vielen Dank fuer Ihren Beitrag - Sie habe mir sehr aus dem Herzen geschrieben. JE

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31.03.2008, 10:51
3.

Herr Hohlen, vielen Dank für die Geschichte Ihres Vaters, die ein Stcück auch die Ihre ist und sich wahrscheinlich tausendfach in anderen Familien wiederholt hat. Sie haben etwas formuliert, wovon ich bei meinem Vater immer eine Ahnung hatte, aber es lange nicht benennen konnte. Mein Vater ist seit 15 Jahren tot und es gab nie eine Brücke, auf der wir wirklich zueinanderfinden konnten. Nie gab es einen Versuch von mir, Ihn seine Geschichte erzählen zu lassen, aus Furcht vor seinem Schmerz und die Angst, die Ihn schützende Mauer einzureissen. Alles was ich über Ihn und seinen Krieg weiß, habe ich von meiner Mutter erfahren. Mein Vater war 17 oder 18 Jahre alt, als er 1944 oder 1945 (noch nicht einmal hierüber weiß ich etwas genaues) zur Wehrmacht eingezogen wurde. Irgendwo an der "Ostfront" im Winter 1944/45 hat ihm ein Granatsplitter die rechte Hand abgerissen. Einem mitleidigen Panzerkommandanten hatte er es zu verdanken, dass er nicht erfror und/oder verblutete. Auf dem Motor eines Panzers liegend wurde er in ein Lazarett gebracht, wo seine Hand amputiert wurde. Der Stumpf erinnerte Ihn, aber auch meine Mutter, Schwester und mich jeden Tag an diesen Krieg. Aber sein manchmal auftretender Jähzorn, seine Verschlossenheit und Starrköpfigkeit habe ich nie zuordnen können. Erst die letzten Jahre, nach seinem Tod, habe ich angefangen zu verstehen. Leider zu spät.

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31.03.2008, 10:51
4.

Hr. Hohlen,
ich stehe mit meinen Erlebnissen völlig hinter Ihre Erfahrungen und deren Generalisierungen.
Mein Vater war ein ebenso WK II - Kiegsbeschädigter mit Erlebnissen, die mir ebenfalls leider nur fragmenthaft überliefert sind.
Ich bin überzeugt, die erlittenen Erziehungsversuche/Misshandlungen
haben auch mein Lebensablauf zutiefst beeinflusst.
Dennoch kann ich ihn, den Kriegsheld wider Willen, nicht verdammen: Liegt in aller menschlichen Natur, dieses 1 : 9 = bewusst : Unbewusst
-denn auch sie wussten eigentlich nicht, was sie taten ! Und mussten es zumeist doch tun, ob sie wolltzen, oeder nicht.
Stimme völlig zu: Eine Aufarbeitung DIESER Sachverhalte steht leider immer noch aus, während immer lediglich über den, unbezweifelbar entsetzlichen, Holokaust gejault wird.
Ebenso wird die Rolle vom `Lieben GOtt und den Sieben Geislein` wohl noch beleuchtet werden müssen - Idiologie ist Ideologie und mündet zumeist in blindem, blutigem Fanatismus.

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31.03.2008, 11:08
5.

Hier sind Erlebnisse eines jungen deutschen Soldaten vorgetragen:
http://youtube.com/watch?v=hPaVAPXfgZ0
Wenn Sie die obige Link anklicken, koennen Sie mehrere Episoden finden.

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31.03.2008, 15:07
6.

Dear Mr. Hohlen,

My apology for writing the reply in English. I left Germany a long time ago. I tried to write this in German, but did not manage.

There are a lot of similarities between my father's, my uncle's and your father's stories. Neither my father nor my uncle ever discussed World War II with me, until I had been drafted into the Bundeswehr myself.

My father was drafted into the Wehrmacht as an ensign (Offiziersanwaerter) in 1944. He experienced the partisan warfare and infighting between Serbs and Croats in former Yugoslavia. I heard some sickening stories about atrocities Wehrmacht/Serbs, Serbs/Wehrmacht, Serbs/Croats and Croats/Serbs I do not dare to repeat. In fact I would like to forget them, after only hearing about them through my father's brief mentioning. His homecoming was very much like your father's after being captured in the aftermath of the "Battle of the Bulge" (Schlacht in den Ardennen). He also came from the Rheinwiesen prisoner-of-war camp and told about US Army brutality and neglect.

My uncle was even worse of: Arbeitsdienst, Wehrpflicht, Poland, France, Barbarossa and Heeresgruppe Mitte. He was severely wounded several times, heavily decorated and cheated death more than once. His stories about the Invasion of the Soviet Union were similarly nightmarish.

When I grew up, neither my father nor my uncle ever said a word about the war. During our infrequent visits at my uncle's hometown (about 200 km away), my father and my uncle would quickly disappear. My mother and my aunt would only mention that they were "talking about the past". Neither man wanted anyone around while they talked about "the past".

Nevertheless, it affected both of them severely. In today's terms, both suffered from post-traumatic stress disorder without being able to address it through therapy.

Yes, I suffered from my father's aloofness and coldness. Only after he mentioned briefly what has happened to him when I was grown-up myself I realised that he was a human being like everyone else and how much he had suffered.

In the end, I had to become a father myself before I began to understand what he went through. By then, it was too late. My father died in 1999. In hindsight, that was when his war ended.

Same as your father. For the first time in 15-odd years, I cried. For both of them.

Again - thank you for your excellent article.

With kind regards,
Martin Hart

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31.03.2008, 16:07
7.

Ich selbst, Jahrgang 68, gehöre zur Generation der Enkel.

Meine Mutter, Jahrgang 40, selbst mit Kriegserlebnissen groß geworden und traumatisiert von den Erziehungesmethoden bwz. Verlust der Kriegseltern, hat selbst bis zu ihrem Lebensende mit den Kriegs-Nachwirkungen zu kämpfen gehabt. Ich bin mir sicher, dass selbst die Enkelgeneration durch Erziehung und Kontakt mit den Großeltern durchaus negativ beeinlfusst und sogar mit traumatisiert worden ist.

Der Großonkel meiner Frau lebt noch. Er hat an vielen Feldzügen der Wehrmacht in einer Spezialeinheit teil genommen und nach Kriegsenede mehrere Jahre in einem sowjetischen Gulag verbracht. Bei genauerem Nachfragen wird jedoch abgeschaltet. Da kommt niemand an diese Erlebnisse eines Zeitzeugen mehr ran.

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Jochen Uebel 01.04.2008, 09:55
8.

Sehr geehrter Herr Hohlen,
zu lesen, wie sich unverarbeitete Kriegstraumata wauf nachfolgende Generationen auswirken, versöhnt mich (Jg. 1952) ein weiteres Stück mit Vater und Mutter: denen man alles genommen hatte, was Recht einer Jugend ist, und die man in alles hineinzwang, was Verbrechen, Dummheit, Ignoranz und Wahnsinn nur sein kann.
Solche Berichte sind der Beweis, dass jeder, der sich auch nur indirekt der Rüstungsindustrie verdingt, auf das allerschwerste Menschenrecht mit Füßen tritt und Naturgesetz verletzt. Das in Bezug auf Jugend lautet: Ihr habt ein Recht auf Glück, auf Frieden und Geborgenheit. »Nie wider Krieg!«? Ein großer Teil der Jugend dieser Welt ist weiterhin weit, weit davon entfernt. Und unser Land marschiert in der Riege der Rüstungsexporteure in der allerersten Reihe vorweg.

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01.04.2008, 09:57
9.

Bernd Hohlen ist zu danken für seinen abgewogenen Beitrag. Wenn unsere Generation (die 50er) die der Eltern und Großeltern betrachtet, geschieht das leider oft mit einer gewissen Einseitigkeit, entweder Apologie oder Verdammung. Beides ist in seiner Ausschließlichkeit falsch.

Wenn Herr Hohlen schreibt: "Es ist ein Versäumnis, dass die tiefgreifenden gesellschaftspolitischen Auswirkungen, die die Erziehung der Kriegsväter hinterlassen hat, kaum Gegenstand wissenschaftlicher Erkundungen geworden sind.", kann ich ihm nur zustimmen und füge hinzu: Es ist auch ein Versäumnis, dass wir, die "Kinder", nie miteinander darüber gesprochen haben, was es für uns bedeutet, dass unsere Eltern mehr oder weniger aktiv in das NS-Regime eingebunden waren - und welche Folgen bis heute spürbar sind. Dieses wichtige intergenerationelle Gespräch sollte endlich beginnen, bevor es auch dafür zu spät ist.

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max muetze 08.04.2008, 09:56
10.

vielen dank für diesen differenzierten und zu herzen gehenden bericht. er unterscheidet sich wohltuend von anderen zu diesem thema, die sich durch distanziertheit, verurteilung oder blindem hass auszeichnen und mich zu der vermutung veranlassen, dass deren schreiber damals gute stützen des systems gewesen wären, das sie nun (zu recht) ablehnen. doch menschen, die so gestrickt sind, haben nicht das herz, um eine ideologie zu durchschauen. ihnen geht es darum, zur aktuell herrschenden masse zu gehören und sich auf kosten andersdenkender zu profilieren.

und auch ich gehörte lange zeit dazu. wie oft versuchte meine oma mir zu erklären, was sie auf der flucht aus ostpreußen erlebte, von der geburt meiner mutter im flüchtlingstreck, von ihren gefallen brüdern. wie die familie getrennt wurde und sich nach jahren trotzdem wiederfand. dass ich in der ddr geboren wurde, weil sie ihrem herzen folgte und ihren vater unterstützte, den es in die sowjetische besatzungszone verschlagen hatte, während sie und ihre geschwister auf amerikanischer seite waren. dann wurde die mauer gebaut und sie kam nicht mehr zurück.

ihre mutter war an gebrochenem herzen gestorben. denn ihren jüngsten sohn hatte sie vor den nazis versteckt, damit er nicht auch noch in den krieg musste. 15 jahre war er alt. und als sie sich in sicherheit wähnten, der krieg vorbei war und aufatmeten, kamen die russen und verschleppten ihn nach sibirien. über das, was er dort erlebte, sprach er nicht. meine oma wollte mir damals davon berichten, aber ich hörte nicht zu. ich wollte es nicht hören. für mich war das faschistische propaganda, die deutschen hatten zu recht so viel gelitten und die russen waren die guten. die sozialistische erziehung hatte ihre wirkung nicht verfehlt. und die jugend ist sowieso immer der meinung, dass sie die wahrheit für sich gepachtet hat.

erst als ich ca. 30 jahre alt war, begann ich mich für ihre geschichte zu interessieren. sie deckte sich mit so vielen, die ich von anderen alten menschen hörte und meine wahrnehmung von dieser zeit verschob. ich hatte damals das gefühl, in der ddr nirgends auf ureinwohner zu treffen. die alten leute kamen alle aus schlesien oder ostpreußen. inzwischen ist meine oma gestorben. wie so viele andere zeitzeugen ebenfalls, die ungehört blieben. in zukunft gehört die geschichte den propagandisten der jeweiligen ideologischen lager.

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