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Berlinfotos aus der Zwischenzeit: Abgestürzt in Ruinen
Hilmar Schmundt/ bobsairport

Schnappschüsse dokumentieren das anarchische Treiben: Für westdeutsche Wohlstandskinder war Berlin kurz nach dem Mauerfall ein gigantischer Abenteuerspielplatz. SPIEGEL-Redakteur Hilmar Schmundt erinnert sich, wie er mit einem Seil an den Füßen in den Todesstreifen sprang.

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Hannes Jaenicke 21.05.2014, 11:22
1. Gleich mal zum 1. Bild

Da war der Pariser Platz noch ein Platz und kein Innenhof, was er heute ist. Kein Mensch braucht an dieser Stelle Gebäude von Banken, Versicherungen oder Abhörzentralen fremder Staaten die das Brandenburger Tor einzwängen. Ich war vor kurzem erstmals seit 20 Jahren wieder mal am Pariser "Platz" und war erschrocken, wie man so etwas so verschandeln kann. Berlin hat bestimmt viel Geld für die Grundstücke bekommen. Berlin war schon immer die größte Hure der Nation. Wenn die könnten, würden sie sogar ihre Großmutter verkaufen.

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Klemens Richter 21.05.2014, 11:53
2. Wieso westdeutsche....?

Für ostdeutsche Kids und junge Erwachsene auch, zumal sie sich im Ostteil als dem am stärksten von Veränderung betroffenen Teil am besten auskannten - und außerdem ein noch größeres Bedürfnis nach freier Entfaltung hatten ;-)
Jaja, die schönen Zeiten sind leider lange vorbei....

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Frank Schöpfner 21.05.2014, 12:27
3. schön war die Zeit...

Danke für den Artikel. Das war wirklich eine tolle Zeit. Ich habe sehr schöne Erinnerungen daran. Da war einfach alles möglich. Klar konnte das nicht ewig so weitergehen, aber was die Massen von Zuzüglern dann aus Prenzlauer Berg und F-Hain gemacht haben ist schon sehr, sehr traurig. Vor allem für die junge Generation. Diese Leute glauben, dass der jetzige Zustand abgefahren und interessant ist. Tss, schöne gelackte und uniformierte Hipsterwelt :-(

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Olaf Geibig 21.05.2014, 12:34
4. Großartige einmalige Zeit

Ich war auch Teil dieser Zeit in Berlin. Im Alter von 23 Jahren 1990 ein Haus im Prenzlauer Berg besetzt. Am Prenzlnet waren wir auch angeschlossen. Es war Abenteuer pur. Es war Freiheit. Es war eine einmalige Situation - wo sonst gab es ein Vakuum mitten in einer Millionenstadt. Wird es das jemals wieder geben? Vermutlich nicht. Wir drängten in die Freiräume. Die Wessis mit der Erkenntnis daß Freiheit auch mit Partitizipations- und Chancengleichheit zu tun hat; die Ossis mit der Euphorie die Repression abgeschüttelt zu haben - alles schien möglich. Geht nicht, gab's nicht. Selbst die Ordnungskräfte verzagten vor dem Freiheitsdrang. Fronten waren aufgelöst. Polizisten halfen uns Hausbesetzern gegen die Nazi-Skins und gaben freundliche Tipps für die Instandsetzungsarbeiten. Es gab auf der Schönhauser Allee sogar ein besetztes Haus samt obligatorischer (illegaler) Besetzerkneipe genau neben der Polizeiwache - und das bis Mitte 1990er Jahre. Es gab Technoparties in toten U-Bahnschächten, eine Bar in einem Labyrinth aus Gipskartonplatten (Abriss Stadion der Weltjugend), eine Lounge in einem alten Klo (Big Sexyland, Rosenthaler Platz), den wunderbaren Hexenkessel mit Teppichen im Hof, Neon-Enterprise im Baum und Lagerfeuer auf dem Schrottplatz. Es wurde sich kreativ ausgetobt, gebastelt und improvisiert. Schrott war schön und es galt "nichts hält länger als ein Provisorium". Dieser Spirit lebt noch heute fort im Kater Holzig (Holzmarkt), Bachstelzen-Parties, Wilde Renate, etc. etc. - kurz der improvisierte Berlin-Underground-Style der immer noch tausende junge Leute aus der ganzen Welt nach Berlin lockt. Zugegeben machte mein Studium damals ein paar Jahre Pause, aber diese einmalige Zeit intensiv miterlebt zu haben bereue ich nicht. Ich schloss dann später mein Informatik-Studium ab, wohne heute immer noch in diesem Haus im Prenzlauer Berg und bin Gründer in der Berliner Start-Up Szene. Meiner Meinung nach wurde durch den kreativen Ausbruch der 1990er die Basis für die heutige brummende Internet Start-Up Szene gelegt. Wer hätte das damals gedacht.

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Hilmar Schmundt 21.05.2014, 13:36
5. Holzmarkt

@Olaf Geibig: Lustig, eigentlich wollte ich auch noch den Holzmarkt und die Renate erwähnen, dazu vielleicht den neuen Klub der Republik oder das Stadtbad Wedding. Sonst noch Ideen, wo die Party nach 25 Jahren weitergeht?

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Hilmar Schmundt 21.05.2014, 14:16
6. Buchvorstellung Donnerstag

Ach so, wer Lust hat, persönlich in Erinnerungen zu schwelgen: Buchvorstellung im Buchladedn Ocelot am Weinbergspark am Donnerstag um 20.30: http://shop.gestalten.com/berlin-wonderland.html http://www.ocelot.de/blog/ai1ec_event/buchpraesentation-berlin-wonderland/?instance_id&doing_wp_cron=1400674440.474894046783 4472656250

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Oleg Fjodorwitch 21.05.2014, 19:13
7. Schöner Artikel und Fotos

Schöner Artikel und Fotos, vielen Dank!
Kann meinen Vorkommentatoren nur zustimmen, eine tolle Zeit!
Ich bin sehr froh, dass ich sie noch etwas, oder eher die Nachwehen, (ab 1995 in Friedrichshain) miterleben durfte. War beim ersten Besuch direkt in Ostberlin, speziell Friedrichshain, verliebt, der Kohlegeruch, kaum Autos, düstere Strassenbeleuchtung, die Spuren des Krieges an den Fassaden, dazu die besetzten Kneipen, Supamolly, Russenbar, der Eimer in Mitte, etc, das alles war das absolute Gegenteil der bayrischen Provinz.. Dann 10 Jahre da gewohnt und immer wenn ich jetzt in Berlin bin, meide ich Mitte, Prenzlberg, Frdh, weil es mich verstört zu sehen, wie diese Bezirke sich entwickelt haben...

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Hilmar Schmundt 21.05.2014, 21:12
8. Klub der Republik

Ja, Clubs haben es heute echt schwer, daher sind auch Zum Schmutzigen Hobby, NBI, Klub der Republik, White Trass aus P'berg geflohen. War gerade im neuen Klub der Republik oben an der Vinetastraße. Kaum hatten sie im Winter neu eröffnet, mussten sie schon wieder dichtmachen. Lärmbelästigung. Oder das Holzmarkt-Projekt/Katerholzig/Bar25: Fast hätten die den Zuschlag für das Grundstück am Holzmarkt nicht bekommen, sondern irgendein meistbietender Immobilienkonzern. Kurzfristig mag sich so etwas rechnen, mittelfristig lässt es Städte veröden.

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Horst Jungsbluth 22.05.2014, 08:05
9. Wir wollen doch nur Spaß haben

Nach dem Jubel über die Einheit kam der Frust über die schier unglaublichen Zustände in der Ex-DDR, der dreisten Politik der verbrannten Erde der SED/PDS und der Machenschaften der Stasi in Ost und West. Während unter schwierigsten Bedingungen versucht wurde, "Normalität" zu erreichen, inszenierte und provozierte die umbenannte SED sogenannte "rechte Verbrechen", um von den eigenen abzulenken und rief gleichzeitig zu Demonstrationen dagegen auf. Sie verschob Milliarden und kümmerte sich weder um die Riesenprobleme. die sie in ihrer 40 jährigen Herrschaft geschaffen hatte und schon gar nicht um die 4 Millionen Rentner. Der Westberliner SPD/AL sowie Justiz und viele Ämter hatte zwar mit einem Mauerfall gerechnet, aber "zur anderen Seite", hatten sie doch gemeinsam darauf "hingearbeitet" und alles getan, um der SED gefällig zu sein. Den meisten Bürgern in Ost und West, die den täglichen Kampf oder Krampf zu bestehen hatten, fehlte es jedenfalls an Verständnis für diese "Wohlstand-Aktivisten" und wurden dafür als "Spießer" verunglimpft.

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