Forum: einestages Blogs
DDR am Ende : Ich wollte Freiheit und bekam Kohl
REUTERS

Die Mauer war weg. Ostdeutschland erlebte ungeahnte Momente der Freiheit, alles schien möglich. Und dann kam ausgerechnet Helmut Kohl - wie der Leipziger Holger Dambeck die Wendezeit erlebte.

Seite 1 von 3
Ulrich Ruecke 19.06.2017, 18:03
1. Ich habe auch profitiert, aber der Preis

war hoch. Mir geht es gut. Kann Reisen, habe ein gutes Gehalt. Aber ich bin nicht mehr im Osten. Das Rheinland freut sich, der Osten trauert. Wenn Kohl so sehr gefeiert wird (dafür, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war), dann muss ich trotzdem sagen, dass er den Osten ausbluten lassen hat. Meine Gegend ist tot und ohne Zukunft. Danke Helmut.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Stefan Grün 19.06.2017, 18:18
2. ohne DM und volle Warenhäuser völlig uninteressant

Die meisten Ossis dachten mit ihrer unwirtschaftlichen Arbeit könnten sie den gleichen Standard wie im Westen erreichen, aber das war ein Trugschluss. Nur die Rentner und die Stasi-/SED Intelligenzrenten haben profitiert, d.h. Leute, die für Folter und Unterdrückung, für Schießbefehl und Mauerbau, bekommen noch ein Sahnehäubchen obendrauf. Der Dicke hat es ihnen ermöglicht, obwohl möglicherweise bei vielen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vollzogen wurden.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Robert Maier 19.06.2017, 19:49
3. Sympathischer Kommentar!

Als Wessi ohne Verwandte im Osten (die waren im Krieg nämlich alle bis in den amerikanischen Sektor geflüchtet) habe ich den Osten erst nach der Wiedervereinigung kennengelernt. Leipzig, das ich im Rahmen eines Projektes der dortigen Uni oft besucht habe, gehört heute zu meinen Lieblingsaufenthaltsorten in Deutschland. Man hat immer noch den Eindruck, dass diese Stadt wie eine Modelliermasse ist, aus der junge, kreative Leute immer neue Formen zaubern können. Ich hoffe, dass das so bleibt. Und unserer Kanzlerin bin ich natürlich dankbar, dass sie damals an der Moritzbastei mitgebuddelt hat ... ;-) Ach ja: aus Leipzig kamen auch die mutigen Leute, die die Wende in der DDR vorbereitet haben.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Manfred Aerger 19.06.2017, 20:06
4. Es ist in der Nachschau tatsächlich erstaunlich ...

Ich habe selbst vom Herbst 1988 bis in den Sommer 1989 (da tauchten dann die ersten Reichskriegsflaggen in den Montagsdemos auf) als Leipziger Student recht aktiv gegen das SED-Regime opponiert, obwohl mir die kirchlich initiierte "Friedensbewegung" eher nicht wirklich nahe stand. Aber ... together we're strong.
Anfang 20 war man natürlich trotzdem "links" und wollte seine DDR erneuern. Und den Sozialismus. Hätten wir uns damals durchgesetzt ... es wäre ein Jammer gewesen.
Heute geht es mir und meinem Umfeld mehr als nur gut - da muss ich mich posthum bei "Birne" entschuldigen, den wir ob seiner gut versteckten Intelligenz ( :-) ) damals geschmäht haben wie den sprichwörtlichen polnischen Autodieb.
Heute vertrete ich IMHO die konservativen Standpunkte, die Kohl damals aufgrund seiner Lebenserfahrung propagiert hat - die Welt ist halt verrückt.
R.I.P., Helmut Kohl. Und danke!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Harald Frick 19.06.2017, 21:01
5. Mir wurde die Heimat genommen

Jeder hat seine Erfahrungen und Einschätzungen und darf sie auch aussprechen. Ich habe viele tolle Leute kennengelernt nach 1990, aber dieses ureigene Empfinden des wir, des unser, das ist mir abhanden gekommen. Das ist kein Vorwurf an Kohl oder den Wessis und schon gar nicht die Glorifizierung der DDR- Politik. Nein, es ist ein Empfinden dass ich nur einmal entwickeln konnte. Ich hätte mir gewünscht, dass wir nicht unsere Wohnung aufgelöst hätten und gleich fein bei Nachbar rein.
Egal, mir gehts gut, materiell und beruflich ging es immer aufwärts, aber eben dieses Gefühl, dieser Pathos für eine Sache, den vermisse ich schon.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Rainer Duffner 19.06.2017, 22:03
6. Was viele vergessen:

eine "langsame Einigung" (so mit Volksabstimmung über künftige Verfassung etc.pp. - §146 ist/war das glaube ich) - das hätte doch die Masse der Bevölkerung nicht mitgemacht. Nicht alle, aber viele sassen ja wirklich auf gepackten Koffern.
Das hat Kohl eben relativ schnell gemerkt und die ganzen akademischen Diskussionen (die hüben wie drüben ausser ein paar Intellektuellen eh' kaum jemand nachvollziehen hätte können) erst gar nicht geführt.

Gleiches mit dem Umtausch von Löhnen und Renten 1:1. Natürlich war das ein Fehler aus ökonomischer und volkswirtschaftlicher Sicht - das war auch Kohl klar. Aber er wollte die Leute nicht schon ganz am Anfang vor den Kopf stossen.
Die Leute wollten das ja so hören. Blut, Schweiss und Tränen Reden sind eben seit der Sportpalast-Rede arg' ausser Mode - und Deutschland hatte vielleicht bis auf die direkte Nachkriegszeit eigentlich nie mehr Politiker, die so etwas hätten glaubhaft nach aussen vertreten können. Naja, OK, Schmidt vielleicht noch. Aber das war es dann auch.


Leider habe ich ihn nie persönlich kennen lernen können.

Ruhen Sie in Frieden, Herr Bundeskanzler. Die Geschichte wird Ihnen einen gebührenden Platz in den Büchern einräumen. Nobelpreise kommen und gehen. Geschichtsbucheinträge bleiben.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Willi Masosagen 19.06.2017, 22:53
7. Ihm wurde die Heimat genommen, schreibt hier jemand.

Jederzeit kann er doch dahin reisen.
Seine Heimat war doch eine nach Braunkohleverbrennung stinkende Kloake.Die linientreuen Grenzschützer haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat.
Niemand hat sich Mühe gegeben sein Eigentum zu pflegen, geschweige denn; das Unkraut aus den eigenen Vorgärten zu entsorgen..
In Werningerode gibt es mittlerweile mehr Tattoo Studios als Malerfachgeschäfte.
Geht's noch?
Von Wismar über Kühlungsborn bis Swinemünde blühen die Landschaften, und es wird nur genörgelt
Geht's noch?
Danke Helmut.
Bewegt euren Poppes, spuckt in die Hände, statt zu nörgeln.
Von nichts kommt nichts.
Und immer schön munter bleiben.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Heiko Diesner 19.06.2017, 23:18
8. Ein Artikel, der mich nachdenklich macht, weil er einer der ganz seltenen Artikel aus DDR-Sicht ist.

Ich habe als DDR-Bürger 1990 auch gegen Kohl protestiert und die schnelle Vereinigung als Albtraum empfunden. Die Jahre danach habe ich durch meinen Beruf parallel in (Ost)-Deutschland und Polen erlebt. Einerseits das Überstülpen des kompletten Systems der Bundesrepublik, die Zerstörung der sozialistischen Wirtschaft im Eilverfahren durch die Treuhand und die dadurch erforderliche Alimentierung von Millionen DDR-Bürgern durch den Westen. Ein Prozess, indem auch ich nur sehr mühsam und erst nach Jahren meinen Platz fand. Andererseits in Polen einen sehr viel mühsameren, aber auch langsameren, geordneteren Übergang in den Kapitalismus ohne "großen reichen Bruder", dafür aber geleistet aus eigener Kraft! In Polen haben viele uns Ostdeutsche um den reichen Onkel im Westen beneidet aber ich fand das Vorgehen in Polen als viel angenehmer, ehrlicher. Dort wurden die Leute nicht von heute auf morgen vor den Kopf gestoßen sondern mitgenommen. Im Ergebnis ist bis heute das gesellschaftliche Klima dort viel angenehmer. Man ist Stolz auf das Geschaffene und das hier allerorts präsente Jammern ist dort kaum zu hören! Trotzdem hat man das Lebensniveau in einem gewaltigen Aufholprozess sehr nahe an das unsere heran gebracht. Mit Kohl habe ich trotzdem meine Frieden geschlossen. Aber das nur wegen seinem konsequenten Einsatz für den europäischen Einigungsprozess. Seit Merkel und Schäuble weiß ich, dass das alles andere als selbstverständlich war und dass er mit der EU ein Werk hinterlassen hat, das wir mit aller Kraft verteidigen müssen, vor allem gegen die Arroganz und Ignoranz aus Deutschland!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Petra Klein 20.06.2017, 08:20
9. Guter Artikel, aber...

Lieber Herr Dambeck, kurz, treffend und richtig. Nur: glauben Sie wirklich, dass auf den Augustusplatz 300.000 Menschen passen? Das ist mehr als die Hälfte der Leipziger Einwohnerschaft. Auch ich war damals da, Kohl hatte die 300.000 mal eben so verkündet (wir haben damals schon sehr gelacht) - waren es nicht vielleicht eher 30.000?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 3