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DDR-Jugendradio DT64: Pop und Propaganda
picture alliance/ ZB

Der Radiosender DT64 sollte die DDR-Jugend davon abhalten, Westradio zu hören: Seine Regime-Propaganda verpackte er in Popmusik. Zur Wendezeit wurde der Sender kritischer - und abgeschaltet.

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Eva Baum 18.05.2014, 10:40
1. Meinung und Manipulattion

Was haben wir hier in Deutschland für ein Glück, dass wir freie und unabhängige Medien haben. Propaganda, so etwas ist bei uns völlig unmöglich. Danke lieber Spiegel!

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Ingo Meyer 18.05.2014, 11:10
2. Vergleiche hinken oft

Da bis Anfang 1989 niemand absehen konnte, wie lange das auf Bajonetten beruhende DDR-Regime noch weiter existiert, war die Redakteure des DDR-Jugendsenders mindestens so mutig und frei, wie ihre westdeutschen Kollegen. Plasberg hat es doch nach seiner vorletzten Sendung gegenüber Hendryk M. Broder herausgelassen: Die Partei - in diesem Fall die SPD - möchte eine bestimmte Aussage nicht veröffentlicht haben. Wo ist der Unterschied zur DDR?

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Frank Rieger 18.05.2014, 11:22
3. Quod erat demonstrandum ...

"Echte" Meinungsfreiheit ist den Mächtigen im Westen genauso unangenehm und unwillkommen wie im damaligem Osten ... letztendlich also genau die gleiche Cliquenwirtschaft hüben wie drüben. Was "wilkommen" ist über das kann und "darf" sich lang und breit ausgelassen werden; was nicht ... nun ja ...

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18.05.2014, 11:26
4. DT64 war einfach klasse

Die ganzen Diskussionen, die DT64 seitens der Kulturfunktionäre hat über sich ergehen lassen müssen, hatten wir im Westen genauso. Bayern drei, Südfunk3 in den 70ern (Rausschmiss von Henning Venske), SWF3 und so weiter. Bei uns nimmt die Politik im ach so freien Westen genauso Einfluss auf die Staatsmedien.
DT64 war auch in West-Berlin beliebt. Warum? Ein sehr vielfältiges Musikprogramm, wo nicht nur die "heavy rotation" durchlief, zudem werbefrei war und nachvollziehbare Wortbeiträge hatte. Klar, so ein bisschen DDR-Nachrichtenkram, da hat man einfach weggehört.
Im Übrigen war DT 64 keineswegs von der Staatsführung gewollt, es war eben 1964 "passiert" und ab da musste man es dulden, weil alles andere zu viel Ärger gegeben hätte.

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Matthias Mensch 18.05.2014, 11:49
5. wie man Demokratie vergeigt

Ich wuchs in Ostberlin auf, hörte nie Ostradio oder sah Ostfernsehen. Für mich war "scheiß Osten" der übliche Kommentar für alles, was schief lief.

1989 drohte die Einberufung zum Wehrdienst bei der NVA und ich flüchtete über Ungarn in den Westen. Dann der Mauerfall, ausgelöst durch die einzig jemals erfolgreiche friedliche Revolution. Ich zog zurück nach Berlin.

Wir, die im Osten sozialisierte Jugend, euphorisch über die neuen Freiheiten, noch nicht so abgebrüht wie die Wessis und nicht so resigniert wie die Alten, glaubten an echte Demokratie. Wir wollten eine bessere Welt, eine gerechtere Gesellschaft.

DT64 war unser Sender. Den Moderatoren ging es wie uns, niemand glaubte mehr an einfache Botschaften. Wahrheit musste ergründet werden, alles wurde kritisch hinterfragt. Niemand wußte, was morgen passiert, alles war möglich.

Dann der Schock. Trotz Bundestagsdebatte, trotz zehntausender Demonstranten, trotz prominenter Unterstützer, trotz klarer Mehrheiten - DT64 wurde abgewickelt. Warum? Weil die neuen Machthaber genauso viel von Volkes Meinung hielten wie die alten: nichts! Adenauers Erben, die Mühlfenzels dieser Welt, brachten die Ostjugend in wirren Zeiten um den einzigen Fixpunkt.

Dieser erste enttäuschende Kontakt mit der Bundesrepublik, deren Art von indirekter Parteien-"Demokratie", hat eine ganze ostdeutsche Generation geprägt. Es sind die heute 40-50-Jährigen, die damals die Verlogenheit des Westens und die Scheindemokratie zuerst zu spüren bekamen. Das hat uns geprägt. Nichts in meinem Leben hat meinem Verhältnis zur Bundesrepublik und deren Parteienzirkus mehr geschadet als diese Geschichte. Der Demokratie wurde damals der größtmögliche Bärendienst erwiesen!

Vor einer Woche feierten hunderte Fans das 50. Jubiläum von DT64 im Berliner Babylon. Noch 21 Jahre nach Abschaltung finden sich Menschen zusammen, die dies für feierns- und gedenkenswert halten. Niemals wird ein heutiger Sender so treue Hörer finden, völlig undenkbar. RBB, ARD, Spiegel, Morgenpost etc. - alle berichteten. Für mich eine kleine Genugtuung. Wer sich fragt, wieso viele Ostdeutsche die Bundesrepublik nicht für demokratisch und schon gar nicht für gerecht halten, findet in der Abwicklung von DT64 eine Antwort.

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Pibaer Baer 18.05.2014, 12:10
6. Gut so!

Die DDR ist tot und das ist gut so. Und alles das, was diese unsägliche "Ost-Identität" in den Köpfen Ewig-Gestriger weiterleben lässt, ist genauso überflüssig. DT64 war wie alle anderen Medien zu 100% gleichgeschaltete Staatspropaganda im jungen Gewand. Die Umorganisation der Rundfunkanstalten nach Ländern ist definitiv ein wichtiger Punkt gewesen, die alten DDR-Zöpfe und die gruselige "Ost-Identität" zu beseitigen.

Und das, was im mitteldeutschen Raum dabei herausgekommen ist, ist definitiv besser als alles, was vorher da war - inklusive der Rundfunk-Anstalten in den westlichen Bundesländern. Wer das nicht glaubt, soll sich doch beispielsweise mal den erbärmlichen Einheitsbrei in NRW anhören, wo in vielen Gegenden neben den üblichen öffentlichen Rundfunksendern exakt ein(!) Privatsender mit vielen unterschiedlichen Namen auf Sendung ist.

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Vylsia Grüning 18.05.2014, 12:21
7. Danke, Matthias Maetsch

Nur kurz: du hast sicher nicht nur mir aus dem Herzen gesprochen! Ich danke dir.

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Oswald Koslowsky 18.05.2014, 12:25
8. optional

@Pibaer Baer: haben Sie versehenlich [ironie] ... [/ironie] um Ihren Beitrag vergessen?

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Pibaer Baer 18.05.2014, 12:25
9.

Zitat von
Wer sich fragt, wieso viele Ostdeutsche die Bundesrepublik nicht für demokratisch und schon gar nicht für gerecht halten, findet in der Abwicklung von DT64 eine Antwort.
Sie machen wie viele den Fehler, eine laut protestierende Minderheit für die Mehrheit zu halten. Die Mehrheit hatte die DDR war mit der DDR fertig, inklusive ihrer Medien. Das war klar an den Wahlergebnissen sichtbar, die Ostalgie-Anhänger sind glücklicherweise klar in der Minderheit. Aber eben sehr laut, wie viele Minderheiten.

Insofern: Die Umgestaltung der Rundfunklandschaft war demokratisch und von der Mehrheit getragen. Das mag aus Ihrer Ost-Berliner Perspektive anders aussehen, aber in Sachsen oder Thüringen hatte man die Propaganda-Medien aus Ost-Berlin mehr als satt...

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