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"Der Schlag hat gesessen"
20.04.2008, 10:08
1.

Volkssoldaten sollen auf Mütter schiessen, wie entsetzlich; natürlich erzeugt der Beitrag diese Wirkung; prima vista. Beim zweiten politisch korrekten Kopfschütteln über die menschenverachtende Infamie der (oft ebenfalls schon verblichenen) Organe der jedenfalls verblichenen DDR fallen mir dann aber doch Ereignisse aus meiner Schulzeit ein. Ende der siebziger Jahre, am einem grundkatholischen Gymnasium in der bayrischen Provinz, kurz vor dem Abitur: Da kamen doch diese freundlichen Dauerlächler in Bundeswehruniform in jede Abiturklasse (Anwesenheit Pflicht, auch für Mädchen!), erklärten die Vorzüge des Dienstes fürs Vaterland; und unterlegten den Vortrag durch FILME! Und die, mit Verlaub waren uim nichts weniger schmalzig, einseitig, klassenkämpferisch als die der DDR. Klar, das hört man nicht gern... Schadet aber nichts gelegentlich daran zu denken dass die Gnade der Geschichte uns die Ex_Post_Perspektive ermöglicht als Bessermenschen mit dem Zeigefinger auf die Relikte des anderen Systems zu zeigen, das eben verloren hat... Kurz: Auf beiden Seiten war Kalter Krieg. Was, notabene, weder Mauer noch Schiessbefehl rechtfertigt. Aber hier geht es um Propaganda; und die gab es eben auch auf beiden Seiten. Mir hat auf meine aufsässige Fragen nach dem Sinn vom Armeen der freundliche Bundeswehroffizier, nachdem er festgestellt hatte dass ich Leistungskurs Latein besuche, erklärt, nichts sei doch süsser als fürs Vaterland zu sterben; im Bayern des Jahres 1979... KW

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Christian Forberg 20.04.2008, 19:08
2.

Ob der Schiessbefehl auch für die eigene Mutter galt, dazu sollten sich vielleicht mal ein paar ehemalige Grenzsoldaten äussern. Der Beitrag und die Videos schweigen sich ja dazu leider aus, <sarcasm> aber immerhin ist die Einleitung reisserisch genug. </sarcasm>

Ich weiss noch, wie ich (Baujahr 1974) 1990 furchtbar stolz war, weil ich von einem 'Westlehrer' im neu eingeführten Fach PW (Politische Weltkunde) meine erste 1 bekam, weil ich (mit Hilfe eines Geschichtsbuches aus dem Westen) analysiert hatte, dass die Chance auf ein nicht zweigeteiltes Deutschland von allen Alliierten vertan wurde.
In dem Zusammenhang Frage ich mich bis heute ab und an
warum die BRD eigentlich mehrere Tage _vor_ der DDR gegründet wurde.

Was den Mauerbau angeht, meinte ein Bekannter mal zu mir: 'Die mussten die Mauer hochziehen, der Brain-Drain (die Abwanderung von Ingeneuren, Ärzten usw. in den Westen) war zu enorm...'. Das ist sicherlich keine Rechtfertigung für so etwas grausames wie den Schiessbefehl, aber immerhin eine Erklärung, warum die Mauer gebaut wurde.

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20.04.2008, 21:26
3.

Propagander ist alles.
Die Grezsicherung in der ehemaligen DDR war nur ein Ausdruck der Menschenverachtung der Regierenden gegenüber seiner eigenen Bevölkerung.
Wenn man heute noch darüber diskutiert ob es einen Schießbefehl gab, oder auch nicht, so ist das für mich nicht von Bedeutung, denn ich war bei der NVA mußte dort meinen Wehrdienst ableisten. Uns wurde jedes mal im Politunterricht beigebracht, dass es einen Schießbefehl gebe und jeder Soldat mit der Waffe in der Hand hätte jeglichen Grenzverletzer aufzuhalten und dieses nicht in dem er mit der Waffe zuschlägt um diesen Grenzverletze nur zu verletzen, sondern damit schieß und es sei volkommen egal wer es sei. Wir haben oft darüber gesprochen, ob man auch seinen eigenen Bruder erschießen müsste, es wurde immer darauf hingewiesen, wer die Grenze der DDR verletzt ist ein Feind der DDR und er muß daran mit aller Macht gehindert werden.
Zum Glück war ich nur bei den Motschützen in Brandenburg und mußte nie an einer Grenze Wache stehen.
Ich finde es heute, ja heute nach so vielen Jahren es nur widerlich, was sich da die DDR Oberen so ausgedacht hatten, wie müssen sie denn jeden Bürger gehasst haben, der nicht im Paradies des Sozialismus mehr leben wollten, denn wenn es den Menschen in der DDR doch so gut ginge, dann würde sich kaum einer überlegen wie er diesen Arbeiter und Bauernstaat verlassen könnte.
Also war es doch nicht so schön bei uns und unsere Parteiführung hatte sich anscheinend auch nie die Gedanken gemacht was da schief liefe, man hatte wie üblich immer nur die Fehler beim bösen Klassenfeind gesucht.
Ich finde es zwar in Ordnung, dass ein Staat seine Grenzen schützen sollte, aber nicht so, so war es nur menschenverachtend, so wie das ganze System war, aber darauf bin ich auch viel zu spät gekommen, sonst hätte ich mich von diesen verbrecherischen Staat abgewandet, aber die Erkenntnisse kommen oft sehr spät, aber sie kommen. Ich kann nur diese Leute nicht verstehen, die immer noch die DDR so hoch loben. Ich bin glücklich, dass dieser Staat untergegangen ist, weiß aber auch, dass das kapitalistische System nicht das Gute für einen arbeitenden Menschen ist, denn auch hier wird er nur ausgebeutet, aber man wird beim Verlassen der Bundesrepublik nicht wie einen freilaufenden Hasen abgeschossen.
Ob ich damals auf meinem Bruder geschossen hätte, ich weiß es nicht.
Hubert Rudnick

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21.04.2008, 10:46
4.

kennt zufällig den titel des lieds ab ca 0:20? ;)

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Kai Bonte 14.03.2014, 11:55
5. "Der Schlag hat gesessen"

Zur Not sollten sie auch auf die eigene Mutter schießen: Um die Grenzer auf Linie zu bringen, hatte das DDR-Regime besonders gute Überzeugungsarbeit zu leisten. Rund 1500 NVA-Propagandafilme geben jetzt Einblick in die perfiden Mechanismen eines Grenzstaates. Von Katja Iken

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