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Die kalten Bürokraten des Genozids
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Karsten Schramm 20.01.2012, 10:42
1.

Zu dem Thema kann ich nur den Film "Die Wannsee-Konferenz" (engl. "Conspiracy") mit Kenneth Brannagh empfehlen.

Es gibt auch eine deutsche Verfilmung, die in 6 Teilen auf Youtube verfügbar ist.

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Bernd Reitzler 20.01.2012, 13:38
2.

Der Film ist wirklich atemberaubend, auch in der deutschen Synchronisation. Die englische Originalversion ist durch die "stiff upper lip" der durchweg brillianten Schauspieler noch verstörender: z.B. die Darstellung und die Argumentskette der Juristen Stuckart und Kritzinger, die vehement die Sterilisation statt der Deportation fordern. Ich kann den kühlen Horror des Filmes nicht beschreiben.

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20.01.2012, 13:39
3.

>Zu dem Thema kann ich nur den Film "Die Wannsee-Konferenz" (engl. "Conspiracy") mit Kenneth Brannagh empfehlen.
>
>Es gibt auch eine deutsche Verfilmung, die in 6 Teilen auf Youtube verfügbar ist.


Die englische Verfilmung weicht stark von dem deutschen Fernsehfilm ab, insbesondere, was die Haltung von Hoffmann und Stuckert betrifft. Kritzinger ist in beiden Verfilmungen ziemlich identisch dargestellt. Welche Darstellung ist realistischer; die deutsche oder die englische? Gibt es überhaupt eine realistische Beschreibung über den Ablauf der Konferenz? Das Protokoll soll mehrfach von Eichmann, Müller und Heydrich redigiert worden sein.

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Johannes Roth 20.01.2012, 15:20
4.

Ich hab, seit dem Abitur, den Faust geliebt. Viel davon kann ich auswendig. Das feine Netzwerk klügster Gedanken. Ewigkeit in Worte gegossen. Der Eckstein deutscher Literatur, der Berufungswerk des Humanisten und Freude der Klassiker unter uns.
Dieses Protokoll ist der Gegenentwurf dazu. Noch nie habe ich mich so geschämt zu den Deutschen gezählt zu werden, wie nach der Lektüre dieses Wort- und sprachlos machenden Dokumentes. Und nie so stolz wie nach der Lektüre des Faust - was bleibt ist leider nicht der Goethe, sondern der Celan- das Land der Richter und Henker.

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20.01.2012, 15:26
5.

Ich habe das Buch von Herrn Heckmann mit großem Gewinn gelesen. Es hinterlässt einen fassungslos darüber, wie scheinbar bruchlos Biographien von am Massenmord Beteiligten in der Mitte der bundesrepublikanischen Gesellschaft weiter gingen.

Im Übrigen sehr lesbar geschrieben:

Markus Heckmann, NS-Täter und Bürger der Bundesrepublik. Das Beispiel des Dr. Gerhard Klopfer, hrsg. für das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm e.V. von Silvester Lechner und Nicola Wenge, Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm 2010

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erwin fortelka 21.01.2012, 08:49
6.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben viele Mörder und Mordgehilfen Karriere gemacht (besonders mordhilfsbereite Juristen)!
Filbinger:"Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein".
Die Witwe des hingerichteten Pädagogen Adolf Reichwein musste lange mit Behörden der BRD kämpfen, bis sie eine Pension erhielt, schließlich war Reichwein ja als Hochverräter hingerichtet worden.
Die Witwe Roland Freislers hat nach seinem Tod ganz nahtlos eine Pension erhalten, denn dieser Blutrichter war ja schließlich Vertreter und Beamter des damaligen Verbrecherstaates gewesen.
Der Kronjurist des Dritten Reiches, Carl Schmitt (Plettenberg), der dem Verbrecherstaat die intellektuelle Weihe gab, wurde nach seinem Tod (1985) in der Lokalpresse des Sauerlandes hochgelobt, niemand widersprach!

"Vestigia terrent" - "Die Spuren schrecken"

Bis heute!

Erwin Fortelka

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Stanislaus Bonifatz 21.01.2012, 08:50
7.

Die Planer der Hölle werden allen Ernstes von dem Bundespräsidenten mit den Mördern der NSU verglichen. In einem Akt der Nutzung des Holocaust für widerwärtige politische Karrierezwecke. Als ob man Hamann mit Eichmann vergleichen würde. Beide mit "mann" im Namen.

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Michael Köhler 22.01.2012, 10:31
8.

Es ist sehr bedauerlich dass nichts zu den Beweggründen einzelner Personen geschrieben wird. Der Kontext dieser und anderer Dokumentationen fehlt völlig. Dabei sollte es nicht viel Verstand erfordern zu erkennen dass heutige Massstaebe aus bereits gemachten Erfahrungen etc. resultieren. Ansichten, Einstellungen, Information, Wissen, etc.pp. ist heute total anders verbreitet, verfügbar als anno dazumal. Menschen sehen die Welt anders...

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Michael Fengler 23.01.2012, 08:03
9.

Der Film "Die Wannsee-Konferenz" bzw. "Conspiracy" wurde hier bereits erwähnt und auch ich kann ihn allen Interessierten nur wärmstens ans Herz legen. Ich bevorzuge hier allerdings die englische Version, die auch auf DVD erhältlich ist. Kenneth Branagh und Stanley Tucci in ihren Glanzrollen. Da läuft es einem eiskalt den Rücken herunter, wenn diese großartigen Schauspieler als Heydrich (Branagh) und Eichmann (Tucci) das Schicksal von Millionen eiskalt besiegeln.

Der Untertitel des Films wurde auch sehr treffend gewählt: "One Meeting. Six Million Lives". - Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen!

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Katharina Kellmann 11.09.2013, 09:30
10.

Mit der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 wurden deutsche Staatsangehörige mosaischen Glaubens ihrer Staatsangehörigkeit beraubt.

Ziel der Verordnung war es, Ausbürgerungen "unbürokratischer" vornehmen zu können. Das Vermögen der widerrechtlich Ausgebürgerten fiel an das Reich - die Diktatur wollte sich bereichern.

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, in alten Akten des Reichsinnenministeriums lesen zu können.

Es war erschreckend, mit welcher Routine die Vertreter der beteiligten Ministerien und Dienststellen sich über den Vorgang verständigten.

Das waren nicht "SA-Proleten", die da den wilden Mann spielten, sondern in der Regel Volljuristen, die eingehend erörterten, welche Auswirkungen zum Beispiel die Staatenlosigkeit in strafrechtlicher Hinsicht haben könnte.

Also Menschen mit humanistischer Bildung (kein Abitur ohne Latein...), die geschäftsordnungsmäßig eine Rechtsnorm ausarbeiteten, die sie - möglicherweise - noch am Ende der Weimarer Republik in dieser Form abgelehnt hätten.

Meiner Meinung gab es da ein Bündel von Motiven:

Ein Antisemitismus, der auch unter Juristen gang und gäbe war, die sich in der Weimarer Republik noch als Konservative eingestuft hätten.

Das Bestreben, beim "Führer" einen guten Eindruck zu machen (möglicherweise konnte man ja mehr werden als 'nur' Ministerialdirektor oder Staatssekretär).

Ein skrupelloser Ehrgeiz, als Jurist eine Verordnung zu schaffen, die das von der NS-Führung gesetzte Ziel erreichte, die Juden in die Staatenlosigkeit zu treiben und sich an ihnen zu bereichern.




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