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Kultfilm "Blue Velvet": Kitschpostkarten aus der Hölle
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1986 riss David Lynch das Kinopublikum in einen Strudel aus Sex, Gewalt, surrealem Schmalz. Sein Horrortrip "Blue Velvet" mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper verstörte viele - manche wünschten dem Regisseur den Tod.

Thomas Berger 02.01.2017, 10:53
1. Moral: eine fremde, seltsame Welt

Ich kann diese Filmkritik in keiner Weise teilen. Blue Velvet ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme, WEIL ich ihn als höchst moralisch empfinde. Die verlogen heile Keinstadtwelt, in die der Film am Anfang mit blauem Himmel, roten Rosen, weißem Gartenzaun und - das wichtigste hat der Autor übersehen - die fröhlichen Kleinstadthelden der Feuerwehr trägt auf ihre Weise mindestens genau so viel Gewalt in sich wie die fremde, seltsame Welt des Gangsters. Die Gewaltwelt des Gangsters wird der bigotten heilen Welt als die eigentlich ehrliche Welt gegenüber gestellt. Die tiefe Moral des Films lautet: die eigentliche Gewalt geht von diesem Wunsch nach einer heilen Welt aus.

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Maximilian Ferdinand 02.01.2017, 12:38
2. Quark

Ein selten überflüssiger Film. Lynch wollte einfach nur provozieren. Ein tieferer Sinn ist im Geknödel des Shades-of-Grey Urviechs nicht zu erkennen. Eine Moral gibt es nicht. Er hat bei den Dreharbeiten fast die ganze Zeit gelacht. Weil er die Kinozuschauer mal so richtig dabei kriegen wollte.
Im Meisterwerk "Twin Peaks" hat er dann sein filmisches Können auf den Höhepunkt gebracht .

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Michael Graw 02.01.2017, 13:26
3. Business halt gepaart mit Starkult.

Wieso brauchen denn bildungsbürgerlichen Kritiker immer eine Botschaft? Wenn ein Film kommerziell erfolgreich sein will, muss er das mehr oder weniger schräge Unterhaltungsbedürfnis des Massenpublikums ansprechen. Marketingtechnisch empfiehlt es sich, bei der Inszenierung Reize einzusetzen, die primitive Urtriebe ansprechen und beliebte Schauspieler (Stars) einzusetzen resp. die Akteure im Vorwege als Stars aufzubauen. Würde Filme primär eine Take-Hime-Message oder gar einen bildungspolitischen Anspruch haben, wären Flops vorprogrammiert. Dieses Genre eignet sich eher für Programmkinos, arte, 3Sat oder Phoenix mit einem Minderheitenpublikum.

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Reiner Arnold 02.01.2017, 14:31
4. purer Realismus

...auch ich Misstraue, wie Lynch, diesem zuckergussartigen Kleinstadt-Idyll. In Höxter z. B. hat die Wirklichkeit in Sachen Grausamkeit, Perversion und Absurdität den Film bei weitem übertroffen. Blue Velvet ist reiner Realismus.

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IJ. Biermann 02.01.2017, 22:50
5. Komplett verdreht

An Kommentar Nr.3 (Michael Graw): Da haben Sie interessanterweise etwas komplett falsch verstanden bzw. abgespeichert: Es sind tatsächlich gerade die Mainstream- und Unterhaltungsfilme, die eine ganz eindeutige und unmissverständliche Botschaft / Message haben. Nehmen Sie einfach mal irgendeinen erfolgreichen Film der Filmgeschichte, ganz egal welchen: Es gibt IMMER eine Kernaussage, eine unmissverständliche Message, schon im Drehbuch, noch mehr in der Inszenierung. Das Wesen des populären Films liegt gerade darin begründet; darauf gründen ausnahmslos alle Drehbuch-Studienbücher /-lehrbücher. Eine Kernaussage muss in jeder Hinsicht klar und deutlich formuliert werden, von der Regie über die Kameraarbeit über Szenen- und Kostümbild bis hin zur Musik. Die Botschaft ist in den meisten Fällen sehr einfach, so dass sie prinzipiell von jedem auf der Welt verstanden werden kann. Bei guten Filmen stecken dann mehr Ebenen drin und mehr Kunst und Vielschichtigkeit und manchmal Ambivalenzen dahinter. Nennen Sie nur einen Unterhaltungsfilm, und ich sage Ihnen umgehend die "Message".
Anders verhält es sich eben mit sog. Arthouse-Filmen (im ursprünglichen Sinne, bevor Arthouse der kleine Bruder des Mainstream wurde) und Kunstfilmen: Wenn für das breite Publikum die klare Aussage fehlt, sind die Mainstream-Zuschauer unzufrieden, und es fehlt ihnen etwas. Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten sind bei den Mainstreamproduzenten, den TV-Redakteuren usw. nicht gern gesehen. Mir persönlich sind die Filme am liebsten, die genau an dieser Schnittstelle arbeiten, z.B. "Zero Dark Thirty", ein Film, der eben keine eindeutige Message hat, aber von beiden Seiten gelesen werden kann. Deshalb ist ja die eine Hälfte davon überzeugt, dass es ein US-Propagandafilm wäre und können das mit Nachdruck "beweisen" (der Film selbst gibt diesen Beweis nicht her), während die anderen 50% kritisieren, dass der Film keine klare Message habe. Natürlich hat er eine klare Haltung, aber das ist nicht gleich bedeutend mit "Message". Für diese Art Kino steht auch "Blue Velvet", siehe Kommentar 1. Der eine Zuschauer ist absolut überzeugt zu wissen, was der Film aussagt, während der nächste Zuschauer komplett überzeugt von einer anderen Aussage ist. Und beide mögen oder lieben auf ihre Weise den Film. Dann ist es wirkliche Kunst, denn Kunst verlangt vom Zuschauer, die Lücken selbst zu schließen, die eigene Haltung einzubringen (und die wird dann vom Film gespiegelt). Wer selbst einen reaktionären (Zero Dark Thirty) oder frauenfeindlichen (Blue Velvet) Film sehen will, wird das in so einem Film sehen können.

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Karl-Heinz Marx 03.01.2017, 14:05
6. Take-Hime-Message?

Tippfehler (home) oder Schwachsinn?

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Alexander Von Roon 03.01.2017, 22:49
7. Zeitlos

,,Blue Velvet" ist einer meiner Lieblingsfilme. Das Timing und die Aufnahmen sind zeitlos, wie eine Symphonie. Roger Ebert hatte mich auch einmal in Sundance kritisiert; auch Stanley Kubrick, Alfred Hitchcock, Federico Fellini, etc. kommen nicht bei jedem Menschen gut an. Von Dennis Hopper kann man viel lernen auf -und Abseits der Leinwand. Hopper hat schöne Photos von seiner Arbeit gemacht, auch Dennis hatte ein tolles Auge und als Schauspieler konnte man viel von ihm lernen. Unglaublich, wie gönnerhaft und großzügig Dennis gegenüber anderen den Kollegen war. Isabella Rossellini ist unglaublich gut in ,,Blue Velvet". Ich liebe ihre Performance des Titelstücks. Die ,,David Lynch Foundation" setzt sich für hilfsbedürftige Menschen weltweit ein und bietet Veranstaltungen an, wo auch Davids Musik vorgetragen wird. Sehr empfehlenswert.

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