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Meuternde Matrosen: Kaiserdämmerung am Jadebusen
ullstein bild/ SZ Photo

Als in Kiel Matrosen rebellierten, begann die Novemberrevolution und endete das Kaiserreich. Der erste Funke aber zündete in Wilhelmshaven. Dort waren Admiräle sogar bereit, die eigenen Schlachtschiffe zu versenken.

Joachim Holstein 30.10.2018, 23:27
1. Auch ihnen verdanken wir, dass wir eine Republik haben

Wie viele Denkmäler wurden diesen Matrosen eigentlich gesetzt? Wie viele Kasernen oder Schiffe wurden oder sind nach ihnen benannt?
(Und wie viele von der DDR vorgenommene Ehrungen wurden nach 1989 zurückgenommen und ausradiert, während es von Bismarck- und Kaiser- und Wilhelm-Straßen immer noch wimmelt?)

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Klaus Mnatrid 31.10.2018, 11:37
2. @Joachim Holstein

Danke für Ihren Beitrag. Das setzte sich übrigens mit vermeintlichen Helden des zweiten Weltkrieges fort. So wurde ein Schiff der Bundesmarine nach Admiral Lütjens benannt, der im Dritten Reich dafür gefeiert wurde, in einer sinnlosen Seeschlacht mit der Bismarck unterzugehen und dabei viele Marinesoldaten mit in den Tod nahm.

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Marcel Lindner 31.10.2018, 12:41
3. Denkmäler und Republiken

Die Matrosen mögen einen Beitrag zum Aufbau einer Republik geleistet haben, aber letztlich waren sie nicht weniger Feinde der Republik als des Kaiserreiches und eine Republik verdanken wir auch maßgeblich der Tatsache, dass ihre Revolution niedergeschlagen wurde. Darüber hinaus trugen die Kommunisten auch möglicherweise entscheidend zur Instabilität der Weimarer Republik hin. Kontrafaktische Geschichte ist kompliziert und der effektive Beitrag des Matrosenaufstandes ist schwierig abzuschätzen, aber die Matrosen als Helden der deutschen Republiken darzustellen ist wohl falsch.

Übrigens dankte Wilhelm erst am 28. November ab - die vorherige Meldung war, wie es heute so schön heißt, Fake News.

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erwin fortelka 31.10.2018, 20:03
4. 100 Jahre Kieler Matrosenaufstand

....am 3. November 1918. Dabei schloss sich die Kieler Arbeiterschaft dem Aufstand an, eine Revolution die dann zur reichsweiten Novemberrevolution wurde. Sie führte zum Ende der Monarchie in Deutschland und später zur Errichtung der Weimarer Republik. Später wurden sie nur noch die "Novemberverbrecher" genannt. Im Januar 1919 ermordeten rechtsextreme Freikorps die KPD-Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die nichts weiter als Demokratie wollten (das in aller Kürze). Bis heute wird von manchen Historikern immer noch folgendes Märchen erzählt: Die Republik von Weimar sei von der Linken und der Rechten gleichermaßen gefährdet und dann zerstört worden. Es hat Aufstände von Links und Rechts gegeben. Während die Aufstände der Kommunisten gewaltsam zerschlagen wurden, bekamen die Putschisten von der politischen Rechten vor den Gerichten immer sehr milde Urteile. Im Justizapparat und bei den Miltärs saßen eben immer noch genügend Anhänger des Kaiserreichs (auch das in aller Kürze). Die Republik von Weimar ist allein von der politischen Rechten zerschlagen worden, am Ende waren die Kommunisten bereits ausgeschaltet und die SPD sah politisch fast apathisch zu (auch das in aller Kürze). Zurück zum Ausgangspunkt des Artikels: Die aufständischen Matrosen und Arbeiter haben vor 100 Jahren die demokratische Entwicklung in Deutschland nicht gefährdet sondern befördert.
Erwin Fortelka (Klarname)

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Frank Logemann 31.10.2018, 21:59
5. Danke

ENDLICH ein Artikel in einem großen Medium, der die Vorgänge in Wilhelmshaven würdigt. Zumeist liest man ja sonst immer nur „Kiel“. Erst heute abend im Film „Kaisersturz“ hieß es: „Matrosen verweigern in Kiel den Befehl zu einem letzten Kriegseinsatz“... So ein Unsinn.

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Grit Beckert 02.11.2018, 13:55
6. Matrosen

an Nummer 3 M. Lindner:
Die Matrosen von WHV und KI pauschal als Kommunisten zu klassifizieren, die gar keine Republik wollten, geht wohl in die Irre. Zuallererst wollten sie wohl den Krieg beenden und die Verantwortlichen, nämlich die Adligen und die Kriegsgewinnler (die Krautjunker und Schlotbarone), entmachten, um einen Waffenstillstand zu ermöglichen und eigene Rechte zu erlangen. Die Diktatur des Proletariats im Stalinschen Sinne war zudem noch gar nicht erfunden, selbst in der Sowjetunion war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar, wohin die Reise geht. Wohin allerdings die Maxime von der "Ruhe als erster Bürgerpflicht", die von den Sozialdemokraten im Zuge der Revolutionswirren ausgegeben wurde, geführt hat, kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen. Dazu hat Forist Nr. 4 ja auch einige Hinweise gegeben.

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Marcel Lindner 03.11.2018, 14:48
7. Linke und rechte Revolutionäre

Natürlich ist es falsch, die Matrosen pauschal als Kommunisten zu klassifizieren - wie jede pauschale Klassifizierung (inkl. dieser hier). Aber auch ohne Stalin war Sowjetrussland bereits ein Negativbeispiel, unmittelbar nach der Oktoberrevolution begann ein blutiger Bürgerkrieg (wohlgemerkt richtete sich die bolschewistische Revolution hier gegen die gerade aufstrebende (relative) Demokratie, die durch die Februarrevolution etabliert worden war - wohl auch ein Beweggrund, solche Strukturen konsequent zu unterdrücken). Auch später waren wegen des sowjetischen Beispiels linke Revolutionäre stets suspekt - schließlich gab es ja in Deutschland eine bei weitem breitere Mittelschicht als in Russland. Davon abgesehen gab es keine Beispiele für die Gefährlichkeit rechter Revolutionäre - das deutsche Kaiserreich war für viele (insbesondere einflussreiche) Menschen eine gute Zeit, die Monarchie hatte sich als erstaunlich stabil und robust erwiesen (und wie bekannt die Instabilität Wilhelms II war, kann ich nicht einschätzen) - bis auf natürlich den Weltkrieg (und dass der Beamtenapperat in weiten Teilen noch royalistisch war, ist wohl unbestritten).
Worauf ich hinaus will: 1. Die Kommunisten wurden als Bedrohung für die junge Republik einerseits und Wohlstand, Stärke und Souveränität (soweit vorhanden) des Reiches andererseits angesehen - sie waren es wohl letztlich nicht, untergruben aber die (gefühlte) Stabilität der Republik und bildeten insbesondere durch die Nachrichten aus der Sowjetunion eine latente Bedrohung. 2. Rechte Revolutionäre wurden als weniger bedrohlich wahrgenommen, weil es einfach kein Beispiel gab - die Machtübernahme der Faschisten in Italien wurde ja auch lange Zeit durchaus nicht als negativ betrachtet.3. Die Republik entstand letztlich auf Druck der USA und wurde stabilisiert durch amerikanische Darlehen (und wurde destabilisiert, als diese wegfielen - an dieser Stelle kommt die gefühlte Instabilität und Bedrohung von links wieder ins Spiel)

Natürlich ist all das nichts, was die Matrosen hätten vorhersehen können, tatsächlich wollten sie zumeist nur nicht auslaufen und heroisch untergehen. Aber gleichzeitig ist ihr Beitrag zur Republikbildung eher gering und ob letztlich positiv oder negativ ist schwierig abzusehen.

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