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"Mit dem Schlagstock sozialisiert"
Tanja Krienen 15.12.2010, 12:03
1.

Naja, friedlich war das Ganze nicht. Ich habe z.B. die Vollsammlung kurz danach in Kreuzberg an Sylvester 1980 mitgemacht und fand das alles ziemlich chaotisch und hysterisch. In dieser Nacht gab es auch noch einige Vorfälle, die keineswegs seriös waren - aber nicht von Seiten der Polizei.

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Olaf Nyksund 15.12.2010, 14:15
2.

Achtung, Polemik:

Dezember 1980? da hatte ich, knapp 200 km nordöstlich von Berlin, ganz andere Sorgen. Zum Beispiel ob morgen die Rote Armee eingreift und die aufkeimende Freiheit mit Panzern niederwalzt.

Honecker machte aus Angst vor dieser Freiheit die "Friedensgrenze" dicht. Und in Berlin (West)? Dort demonstrierten Linksradikale gewaltsam um das "Recht", Eigentum anderer Menschen an sich zu nehmen.
--
Ich habe damals die Nachrichten verfolgt. Es war nicht leicht, der Informationsfluss war/wurde ja gestört, aber ein paar deutsche Sender waren doch stark genug, um tief in die nordeuropäische Tiefebene hinein zu strahlen. Und ich schüttelte nur den Kopf, aus der Perspektive von einem, der heute nicht wusste, ob es morgen was zum Essen gibt oder stattdessen doch Gummiknüppel auf die Birne.

Für mich waren (und immer noch sind) die ganzen damaligen Demos "im Westen" einfach nur Ausdruck saturierter Gesellschaft, der es zu gut ging. Wohnungsnot? Lol, hätten sie nach Warschau, Prag, Danzig, Budapest gehen sollen. Da gab es Wohnungsnot. Aber es demonstriert sich so gern in einer permissiven, freien Gesellschaft gegen selbige. Ich habe mich damals schon immer gefragt, warum die mit dem westlichen Leben Unzufriedenen einfach nicht die Seiten wechseln - ein paar Schritte und eine Mauer weiter gab es das ersehnte sozialistische Paradies, man sprach dort sogar deutsch?

Über so viel Heldentum kann ich bestenfalls freundlich lächeln? sorry.

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Ralf Mahrhost 15.12.2010, 16:49
3.

Sehen Sie, so unterschiedlich kann die gleiche Situation aufgenommen werden. 1980 hab ich auch etwa 200 km weiter nördlich gewohnt und Essen und Wohnung waren eigentlich kein Thema - sowie für niemandem aus meinem Bekannten- oder Verwandtenkreis. Naja, und die rote Arme war (zu diesem Zeitpunkt) auch nicht gerade dabei, uns alle zu verjagen. Ohne Diskussion - heute ist es besser (schade, dass man dies immer hinzusagen muss) - aber solch' ein Schreckenssystem, wie es immer gerne erzählt wird, war die DDR nun wirklich nicht.
Und ich staune, dass es immer wieder Menschen aus der DDR gibt, die sich beklagen, wenn jemand gegen das angestammte System demonstriert und den Gedankenspielraum aller Beteiligten erweitern will (gewalttätige Demonstration nehme ich hiermit ausdrücklich heraus) - ohne diese Eigenart des Menschen hätte es die Wende nunmal nie gegeben....

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Wolfgang Linse 16.12.2010, 10:25
4.

Das kommt einem so verdammt bekannt vor:

?? der aus friedlichen Hausbesetzern militante Guerillakrieger machte??

Wenn Ihr unsere ?gewaltlosen? Rechtsbrüche nicht hinnehmt, dann werden wir gewalttätig.

Eine direkte Analogie zu der islamistischen Taqiyya-Masche: Wenn Ihr Euch gegen unsere Mordanschläge und Eroberungspläne zur Wehr setzt, dann müssen wir uns gegen Euch ?verteidigen?.

Wer hat hier von wem gelernt?

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Irina Bruns 16.12.2010, 10:27
5.

Ganz so ausschliesslich saturiert wars damals nicht im Westen. Der linken Szene (heute würde man wohl "Community" sagen) ging es damals einerseits um einen alternativen Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft, aber auch um merkbaren (!) Protest gegen das damals ausufernde und mit der Berliner Lokalpolitik aufs angenehmste verquickte Immobilienspekulantentum. Wöchentlich waren damals Berichte von "warmer Entmietung" oder Edel-Sanierung in den Abendnachrichten.

Die linke Szene brüllte radikale Ideen hinaus, die irgendwann in der Gesellschaft ankamen und denen wir heute als Spätfolge z.B. das breite Bio-Angebot, alternative Energietarife oder Mikropayments für soziale Projekte zu verdanken haben. Man sollte die radikalen Wurzeln nicht banalisieren, denn aus herausgebrüllten Utopien entsteht evolutionärer Wandel von Gesellschaft.

Ich selbst war damals pubertierende (und vermutlich ziemlich anstrengende) Tochter eines Berliner Polizisten. Stolz auf "meinen Bullen" war ich, wenn er erzählte, wie er als Sani-Bulle auf Demos ohne Ansehen der Person beide Seiten verarztet hat und sich der Kritik seiner Kollegen aussetzte. Aber er erzählte auch von morgendlichen Hausstürmungen, bei denen man die Demo-Helme der Hausbesetzer mit dem Zement, der vor Ort für die Renovierungen der Häuser bereit stand, befüllt und reingepinkelt habe. Ich glaube, nach unserer intensiven und ziemlich lauten Diskussion hat zumindestens mein Vater sich diesbezüglich dann zurück gehalten..

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Siegfried Wittenburg 16.12.2010, 14:23
6.

Herr Nyksund, Ihren Kommentar empfinde ich als ungerecht. Wenn Menschen gegen Missstände aktiv werden, weil sie diese nicht länger ertragen können - ganz gleich, was es ist - so ist Solidarität angebracht. Das was Sie empfehlen, ist Flucht. Flucht löst die Probleme nicht, sondern verlagert sie nur.

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Siegfried Wittenburg 16.12.2010, 14:23
7.

Herr Mahrhost, manche übertreiben und manche verharmlosen, je nachdem, wie sie etwas erlebt haben.

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Kai Bonte 14.03.2014, 12:10
8. "Mit dem Schlagstock sozialisiert"

Prügelnde Polizisten, fliegende Pflastersteine, Plünderungen: Vor 30 Jahren tobte die erste große Straßenschlacht in Kreuzberg. Auf einestages erinnert sich Ex-Hausbesetzer Kuno Haberbusch an einen heißen Advent in Berlin - der aus friedlichen Protestlern militante Guerillakrieger machte.

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