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"Polenaktion" und Pogrome 1938: "Jetzt rast der Volkszorn. Laufen lassen"

Rund 17.000 Juden wurden vor 80 Jahren über Nacht verhaftet und brutal ins Niemandsland an der polnischen Grenze gescheucht, kurz vor den Novemberpogromen. Beide Nazi-Exzesse sind eng verknüpft.

Isadora Schmitt 29.10.2018, 13:49
1. Ein sehr unangenehmer Teil der Wahrheit...

... ist, dass der bestialische Antisemitismus der Nazis auch in Polen leider auf furchtbar fruchtbaren Boden gefallen ist, um es mal euphemistisch auszudrücken. Auch hier fehlt es heute noch an Aufarbeitung, denn nicht jeder war nur Opfer.

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Gunnar Ganz 29.10.2018, 15:05
2. Grausam!

Aber auch geschichtlich äußerst interessant,denn es wird sehr schön dargestellt,wie das Ausland sich verhielt.Überhaupt ist anzuraten , sich intensiv mit der Geschichte zwischen beiden Weltkriegen zu beschäftigen.Hilfreich erscheinen dabei alte Zeitungen und deren Nachdrucke um manches des grausigen Geschehens besser verstehen zu können.

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Christian Böcker 29.10.2018, 19:55
3. Schändlich auch von seiten Polens

Es ging hier nicht um fremde Flüchtlinge, sondern um polnische Staatsbürger, die Polen nicht zurück ins eigene Land lassen wollte. Und weswegen Polen dieses Gesetz überhaupt auf den Weg brachte. Da drängt sich der Verdacht auf, dass das Land, in dem es damals Quoten und berufliche Zugangsbeschränkungen für Juden gab, einen Teil von diesen an Nazi-Deutschland auf abscheuliche Weise loswerden wollte.

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erwin fortelka 29.10.2018, 19:55
4. Ich finde es hervorragend,

....dass ein Artikel zu diesem Thema gerade jetzt veröffentlicht wird, er ist von geradezu beklemmender Aktualität. Ein Jahrtausendverbrechen kann und sollte eben nicht zu den Akten gelegt werden: Zum Artikel selbst: Natürlich gab es auch in Polen Antisemitismus, den gab es auch in der Sowjetunion, in Österreich, die Liste ließe sich fortsetzen. Und der Antisemitismus hatte auch in Deutschland eine lange Tradition, schon vor 1933. Nur, die bürokratische und fabrikmäßig organisierte Vernichtung der Juden, das war eine Erfindung Nazi-Deutschlands, allein Nazi-Deutschlands. Die "genialen" Architekten dieser Vernichtung waren Himmler und Heydrich, und Hitler wusste und wollte das. Die Wannseekonferenz ist der historische Beweis, aber natürlich nicht der einzige. Mit Holocaust-Leugnern will ich mich an dieser Stelle gar nicht auseinandersetzen, das ist überflüssig. Und große Teile der deutschen Bevölkerung sahen zu, machten aktiv mit oder waren teilnahmslos oder auch gleichgültig. Goebbels notierte ja: "Jetzt rast der Volkszorn. Laufen lassen." Ja, es war damals für die Nazis offenbar sehr leicht, den Volkszorn zum Rasen zu bringen.
Erwin Fortelka (Klarname)

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Michael Clemens 30.10.2018, 13:53
5. Michael Clemens, Vertreibung und Bedürfnis

Deutschland war ab November 1933 Gleichgeschaltet und der Terror begann. Sowohl gegen mißliebige Deutsche als auch, wie in diesem Fall, die gewaltsame Ausweisung polnischer Bürger mosaischen Glaubens nach Polen. Das Wort Pogrom kommt übrigens aus dem russischen und ist nicht auf Juden und Deutschland begrenzt. Ich frage mich als SPIEGEL-Leser, was geht in jemandem vor, wenn er sich an der Bezeichnung Nazideutschland ergötzt. Offenbar ist das für manche ein starkes Bedürfnis oder innere Befreiung. Je länger diese Zeit zurückliegt, um so größer das Bedürfnis. Aber es gab nie ein Nazideutschland, sondern es gab zeitweise eine politische Partei mit der Bezeichnung NSDAP. Wenn dem nicht so wäre, so müßte jeder seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, welche in dieser Zeit lebten, als „Nazi“ einer Mittäterschaft am späteren Verlauf der Geschichte bezichtigen. Wenn man sich die Wahlergebnisse von 1933, vor November 1933 vornimmt, so erhielt die NSDAP lediglich 43,9 und nicht 100 Prozent. Und das auch nur, weil die restlichen Parteien kleine Parteien in einer zersplitterten Parteienlandschaft waren. D.h., 56,1 Prozent waren keine „Nazis“. Und nicht alle NSDAP Wähler waren solche. Am 14. Juli 1933 erfolgte das Gesetz gegen Neubildung von Parteien. In einer solchen Diktatur konnte ein falsches Wort oder Tat den Tod bedeuten. Ich bin sicher, daß sich die heutigen posthumen Maulhelden nicht anders verhalten hätten, als die Menschen damals. Klappe halten und nicht auffallen.

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erwin fortelka 30.10.2018, 19:39
6. Herr Clemens,

...wenn Sie in Ihrem Beitrag darauf hinweisen, dass sich jemand an der Bezeichnung "Nazideutschland" ergötzt, kann ja nur ich gemeint sein. Ich ergötze mich nicht an solchen Begriffen, warum sollte ich? Das Thema eignet sich zum ergötzen. Aber nochmals zum Ausgangsartikel selbst. Die Ausweisung der polnischen Juden war doch nur ein politischer Versuch für das, was dann folgte, nämlich die Reichspogromnacht (Reichskristallnacht), und viele deutsche Bürger (das waren nicht alle Nazis) haben begeistert mitgemacht, die Nazis hatten es eben verstanden, den Volkszorn oder nennen wir es das gesunde Volksempfinden zu aktivieren und gegen die Juden zu kanalisieren. Ihre Hinweise auf Wahlergebnisse helfen da historisch gesehen überhaupt nicht weiter. Deutschland war nach diesen Ereignissen nicht mehr das Land, das es vorher war. Und es geht kein Weg daran vorbei, das große Teile des deutschen Volkes zugesehen und aktiv mitgemacht haben. Nach Kriegsende hat natürlich überhaupt niemand etwas gewusst. Da waren es eben nur Hitler, Himmler und Goebbels. Nur, so einfach ist Geschichte nicht. Nur eine Frage habe ich doch noch zum Schluss: Was ist ein posthumer Maulheld? Ich möchte das ja nur verstehen.
Erwin Fortelka (Klarname)

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erwin fortelka 30.10.2018, 22:12
7. Eine kleine Korrektur.

In meinem dritten Satz muss es heißen: Das Thema eignet sich nicht zum ergötzen.
Gruß
Erwin Fortelka (Klarname)

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Paul Kubiak 31.10.2018, 14:32
8. Ordnung muss sein

Durch polnische Verwaltung erstellte Forderung nach Bestätigung der polnischen Staatsangehörigkeit galt im gleichen Maße für alle im Ausland lebende polnische Bürger. Im Zuge der Verschiebung der Grenzen und der Migrationswellen nach dem ersten Weltkrieg entstanden Fallen wo es nicht eindeutig war ob die Betroffenen weiter als polnische Staatsangehörige anzusehen waren. Um diese Unübersichtlichkeit aufzuräumen, wurde ein Beschluss erlassen wonach alle im Ausland verbleibende Polen ihre polnische Staatsangehörigkeit bestätigen mussten. Und man bekam weit mehr als 2 Wochen um das zu tun. Wer diese Aufforderung gefolgt hatte, kam ins Land unbehindert. Wer das nicht getan hatte, war aus Sicht der polnischen Behörden kein polnischen Staatsangehörige mehr, und deswegen auch keinen automatischen Anspruch auf eine Einreise hatte. Man sollte sich zuerst tiefer in die Materie setzen, bevor man behauptet die Aktion der polnischen Behörden gezielt gegen Juden ausgerichtet war.

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