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Reichspogromnacht: "Vati, ich hab' dich gesehen, du bist an der Spitze marschiert!"
privat

Brennende Synagogen, splitternde Scheiben, Demütigung jüdischer Deutscher - die Novemberpogrome 1938 waren der Auftakt zum Holocaust. Claus Günther erlebte sie in Hamburg als Schuljunge, mit seinem Vater als Fahnenträger der SA.

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Johannes Tappert 09.11.2018, 09:07
1. Gut, dass es solche Bücher gibt ...

denn ein großer Teil der Menschen in unserem Land beginnt zu vergessen, was und wie damals geschah. Vor allem ist wichtig, dass ein Bewusstsein für das Mitmachen, Verharmlosen, Wegschauen bestehen bleibt, denn das gibt es heute wieder - oder immer noch. Es gibt sie wieder, die Hetze, die Diffamierung, die einfachen Schuldzuweisungen - die Keimzellen für die damalige Katastrophe. Und die dummen Sprüche in den Stammtischen - "das wird man ja wohl sagen dürfen" - nehmen zu und zu wenige widersprechen. Und parallel dazu baut sich auch wieder ein politischer Apparat auf, der verharmlost wird und dessen Entwicklungsparallelen zu der Zeit vor und im "Dritten Reich" eigentlich leicht erkennbar sind - wenn denn richtig hinsieht.

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Thomas Haupenthal 09.11.2018, 10:47
2. Bitte, bitte...

...geht doch genauer mit den Bildquellen um. Die Photos Nr 5 und 6 sind nicht aus dem Jahre 1938, sondern aus dem Frühjahr 1933. Nr 5 zeigt den Boykott jüdischer Geschäfte in Berlin, das andere stammt aus Cuxhaven. Ein bisschen sorgfältige Recherche wäre manchmal nicht schlecht!

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Johannes Climacus 09.11.2018, 11:12
3. Verspätung?

"Die Novemberpogrome fanden in Harburg mit einem Tag Verspätung statt, am 10. November 1938." Ernsthaft jetzt?

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Harald Popp 09.11.2018, 11:21
4. @ Thomas Hauptenthal

Bei dem Thema enorm wichtig der Hinweis. Ich habe die Zeit nicht erlebt, deshalb sind mir diese Details nicht so wichtig, aber wichtig ist mir zu wissen, dass es überall Mitläufer gab, meine Familie aber nie davon gesprochen hat, zugegeben haben alle miteinander sowieso nichts.

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Hennes Obermeyer 09.11.2018, 11:41
5. Was mich erschüttert.....

sind nicht die Verbrechen meiner Großeltern vor achtzig Jahren.
Was mich erschüttert sind meine Erlebnisse: Diese Woche, November 2018, berichtet mir der Hausverwalter ein von mir besichtigten Hauses in Pforzheim, der Vermieter sei "problematisch". Er hätte ein doppelverdienendes Päarchen aus der IT-Branche mit der Begründung abgelehnt, der Mann sei der Nachkomme polnischer Juden.
Mein Recherche ergab, daß bis 1941 in diesem Haus eine jüdischer Gymnasialprofessor lebte, der dann nach Gurs deportiert und dort ermordert wurde. Den Stolperstein vor dem Haus hatte ich wohl übersehen.
Offensichtlich ist Antisemitimus als Geisteskrankheit vererbbar.

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Reinhard Schneider 09.11.2018, 12:01
6. Bild Nummer 8

„Viele deutsche Passanten standen teilnahmslos...“ Für mich ist das inzwischen eine schwer zu ertragende Satzhülse. Zum einen: wer sagt denn, dass die abgebildeten Leute teilnahmslos an den zerstörten Geschäften vorbeigingen oder teilnahmslos vor diesen standen? Was sind denn die eindeutigen Anzeichen von Teilnahme oder Teilnahmslosigkeit, vor allem, wenn sich Teilnahme im Innern abspielt? Zum Zweiten, und das führt bei mir persönlich beim Anblick solcher Bilder immer wieder zu einer erheblichen Qual: was hätte ich denn selbst in solch einer Situation gemacht? Hätte ich beim Aufräumen geholfen? Das könnte gut sein – aber viel entscheidender: Was hätte ich gegen die vorausgegangene Zerstörung unternommen? Einem SA-Mann die Fresse poliert oder ihn zumindest angeschrien? Ja, mit 20 hätte ich das wahrscheinlich gemacht, mit 40 vielleicht – aber mit 50, 60? Wahrscheinlich hätte ich die Aktion auch nur passiv beobachtet und mir geschickter erscheinende Optionen überlegt. Hätte man mich in dem Augenblick aus einiger Entfernung fotografiert, hätte ich allerdings auch nur das Bild eines Feiglings und Teilnahmslosen abgegeben, obwohl ich innerlich mit mir einen schrecklichen Kampf ausgefochten hätte.

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Jörg Kuhlmann 09.11.2018, 12:10
7. Danke für die Perspektive

Danke, dass es Menschen gibt, die ihre Eindrücke und ihre Erlebnisse schildern. Die naive Sicht eines Kindes beschreiben für mich menschlich und eindringlich die verstörenden Ereignisse dieser Zeit.
Bedrückend, dass sich dies nun zu wiederholen scheint ...

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Stefan Harden 09.11.2018, 12:38
8. Nichts gelernt

Und 80 Jahre danach wird eine Partei gewählt, deren Führung dies als "Fliegenschiss" bezeichnet. Wohlgemerkt, nicht obwohl man so mit der Geschichte umgeht, sondern WEIL man so mit ihr umgeht.

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Martin Döring 09.11.2018, 13:51
9. Bild 9

Bild 9 zeigt Heinrich Günther nicht als Reichswehrsoldaten, sondern als Mitglied des "Jungstahlhelms", also des Jugendverbandes des "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten". Der "Stahlhelm" war ein rechtsextremer, republikfeindlicher, antisemitischer und mit der DNVP eng verbundener Wehrverband der Weimarer Republik, der 1933/34 in die SA überführt wurde.
Auf dem Bild deutlich zu erkennen ist die typische Verbandsuniform des "Stahlhelm" und das Logo des "Jungstahlhelms", ein stilisiertes Schwert, an den Mützen der abgebildeten Männer.

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