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Singen gegen die Selbstmordgedanken
02.11.2008, 18:40
1.

Der arme Walter Kempowski rotiert jetzt grade im Grab.

Warum wurde er hier nicht erwähnt? Nicht nur, dass er auch im Chor war, er hat das ganze auch noch in seinen Büchern "Im Block" und "Ein Kapitel für sich" dokumentiert.

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Jean Pierre Hintze 02.11.2008, 18:40
2.

Ein interessanter Bericht eines traurigen Kapitels - dass allerdings Walter Kempowski in seinen Büchern, insbesondere "Im Block" sowie "Ein Kapitel für sich" sehr eindrucksvoll, detailliert und ausführlich behandelt. Jener Kempowski war nämlich im selben Chor zur selben Zeit in Bautzen.
Auszug aus Dirk Hempels "bürgerlicher Biografie" zu Kempowski:

"Er traf den Feldwebel seines Vaters und Detlef Nahmmacher, der ihm 1943 die Haare abgeschnitten hatte, außerdem einen Neffen seines ehemaligen Lehrers Johannes Gosselck. Kempowski ging immer wieder von Pritsche zu Pritsche, sprach mit den Männern, fragte sie nach ihrem Leben, hörte stundenlang zu. Der babylonische Chor der Stimmen faszinierte ihn. "Ich begann mit dem Einsammeln der Schicksale schon in Bautzen, das Belauschen der Gespräche, das Geraune, nicht erst seit dem schon geschilderten Gang über den Hof, seit damals aber zielbewußt."(...)"

Nahmmacher traf 1943 als Rostocker HJ-Führer den Swing-Boy Kempowski - in Bautzen haben sie sich dann aber "richtig" kennengelernt und sich gegenseitig verziehen...

Deshalb aber meine dringliche Frage: WARUM/ WESHALB hier kein Wort von Walter Kempowski???

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03.11.2008, 09:05
3.

Als Enkel (Rainer Klewe, Berg.Gladbach)
von Erich Möller, Dassau, Gastwirt
frage ich, ob ihne jemand aus Bautzen kennt und näheres über seine Tod sagen.
Danke

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03.11.2008, 09:05
4.

Ich verstehe das auch nicht. Wenigstens haben ihn die hiesigen Leser nicht vergessen

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03.11.2008, 09:05
5.

Genau diese schlimme Zeit in Bautzen schildert ebenso ergreifend wie unglaublich sachlich nüchtern der ehemalige Bautzenhäftling (bis 1956) Winfried Köhler (78) in seinem Buch "Die Hoffnung gab uns Kraft" (Verlag Pro Business Berlin, 2003. ISBN 3-937343-00-8). Der aus Leipzig stammende international renommierte Architekt, der heute in Koblenz seinen Ruhestand verbringt, erzählt in dem Buch sein Schicksal ganz konkret, sehr bildhaft und schnörkellos. Auch er war im Kirchenchor - übringens zusammen mit Kempowski, für den er Noten schrieb...

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03.11.2008, 13:59
6.

Mein Großvater Horst-Ingo Klingberg (*1925) wurde Ende Aug./Anfang Sept. 1950 in Wesenberg (Kr. Neustrelitz) wegen angebl. Spionage verhaftet und in Schwerin zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Die Zeit von Nov. 1950 bis März 1953 verbrachte er in Bautzen, wurde dann aber nach Waldheim verlegt. Im März 1954 dann von Waldheim nach Torgau, wo er Ende Juli 1956 entlassen wurde und nach W-Berlin flüchtete. Vielleicht erreiche ich über diesen Weg jemanden, von dem ich noch etwas über ihn erfahren kann, da er mit seiner Familie kaum über diese Zeit gesprochen hat. Ich habe meinen Großvater leider nicht mehr kennengelernt, er starb mit 40 Jahren an den Folgen der Haft.

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07.11.2008, 18:13
7.

Denjenigen, die Herrn Kempowski vermissen und darüber empört sind, sei gesagt, dass es mir in dem Beitrag nicht darum ging, lückenlos aufzuzeigen, wer in Bautzen inhaftiert war und Kontakte zu besagtem Gefangenenchor hatte. Vielmehr wollte ich auf das Phänomen aufmerksam machen, dass sich Mitglieder dieses Chores auch gut 50 Jahre nach ihrer Entlassung regelmäßig treffen, um miteinander zu singen und die Erinnerung an geschehenes Unrecht wach zu halten. Ich war bei diesen Treffen mehrere Male dabei. Herr Kempowski war nie da. Und zahlreiche "Chorknaben" berichteten mir unabhängig voneinander, dass er schon seit Jahrzehnten zu keinem der Treffen mehr gekommen sei. Schon bald nach dem ersten Wiedersehen 1958 habe er dem Chor den Rücken gekehrt. Viele hätten das zwar sehr bedauert. Aber Kempowski sei bei seiner Entscheidung geblieben.

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15.01.2009, 14:57
8.

Ein sehr guter Artikel, doch eine kleine Korrektur muss ich anbringen:
In Bautzen waren nicht, wie geschrieben, nur Männer inhaftiert sondern zeitweise auch Frauen sowie mindestens zehn dort geborenen Kinder (siehe auch http://www.bautzen-komitee.de/Dkinder.htm), von denen auch nicht alle überlebt haben.

Suchmeldungen nach Angehörigen können übrigens auch auf der Webseite des Bautzen-Komitees gelesen (siehe oben) und eingestellt werden.

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Kai Bonte 14.03.2014, 12:12
9. Singen gegen die Selbstmordgedanken

Misshandlungen, Schlafentzug, Scheinhinrichtungen: In keinem anderen Stasi-Gefängnis der DDR waren die Haftbedingungen so unmenschlich wie in Bautzen. Einziger Lichtblick war für viele Häftlinge der Knast-Chor, hier fanden sie Hoffnung - und konnten sich durch einen Trick auch vor Spitzeln schützen. Von Matthias Pankau

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