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US-Sender Rias Berlin: Die gefährliche Stimme des Klassenfeindes
Andrea Terzer/ ddrbildarchiv.de/ ullstein bild

Schlager, Witze und Warnungen vor Stasi-Agenten - im Kalten Krieg hörten die meisten Ostdeutschen einen Sender aus West-Berlin. Im Rias erfuhren sie, was der DDR-Rundfunk niemals senden durfte.

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Wolf - Dieter Böhrendt 13.09.2019, 16:37
1. Die Insulaner!

Das war eine meiner Lieblungssendungen, mit Glück spät abends im Schwarzwald zu empfangen - oder wurde die irgendwo anders auch ausgestrahlt, ich weiss es nimmer. Aber ich weiß noch wie ich als Teenager dabei Tränen gelacht habe! Ach ja, und dann erinnere ich mich noch dass ich mit der Schule eine Fahrt nach Berlin gemacht habe, müsste Ende der 50er gewesen sein - kurz nach dem Tag an dem die DDR neue Geldscheine eingeführt hatte. Der Kontrast zwischen Ost- und Westberlin war schon extrem, alleine die vielen nicht wieder aufgebauten Häuser als Ruinen mitten in der Stadt.

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Gunther Aulepp 13.09.2019, 17:26
2. Eine gute Gesamteinschätzung

steht unter dem letzten Foto der Serie:
"Das DDR-Regime behauptete, dass die Streiks und Demonstrationen am 17.Juni) das Werk des Rias und westlicher Geheimdienste waren. In Wahrheit gingen die Menschen aus Empörung über die Zustände im SED-Staat auf die Straße. Allerdings fungierte der Rias nach den Worten seines damaligen Chefredakteurs Egon Bahr als "Katalysator des Aufstands". Der Sender trug die Nachricht vom Streik der Bauarbeiter in der Berliner Stalin-Allee in den hintersten Winkel der DDR und ermutigte damit Nachahmer. Auch verbreitete der Rias Meldungen über Treffpunkte von Streikenden. "Zur Hochzeit des Kalten Krieges", schrieb der westdeutsche DDR-Spezialist Karl Wilhelm Fricke, "war der Rias mehr ein Interventions- als ein Informationssender." Wie sich Zeiten und Menschen ändern, zeigt der Werdegang von Egon Bahr: Nach neun Jahren als Rias-Chefredakteur wurde er der Architekt der sozial-liberalen Ostpolitik von Willy Brandt."

Den Sturz des SED-Regimes konnte der RIAS aber nicht bewirken und auch nicht wesentlich befördern. Der geschah nach der Blütezeit des RIAS erst 1989 und war das Werk von Menschen, die zunächst den Aufbau eines sozialistischen Staates nicht grundsätzlich ablehnten, aber vom real existierenden Sozialismus mit wirtschaftlichem Versagen, rigoroser Einschränkung der Reisefreiheit, Unterdrückung der Meinungsfreiheit und damit einhergehend Erziehung zur Heuchelei im Schulunterricht und weit verbreiteter Korruption und Vetternwirtschaft tief enttäuscht waren. Nicht die Feinde der sozialistischen Ideologie, die der RIAS stärken wollte, sondern deren enttäuschten ehemaligen Anhänger haben das SED-Regime friedlich zu Fall gebracht.
G.Aulepp

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Eberhard Nabel 13.09.2019, 18:43
3. Manches erscheint heute in einem ganz anderen Licht

Natürlich habe ich damals als jugendlicher Westberliner Rias und damit auch 'Die Insulaner' oder die Genossen 'Pinsel und Schnorchel' begeistert gehört und mich darüber amüsiert. Hört man sich das aber heute, nach so vielen Jahren Distanz noch einmal an, dann erscheint der RIAS viel weniger ideal, als er im Artikel nostalgisch dargestellt wird. Habe eine Ausgabe von acht CDs mit Aufnahmen aus Insulanersendungen. Manches darin ist von einer gesunden Holzhammerpropaganda, welche der östlichen kaum nachstand, jedoch wegen des Durch-den-Kakao-Ziehens der anderen Seite beliebt war. Bitte verstehen Sie mich nicht miß, bin bis heute kein Freund von Ulbricht & Co, habe nur Abstand zu damals.

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Ingo Althöfer 14.09.2019, 12:25
4. Gedicht - Gebet

Mitte der 1960er Jahre kursierte in der DDR ein Gedicht-Gebet, in dem es hieß: "... Lieber Gott, mach mich blind, dass ich nicht die Mauer find. Lieber Gott, mach mich taub, dass ich nicht dem RIAS glaub..." Ein junger Mann, der dieses Gedicht mehrfach bei Feiern aufsagte, wurde vor Gericht gezerrt und zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt.

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Joachim Kappert 14.09.2019, 13:01
5. Propaganda

Der Artikel ist zu einseitig. Auch im Westen gab es Skandale (Starfighter, Kiesinger-Filbinger, 68er, Berufsverbot, Rasterfahndung, etc.), die von Rias natürlich nicht angesprochen wurden. Somit ist ein Propagandasender halt nur ein jämmerlicher Propagandasender und sollte nicht verherrlicht werden.

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Volker Ettlich 14.09.2019, 13:42
6. Ich bin Jahrgang 1957

und kann heute noch mit Stolz konstatieren diesen "Sender" nie gehört zu haben. Ob ich damit einer Minderheit angehörte, wie der Artikel impliziert, weiß ich nicht. Das ist meiner Meinung nach auch nicht recherchierbar - weder in der einen, noch in der anderen Richtung. Ich habe damals bis zu seiner Abschaltung besonders den Soldatensender gehört. Da gab es gute Musik, Informationen und der war von uns ;o)!
Mit den Vietnamkriegern wollte in meinem Umfeld eigentlich niemand etwas zu tun haben......

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erwin fortelka 14.09.2019, 21:29
7. Ja, die

....als Schüler habe ich sie gemeinsam mit meinem Vater auch immer gern gehört. Ging es doch gegen den "bösen Russen" und die Kommunisten, die doch die armen Leute in Ostberlin drangsalierten. Heute sehe ich das ein wenig differenzierter: Die Rote Armee stand nicht in Berlin, weil Stalin so böse war, sondern weil die Deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfallen hatte, und die Rote Armee hatte später einen entscheidenden Anteil an der Befreiung Deutschlands vom Faschismus. Das Potsdamer Abkommen hattte den Status Berlins festgelegt, nicht der "böse Russe". Mit der einseitigen Währungsreform in der BRD und in Westberlin hatten die Westmächte zumindest Teile des Potsdamer Abkommens verletzt und so mit zu der krisenhaften Entwicklung in Berlin beigetragen. Davon war im RIAS natürlich nichts zu hören, war ja auch ein reiner Propagandasender, der sich natürlich im "Kalten Krieg", den nicht nur "der Russe" zu verantworten hatte, einen Namen machen konnte.
Erwin Fortelka (Klarname)

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erwin fortelka 14.09.2019, 23:45
8. Zu meinem Beitrag Nr. 7 um 21.29

Ja, die...Da fehlt noch: Die "Insulaner"
Erwin Fortelka (Karname)

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Roland Pohl 15.09.2019, 00:42
9. Für mich als heranwachsender...

...“Wessi“ war es Pflicht, neben Tagesschau und Co. auch die Aktuelle Kamera und sogar den „Schwarzen Kanal“ mit „Sudel Ede“ zu schauen. Warum ? Weil die Wahrheit immer in der Mitte liegt ! Informationen zum „Nato-Doppelbeschluss“ beispielsweise wurden extrem pro und contra dargestellt... so etwas fällt heutzutage leider weg. Der Eduard von Schnitzler war immer ein besonderes Highlight, extremst unfreiwillig komisch...so extrem war der RIAS meines Wissens nie. Aber wer zumindest denken könnte hatte immer zwei Meinungen, die er zu einer „Wahrheit“ verbinden konnte... Schade, dass es heute so etwas nicht mehr gibt ! Denn erst nach dem Fall der Mauer gibt es kein „Contra“ mehr in der BRD ;-) ...

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