Forum: Gesundheit
Bericht aus dem Klinikalltag: "Was für eine Ärztin bin ich bloß geworden?"
Getty Images/Johner RF

Heute treffen sich die Gesundheitsminister von Bund und Ländern. Hier erzählt eine enthusiastische, junge Ärztin, warum sie schon nach einem Jahr Arbeit desillusioniert ist. Ein Bericht über die schroffe Realität in unseren Kliniken.

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fuckthesystem2018 20.06.2018, 11:06
90. Krankes, kaputtes, unmenschliches System

Meine Freundin arbeitet seit 11 Jahren in unterschiedlichen Kliniken. Überall aber das gleiche Bild.
Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, macht ihre Weiterbildung zur Kinderkardiologin in einem Herzzentrum.

Personalmangel und Kosteneinsparungen wohin man schaut:
überlastetes Pflegepersonal überlastete Ärzte. Katastrophale, unmennschliche Zustände für Patienten und Personal, es ist fast schon kriminell was dem Personal zugemutet wird.

Sie hat in den letzten Monaten im Durchschnitt acht 24 Stundendienste im Monat durchgeführt. Diese Situation ist untragbar, sowohl für Sie als auch für unser gemeinsames Privatleben.

Beispiel: Ich gehe am Freitagmorgen um 7:30 aus dem Haus zur Arbeit (MO-FR). Sie startet am Freitag um 14 Uhr in den 24 Dienst. Sie kommt Samstag um 12:00 Uhr völlig erschöpft
nach Hause und hat inder Klinik 2 Stunden geschlafen. Sie kann sich nicht sofort ins Bett legen, muss erst einmal das erlebte verarbeiten und wir unterhalten uns 1 Stunde über die Klinik,
bevor Sie für 3 stunden schlafen geht. Den Samstagnachmittag verbringen wir zu Hause bevor Sie früh ins Bett geht, denn am Sonntag um 9:00 Uhr steht der nächste 24 Stunden Dienst an.
Ich gehe Montagmorgen zur Arbeit, Sie kommt um 11:30 Uhr nach Hause und hat wieder nur 2 1/2 Stunden geschlafen und das mit Unterbrechnungen weil Sie am Diensttelefon
sich mit dem Pflegepersonal abstimmen musste.
Dienstag morgen um 06:02 erreicht mich von Ihr eine Nachricht auf dem Telefon: "horror dienst. nicht geschlafen. kind gestorben. ich bin im eimer". Diese Nachricht lese
ich und mache mich auf den Weg zur Arbeit. Heute Abend werden wir uns dann endlich mal wieder sehen und dann wird Sie mir sicherlich als erstes von ihrem Horrodienst berichten.
Wir werden dann etwas essen und morgen früh starten wir dann gemeinsam in das Arbeitsleben. Diesmal muss Sie ja "nur" von 07:30 bis 18:30 Uhr arbeiten ....

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yoda56 20.06.2018, 11:08
91. Ich stimme in jeder Hinsicht zu

Zitat von keine-#-ahnung
... grossen Universitätsklinik stehen mir die Tränen in den Augen! Der Spahn ist schuld - schiesst es mir durch den Kopf!! Da muss man durch, also zu Ende lesen. Und da steht dann "Für die ältere Generation der Oberärzte und Chefärzte, die sich als Einzelkämpfer aufgeopfert haben, mag es gepasst .....
Bin in einer Medizinerfamilie aufgewachsen und mein ältester Sohn hat gerade in einer deutschen Uniklinik seine erste Stelle bekommen. Natürlich ist er nach jedem Arbeitstag/Dienst kaputt und die Dissertation geht nicht recht voran. Außerdem kommt er nie rechtzeitig raus. Aber da muss und will er durch und beklagt sich nicht. 2 Kinder als Alleinerziehender könnte er aber sicher nicht versorgen. Selbst bin ich "aus der Art geschlagen", habe nach meinem 2 juristischen Staatsexamen bei einer Bank als Filialleiter angefangen - 3 Jahre ein 16 Stundentag + Samstag, um die Rückstände aufzuarbeiten - meine 4 Kinder kamen allerdings erst später. Ich frage mich wirklich, was diese Jammerei soll.

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reverend.speaks 20.06.2018, 11:08
92. Jaja, schon klar

Zitat von mr_t
... wie das System "Krankenhaus" läuft. Als Chefarzt kann ich sagen, dass es natürlich um Zahlen geht. Und an den Universitätskliniken darüber hinaus auch um Forschung und Lehre. Ich war selbst viele Jahre Professor und Oberarzt an einer Universitätsklinik. Man muss lernen, sich .......
Wer im neoliberalen Ausbeuterwahn nicht zurecht kommt, hat also selbst schuld, Ja, das ist das Mantra unserer neuen profitorientierten Religion. Dabei ist es der größte Irrtum, dass mit Gesundheitsdienstleistungen Profit erzeugt werden kann. Es sind Kosten, es ist die notwendige Daseinsvorsorge. Profit können Sie mit dem Verkauf von Eis oder Flatscreens machen. Es ist beängstigend, wie Sie eine Universitätsklinik als Hamsterrad beschreiben, in dem nur die härtesten durchkommen.

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Marellon 20.06.2018, 11:09
93. Bitte andere Tätigkeit suchen

Diese Dame soll bitte eine andere Tätigkeit suchen. Ein "nettes Wort" an einen Patienten dauert nicht "zehn Minuten", das hat man in ein paar Sekunden, und man hat immer Zeit dafür. Den Puls am Fuss kann man nicht nur messen, wenn der Parkinsonpatient sich die Hosen selbst auszieht; die Frau Doktor kann dem Mann die Hosen hochschieben. Ihre beiden Kinder hat sie mit irgend jemandem wohl freiwillig gemacht; wenn sie deren Betreuung und Erziehung nicht mit ihrem Beruf unter einen Hut bringen kann, soll sie nicht rumjammern. Dem Fass den Boden haut die Bemerkung aus, die jungen Ärzte hätten "ein Leben". Was soll das?! Die Dame hat das Leben einer Ärztin gewählt. Die Gemeinschaft bezahlt ihr die Ausbildung. Die Frau Doktor hätte sich vor ihrer Berufswahl merken sollen, dass Patienten nicht von neun bis fünf krank sind, sondern immer. Das meiste, was sie beklagt, ist eine Einstellungssache - zum Beispiel auch die Bereitschaft, mit dem Chef in eine höfliche Diskussion zu treten statt zu schlucken -, und mit einer positiven Einstellung würde sie eine gute Ärztin. So aber trägt sie ein übles System weiter. Sie soll bitte eine andere Tätigkeit suchen.

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Persepolis 20.06.2018, 11:10
94.

Zitat von mr_t
... wie das System "Krankenhaus" läuft. Als Chefarzt kann ich sagen, dass es natürlich um Zahlen geht. Und an den Universitätskliniken darüber hinaus auch um Forschung und Lehre. Ich war selbst viele Jahre Professor und Oberarzt an einer Universitätsklinik. Man muss lernen, sich besser zu organisieren. Das fängt bereits zu Hause an. Auf mich wirkt die Kollegin wenig belastbar. Der Artikel .......
Meiner Meinung nach sind Menschen wie sie ein Teil des Problems. Nur weil sie das System besser "Ausgehalten" haben und darin Karriere gemacht haben, heißt das noch lange nicht, dass sie von Sich und Ihrer Position leichtfertig auf andere schließen sollen. Solidarität ist der Rohstoff, der uns fehlt und gerade Mediziner in Ihrer Position müssten eigentlich jungen Mediziner eine bestimmte "menschliche" Haltung vorleben.
Und btw.: Subjektiv ist diese Darstellung des ärztlichen Alltags nicht, wie ich aus Berichten von Kollegen aus verschiedensten Häusern (Unikliniken, kirchlichen Institutionen, städtischen) herauslesen kann.
Aber für Sie sind das wohl alles überspitzt Formuliert "Weicheier" und allerhöchstens geeignet als "Wald und Wiesen" Mediziner zur Blutdruckeinstellung auf dem Land.

Zum Glück hab ich nicht so einen als Chef.

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Freidenker10 20.06.2018, 11:10
95.

Wäre doch mal eine Recherche des Spiegel wert herauszufinden wohin die zig Milliarden die ins Gesundheitssystem fließen versickern wenn bei den handelnden Akteuren wie Pflegern und Ärzten nichts ankommt! Ich habe da so meinen Verdacht aber einen investigativen Artikel wäre das Thema wert!

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charlybird 20.06.2018, 11:10
96. Einfach irre,

was ich hier für Kommentare lesen darf, es geht nicht um kaputte Autos, sondern um Menschen.
Das scheint aber die Zukunft zu werden, wenn man Gesundheit ausschließlich dem ''Markt'' überlässt.
Eine Parallele zur Seniorenpflege ist ja nicht zu übersehen.
Hingegen jede Tierklinik und jeder Tierarzt scheint in diesem Land dabei besser ausgestattet, organisiert und personalisiert zu sein, als unsere Krankenhäuser für die Zweibeiner, wenn man einmal von den Exklusivhäusern absieht.
Fürs Hundilein nur das Beste, fürs Menschilein das Nötigste.
Da kommt er dann durch der Privatisierungswahn und bei vielen Kommentatoren eine bemerkenswerte Unterentwicklung, wohl sozialbedingt, des Empathiefaktors.
Bei der heutigen technischen Entwicklung, der Ausbildung, den Möglichkeiten, dem Geld, etc. müsste es eigentlich möglich sein, ein funktionierendes Gesundheitssystem zu organisieren, so dass solche wandelnden Halbleichen als Personal in verantwortungsvollen Positionen vermieden werden könnten.
Aber es ist wohl die Verteilung des Geldes, die Gier und offenbar das Ziel Geld machen zu wollen, anstatt zu heilen und helfen.
Das wäre so mein Eindruck, und natürlich wird es die berühmten Ausnahmen geben.

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stebiel 20.06.2018, 11:12
97. Ökonomie regiert

Der Artikel gibt die Wahrnehmung vieler junger Ärzte (und bes. Ärztinnen) richtig wieder. Es rächt sich, dass die Politik viel zu lange dem Credo nachgehangen hat, dass sich Gesundheit rein marktwirtschaftlich organisieren lässt. Die Ärzte (auch die Chefärzte) sind weitgehend entmachtet, die Ökonomie (Geschäftsführer) regiert. Alles, was sich nicht rechnet (Gespräche, körperliche Untersuchung) lässt man am besten bleiben. Alles, was sich rechnet (teure Eingriffe) wird immer mehr gemacht. Krankenhäuser sind aber keine reinen Wirtschaftsbetriebe wie ein Supermarkt. Der kann nämlich seine Preise nach dem Markt ausrichten, was das KH nur in sehr engen Maßen kann (klar, Mitarbeiter in Supermärkten werden auch ausgebeutet!). Da die Preise im Gesundheitswesen weitgehend fixiert sind und die Länderfinanzierung der Krankenhausinvestitionen (neue Geräte, Renovierung etc.) weitgehend ausbleibt, können die Krankenhäuser nur durch ständige Leistungssteigerung überleben. Was die geschilderten Arbeitszeiten anbelangt, wundert mich der Artikel allerdings etwas, denn auch Unikliniken sind an das Arbeitszeitgesetz gebunden. Mit einer einfachen anonymen Anzeige beim Amt könnte die Kollegin das Problem u.U. lösen. Die kommen nämlich dann in die Klinik und schauen sich die Dienstpläne an. Wenn das nicht passt, muss eben mehr Personal eingestellt werden. U.U. müssen auch empfindliche Strafen gezahlt werden. Nur: da auch zu wenig Ärzte ausgebildet wurden, gibt es keine zusätzlichen Ärzte am Markt. Das war lange absehbar, aber die Politik hat auch hier wieder geschlafen, weil ja noch so viel "Optimierungspotential" in den Krankenhäusern bestehe.
Dazu kommt noch, dass Frauen unter der aktuellen Situation mehr leiden, denn der Arbeitsplatz Krankenhaus mit Rufbereitschaften, Nachtdiensten etc. ist auf Familienplanung noch nie gut eingestellt gewesen. Der Arztberuf war schon immer stressig und daher früher überwiegend männlich. Jetzt studieren zu 80% Frauen Medizin und die wundern sich dann später tatsächlich, welches Arbeitspensum auf sie zukommt. Das ist ein fast unauflösbarer Konflikt. Schon seit einiger Zeit wird unter der Hand von manchen Medizinern eine "Männerquote" bei der Zulassung zum Medizinstudium gefordert.

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streckengeher 20.06.2018, 11:12
98. Die Ursache des ganzen Irsinns steckt in einem Satz

Zitat: "Es geht nicht darum, gute Medizin zu machen. Es geht darum, viele Patienten durchzuschleusen, gute Zahlen zu bringen." Genau das ist es. Eine einzige Fehlentscheidung, von der Politik zu verantworten, zerstört wie ein schleichendes Gift den Sinn des Gesundheitswesens. Klinken sind nicht zur Gewinnerzeilung da, sondern um Menschen zu heilen. Sie dürfen nicht einem Wettbewerbsdruck um die geringesten Kosten ausgesetzt sein, sondern allenfalls einem um die besten Heilleistungen. Es ist zwar Rufen in der Wüste - aber ich bitte alle Leser, bei der nächsten Wahl einfach mal die Konsequenzen zu ziehen. Es ist unser aller Leben.

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hörwurm 20.06.2018, 11:12
99. alles sehr witzig

Außer vielleicht im Zirkus hat in unserer Gesellschaft Enthusiasmus in keinem Beruf etwas zu suchen. Überall dort, wo man mit Menschen zu tun hat, als Lehrer, Arzt, Krankenpfleger usw., steht diese Eigenschaft den Menschen regelmäßig im Wege, weil sie ungerecht macht. Man unterscheidet in Freund und Feind und verteilt danach seine Sympathien. Nur, Menschen begreifen das nicht. In jedem Beruf geht es um Gewinnmaximierung, um den Gierigen den Mund zu füllen. Überall bilden sich Cliquen, werden Intrigen gesponnen auf der Basis von Sympathie, Antipathie und Opportunismus. Unsere Moral heißt Konsumsucht. Danach wird alles Erdenkliche konsumiert, Liebe Macht, Sport und eben auch das Produkt einer medizinischen Industrie. Selbst als noch Nonnen oder Stiftsfräulein Kranke versorgten, ging es um den Konsum der Liebe Gottes oder der Sympathie des Professors. Dafür opferte man sich auf und hielt 24 Stunden am Stück Wache am Krankenbett. Es gab Berufe, wo man erst im Alter von 27 Jahren heiraten durfte, um sich bis dahin der uneingeschränkten Arbeitskraft dieser Menschen zu versichern. Alles Wissen, das den heutigen Menschen fehlt, weil man es zum Smartphone-Bedienen nicht braucht. Wir sind eine Gesellschaft ohne Moral, ohne Gewissen, ohne tatsächliche Bildung. Es gibt lediglich Verteilungskämpfe und versteckte Aggression, die im Netz zum Ausbuch kommt. Die schmierige Freundlichkeit, die mir im Alltag entgegen gebracht wird, ist dabei lediglich eine häßliche Maske, hinter der sich grenzenlose Verlogenheit versteckt. Gerade diese Verlogenheit ist der Brennstoff unserer Gesellschaft. Wer dann glaubt, mit Enthusiasmus an irgendeine Sache heran zu gehen, hat schon verloren, weil er von anderen Menschen missbraucht und aufgerieben wird.

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