Forum: Gesundheit
Bipolare Störung: Feuer im Blut
Corbis

Zwischen ausufernder Euphorie und Todeswunsch: Menschen mit bipolaren Störungen erleben ein gefährliches Wechselbad der Gefühle. Die manisch-depressive Erkrankung bleibt oft unerkannt - das kann die Betroffenen das Leben kosten.

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Bruder Theodor 09.12.2014, 13:15
1. Mensch und seine Revolte

Und wenn genau dieses "Einregeln", das Sie nennen, was dann ein "normales" Arbeitsleben mit sich bringen muß, was sich über eine "akzeptable Produktivität" definiert, erst das ist, was die bipolare Störung als Krankheit hervorbringt? Die Krankheit gab es schon vor den Medikamenten, daher: Wie zeigte sich die Krankheit vor 1000 oder 2000 Jahren? Ein Krankheitsbild ist nicht gleich Krankheit. Ein Krankheitsbild trägt ein jeder in sich, und nicht jedes Krankheitsbild entwickelt sich zur Krankheit oder dahin, dass die Krankheit, Krankheit heißt übersetzt Spaltung, auch ausbricht. Wo steckt die sinnvolle Anordnung der Natur, die hinter jedem Phänomen zu finden ist? Wie sieht es in jedem Fall, der mit einer Psycho-Erkrankung vorliegt, mit den Eltern und dem Elternkomplex des oder der Betroffenen aus? Wie also ist eine Psycho-Erkrankung in einem Zusammenhang zu sehen, als dass er Folge auch von Wechselwirkungen mit Herkunft und Umwelt ist? Was ist die Elternloslöse, was ist "Die große Ablösung", und spielt die eine Rolle in dem "Zusammenhang"?

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Here Fido 09.12.2014, 13:30
2.

Zitat von Bruder Theodor
Und wenn genau dieses "Einregeln", das Sie nennen, was dann ein "normales" Arbeitsleben mit sich bringen muß, was sich über eine "akzeptable Produktivität" definiert, erst das ist, was die bipolare Störung als Krankheit hervorbringt? Die Krankheit gab es schon vor den ......
Ach wissen Sie, wenn Sie das einmal hautnah erlebt haben, dann wird Ihnen klar, das das eine glasklar körperliche Erkrankung ist und nicht durch psychische Probleme verursacht wird.

Das bedeutet auch, dass Sie nur mit Medikamenten in den Griff zu kriegen ist. Eine Gesprächstherapie mag allenfalls ergänzend nützlich sein, um den Patienten in ruhigeres Fahrwasser zu kriegen.
Viele Patienten zeigen leider gar keine Einsicht, dass Sie krank sein könnten, besonders in den anstrengenden manischen Phasen. Oft wollen Sie die (hypo)manischen Phasen auch bewusst genießen und nicht mit Medikamenten dämpfen.

Ihre sinnvolle Anordnung der Natur in jeden Phänomen halte ich für baren Unsinn. Krebs ist auch keine sinnvolle Anordnung der Natur sondern einfach eine tödliche Krankheit.

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olivervöl 09.12.2014, 13:35
3. Stephen Fry

Wer sich für das Thema interessiert und Englisch versteht, dem sei der Film "The Secret Life of the Manic Depressive" von Stephen Fry empfohlen, auch als DVD erhältlich, Ausschnitte bei Youtube. Er ist Betroffener und Experte und betont eher die Selbsthilfe, während Kay R. Jamison die konventionelle Behandlung vertritt.

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dwg 09.12.2014, 13:35
4.

Es hat schon seinen guten Grund, warum Menschen mit einer (milden) bipolaren Störung "uneinsichtige" Patienten sind und, wenn überhaupt, lediglich die depressiven Phasen behandeln lassen wollen.
Eine nicht unerhebliche Zahl von Komponisten, Musikern, Schauspielern, aber auch Wissenschaftlern haben eine bipolare Störung und dabei nicht das Gefühl darunter zu leiden, sondern haben gelernt damit umzugehen und teilweise davon zu profitieren.
Oft ergibt sich eine "Behandlungsbedürftigkeit" erst in Berufen, bei denen der Schwerpunkt auf "zuverlässig funktionieren" liegt.

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Koozebane 09.12.2014, 13:53
5. @Bruder Theodor

Diese Einstellung zeigt doch genau, dass Sie Menschen mit Depressionen, bipolarer Störung nicht ernst nehmen. Geben Sie einem Diabetiker auch den guten Rat, er soll erstmal seine Familienprobleme lösen, dann funktioniert die Bauchspeicheldrüse schon wieder?

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hedente 09.12.2014, 13:55
6. Danke an Here Fido (Kommentar oben)

Da kann ich mich nur absolut anschliessen. Als sehr nahestehende Verwandte zweier Fälle unterschiedlicher Ausprägung weiss ich mittlerweile sehr gut, wovon ich spreche. Und mittlerweile vertrauen sich mir eine Unzahl von Menschen an, denen es sonst absolut peinlich ist, ihre Geschichte bzw. die ihrer Angehörigen zu teilen wg Stigmatisierung. Es ist eine biochemische physiologische Erkrankung mit genetischen Ursachen, die in erster Linie mit einerm gestörten Dopmanin-Stoffwechsel im Gehirn zusammenhängt Alles andere ist Humbug und klingt in etwa so: Früher war die "Seele im Bauch, dann im Herzen, dann im Kopf", aber je weiter die Naturwissenschaft forscht, desto mehr wissen wir, dass es eine grundsätzliche Resilienz und eine hormonelle Gesamtsituation ist, die derzeit leider nur symptomatisch mit Hilfe von Pharmazie und begleitender Verhaltenstherapie in den Griff zu kriegen ist.

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nettes Gespräch 09.12.2014, 15:07
7.

Zitat von hedente
Da kann ich mich nur absolut anschliessen. Als sehr nahestehende Verwandte zweier Fälle unterschiedlicher Ausprägung weiss ich mittlerweile sehr gut, wovon ich spreche. Und mittlerweile vertrauen sich mir eine Unzahl von Menschen an, denen es sonst......
Als naher Verwandter einer Patientin mit einer ähnlichen Erkrankung stimme ich Ihnen im meisten völlig zu.
Aber ich würde schon sagen, dass Stress eine Rolle für Häufigkeit und Stärke der Phasen spielt? Da gibt es viele Studien zu und sogar schon molekulargenetische Erklärungen für (bestimmte Chromosomen sind auffällig, die für die Stressverarbeitung bedeutsam sind).

Insofern ist Psychotherapie, wenn sie hilft Stress zu reduzieren (ob jetzt über Anleitung zu Symptom-früherkennung, Entspannungsübungen, Veränderung des Freizeit- und Arbeitsverhaltens, oder Aufarbeitung früherer Probleme) und somit eine Beachtung der "seelischen" Komponente schon hilfreich, denke ich. Gleiches gilt aber vmtl. für viele stressassoziierte Erkrankungen.

Ich nehme aber auch an, dass manche Menschen so eine starke Anlage haben, dass quasi jeder Stress eine Phase auslösen kann, und man kann keine Zuckerwattewelt bauen. UND dann kommt ja auch noch das hormonelle System dazu, das (z.B. bei Verliebtheit, Schwangerschaft o.ä.) das Ganze plötzlich aus dem Gleichgewicht bringen kann, ohne dass irgendwelche typischen Stressauslöser eine Rolle spielen. Daher kann man im Einzelfall nicht sagen "Haben die Angehörigen sich also nicht genug gekümmert", oder "Da scheint das Stressmanagement des Patienten nicht zu funktionieren". Weil man eben überhaupt nicht wissen kann, ob die Anlage nicht so stark ist, dass die Person die Erkrankung oder den Schub auf jeden Fall bekommen hätte.

Sie haben Recht, dass eine Ignoranz ggü. biologischen Grundlagen und eine veraltete "Schuldigen-Suche" (aaah deine Eltern haben dich nicht genug geliebt, deshalb bist du manisch geworden) wenig bringt und sogar gefährlich ist. Aber manche Menschen machen es sich gerne einfach...

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Here Fido 09.12.2014, 15:18
8.

Zitat von nettes Gespräch
Als naher Verwandter einer Patientin mit einer ähnlichen Erkrankung stimme ich Ihnen im meisten völlig zu. Aber ich würde schon sagen, dass Stress eine Rolle für Häufigkeit und Stärke der Phasen spielt? Da gibt es viele Studien zu und sogar schon .......
Wie ich schon sagte, ist eine Gesprächstherapie begleitend auf jeden Fall sinnvoll.
Aber sie ist kein Ersatz für eine unbedingt notwendige medikamentöse Therapie.
In einem mir sehr nahe stehenden Fall hat unsere Familie über Jahrzehnte verzweifelt versucht, den behandelnden Arzt neben der Gesprächstherapie auch Medikamente zu verordnen. Er hat aber lieber "Eheprobleme" besprochen, die lediglich in den manischen Phasen vorhanden waren. Unser Scheitern und sein Versagen endeten tödlich.

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diamorphin 09.12.2014, 15:24
9. Selbst betroffen...

...und etwa knapp 10 Jahre ohne Diagnose, Therapie & Medikation durchs Leben gelaufen, was mir sehr sehr viele Nachteile bis hin zu mehreren Suizidversuchen und anderen Sachen ausgeartet sind.
Manie wird oft romantisiert, es ist zwar korrekt das viele Erkrankte dann überdurchschnittlich viel Energie usw. besitzen, aber die Nachteile und Gefahren überwiegen bei Weitem die Vorteile. Selbst die Hypomanie ist nicht ganz ohne. Manie kann im Extremfall zu tödlichen Gefahren führen (wie im Artikel beschrieben mit dem Auto und Unverwundbarkeits-Gedanken) oder einem kurzerhand finanziell ruinieren.

Was den Arbeitsmarkt angeht, da man nicht längerfristig ohne Schwankungen auskommt meist (trotz Medikation, dann sind die Effekte einfach viel geringer bis zeitweise im Idealfall nicht vorhanden), ist es beinahe unmöglich, den Anforderungen der Wirtschaft gerecht zu werden.

Nach etwa 12 Jahren auf dem Arbeitsmarkt musste ich einsehen, das es nicht mehr geht und das eine IV-Rente die bessere Wahl war (in der Schweiz, wohlgemerkt, die IV-Renten sind um einiges höher mit den Zusatzleistungen).
Dank der Frührente hat sich mein Zustand enorm stabilisiert, auch dank Therapie & Medis.

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