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Drastischer Rückgang: Ärzte machen immer seltener Hausbesuche
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Ärzte kommen in Deutschland immer seltener zu ihren Patienten nach Hause. Die Zahl der Besuche ist seit 2009 um mehrere Millionen gesunken. Viele Mediziner haben Angst, auf den Kosten sitzen zu bleiben.

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skeptiker53 13.06.2018, 14:05
20. Anderen Grund ?

Möglich gibt es noch ganz einfach einen anderen Grund für diesen 17%igen Rückgang der Zahl der Hausbesuchen. Seit 2009 ist die Zahl der real praktizierenden Hausärzte rückläufig, zuerst auf dem Lande, jetzt auch in den Städten. Und wo manch' alter Hausarzt doch noch einen Nachfolger findet, ist es plötzlich ein Nephrologe oder anderen spezialisierten Facharzt. Der darf tatsächlich Nachfolger werden, weil er "auch" Internist ist, wird dann aber rein fachärztlich tätig, natürlich ohne Hausbesuche. Und wieder haben viele Patienten keinen Hausarzt mehr. Die verbliebenen Allgemeinmediziner ackern noch genauso viel wie früher, inkl. Hausbesuche. Bezahlung ? Ach, es gibt sovieles was die KV entweder unbezahlt erpresst oder im nachhinein zurückzahlen lässt, da kann man gar nicht mehr auf achten: die Patienten brauchen es trotzdem....

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c.PAF 13.06.2018, 15:47
21.

Meine Frau hat früher Musikunterricht gegeben und in ländlicher Region auch Hausbesuche gemacht. Und nicht nur einmal mußte sie sich die Frage gefallen lassen, warum 30 Minuten Unterricht 2.- teurer sind als der Unterricht in den Räumen meiner Frau. Dafür habe man kein Verständis...
Am "Fahrtag" saß meine Frau meist eine gute Stunde insgesamt im Auto. "Mehrerlös" an dem Tag 10.- (Benzinkosten etc. noch nicht abgerechnet). Hätte sie diese Stunde für Unterricht genutzt, hätte sie 30.- eingenommen und keine Fahrzeugkosten gehabt.
Nach einem Jahr hat sie den Service mit den Hausbesuchen wieder eingestellt...

Die Ärzte verdienen pro Hausbesuch 20.- zuätzlich? Nach Abzug aller Kosten und Berücksichtigung der Fahrtzeiten wäre es für diese sicher auch lukrativer, in der Praxis zu bleiben und dort die Patienten zu betreuen. Trotzdem machen sie Hausbesuche - und bekommen dann eins auf den Deckel. Das macht mich echt fassungslos!

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CancunMM 13.06.2018, 16:15
22.

Zitat von skeptiker53
Möglich gibt es noch ganz einfach einen anderen Grund für diesen 17%igen Rückgang der Zahl der Hausbesuchen. Seit 2009 ist die Zahl der real praktizierenden Hausärzte rückläufig, zuerst auf dem Lande, jetzt auch in den Städten. Und wo manch' alter Hausarzt doch noch einen Nachfolger findet, ist es plötzlich ein Nephrologe oder anderen spezialisierten Facharzt. Der darf tatsächlich Nachfolger werden, weil er "........
Das stimmt so nicht !
Wenn ein Internist eine Hausarztpraxis übernimmt ist er genauso in der hausärztlichen Versorgung wie der Allgemeinmediziner und macht natürlich auch Hausbesuche. Einen Fachinternisten gibt es fast gar nicht mehr. Die meisten Internisten als Fachärzte haben noch eine weitere Spezifizierung wie Gastroenterologe oder Kardiologe. Alles andere macht kein Sinn. Und ich habe auch noch nie einen Nephrologen gesehen, der eine Hausarztpraxis übernimmt. Sie können eine Hausarztpraxis nur als Hausarztpraxis weiter führen und nicht als Fachinternistische Praxis.

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CancunMM 13.06.2018, 16:27
23.

Das ganze System ist irrsinnig. Würde ich alle meine Patienten entsprechend der Leilinien mit Physiotherapie versorgen und Laborabnahmen zur Kontrolle der Medikamenteneinnahme durchführen, müsste ich die Praxis schließen.
Ich habe mich 2010 niedergelassen und bereits 2012 bzw. 2013 bekam ich eine Regressandrohung über 30 000 Euro für zu viel verordnete Physiotherapie. Am Tag als ich den Brief von der KV erhielt, stellte die Barmer ihren Krankenkassenreport unter Mithilfe von Glaeske vor. In diesem ging es um Tennisarme usw. und das die Ärzte deswegen zu viel Medikamente und zu wenig Physiotherapie verordneten. Hätte ich alle Tennisarme mit Physiotherapie behandelt, wäre meine Regressandrohung wahrscheinlich nochmal um 10000 Euro höher gewesen. Und noch ein Bespiel für den Irrsinn: Meine Praxis ist ebenerdig. Die Parkplätze direkt davor. Also können auch Patienten zu mir kommen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Brauchen die nun Physiotherapie können die im Ort nur zu einer Praxis gehen. Die ist aber nur über Treppen zu erreichen, die manche nicht mehr bewältigen können. Wenn ich nun auf der Verordnung Hausbesuch durch den Physiotherapeuten ankreuze, werde ich in Regress genommen mit der Begründung ich würde ja auch keinen Hausbesuch beim Patienten machen, dann brauch der Physiotherapeut auch nicht zum Hausbesuch. Jetzt gibt es 2 Möglichkeiten. Ich verweigere das Kreuz auf der Verordnung und riskiere den Unmut des Patienten und das er nicht mehr kommt, weil er viele Kilometer zu einem anderen Therapeuten fahren muss, der z.B. eine Fahrstuhl hat oder ich mache nun bei dem Patienten Hausbesuche, obwohl eigentlich nicht notwendig, damit er auch das Kreuz beim Hausbesuch des Therapeuten erhält. Verrückt !

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ramon 13.06.2018, 16:33
24. Typisch Technokratische Herangehensweise

Zitat von Pitter3
Irgendwie finde ich das mit der Rückzahlung ein wenig merkwürdig. Der Arzt soll einen "hohen fünfstelligen Betrag" für zuviel gemachte Hausbesuche zahlen. Wie hoch ist ein hoher fünfstelliger Betrag? Nehmen wir für unsere Rechnung 60000 Euro, um auf keinen Fall zu hoch zu liegen. Gleichzeitig steht in dem Artikel, ein Hausarzt erhalte 20 Euro für den .........
Ist eine tolle mathematische Rechnung, die sie da aufgemacht haben. Den Faktor Mensch haben sie aber komplett rausgekürzt. Zunächst einmal kann ein Hausbesuch auch im Pflegeheim stattfinden. Ansonsten können sie mir glauben, es gibt wirklich alte „unbeholfene“ Menschen, bei denen es Sinn macht, dass ein Arzt nur kurz vorbeischaut. Um ein einfaches Beispiel zu nennen:Was meinen Sie wieviel Diabetiker mit chronischen Wunden herumlaufen oder nach Operationen eine wundkontrolle benötigen? Im übrigen ist das eine Milchmädchen Rechnung. Die Leute behelfen sich immer mehr damit, dass sie einfach den Notarzt rufen, was viel teurer ist.

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tales.dom 13.06.2018, 16:36
25. Wer

so viele falsche Gefälligkeitsatteste ausstellt, hat entweder genug Geld gemacht, oder schlicht keine Zeit für andere Dinge. Siehe Report München.

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specialsymbol 13.06.2018, 20:09
26. Haha! Wie lustig.

Ich war kürzlich bei meinem Hausarzt und durft erstmals einen Tobsuchtsanfall bei einem Mediziner erleben. Der Grund: nicht etwa weil ich wegen einem Schnupfen kam, sondern weil er eine Liste mit Rückforderungen seiner Krankenkasse bekommen hatte.

Er zeigte mir eine geschwärzte Kopie, es ging auf vier Seiten um Beträge von überwiegend ca 4€, etwa zwei mal um bis zu 80€ (im Altersheim) - und die Kasse wollte zu jedem Hausbesuch eine Rechtfertigung haben, da sie diese anfocht.

Der Clou: Die Hausbesuche waren von 2014... und der Mediziner sollte sich nun zu jedem Fall erinnern.

Dieses System ist krank. Wer jemanden beschäftigt, der vier Jahre zurückliegende Fälle wegen 4€ anfechten lässt, ist krank.

Wir müssen die Krankenkassen abschaffen und endlich eine einheitliche, staatliche Gesundheitsvorsorge schaffen. Die Mär vom "Wettbewerb" ist eine Verarschung, das funktioniert ganz offensichtlich nicht. Mag sein dass da irgendwer irgendwo Gewinne abschöpfen kann - die Ärzte und vor allem die Patienten gewinnen offensichtlich nicht. Gesundheitsversorgung darf kein Geschäft sein, das ist unmoralisch und verabscheungswürdig.

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hollens 13.06.2018, 21:26
27. Hausbesuche nicht sanktionieren

So einfach kann man es sich - wie immer - nicht machen. Das Thema Hausbesuche ist nämlich heikel. Ich habe während meiner Ausbildung zum Hausarzt noch Zeiten erlebt, wo wöchentlich geplante Hausbesuche in Pflegeheimen und bei bedürftigen Patienten durchgeführt wurden, ob nun was war oder nicht. Das war vor der Budgetierung der Hausbesuche und vor der Regressandrohung. Ein gewisser finanzieller Reiz steckte schon dahinter, trotz der gegenüber Handwerkern eher geringen Bezahlung. Ärzte stellen sich halt gerne ins Hamsterlaufrad, nach dem Motto: viel bringt viel. Der Bock ist hier früher der Gärtner gewesen, denn wer gleichzeitig abrechnet und die medizinische Notwendigkeit feststellt... man kann es sich denken.
Das hat besonders bei den betagteren Patienten zu gewissen Ansprüchen geführt. Ich höre heute noch fast wöchentlich in der Sprechstunde: "Mein alter Hausarzt ist immer nach Hause gekommen... auch bei Husten, Schnupfen, Heiserkeit", genau so wie früher das Geschäft mit den "Aufbauspritzen" blühte und statt dem Rat zu mehr Bewegung bei "Rücken" eine Dexa/Diclo i.m. verabreicht wurde. Heute ist das natürlich anders, zum Glück.
Wir jüngeren Ärzte sind aber in einem Spannungsfeld. Einerseits ist es wirtschaftlich unvernünftig, Hausbesuche zu machen. Sie werden exorbitant schlecht bezahlt und kosten wirklich viel Zeit, vor allem auf dem Lande. Zeit, die wir neben der Sprechstunde für die überbordende Dokumentation brauchen und Zeit, in der andere (fachärztliche) Kollegen schon den Feierabend genießen. Andererseits fühlen wir uns ethisch verpflichtet, immobilen kranken Menschen auch beizustehen. Kommt hinzu, daß aus den Angaben am Telefon eine medizinische Fachangestellte nur schwer über die Dringlichkeit eines Besuchs entscheiden kann. Hab schon alles erlebt, vom Patienten mit "leichten Magenschmerzen", bei dem ich sofort den Notdienst rufen musste bis zur Patientin die mir ins Gesicht sagte, daß ihr das Wartezimmer zu voll gewesen sei.
In diesem Spannungsfeld kann schlechterdings nicht nach Statistik entschieden werden. Wenn Hausbesuche nach Anforderung und Bedarf durchgeführt werden sollen, und Fehl-Anforderungen durch Patienten oder die besonders häufigen Anforderungen durch Pflegepersonal in Einrichtungen, die sich nur absichern wollen, nicht sanktioniert werden, dann darf der Hausarzt nicht auch noch mit Regressen rechnen müssen.
Sonst braucht sich niemand wundern, wenn es immer weniger Hausbesuche und immer weniger Hausärzte gibt.

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practicus 13.06.2018, 23:09
28. Vor 30 Jahren

erzielte mein Praxisvorgänger noch fast die Hälfte seines Umsatzes mit Hausbesuchen. Nachdem in Nordrhein jahrelang "normale" Hausbesuche ins begrenzte "Regelleistungsvolumen" fielen, habe ch nur mehr unabweisbare dringende Besuche durchgeführt - warum sollte ich Patienten unzureichend bezahlt zuhause aufsuchen, die alle Fachärzte selbstverständlich in ihren Praxen aufsuchen können? Der Gewinn an Lebensqualität und Freizeit durch diese Strategie war so enorm, dass ich "Betreuungsbesuche" mit Sicherheit nicht mehr aufnehmen werde - auch wenn sie wieder bezahlt würden. Für die "Wegepauschale" eines Handwerkers stelle ich meine ärztliche Leistung sicher nicht zur Verfügung. Und ich bin sicher nicht der einzige Hausarzt, der diese Erfahrung gemacht hat.
Wer seine Primärärzte wie Fußabtreter behandelt und öffentlich zu Dackeln des Gesundheitswesens macht, braucht sich nicht zu wundern, wenn der Nachwuchs ausbleibt

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kpkuenkele 13.06.2018, 23:45
29. Zu viele Ärzte für den nicht wachsenden Gesundheitsbudgetkuchen

Trotz stark wachsender Ärztezahlen - die Zahl hat sich von 1990 bis heute fast verdoppelt - wird es immer schwerer einen Termin zu bekommen oder gar zu Hause aufgesucht zu werden. Der Grund liegt - auch wenn dies zuerst paradox erscheint - eben in der gestiegenen Zahl der Ärzte. Jede Arztpraxis hat ihre Fixkosten. Bei doppelt so vielen Ärzten steigt auch die Summe der Fixkosten, Budget, das dann für die Behandlung der Patienten nicht mehr zur Verfügung steht. Aufgrund der Deckelung der Ausgaben bleibt den Ärzten nichts anderes übrig, als die Öffnungszeiten der Praxen immer weiter zu verkürzen um bei den variablen Kosten zu sparen. Die Lösung lautet also, fürs Erste keine weiteren Ärzte mehr in das staatliche Gesundheitssystem aufzunehmen und das Budget pro Praxis schrittweise wieder zu erhöhen.

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