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Genie und Wahnsinn: Wohl dem, der eine Macke hat
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Ob ADHS, Asperger oder Legasthenie: Psychische Störungen sind längst nicht nur immer ein Nachteil - sondern Quell für Kreativität und ungewöhnliche Leistungen. Etliche erfolgreiche Künstler, Erfinder oder Unternehmer sind leuchtende Beispiele dafür.

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der__Thomas 10.04.2014, 12:19
1. wenig substantiell

Der Artikel ist leider wenig substantiell sondern eher eine werbe-Veranstaltung für das Buch des Autors. Schade drum, denn das Thema ist spannend und betrifft vermutlich einen durchaus nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung (nur ADHS berücksichtigend).

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meinemeinung: 10.04.2014, 13:04
2. Diagnosen?

Was bringt es Menschen in Kategorien einzuteilen und diesen in Form von Diagnosen ein Etikett zu geben? Was bedeutet es für den Menschen dem dies geschieht?
Häufig ist es mit einer Stigmatisierung verbunden die Vorurteile und ein bestimmtes Selbstbild fördern, mit der Tendenz das der Mensch immer mehr zu dem wird, was dem Etikett entspricht das er bekommen hat.
Dabei spielt es keine große Rolle ob die Vorurteile die damit verbunden sind positiv oder negativ ausfallen.In beiden Fällen ist es der Mensch der hinter den Vorstellungen und Urteilen verschwindet.
Auch die Frage danach wie die eventuell vorhandenen Symptome sich überhaupt entwickelt haben wird dann nicht mehr gestellt. Es wird ein "Ist-Zustand" geschaffen, das den Menschen auf eine bestimmte Symptomatik festlegt und so wenig Chancen für Ursachenforschung, Verarbeitungsprozesse und Veränderung lässt.
Oft ist selbst derjenige der ein solches Etikett bekommt erleichtert, denn er kann jetzt sagen das er nun mal krank sei und ein entsprechendes Verständnis erwarten, und jede Auseinandersetzung mit den Ursachen und Vorgängen im eigenen Inneren bleibt ihm so erspart.
So verständlich ein solcher Wunsch ist,bleibt er doch mit den entsprechenden Nachteilen verbunden, den der Mensch droht so noch mehr den Kontakt mit seinem Inneren zu verlieren.
Aus meiner Sicht ist es die Sprache der Diagnosen, die bereits Teil des Problems ist und so eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Ursachen verhindert.

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psychologiestudent 10.04.2014, 13:37
3.

Zitat von meinemeinung:
Was bringt es Menschen in Kategorien einzuteilen und diesen in Form von Diagnosen ein Etikett zu geben? Was bedeutet es für den Menschen dem dies geschieht? Häufig ist es mit einer Stigmatisierung verbunden die Vorurteile und ein bestimmtes Selbstbild fördern, mit der Tendenz das der Mensch immer mehr zu dem wird, was dem Etikett entspricht das er bekommen hat... .
mit einigem was Sie sagen haben Sie recht: Diagnosen können stigmatisieren, den Blick vom Individuum ablenken und von sinvollen Lösungen ab halten. Aber es gibt auch Gründe für ein Diagnosesystem.

a) wir brauchen es für unser staatliches System. Eine Behandlung bekommt, wer sie braucht. Und das wird nun mal überprüft, schliesslich zahlt das die Allgemeinheit.

b) wenn wir keine Diagnosen haben, reden alle Ärzte und Psychologen aneinander vorbei, durch Diagnosen kann man sich besser verständigen.

c) Nur wenn man sich Fälle mit ähnlicher Symptomatik anschaut, kann man überhaupt Aussagen über die "übliche" Entstehung von spezifischen Problemen und evtl. biologische oder soziale Ursachen machen, und überlegen, wie man gesellschaftliche Änderungen herbeiführen kann

d) nur wenn man sich ähnliche Fälle anschaut, kann man untersuchen, welche Therapiemethode wem hilft. Sie können ja auch bei somatischen Problemen nicht einfach wahllos mit Antibiotika um sich schmeissen

Aber natürlich muss das ganze mit dynamischer Diagnostik und einem ganzheitlichen Bild vom Patienten verbunden sein. Das heisst: Die Entwicklung des Menschen sehen, nicht nur ein "gesund" oder "krank". Die spezifischen Lebensumstände, Probleme und Ressourcen registrieren und nutzen oder verändern.

Zum Artikel: Der Herr Blech macht es sich sehr einfach. Natürlich gibt es erfolgreiche Menschen, die ungewöhnliche Wesenszüge haben. Aber
1.sind Diagnosen nur für Menschen, die seelisches Leid zeigen, d.h. ein supererfolgreicher Designer mit speziellen Fähigkeiten und mit einem intakten Privatleben hat kein ADHS, sondern ist gesund.
2. ist die Mehrheit der manisch-depressiven oder autistischen Menschen eben nicht erfolgreich und glücklich, sondern hat mit grösseren Problemen zu kämpfen als der Durchschnittsnormalo. Zudem sind die beschriebenen Fälle keine schweren, sondern leichte oder mittelschwere Fälle. Und die Annahme, dass z.B. van Goghs Auffälligkeiten besonders positiv für ihn gewesen wären (mal abgesehen von unserem Vorteil dass es seine Kunst gab) halte ich für gewagt.

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Sique 10.04.2014, 13:40
4.

Zitat von meinemeinung:
Was bringt es Menschen in Kategorien einzuteilen und diesen in Form von Diagnosen ein Etikett zu geben? Was bedeutet es für den Menschen dem dies geschieht?
Es bringt die Fähigkeit, darüber reden zu können. Was Sie nicht bezeichnen können, darüber können Sie nicht sprechen.

Zitat von meinemeinung:
Häufig ist es mit einer Stigmatisierung verbunden die Vorurteile und ein bestimmtes Selbstbild fördern, mit der Tendenz das der Mensch immer mehr zu dem wird, was dem Etikett entspricht das er bekommen hat.
Das gilt für jede Bezeichnung. Es gibt keine neutralen Wörter, alle sind konnotiert, mit Erfahrungen, Wertungen, Urteilen und Vorurteilen verknüpft.

Zitat von meinemeinung:
Dabei spielt es keine große Rolle ob die Vorurteile die damit verbunden sind positiv oder negativ ausfallen.In beiden Fällen ist es der Mensch der hinter den Vorstellungen und Urteilen verschwindet.
Das ist grundsätzlich so. Kein Mensch hat die Kapazität, weder zeitlich noch mental, sich auf jeden Menschen, dem er im Laufe seines Lebens begegnet, neu und individuell einzustellen. Überlegen Sie, wieviel Zeit Sie brauchen würden, um nur die Leute, die mit Ihnen im Bus fahren, individuell und einzeln kennenzulernen! Dabei interagieren Sie mit ihnen, schauen, neben wen Sie sich setzen, bitten jemanden, Sie zur Tür durchzulassen oder bieten jemandem Ihren Sitz an. All das läuft ausschließlich über Kategorisierung, Vor- und Werturteil ab.

Zitat von meinemeinung:
Auch die Frage danach wie die eventuell vorhandenen Symptome sich überhaupt entwickelt haben wird dann nicht mehr gestellt. Es wird ein "Ist-Zustand" geschaffen, das den Menschen auf eine bestimmte Symptomatik festlegt und so wenig Chancen für Ursachenforschung, Verarbeitungsprozesse und Veränderung lässt.
Und schon sind Sie mitten in der Wertung: "Es muss ja einen Grund haben, dass dieser Mensch so ist. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob ich ihm dafür die Schuld geben will, oder ob ich mich dadurch über ihn erhebe, dass ich ihm mein Mitleid aufdränge." Können Sie nicht einfach akzeptieren, dass dieser Mensch so ist, wie er ist, und dass Sie das ohne Rückgriff auf irgendeine Krankengeschichte beachten sollten?

Zitat von meinemeinung:
Oft ist selbst derjenige der ein solches Etikett bekommt erleichtert, denn er kann jetzt sagen das er nun mal krank sei und ein entsprechendes Verständnis erwarten, und jede Auseinandersetzung mit den Ursachen und Vorgängen im eigenen Inneren bleibt ihm so erspart.
Ah! Sie geben ihm Sicherheitshalber doch die Schuld für sein So-Sein, und sie bürden ihm die Verantwortung auf, sein Ich soweit zurückzudrängen, dass Sie darauf nicht eingehen müssen.

Zitat von meinemeinung:
So verständlich ein solcher Wunsch ist,bleibt er doch mit den entsprechenden Nachteilen verbunden, den der Mensch droht so noch mehr den Kontakt mit seinem Inneren zu verlieren.
Dass der Mensch damit leben kann, wie er ist, und dass er die Frechheit besitzen könnte, nicht unter seinem Selbst zu leiden, ist Ihnen noch nicht in den Sinn gekommen?

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vonwoderwestwindweht 10.04.2014, 13:42
5. ***

Heute geht der Trend zur Norm, und zwar gnadenlos. Die Einzigen, die sich über mehr Toleranz im Vergleich zu früheren Jahrzehnten freuen dürfen, sind Homosexuelle. Heute gilt es flächendeckend als State of the Art zu erklären, das nicht durchschnittlich ist. Ein Fall wie Clara Schumann, die bis zu ihrem 6. Lebensjahr nicht sprach, aber später ganz ohne Therapie usw. eine Weltkarriere machte, einen Haufen Kinder in die Welt setzte, lange Zeit Alleinverdienerin war und sich um ihren schwer kranken Mann kümmerte - heute undenkbar. Sie hätte im Alter von sechs schon eine Reihe von fragwürdigen Therapien hinter sich, die zwar alle gut gemeint wäre, aber übersehen, dass ungewöhnliche Menschen sich Dinge eben nicht auf "normale" Weise aneignen. Die Tatsache, dass Clara Schumann die Welt zunächst ausschließlich hörend und nicht sprechend erfasst, war höchstwahrscheinlich ein wichtiger Baustein zur Entwicklung ihres ganz persönlichen musikalischen Konzepts - bei anderen ist es dann wieder anders.

Es ist erschreckend, dass inzwischen selbst die geringsten "Abweichungen" sofort "wegplaniert" werden und man das auch noch für eine Leistung hält - ohne zu begreifen, dass solche Kinder oft instinktiv genau das für ihre Programmierung Richtige tun.

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herkurius 10.04.2014, 13:46
6. Gemütskrank

Und was genau haben ADHS, das Asperger-Syndrom oder Legasthenie mit Gemütskrankheiten zu tun?

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meinemeinung: 10.04.2014, 14:13
7.

Zitat von Sique
Es bringt die Fähigkeit, darüber reden zu können. Was Sie nicht bezeichnen können, darüber können Sie nicht sprechen. Das gilt für jede Bezeichnung. Es gibt keine neutralen Wörter, alle sind konnotiert, mit Erfahrungen, Wertungen, Urteilen und Vorurteilen verknüpft. Das ist grundsätzlich so. Kein Mensch hat die Kapazität, weder zeitlich noch mental, sich auf jeden Menschen, dem er im Laufe seines Lebens begegnet, neu und individuell einzustellen. Überlegen Sie, wieviel Zeit Sie brauchen würden, um nur die Leute, die mit Ihnen im Bus fahren, individuell und einzeln kennenzulernen! Dabei interagieren Sie mit ihnen, schauen, neben wen Sie sich setzen, bitten jemanden, Sie zur Tür durchzulassen oder bieten jemandem Ihren Sitz an. All das läuft ausschließlich über Kategorisierung, Vor- und Werturteil ab. Und schon sind Sie mitten in der Wertung: "Es muss ja einen Grund haben, dass dieser Mensch ist. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob ich ihm dafür die Schuld geben will, oder ob ich mich dadurch über ihn erhebe, dass ich ihm mein Mitleid aufdränge." Können Sie nicht einfach akzeptieren, dass dieser Mensch so ist, wie er ist, und dass Sie das ohne Rückgriff auf irgendeine Krankengeschichte beachten sollten? Ah! Sie geben ihm Sicherheitshalber doch die Schuld für sein So-Sein, und sie bürden ihm die Verantwortung auf, sein Ich soweit zurückzudrängen, dass Sie darauf nicht eingehen müssen. Dass der Mensch damit leben kann, wie er ist, und dass er die Frechheit besitzen könnte, nicht unter seinem Selbst zu leiden, ist Ihnen noch nicht in den Sinn gekommen?
Wenn ich Sie richtig verstehe, dann erklären sie das es nicht möglich ist einen Menschen so zu sehen wie er ist, sondern das wir alle dazu neigen Kategorien zu schaffen und zu bewerten.
Wenn dem so ist, dann ist es doch umso fraglicher,wenn solche Kategorien dann zu etwas gemacht werden das vorgibt den Menschen objektiv zu beurteilen.
Dann erwähnen Sie mehrmals das Word Schuld, sowohl was mögliche Auslöser und auch was Betroffene betrifft.
Ich glaube nicht das dies irgendwo hinführt. Für mich geht es vor allem darum zu verstehen was in einem Menschen vorgeht und wie es dazu gekommen ist. Da jeder Mensch sich im Kontext mit seiner Umwelt entwickelt, wobei besonders die frühen Erfahrungen in denen die ersten Prägungen erfolgen bedeutsam sind, kann er aus meiner Sicht auch nur im Kontext seiner Entwicklung verstanden werden.
Genauso wenig geht es für mich darum das ein Mensch etwas anderes sein sollte als das was er ist. Die Frage die ich in diesem Zusammenhang stelle ist: Ist es wirklich der Mensch der so ist, oder ist es der Mensch der so geworden ist, und der auch noch etwas ganz anderes hätte sein können, etwas das mehr im Einklang mit seinem Inneren, mit seinen Bedürfnissen stehen könnte?
Und wenn dem so ist, dann ist die Frage wie er dieses Potential verwirklichen kann.
Sich damit auseinander zu setzen, wird aber erschwert, wenn Menschen mit Diagnosen kategorisiert werden und dabei angenommen wird das es sich um Ist-Zustände handelt.

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meinemeinung: 10.04.2014, 14:36
8. Der Mensch ist ein Individuum

@psychologiestudent

Das es innerhalb des Gesundheitssystems in unserer Gesellschaft eine Klarheit darüber geben muss was die Basis von Behandlungsentscheidungen ist, ist für mich nachvollziehbar.
Inwiefern diese Behandlung wirksam ist, ist wiederum davon abhängig, wie genau die Ursachen erfasst werden, die diese notwendig machen und wie effektiv die Behandlungsmethode ist.
Gerade da wo es um die Psyche geht, existieren für mich in beiden Bereichen, sowohl was Ursachen, als auch was Methoden betrifft, fragwürdige Haltungen, die beiden angesprochenen Punkten nicht gerecht werden.
Was die Ursachen betrifft, wird aus meiner Sicht viel zu leichtfertig davon ausgegangen das diese vorwiegend oder ausschließlich organisch bedingt seien.Was sowohl Diagnostik als auch Behandlung betrifft, ist diese viel zu sehr an den Symptomen ausgerichtet und lässt so wesentliches außer acht.
So kommt es dazu das die Menschen nicht die Hilfe bekommen die sie brauchen und langfristig das Risiko besteht das der Betroffene noch mehr leidet.
Insofern also, stellt auch eine Diagnostik ein großes Problem dar, wenn sie nicht das erfasst und ermöglicht was sie vorgibt.
Wesentlich ist für mich, das der Mensch vor allem aus seinem Inneren heraus verstanden werden kann, im Kontext mit seiner persönlichen Geschichte.Symptome sind für mich dabei nur der oberflächliche Ausdruck tieferer Ursachen. Diese sind individuell und persönlich und entziehen sich somit auch einer Kategorisierung. Somit wird auch jeder Versuch einer Kategorisierung zu einem Problem, bei dem es nicht mehr um den Einzelnen Menschen und seine Geschichte geht.
Sicher ist dies innerhalb unseres Gesundheitssystems schwer umzusetzen. Umso wichtiger ist es meiner Meinung nach aber sich dessen bewusst zu sein und vorhandene Möglichkeiten zu nutzen auf den einzelnen Menschen einzugehen.Unter den gegebenen Umständen käme dies beinahe einem Paradigmenwechsel gleich, weg von der Fixierung auf äußere Symptome, hin zu einem Verständnis innerer Vorgänge, weg von Kategorisierungen hin zum Individuum.

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artusdanielhoerfeld 10.04.2014, 14:36
9. So ist es

"Seither haben die Gelehrten immer wieder darüber spekuliert, ob Genialität und psychische Erkrankungen einander bedingen."

Das kann ich nur bestätigen. Als diagnostizierter Asperger und Narzisst habe ich als Autor die idealen Voraussetzungen, mit neuartigen Thesen soziale Werte, Moralvorstellungen und Tabus neu zu bewerten und objektivierend auszuhebeln.
Das Problem ist allerdings, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die radikalen Veränderungen der Sichtweise ihres innersten Selbst angstfrei gegegnen können. Die meisten bauen sofort mit Pseudoargumenten Widerstände auf, da sie sich in ihrer Existenz gefährdet sehen.

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