Forum: Gesundheit
Gesetzentwurf: Psychotherapeuten wehren sich gegen Spahns Patientenkontrolle
DPA

Speziell ausgebildete Experten sollen künftig entscheiden, wer in Deutschland eine Psychotherapie bekommt. So will es zumindest Gesundheitsminister Jens Spahn - und löst damit einen Proteststurm aus.

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felix.milla 12.12.2018, 16:25
40.

Zitat von realistisch gesehen
So wie ich das verstehe soll folgendes gemacht werden: jemand mit psychischen Problemen geht zu einem Experten, der nach einem, oder vielleicht auch mehreren Gesprächen, feststellt, ob der Patient 1.) eine Therapie benötigt und wie dringend und 2.) welche Therapieform bei ihm am vielversprechendsten ist.
Und wer bitte soll der Experte sein? Ein Radiologe, der die Seele scannt und sehen kann: "Ah, sehen Sie die Schattierung da? Das ist eine mittlere Depression!" - Oder: "Oh, da ist nichts zu sehen. Ich verordne Ihnen mal drei Stunden Fernsehen, dann wird´s schon wieder.!

Nach dem Motto "Nun machen Sie sich mal frei!" entblößt keiner seine Seele, zu dem er kein Vertrauen sein. Wie also soll dann ein "Experte" zu seinem Befund kommt?

Ich diagnostiziere Ihnen hier drei SPAHN. Ein SPAHN ist die Maßeinheit für "Ich habe keine Ahnung, von was ich rede, aber tue es dafür um so mehr!"

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taglöhner 12.12.2018, 16:25
41. Selektive Empirie

Wie schnell man hier persönlich wird, wenn jemand für evidenzbasierte Psychotherapie eintritt, ist mir sonst vertraut von Homöopathiedebatten.

Jedenfalls ist Empirie, vielmehr die daraus abgeleitete Evidenz etwas, das naturwissenschaftlichen Ansprüchen genügt, oder eben nicht vorhanden ist. Was ganz offenbar in der Szene auch nicht voll verstanden ist. Obwohl ich mir sicher bin, dass dies gelehrt wird.

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g.eliot 12.12.2018, 16:28
42. Zweiklassensystem, Diskriminierung und mehr Bürokratie

Deutschland sollte dafür sorgen, die Zusatzausbildung zum Therapeuten bezahlbar zu machen. Aktuell belaufen sich die Kosten für die Verhaltenstherapie auf ca. 15-20.000 Euro. Wer das lange Psychologiestudium finanziert hat und keine eigenen Mittel besitzt, hat kaum Chancen, diese zusätzliche finanzielle Hürde zu bewältigen.

Die zweite Hürde ist die begrenzte Anzahl an therapetischen kassenärztlichen Praxen, deren Anzahl sich den Bedürfnissen nicht angepasst ist. So müssen Therapeuten darauf warten, dass eine Praxis aufgegeben wird, welche sie dann übernehmen können. Obwohl hier, wie bei Medizinern, keine Geräte übernommen werden, zahlt man für die Übernahme trotzdem eine fünfstellige Zahl.

Anyway, Spahns Idee ist eine Beleidigung gegenüber dem Berufsstand Psychologie - Psychiatrie und darüber hinaus eine zusätzliche Quälerei der Menschen mit psychischen Symptomen, außer sie können sich eine private Behanldung leisten.
https://epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2018/_10/_25/Petition_85363.html

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felix.milla 12.12.2018, 16:28
43.

Zitat von bunterepublik
Endlich mal eine gute Idee, dem Selbstbedienungsladen "Gesundheitswesen" etwas entgegenzusetzen. Es mutet ja insgesamt seltsam an, dass Deutschland bei allen Therapien, für die die Allgemeinheit bezahlt, weit vorne liegt
Das würde ich auch für eine super Idee halten.

Warum allerdings die ziemlich mäßig bezahlten Therapeuten dafür her halten sollten, statt die Apparatmedizin, sollten Sie uns mal erklären.

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Daander 12.12.2018, 16:32
44. Ist -- ganz ehrlich -- eine gute Idee...

Und vor allem *tusch*: Es gibt diese Experten auch schon. Nennen sich psychologische Psychotherapeuten und Psychiater und die entscheiden heute schon ob eine Therapie erforderlich und angemessen ist. Das geht dann bei den kassenärztlichen Vereinigungen auch noch durch einen Gutachterprozess.

Wo genau ist jetzt der Unterschied zu der diskutierten Gesetzesänderungs ausser einem "es kann nicht sein was nicht sein darf" (hoher Bedarf an Therapien) und einem offen ausgesprochenen Misstrauen gegenüber (ausgebildeten und staatlich approbierten) Therapeuten und den Patienten?
Jaja, wenn die Leute aufhören würden nur dumm rumzujammern und beim Therapeuten zu sitzen könnten wir wirklich viel Geld sparen...
Willkommen im 19. Jahrhundert Herr Gesundheitsminister!

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dedroog 12.12.2018, 16:32
45. Der Psychiater..

...Hans-Joachim Maaz hat interessante Erklärungen, wie es um die psychische Volksgesundheit der Deutschen steht...Spahns Agieren passt dort gut hinein..

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taglöhner 12.12.2018, 16:36
46. Präzision

Zitat von nettes Gespräch
Da scheinen Sie keine Ahnung zu haben. Von der Kasse werden in Deutschland nur Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bezahlt, und alle drei sind empirisch sehr gut auf Wirksamkeit untersucht.
Untersucht heißt ja nicht bestätigt.
"Schulen" kann man sowieso nicht belegen, sondern nur Methoden.

Bisher war die Qualität der wenigen systematischen Studien zur Wirksamkeit der Psychoanalyse „im Großen und Ganzen ungenügend“, schreiben Sandell et al. im Vorwort der hier vorgestellten Studie. Auch seien die Analytiker „merkwürdig desinteressiert“ gewesen, den Wert ihrer Arbeit in einer Weise zu belegen, die von der Wissenschaft hätte akzeptiert werden können. Dabei müsse allerdings berücksichtigt werden, dass der „Goldstandard“ klinischer Ergebnisstudien (prospektiver, doppelblinder, randomisierter, manualisierter Behandlungsplan) in der Ergebnisforschung bei Psychoanalysen kaum realisierbar sei. Auch das hohe Ausmaß von Vertraulichkeit im psychoanalytischen Setting führe dazu, dass Patienten nicht identifiziert werden können, was wissenschaftliche Evaluationen fast unmöglich macht.
https://www.aerzteblatt.de/archiv/28094/Psychoanalyse-Schwierige-Evaluation

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Fuscipes 12.12.2018, 16:36
47.

Taglöhner, "evidenzbasierte Psychotherapie", klingt ganz schön evidenzblasiert.

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g.eliot 12.12.2018, 16:39
48.

Zitat von ...tja...
Es gibt schon länger ähnliche Modelle und die laufen gut. Es gibt Anlaufstellen, mit denen Krankenkassen zusammenarbeiten und die sich mit dem Patienten beschäftigen und mit ihm den Weg aus seiner Lage suchen. Tatsache ist doch, dass man als Patient eben nicht immer weiß, welche Behandlung die richtige ist. Da nützt auch eine tolle Homepage des Therapeuten nichts. Im Familienkreis haben wir leider auch die Erfahrung gemacht, dass die tolle Therapeutin nichts gebracht hat, weil es der falsche Ansatz war. Nach einem Therapeutenwechsel mit neuem Ansatz (nach Hinweis eines Gutachters) sind jetzt Fortschritte zu spüren.
Diese Modelle sind aber freiwillig und dem Patienten nicht vom Staat aufgezwungen. Das sind also freiwillige Hilfeleistungen.
Jetzt würde aber eine dritte Person die/den Therapeuten aussuchen, und dann wäre man wohl quasi verpflichtet, bei dem zu bleiben, oder.

Was Ihnen also vorschwebt, ist doch dem entgegengesetzt, was Sie andererseits befürworten: einen unkomplizierten Zugang zur Therapie. Dass aber eine fremde staatlich berufene Person entscheiden soll, wann und bei welchem Therapeuten, scheint Sie dabei nicht zu stören.

***

Normalerweise gibt es beim Start jeder Therapie eine sog. Schnupperphase von 4 bis 5 Therapiestunden, damit der Betroffene entscheiden kann, ob er sich bei der Therapie wohl fühlt. Würde diese Option denn jetzt wegfallen? Fragen über Fragen.

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murksdoc 12.12.2018, 16:42
49. Scheinselbstständigkeit

Wenn Patienten sich die Therapeuten nicht mehr heraussuchen können, bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass sich die Therapeuten die Patienten nicht mehr heraussuchen können. Sie bekommen diese ja zugewiesen und können vielleicht hie und da mal einen ablehnen (was man zu verhindern wissen wird, denn der Bedarf an Behandlung wurde ja bereits bestätigt), richtig heraussuchen können sie es sich damit nicht mehr. Damit endet nicht nur die mehrfach vom Bundesverfassungsgericht gestützte ärztliche Behandlungsfreiheit, sodern diese Theraputen werden zu "Scheinselbstständigen", weisungsgebundenen und renten- und sozailversicherungspflichtigen Angestellten derjenigen Instanz, die ihnen die Arbeit zuweist.

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