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Katia Saalfrank antwortet: Was tun, wenn der Sohn ständig Computer spielt?
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Ein 12-Jähriger sitzt dauernd vorm Bildschirm, hält sich nicht an verabredete Zeiten und will wie besessen in Spielen weiterkommen. Der besorgte Vater bittet die Familienberaterin Katia Saalfrank um Rat.

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Furiosus 16.10.2017, 18:55
1. Typischer Generationskonflikt

Vorab ein paar Informationen zur besseren Einordnung: Ich bin heute 31 Jahre alt und Facharzt in einem großen städtischen Krankenhaus, mittlerweile auch Vater von zwei kleinen Kids. Und ich war und bin nach wie vor begeisterter Gamer, auch wenn ich natürlich mittlerweile leider nicht mehr so viel Zeit dafür habe. Ich bin mit Videospielen groß geworden, angefangen auf dem Atari bis zum Sega Mega Drive und Nintendo 64. Mit ca. 12/13 hatte auch ich dann meinen ersten eigenen PC. Als ich ca. in der zehnten Klasse war, kam die Beta zu World of Warcraft heraus, seit dem habe ich das Spiel für etwa 5 Jahre extensiv gespielt. Insgesamt habe ich in der Regel etwa 5-6 Stunden am Tag gezockt, 3 mal die Woche hatte ich Basketballtraining für jeweils 2 Stunden, etwas anderes gab es auf dem Dorf nicht zu tun, in der Woche hat man sich Abends nicht getroffen, das gesellschaftliche Leben mit Feiern und Trinken fand ausschließlich am Wochenende statt. Mit meiner Freundin habe ich mich auch außerhalb der Schule eigentlich nur am Wochenende getroffen. So hatten alle (bis auf die 2-3 Stunden Sport 3 mal die Woche) im Grunde zwischen 13:30 (man kam nach Hause) und 23:00 (man ging ca. dann ins Bett) NICHTS zu tun. Hausaufgaben zähle ich mal nicht mit, die hat man morgens im Bus oder vor der Stunde abgeschrieben. Manchmal musste man eine Klausur schreiben, da hat man 2-3 Tage vorher ein bisschen Bulemielernen betrieben und fertig. Man hat einfach so unglaublich viel Freizeit als Kind.
Die Abmachung mit meinen Eltern lautete: Du hast zwei Jobs. Die Schule und häusliche Pflichten. Der Job in der Schule war die 2 vor dem Komma. Solange diese Jobs erledigt waren, durfte ich tun was ich wollte und das hat bei uns wunderbar funktioniert. „Alten“ die Faszination von Videospielen zu erklären, die nicht damit sozialisiert wurden, ist quasi unmöglich. Man solle etwas „sinnvolles“ tun, als ob das Lesen eines Romans auf irgend eine Art „sinnvoller“ wäre als das Erleben einer faszinierenden Geschichte in einem storylastigen Rollenspiel. Entschuldigen Sie, aber ich habe sowohl viel gelesen als auch viel gespielt und heutige Spiele haben teilweise wesentlich bessere Geschichten zu erzählen als Bücher, die als „Klassiker“ gehandelt werden. Daher mein Tipp: akzeptiert es einfach. Videospiele sind ein völlig valides Hobby und dazu Teil der heutigen Kultur. Solange das Kind in der Schule keine Probleme hat und auch ansonsten keine Auffälligkeiten zeigt, lasst es doch bitte seine Freizeit so gestalten, wie er es gerne möchte. Es heißt FREIzeit, weil sie zur freien Verfügung steht. Nur weil man ein paar Stunden am Tag zockt wird man weder zum Amokläufer, noch zum Nerd. Meine halbe Mannschaft (immerhin bayerische Jugend-Regionalliga) bestand aus Zockern. Also, auch Abitur, Leistungssport und Zocken sind vereinbar. Fazit: Entspannen sie sich. Fragen Sie sich: wie würde ich reagieren, wenn das Kind dieselbe Zeit lesen/malen/schachspielen würde. Computerspielen steht diesen Tätigkeiten in nichts nach, vielmehr trainiert und beansprucht es teilweise dieselben Areale – nur simultan.

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NewYork76 16.10.2017, 19:27
2. Unverstaendlich

Erst mal volle Zustimmung an Furiosus. Allerding muss man auch erkennen, dass nicht alle Kinder / Jugendlichen genug Selbstverantwortung haben um die richtigen Prioritaeten zu setzen. Da muessen die Eltern dann steuernd eingreifen.

Aber was hier im Artikel geschrieben wird, laesst mich nur den Kopf schuetteln. Schon diese obskure Annahme, dass ein Computer- Rollenspiel irgendwas mit Realitaetsflucht oder Problemen im echten Leben zu tun hat, sagt viel ueber die Medienkompetenz von Frau Saalfrank aus. Da ist der geistige Schritt vom Egoshooter (Killer-Spiel)-Spieler zum Amoklaeufer auch nicht mehr weit.
Solche MMORPGs sind eben sehr Zeitintensiv. Ein Limit von einer Stunde setzen zu wollen ist daher sehr naiv. Zudem wundert es mich, dass viele Eltern Zeitlimits bei Videospielen setzen wollen, aber Fernsehkonsum ist sehr selten so eingeschraenkt.

Meine Empfehlung waere da eher sich mit dem Kind gemeinsam ueber die Spielgewohnheiten zu informieren und dann gemeinsam ueber das Spielepensum zu entscheiden. (z.B. nach 1 Stunde darf die aktuelle Quest noch beendet werden bevor ausgeschaltet wird).

Ansonsten wie schon im vorherigen Kommentar geschrieben: Akzeptieren solange keine negative Auswirkungen auf Schule oder Persoenlichkeit ersichtlich sind.

(Und der 5 Jaehrige sollte nicht zuschauen wenn das Spiel nicht fuer sein Alter geeignet ist.)

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Edelstoffl 16.10.2017, 19:30
3. Völlig einverstanden....

bei mir ganz ähnlich: seit den 70ern Atari, Commodore, Playstation, PC - jetzt 44 Jahre alt und zocke immer noch gerne. Ich habe eine Ausbildung und 2 Hochschulabschlüsse, verheiratet, zwei Kinder, Sportler... und bekennender Nerd.
Aber man sollte nicht verhehlen, dass schwache Persönlichkeiten mit der Faszination dieses Mediums nicht so problemlos umgehen können.
Es ist einfach in der Hand der Eltern - das Dümmste das man tun kann ist, den Kindern eine Spiele-Konsole ins Zimmer zur freien Verfügung zu stellen.
Lieber auch mal zusammen mit den Kindern spielen und so die Kontrolle behalten, klare Regeln vorgaben - wie in allen Bereichen des Lebens. Vielleicht sogar zusammen an Hardware basteln, programmieren etc.

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bloodwyn1756 16.10.2017, 19:37
4. An sich gute Analyse

Das heutzutage 12 jährige noch WoW spielen halte ich für sehr unwahrscheinlich (Grundspiel ist 2004/05 erschienen). Solche "alten" Beispiele werten die Kompetenz der Antwort unnötig ab.
Die Zustimmung, die ein Kind leichter und gehäufter in Computerspielen erhält kann ich bestätigen. Ob das beschäftigen der Eltern mit dem Hobby ihres Kindes eine Änderung herbeiführen kann, bezweifle ich.

@Furiosus hat ebenfalls Recht, ich bin in einer ähnlichen Position aufgewachsen.

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3liter 16.10.2017, 19:43
5. @1 / Furiosus

Sehr richtig. Das kann man kaum besser beschreiben.

Am Ende ist Zocken nichts anderes als Zeitverbrennung. Wie lesen, Sport, Fernsehen, spazieren gehen...oder was au heute immer.

Entscheidend ist, daß Schule, Beruf etc. nicht darunter leiden.

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mixow 16.10.2017, 19:45
6. @#1

Sehe ich genauso.

Ich war ebenfalls ein härterer Fall des Hardcorezockers. Angefangen mit Atari bis später massiv Counterstrike/HL1 und Warcraft. Meistens von 2 Uhr bis 1-3 Uhr nachts unter der Woche und am WE LANparty. Nach einem bescheidenen Abitur (Schule hat mich gelangweilt, ohne Herausforderung beschäftigte ich mich eben mit etwas Spannenderem, z.B. krankmachen und Zocken) dann was Sinnvolles studiert, wobei ich während des Studiums eher noch mehr gespielt habe, als in der Schule (freie Zeiteinteilung, freie Wahl, ob man hingeht und 1,5h zuhört oder das Gleiche sich in 15-30min beibringt).

Nach meinem Studium arbeite ich heute als Ingenieur bei einem der deutschen Topkonzerne in der Automobilindustrie mit mehr als ausreichendem Gehalt (nur die Steuern/Abgaben sind viel zu hoch, danke CDU+SPD fürs Ausquetschen der Mittelschicht, während die Bonzen bei den gleichen 42-45% sich krümmen vor lachen). Leider heute weniger Zeit zum Zocken wg. Beruf/Freundin.

Also Kinder, solange ihr es euch leisten könnt zu zocken (egal ob gute Noten oder eben hoher IQ), dann macht einfach euer Ding und lasst euch nicht reinquatschen von Leuten, die eh keine Ahnung haben.

Ich jedenfalls bereue nichts.

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gyrosesser 16.10.2017, 19:48
7. @Furiosus

Ich glaube, dass Eltetn weniger ein Problem mit dem Zocken hätten, wenn es, wie bei Ihnen, einen Ausgleich gäbe. Drei Mal die Woche Basketball und am Wochenende Freunde/Freundin treffen, eine 2 vorm Komma, häusliche Pflichten erledigt und Abi in Aussicht? Super! Im oben geschilderten Fall gibt es aber scheinbar keinen Ausgleich, Ihr Vergleich hinkt also.

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t_mcmillan 16.10.2017, 19:51
8. Eine Stunde ist arg kurz

Als Gelegenheitszockerin verstehe ich den Jungen gut. Eine Stunde ist für Onlinespiele extrem kurz. Besser wäre es, alle zwei Tage zwei Stunden zu vereinbaren. Oder ein Stundenkonto pro Woche oder so. Ansonsten: Die Motivation des Jungen ist gut beschrieben. Solche Gründe sind es bei den dauerzockenden Jungs bzw. inzwischen jungen Männern, die ich kenne.

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santoku03 16.10.2017, 19:59
9.

Ich möchte mal den Aspekt einbringen, dass gerade WoW als Negativbeispiel ungeeignet ist. In diesem Spiel kann man nur als Teamplayer erfolgreich sein. Man lernt ganz nebenbei, in einem Team seine Rolle auszufüllen, sich mit anderen abzustimmen oder gar ein Team zu führen und alle Mitspieler in ihren Rollen zu motivieren. Das ist sehr anspruchsvoll bei Teams von 5, 10, 25 oder gar 40 Mitspielern, die alle spezielle Aufgabe zu erfüllen haben. Also in Wahrheit eine gute Schule fürs echte Leben. Es ist allerdings wahr, dass das Durchschnittsalter bei diesem Spiel inzwischen eher bei 35 als bei 12 liegt.

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