Forum: Gesundheit
Schlechte Nachrichten überbringen: "Ärzte müssen Stille ertragen können"
David Pereiras/ EyeEm/ Getty Images

Krebsdiagnose und nur noch wenig Zeit, die zum Leben bleibt: Zahlreiche Menschen erhalten von Ärzten schwerwiegende Diagnosen, häufig unter Termindruck. Der Mediziner Jalid Sehouli über angemessene Kommunikation.

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KlausMeucht 03.05.2019, 19:05
10. Bewerterismus

Zitat von Merlin1006
Klar hat man die Möglichkeit, seinem Arzt ein Feedback zu geben, wenn auch nur indirekt über ein Bewertungsportal. Vorausgesetzt, er oder sie liest es und kann es reflektieren und einordnen.
Bewertungen kann man kaufen. Die Seiten dazu findet man schnell. Wenn ein Arzt bei Jameda keinen Premium Service abonniert, sind schlechte Kritiken wahrscheinlich.

Die Bewerteritis ist ein krankes System. Manchmal ist ein strenger Arzt sinnvoll. Wie soll ein Laie ein den Arzt fair beurteilen.

Verlangen Verdleichsportale 20 Prozent vom Übernachtungspreis, braucht man sich nicht wundern das am Ende das Zimmermädchen extrem schlechte Arbeitsbedingungen hat. Sie kann bei Kununu ihren Chef schlecht bewerten. Der kauft dann für 1000 Euro 10 gute Bewertungen. Im Sinne des Kunden ist dies nicht.

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KlausMeucht 03.05.2019, 19:19
11. Vertrauen wird meist zurückgegeben

Zitat von manuel.wagner
Dass Herr Sehouli anregt, das Überbringen schlechter Nachrichten besser zu honorieren als eine technische Untersuchung hat mich umgehauen. Eine Honorierung? Welches Ethos bringen Ärzte mit, die sich ernsthaft Gedanken darüber machen, mit welchem Abrechnungssatz das Gespräch vergütet wird, mit dem sie ihrem Patienten eine Todesnachricht überbringen? Also, ob sie an den Gesprächen auch angemessen verdienen? Daraus kommen viele Unsegnungen der heutigen Gesundheitswelt: Festgelegte Minutenzeiten für die Pflege Pflegebedürftiger und der richtige Abrechnungssatz für die Überbringung schlechter Nachrichten.
Man kann Menschen nicht vorwerfen dass in einem kranken System krank agieren.
Vertrauen wir einfach den Ärzten und Pfleger. Geben wir diesen einfach einen vernünftigen Gehalt ohne andauernde Rechtfertigung. Intrinsische Motivation ist meist besser als die Messeritis.
Am Ende führen Ärzte die Operationen aus, die die Krankenkassen gut honorieren, aber dem Patienten schadet.

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Newspeak 03.05.2019, 19:39
12. ....

Das, was von Ärzten verlangt wird, grenzt ans Übermenschliche. Aber es sind nicht die Gedpräche, die trainiert werden müssen, sondern das Zuhören. Ich hatte als Patient schon oft das Gefühl, dass das eigene Körperempfinden den Arzt gar nicht interessiert. Statt einer Information bekam man ein Rezept, der Nächste bitte.

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keine-#-ahnung 03.05.2019, 19:49
13. "Empathie ist nicht eine Frage der Zeit."

Zitat von tiger56
Empathie ist nicht eine Frage der Zeit.. Nicht jeder ... aber viele Ärzte und Pflegende verfügen darüber. Übermitteln von „schlechten Nachrichten“ gelingt stets jenen, die hinter dem hektischen Treiben im Klinkalltag sich Mitmenschlichkeit erhalten. Es bedarf im Grund nur weniger Momente, auch über Mimik u. Gestik (sofern Empathie vorhanden) etwas wie persönliches Bedauere auszudrücken. Wir wissen doch alle um unsere Endlichkeit... oder etwa nicht?
Empathie im Wortsinn hat m.E. in der ärztlichen, erst recht in der onkologischen Betreuung nicht viel zu suchen. Widrigenfalls kann man nach einem halben Jahr onkologischer Arbeit nicht mehr schlafen, nach einem Jahr hängt man sich dann in die Ecke oder hat sich die Leber in eine pflastersteinähnliche Konsistenz gesoffen.

Eine typische Laienmeinung im Zeitalter der Generation X, die glaubt, das Probleme ausschliesslich durch Stuhlkreissitzungen aus der Welt zu bringen sind.

Wenn man als Arzt auschliesslich onkologisch unterwegs ist, braucht es im Gegenteil eine professonelle Distanz zum Patienten, ohne deswegen auf Zuwendung verzichten zu müssen.

Ich stimme mit Prof. Sehouli aber tatsächlich in einigen Ansichten nicht überein - zumindest internistische oder auch gynäkologische Onkologen, die chemotherapieren, bekommen sehr häufig ein "feedback" ihrer Patienten, die sie ja zyklisch wiedersehen. Das mag ein Lächeln sein oder eine Bastelei des Kindes oder des Enkels der Patienten ... im günstigen Fall.

"Außerdem kann man als Arzt in Rente gehen, ohne auch nur eine einzige Fortbildung zu Kommunikation gemacht zu haben."

Und das ist gut so. Ich hoffe, in 13 Jahren den Kittel an den Nagel hängen zu können und mich bis dahin von solch einem Unsinn völlig ferngehalten zu haben. Kommunikation mit Todgeweihten lernt man nicht in der Laienspielgruppe, die von einem Psychologen angeleitet wird. Die lernt man entweder ganz schnell durch die Lehrer Leben und Tod oder gar nicht. Im letzten Fall sollte man dann besser seine Subspezialisierung überdenken ...

"Ärzte retten sich gern in Monologe, wenn es um schlechte Nachrichten geht."

Klingt so differenziert wie die Aussage, dass Flüchtlinge gerne auch Kriminelle sind. Schwafelnde Ärzte sind meist Indiz für deren fachliche u./o. menschliche Unsicherheit. Ein guter Arzt hört dem Patienten zu - und versucht, sich auf eine fundierte Antwort auf die vom Patienten verbal oder nonverbal gestellten Fragen. So er diese überhaupt seriös geben kann ...

"Ich habe schon erlebt, dass Patienten an ihrem Todestag noch hoffnungsfroh geheiratet haben, weil Ärzte es nicht geschafft haben, ihnen ihre Lage klar zu schildern."

Das kann man jetzt - vor allem im Plural - glauben. Oder halt auch nicht ... da bin ich mir jetzt nicht wirklich sicher, ob der gynäkologische Kollege nicht eher auch der "Babelfraktion" der Ärzteschaft angehört.

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Sonnefüralle 03.05.2019, 20:01
14. Mehr Geld fürs Reden

Ich habe vor einigen Jahren selbst die Nachricht einer schweren Erkrankung bekommen. Die Ärztin hat das sehr gut gemacht - warum sollte sie dafür kein angemesseneres Honorar bekommen? Denn Reden, das auch einen wichtigen Beitrag zur Genesung leistet, wird einfach hundsmiserabel bezahlt im Vergleich zu Untersuchungen! Ergo: Wenn Reden also ein Draufzahlgeschäft ist, ist der Klinikarzt schnell in Rechtfertigungsdruck, wenn er zu viel Zeit dafür verplempert, wenn er doch zur gleichen Zeit viel lukrativere Untersuchungen hätte durchführen können.

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himmit1 03.05.2019, 21:48
15. Als Betroffener ,

das heisst 3 verschiedene Krebsdiagnosen in 2,5 Jahren scheine ich ja mit den 3 involvierten Fachärzten großes Glück gehabt zu haben: Alle konnten mit mir und ich mit ihnen gut und pragmatisch reden - auch mal ironisch, leicht zynisch und mit etwas schwarzem Humor. Ich geb aber zu, daß dies beide Seiten wollen und können sollten und eine solche Kommunikation sicher nicht die Regel ist. Unser Vertrauensverhältnis ist ungebrochen.
Im übrigen kann man als Mediziner gute Gespräche mit Betroffenen führen, so man eine Ader dafür hat - Lernen lässt sich dies sicher nicht. Geht oder geht nicht ...
Bleibt alle gesund und fröhlich !

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robinlott 04.05.2019, 00:12
16.

Natürlich lässt sich angemessene Gesprächsführung erlernen. Für schwierige Gespräche braucht es allerdings auch Zeit und Ruhe. Dazu muss der Arzt auch seine eigenen Ängste kennen und lernen damit umzugehen, damit er dem kranken Menschen innerlich frei und emotional offen begegnen kann. Zeit wie Kompetenz kosten allerdings auch Geld. Das ist in unserer Welt einfach so.

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areyoushure? 04.05.2019, 08:18
17. Als Chefarzt?

An dem Artikel stören mich drei Dinge.
1. Das Überbringer einer schlechten Nachricht wird meistens den Assistenten oder Fachärzten auf einer Station überlassen, nicht unbedingt gerade dem Chefarzt einer Gesamtabteilung.
2. Der durchschnittliche niedergelassene Mediziner verbringt im Gespräch erheblich mehr Zeit als jeder Chef Arzt mit seinen Patienten. Das kommt in dem Artikel überhaupt nicht raus.
3. Wie dieser Chefarzt auf über 200.000 schlechte Nachrichten kommen will, entzieht sich meiner Beurteilung. Bei einem durchschnittlichen Arbeitsleben von 40 Jahren und 200 Arbeitstagen im Jahr, komme ich nie auf 200.000 Gesprächskontakte zur Überbringung von schlechten Nachrichten!
Auch wenn sich hier wieder manche Foristen aufregen, ja, das Gespräch und die Empathie gegenüber einem Patienten wird überhaupt nicht bezahlt. In den Kliniken geht es nur zur Abrechnung von technischen Leistungen und Pauschalen, im niedergelassenen Bereich sind die pauschal pro Quartal eingepreist, eine Gesprächsleistung existiert überhaupt nicht. Ein Gynäkologe soll einer Brustkrebspatientin ausführlich Rede und Antwort zu stehen, dafür bekommt er in Hessen 18 € pro Quartal?

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tempura 04.05.2019, 13:40
18. Onlinebewertung

Zitat von Merlin1006
Klar hat man die Möglichkeit, seinem Arzt ein Feedback zu geben, wenn auch nur indirekt über ein Bewertungsportal. Vorausgesetzt, er oder sie liest es und kann es reflektieren und einordnen.
Ich hatte mal versucht, in einem Bewertungsportal einen Zahnarzt schlecht zu bewerten, nach einem Behandlungsfehler. Der Zahnarzt hat das Portal beauftragt, meine Bewertung zu löschen und die haben es gelöscht. Ich hatte sogar Unterlagen eingereicht, die bestätigten, dass meine Bewertung gerechtfertigt war.

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gantenbein3 05.05.2019, 10:14
19. Und was das Schlimmste ist

Zitat von Felix2012
Ausführliche Gespräche und sich Zeit nehmen für den Patienten sieht dieses System einfach nicht vor, das DRG-System die falschen finanziellen Anreize setzt.
...die wenigsten Ärzte begehren lautstark dagegen auf, obwohl sie das zum Wohl ihrer Patienten doch eigentlich sollten, oder nicht? Ärzte, die dieses unmenschliche System nicht aktiv mittragen, schweigen lieber, um nicht als Nestbeschmutzer dazustehen. Das ist zutiefst betrüblich.

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