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Sprechstörungen: Was passiert im Gehirn von Stotternden?
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Die meisten Stotternden können ohne Probleme singen oder Gedichte rezitieren. Wieso funktioniert das Sprechen nicht?

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demolator 28.02.2018, 12:31
1. Nein es ist keine Hirn-Fehlfunktion

... sondern ein reines psychisches Problem. Ich habe selbst bis zu meinem etwa 25. Lebensjahr stark gestottert. In meiner Kindheit (in den 70ern) hat man Kinder wie mich für 9 Monate in einer 'geschlossenen' zur 'Kur' abgegeben. Bei einigen meiner 'Kollegen' hat mit der Trennung von den Eltern schlagartig das Stottern aufgehört. Dazu sage ich mal nichts mehr... ;) Da waren aber auch 'vermackelte' Existenzen dabei... Die Kur hat bei mir nichts geholfen - aber das Stottern ist bei mir mitte 20 nach einer größeren Krise der Selbstfindung/Entwicklung auch plötzlich verschwunden. Ich will da nicht ins Detail gehen, aber so mancher läuft mit schwersten Problemen aus der Kindheit herum, auch wenn es ihm und den Eltern natürlich auch ;) nicht bewusst ist. Ich würde jedem Stotterer empfehlen nicht zur Logopädie (und auch nicht zur Hirnforschung) sondern zur Psychotherapie (Psychoanalyse) zu gehen. Alles gute den (noch) Betroffenen.

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just_ice 28.02.2018, 13:23
2. Es gibt mindestens zwei Arten des Stotterns -

.. ein Beispiel dafür bin ich selbst. Bei mir ging das Stottern ca. mit dem 7. Lebensjahr los. Anfangs äußerte es sich wie im Artikel beschrieben als motorisches Problem, das später in ein Psychisches überging - Letzteres spart der Artikel aus, ist aber meiner Meinung nach viel hartnäckiger. Bis zum Abitur war ich in der Schule stumm wie ein Fisch, und danach schlug ich ein Studium in den Naturwissenschaften ein, weil man da weniger reden muss ;) Mit einem Umzug ins Ausland reduzierte sich das Stottern fast auf ein Minimum, weil die Fremdsprache als Alibi für das Stottern herhielt und mir so der Druck, fließend zu sprechen, genommen wurde. Zurück in Deutschland fiel mir das Sprechen später in Stresssituationen immer noch schwer, aber schon wesentlich besser als in der Schulzeit. Endgültige Heilung verschaffte ich mir mit Autosuggestions-Videos auf YouTube - Danke Google!! :) - die man auch als MP3 anhören kann, z.B. beim Autofahren. Innerhalb kürzester Zeit (weniger als 3 Wochen - erste Erfolge stellten sich schon nach 2-3 Tagen ein) war das Stottern komplett weg. Derzeit höre ich mir immer noch 1-2 mal pro Woche für jeweils 15 Minuten die MP3s an, aber nur, um den Selbstbewusstseins-Level aufrecht zu erhalten. Wie der Vorredner rate ich aus einer Reihe von Gründen von Logopäden ab. Autosuggestionen schlugen bei mir ein wie eine Bombe! Hätte ich diese Art der Selbsttherapie früher gekannt, wäre mein früheres Leben sicher komplett anders verlaufen. Das hole ich aber jetzt so gut es geht nach. Den Betroffenen wünsche ich ebenfalls viel Erfolg!

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jww+++ 28.02.2018, 13:36
3. Kann ich nicht bestätigen

Zitat von demolator
...Ich würde jedem Stotterer empfehlen nicht zur Logopädie (und auch nicht zur Hirnforschung) sondern zur Psychotherapie (Psychoanalyse) zu gehen. Alles gute den (noch) Betroffenen.
weil ich als kind/jugendlicher bis zum alter von ca. 17jahren gestottert habe und auch noch heute diese erscheinung in bestimmten stresssituationen allerdings sehr sehr selten auftritt. Ich wurde mit 12/13jahren in eine logopädische station eines krankenhauses eingewiesen und hatte 6wochen eine intensive sprachtherpeutische behandlung. Dank dieser hatte sich mein problem sehr stark verbessert, auch dank einer an die stationäre behandlung angeschlossenen ambulanten nachbetreuung über ca. 2jahre. Meine eltern waren in die behandlung einbezogen und haben quasi die rolle des sprachtherapeuten mit ausgeführt. Es wird sicher so sein, das es unterschiedliche formen und schweregrade der störung gibt, so das die behandlung auch individuell auf den jeweiligen fall abgestimmt werden muss. Generell ist m.e. jeden zu raten, einen kompetenten logopäden zu rate zu ziehen, von selbstbehandlungsversuchen ist dringend abzuraten (selbst ausprobiert, ging schief)

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kilrathy 28.02.2018, 13:48
4. Dr. Kreuels

Jedem Betroffenen empfehle ich die Literatur von Dr. Kreuels. Ich war vor vielen Jahren bei ihm und dank ihm und seiner Methodik stottere ich und tausende andere heute nicht mehr. Leider ist er inzwischen verstorben, RIP.

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matijas 28.02.2018, 15:26
5. die Psyche

Schön dass nicht immer gleich die Psyche vorgeschoben wird.

Aber umgekehrt zu behaupten:
"Als Folge können sich psychische Probleme zeigen. Die Ursache für das Stottern sind sie nicht."
... ist purer Dogmatismus. Die Empirie liefert plausible Belege, die gegen eine pauschale Verneinung psychischer Verursachung sprechen. Unter Umständen werden mit solchem Schwarzweiß-Denken notwendige psychotherapeutische Behandlungen versäumt.

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Stronzz 28.02.2018, 15:46
6. Man darf nicht immer von sich auf andere schließen...

Das trifft auch hier zu. Aufgrund der vielen Erscheinungsformen und Symptomen des Stotterns haben sich auch viele Erklärungsversuche ergeben, die zu vielen Irrwegen geführt haben. Auch wenn es der Einzelne vielleicht nicht so empfinden mag, scheinen doch körperliche Ursachen vorrangig zu sein, die in der Folge bei manchen auch zur psychischen Problemen geführt haben.
Fachkundige Hilfe ist auf jeden Fall zu empfehlen, man muss aber auch schauen, wenn man als Therapeut/Therapeutin auswählt. Nicht alle Logopäden kennen sich mit Stottern wirklich aus. Hier bietet die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe Unterstützung bei der Suche nach Spezialisten. Ganz abzuraten sind die vielen "Wunderheiler", die für einige Tausend Euro die schnelle Heilung versprechen. Die "Heilung" verschwindet bei den meisten nach wenigen Wochen wieder und es bleibt das schlechte Gefühl, bei einer Therapie, die angeblich immer hilft, versagt zu haben.

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tsitsinotis 28.02.2018, 19:11
7. Vollkommene Zustimmung --

Zitat von demolator
... sondern ein reines psychisches Problem. Ich habe selbst bis zu meinem etwa 25. Lebensjahr stark gestottert. In meiner Kindheit (in den 70ern) hat man Kinder wie mich für 9 Monate in einer 'geschlossenen' zur 'Kur' abgegeben. Bei einigen meiner 'Kollegen' hat mit der Trennung von den Eltern schlagartig das Stottern aufgehört. Dazu sage ich mal nichts mehr... ;) Da waren aber auch 'vermackelte' Existenzen dabei... Die Kur hat bei mir nichts geholfen - aber das Stottern ist bei mir mitte 20 nach einer größeren Krise der Selbstfindung/Entwicklung auch plötzlich verschwunden. Ich will da nicht ins Detail gehen, aber so mancher läuft mit schwersten Problemen aus der Kindheit herum, auch wenn es ihm und den Eltern natürlich auch ;) nicht bewusst ist. Ich würde jedem Stotterer empfehlen nicht zur Logopädie (und auch nicht zur Hirnforschung) sondern zur Psychotherapie (Psychoanalyse) zu gehen. Alles gute den (noch) Betroffenen.
Ich komme aus einer sog. Stotterer-Familie, in der eine rigide und problemverschweigende Moral herrscht(e). Betroffene sind/waren nur Männer, die von Müttern 'erzogen' wurden, die sich als selbstlos darstellten und somit gegen jegliche Kritik gefeit waren. Nach meiner Erfahrung ist die Ursache des Stotterns schlicht A n g s t, etwas Falsches zu sagen.-- Zudem leben wir in einer Zivilisation, die psychologische Zusammenhänge verachtet: Regelmäßig zu beobachten, wenn, wie kürzlich, ein Artikel erscheint, der 'feststellt', dass eine Alltagserfahrung nun wissenschaftlich bewiesen sei.

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lathea 28.02.2018, 22:51
8. Imho hat Stottern nicht nur mit Fehlfunktionen ......

...... im corpus callosum zu tun, sondern auch mit der Fähigkeit der Stotternden, die nicht-dominante Gehirnhälfte, (in der bei Frauen ein zusätzliches zweites kleineres Sprachzentrum sitzt und bei Männern und Frauen das Musikzentrum) in einem dissozierten Zustand zu nutzen. Das würde auch die Effektivität der Methode erklären, bei der Stotterer über das Singen der Sätze ihr Stottern überwinden können. Denn das Singen fördert die Vernetzung und Verbindung der beiden Gehirnhälften über das corpus callosum. Auf diese Weise lassen sich auch einige dissoziative Zustände verhaltenstherapeutisch integrieren, was der psychischen Komponente beim Stottern zumindest von einigen Stotterern entsprechen würde. Das wäre übrigens kein Widerspruch zum o.a. Artikel, sondern lediglich ein anderer Aspekt bzw. dessen Kokretisierung.

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jc_123 28.02.2018, 23:37
9. Kann ich ebenfalls nicht bestaetigen

Das Stottern mag verschiedene Gruende haben. Hier aber zu lesen, dass physische Gruende die Ursache sei sollen, ist aus meiner Sicht im besten Falle einfach falsch, im schlimmsten Falle gefaehrlich: kann so doch der Eindruck entstehen, dass Stottern nicht geheilt werden koenne.
Ich habe als Kind selbst lange Zeit stark gestottert. Die Loesung brachte ein sogenanntes Zwerchfelltraining (eine besondere Atemtechnik). Heute bin ich vollkomme stotterfrei.
Die Verfechter der Atemtechnik argumentieren uebrigens, dass es gerade der Unterschied beim Atmen ist, der stotternde Menschen beim Singen stotterfrei werden laesst. Eine Erklaerung, die ich wesentlich einlaeuchtender finde als den Takt der Musik als eine Art "externen Schrittmacher" des Gehirns zu verstehen. Das Singen ist ein externer Schrittmacher des Atmens!

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