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Überfüllte Rettungsstellen: Notfall Notaufnahme
DPA

Gereizte Patienten, lange Wartezeiten, Personalmangel: Von den Zuständen in den Notaufnahmen sind viele genervt. Was die Situation verbessern könnte, zeigt ein Modellversuch in einer Frankfurter Klinik.

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keine-#-ahnung 27.06.2018, 13:05
1. "Seit Stunden wartet Atilla Öt mit seiner Mutter in der Notaufnahme ..

... des Frankfurter Bürgerhospitals. Die 84-Jährige sitzt im Rollstuhl, ihr kürzlich operiertes Knie schmerzt. In Wiesbaden, erzählt der Sohn, habe seine Mutter einmal mit Atemnot fünf Stunden gewartet. Den 93-jährigen Vater hätten sie dort sieben, acht Stunden ausharren lassen. "Ich hab riesigen Stress gemacht dort", sagt Öt."
DAS ist DAS Problem. Diese drei Sätze beschreiben es in allen Fazetten.
Erstens: einer 84-Jährigen wird das Knie operiert, vermutlich (!) eine Versorgung mit einer Prothetik. Kann man schon mal darüber nachdenken ... aber o.k.
Zweitens: das operierte Knie schmerzt. O.K., das haben frische Narben so an sich. Dagegen gibt es aber Schmerzmittel. Kann man bis zum nächstmöglichen Termin beim Operateur oder in der operierenden Klinik einnehmen, durchaus auch mal in erhöhter Dosis. Das ist alles Mögliche, aber kein Notfall.
Drittens: Sohnemann macht richtig Stress, ist auf Krawall gebürstet und stört damit den Betrieb in der Notaufnahme, die ...
Viertens: ... offenbar nichtmal für den Einzugsbereich des Wohnortes der Mutter zuständig ist (Hinweis auf Wiesbaden).
Wenn jetzt die Konsequenz wäre, dass die Familie aufgrund der missbräuchlichen Inanspruchnahme der Notaufnahmekapazitäten einen Obulus von - sagen wir mal - nur 50 Euro entrichten müsste, wäre der Notdienst perspektivisch um einen "Nichtnotfall-Patienten" entlastet.
Das wäre die Lösung, nicht irgendwelche halbgewalkten Organisationsversuche, die die Patienten in ihrem übersteigerten Anspruchsverhalten ja nicht korrigieren.

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Nordstadtbewohner 27.06.2018, 13:14
2. Kosten an Kostenverursacher weiterreichen

Die vollen Notaufnahmen entstehen dadurch, dass die Mitgliedschaft bei einer gesetzlichen Krankenversicherung immer mehr als "Flatrate" gesehen wird. Eine Umstellung der Finanzierung der Gesundheitskosten könnte Abhilfe schaffen und Notaufnahmen entlasten. So könnte man die Versicherungsbeiträge wie bei einer Autoversicherung gestalten. Wer viele Leistungen in Anspruch nimmt, zahlt automatisch höhere Beiträge. Oder Besuche der Notaufnahmen müssten grundsätzlich selbst bezahlt werden. Dann gäbe es weniger Nicht-Notfälle.

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Nania 27.06.2018, 13:18
3.

Ich finde es gar nicht so dramatisch, dass "nur" sechs von zehn Fällen ECHTE Fälle für die Notaufnahme sind. Die Zahl sagt zudem nichts darüber aus, ob es einfach keine echten Notfälle waren (Zecke, Mückenstich oder Erkältung) oder nur Fälle, in denen ein Besuch in der Notaufnahme nicht nötig war. Das ist ein gravierender Unterschied.

Beispiel: Ich bin Migränepatient und kenne meine Migräneanfälle sehr, sehr gut. Ich kann die Schmerzen und die Intensität einschätzen, ich nehme ggf. Schmerzmittel (sofern ich die aufgrund meiner Schmerzmittelintoleranz nehmen kann). Eines schönen Sonntagabends hatte ich Kopfschmerzen, die noch einmal weit jenseits aller meiner gewohnten Migränekopfschmerzen lagen. Ich konnte nichts. Ich konnte weder die Augen schließen, noch sie offen halten, ich konnte nicht im Dunkeln oder Hellen liegen, ich konnte nicht sitzen, stehen oder liegen ohne das die Schmerzen immer schlimmer wurden. Paracetamol und auch Triptane behielt ich nicht bei mir. Ich hatte mir Tags vorher zudem mehrfach den Kopf angeschlagen.

Irgendwann am späten Abend sind wir dann in die Notaufnahme gefahren. Dort war ich relativ schnell an der Reihe, eine Neurologin wurde zu rate gezogen. Letztendlich bekam ich zweimal Paracetamol intravenös und durfte nach vier Stunden das Krankenhaus wieder verlassen. Gehöre ich jetzt zu den sechs berechtigten oder vier unberechtigten Fällen?

Ich meine: Ja, es gibt Leute, die wirklich wegen einer Nichtigkeit in die Notaufnahme fahren, aber manchmal ist es eben nicht so einfach.

Und dann haben wir derzeit leider auch ein großes Problem mit Verfügbarkeit. Weiteres Beispiel: ein guter Freund von mir fiel an einem Samstagnachmittag mit dem Skateboard und zog sich eine Platzwunde am Knie zu. Eigentlich nicht unbedingt ein Fall für die Notaufnahme, aber zuhause war die Blutung nicht zu stoppen und die Wunde konnte auch nicht behandelt werden. Zum Glück wohnen wir beide in einer größeren Stadt und ich wusste von einer notärtzlichen Praxis, direkt angegliedert an ein Krankenhaus. Dort sind wir hin - und waren genau richtig. Die Wunde konnte geklebt werden (für's Nähen hätten wir dann doch in die NA gemusst), wir konnten nach Hause, keine Blockade der Notaufnahme. Problem: in ländlichen Regionen gibt es so etwas fast gar nicht. Und wenn, dann machen diese zu früh zu.

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brot&salz 27.06.2018, 13:22
4. Keine Einschränkung beim Zugang zur Notaufnahme

Ich kann der Poltiik und der Gesundheitsindustrie nur empfhelen, den Zugang zur Notaufnahme nicht einzuschränken. Die Notaufnahme ist doch vor allem dann voll, wenn Arztpraxen geschlossen haben, d.h. am Wochenende. Ich finde es unverschämt, wenn ständig suggeriert wird, die Mehrzahl der Patienten käme, weil er kein Pflaster aufkleben oder selbständig Fieber messen könne.
Ich zahle als freiwillig Versicherte (Vollzeit, zwei Kinder alleinerziehend) ca. 860 EUR monatlich fin die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung und habe mit den Kindern schon einige Male am Wochenende die Notaufnahme genutzt, um meine Arbeitsfähigkeit pünktlich am Montag wieder hergestellt zu haben. Keiner geht zum Spass in die Notaufnahme, sondern aus gesundheitlicher Sorge.

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Nania 27.06.2018, 13:23
5.

Zitat von keine-#-ahnung
... des Frankfurter Bürgerhospitals. Die 84-Jährige sitzt im Rollstuhl, ihr kürzlich operiertes Knie schmerzt. In Wiesbaden, erzählt der Sohn, habe seine Mutter einmal mit Atemnot fünf Stunden gewartet. Den 93-jährigen Vater hätten sie dort sieben, acht Stunden ausharren lassen. "Ich hab riesigen Stress gemacht dort", sagt Öt." DAS ist DAS Problem. Diese drei Sätze beschreiben es in allen Fazetten. Erstens: einer 84-Jährigen wird das Knie operiert, vermutlich (!) eine Versorgung mit einer Prothetik. Kann man schon mal darüber nachdenken ... aber o.k. Zweitens: das operierte Knie schmerzt. O.K., das haben frische Narben so an sich. Dagegen gibt es aber Schmerzmittel. Kann man bis zum nächstmöglichen Termin beim Operateur oder in der operierenden Klinik einnehmen, durchaus auch mal in erhöhter Dosis. Das ist alles Mögliche, aber kein Notfall. Drittens: Sohnemann macht richtig Stress, ist auf Krawall gebürstet und stört damit den Betrieb in der Notaufnahme, die ... Viertens: ... offenbar nichtmal für den Einzugsbereich des Wohnortes der Mutter zuständig ist (Hinweis auf Wiesbaden). Wenn jetzt die Konsequenz wäre, dass die Familie aufgrund der missbräuchlichen Inanspruchnahme der Notaufnahmekapazitäten einen Obulus von - sagen wir mal - nur 50 Euro entrichten müsste, wäre der Notdienst perspektivisch um einen "Nichtnotfall-Patienten" entlastet. Das wäre die Lösung, nicht irgendwelche halbgewalkten Organisationsversuche, die die Patienten in ihrem übersteigerten Anspruchsverhalten ja nicht korrigieren.
Der Vorschlag, es sei Geld zu entrichten, wenn man objektiv kein Notfall ist, sorgt nur dafür, dass Menschen mit Geldnöten oder mit wenig Geld nicht in die Notaufnahme gehen. Selbst dann nicht, wenn es nötig wäre. Sinnvoller wären Aufklärung in den Kliniken und beim Hausarzt sowie den Krankenhäusern angegliederte notdienstliche Arztpraxen, die man in solchen Fällen aufsuchen kann.

Als Außenstehender kann man zudem nicht beurteilen, wie sehr das Knie schmerzt und ob nicht bereits Schmerzmittel genommen worden sind. Gerade Schmerzen sind nun mal subjektiv.

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sternum 27.06.2018, 13:31
6.

Man könnte auch einfach mal in der Schule ansetzen. Das Problem dabei ist, dass das eher erst in einigen Jahren Wirkung zeigen würde. Aber so wie es scheint, wissen viele ja einfach auch nicht um die Möglichkeiten. Ärztlicher Bereitschaftsdienst zum Beispiel. Wenn man einfach in der Schule, passend vielleicht in Biologie, regelmäßig über das Gesundheitssystem spricht, könnte man (für die Zukunft) eventuell auch schon einiges bewegen. Dann kommen Grippefälle oder Zeckenbisse nicht mehr in die Notaufnahme. Ich war zuletzt auch wirklich entsetzt zu hören, dass Bekannte wegen Zecken tatsächlich zum Arzt gehen würden.
Ein weiterer Punkt ist die für den Arbeitgeber notwendige Krankschreibung - oft hilft doch schon ein/zwei Tage im Bett zu bleiben ohne rezeptpflichtige Medikamente. Einfach gesetzlich festlegen, dass bis zu drei Tage im Jahr ohne Schein krank gemacht werden darf. Wer das ausnutzt geht halt andernfalls eh zum Arzt, bzw machen die meisten doch eh genügend Pausen zwischendurch, da fallen drei Tage nicht wirklich ins Gewicht.

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veritas31 27.06.2018, 13:40
7. Dumme Patienten bestrafen!

Mein Güte, jeder Mensch weiß doch verdammt nochmal, ob es einem WIRKLICH schlecht geht oder ob man auch mal die Füße stillhalten kann.
Aber nein, in unserer "Ich-bin-der-Wichtigste"-Gesellschaft meint jeder Depp, dass das System nur ihm/ihr zu dienen hat.
Deshalb muss dieser Typ Patient bestraft werden. Wer nachweislich kein Notfallpatient ist, muss pauschal 200 Euro zahlen. Wollen man sehen, wie lange die Notaufnahmen noch überfüllt und die Belegschaften überlastet sind!

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dorchen 27.06.2018, 13:42
8. Notaufnahme ist kein Spaß

Zitat von brot&salz
Ich kann der Poltiik und der Gesundheitsindustrie nur empfhelen, den Zugang zur Notaufnahme nicht einzuschränken. Die Notaufnahme ist doch vor allem dann voll, wenn Arztpraxen geschlossen haben, d.h. am Wochenende. Ich finde es unverschämt, wenn ständig suggeriert wird, die Mehrzahl der Patienten käme, weil er kein Pflaster aufkleben oder selbständig Fieber messen könne. Ich zahle als freiwillig Versicherte (Vollzeit, zwei Kinder alleinerziehend) ca. 860 EUR monatlich fin die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung und habe mit den Kindern schon einige Male am Wochenende die Notaufnahme genutzt, um meine Arbeitsfähigkeit pünktlich am Montag wieder hergestellt zu haben. Keiner geht zum Spass in die Notaufnahme, sondern aus gesundheitlicher Sorge.
Ich muss Ihnen völlig Recht geben. Wer schon einmal in der Notaufnahme unserer Universitätsklinik war, weiß dass das die Vorstufe zur Hölle ist: Wurde vor Jahren per Krankenwagen dort eingeliefert. Kein Bett, keine Liege frei. Auf dem Boden lagen die Alkoholleichen, die von der Polizei von der Straße aufgelesen wurden. Die Ärzte mussten über diese drüber steigen; waren ansonsten völlig am Anschlag. Nach über 6 Stunden Wartezeit auf einem Stuhl rief ich meinen Sohn an, er solle mich hier rausholen mit den Worten "sterben kann ich auch zuhause". Bevor ich dann gehen konnte (auf eigene Verantwortung) machte ein Arzt noch Stress, ich solle zum Röntgen, aber bitte im Rollstuhl, da ich mich nicht bewegen dürfe. Mein Sohn und ich waren etwas irritiert, kamen der Aufforderung aber nach. Später stellte sich heraus, dass meine Akte mit der einer schwer herzkranken Dame verwechselt wurde. Diese kleine Geschichte zeigt, wie wenig "Spaß" ein Besuch in der Notaufnahme machen kann.

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keine-#-ahnung 27.06.2018, 13:46
9. In den beiden von Ihnen oben geschilderten Fällen ...

Zitat von Nania
Der Vorschlag, es sei Geld zu entrichten, wenn man objektiv kein Notfall ist, sorgt nur dafür, dass Menschen mit Geldnöten oder mit wenig Geld nicht in die Notaufnahme gehen. Selbst dann nicht, wenn es nötig wäre. Sinnvoller wären Aufklärung in den Kliniken und beim Hausarzt sowie den Krankenhäusern angegliederte notdienstliche Arztpraxen, die man in solchen Fällen aufsuchen kann. Als Außenstehender kann man zudem nicht beurteilen, wie sehr das Knie schmerzt und ob nicht bereits Schmerzmittel genommen worden sind. Gerade Schmerzen sind nun mal subjektiv.
... sehe ich als Arzt durchaus die Indikation für das Aufsuchen einer Notfalleinrichtung, wurst ob das jetzt eine Notaufnahme oder eine Notfallpraxis ist.
Dagegen teile ich diese These: "Der Vorschlag, es sei Geld zu entrichten, wenn man objektiv kein Notfall ist, sorgt nur dafür, dass Menschen mit Geldnöten oder mit wenig Geld nicht in die Notaufnahme gehen" definitiv nicht.
Wir haben eindrucksvoll erlebt, dass nach Einführung der Praxisgebühr von nur 10 Euro zumindest die missbräuchliche Inanspruchnahme des kassenärztlichen Notfalldienstes drastisch zurück ging (der Kassenpatient musste die Praxisgebühr für die Notdienste zusätzlich einmal im Quartal zahlen), ohne dass irgendwelche dadurch bedingte Schäden in der Bevölkerung messbar gewesen wären. Insofern zieht das Argument nicht wirklich. Wer tatsächlich so leidet, dass er der Meinung ist, dies ohne eigenes Zutun nicht bis zum nächstmöglichen Arzttermin abstellen oder lindern zu können, ist in 90% der Fälle auch tatsächlich eine Notfallindikation. Und wenn aktuell kein Geld für eine eventuelle missbräuchliche Inanspruchnahme liquide ist, würde die Gebühr gestundet und später von der Kasse eingeholt. Hatten wir mit der Praxisgebühr im Notfall ja genauso.
"Sinnvoller wären Aufklärung in den Kliniken und beim Hausarzt sowie den Krankenhäusern angegliederte notdienstliche Arztpraxen, die man in solchen Fällen aufsuchen kann."
Wir können auch nicht Notdienstpraxen für Bequemlichkeitsfälle vorhalten - da stehen weder die personellen noch die finanziellen Ressourchen zur Verfügung.
Ein medizinischer Notfall ist ein medizinischer Notfall im Wortsinn. Alles andere gehört ins "normale" Versorgungssystem.

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