Forum: Gesundheit
Umgang mit dem Vergessen: "Demenz ist keine Krankheit"
Barbara Bollwahn

Demente annehmen, wie sie sind: Für ihren Umgang mit dem Altersleid wurde die US-Sozialpädagogin Naomi Feil anfangs für verrückt erklärt. Hier erklärt sie, wie ihre Methode funktioniert.

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alles.auf.horst 21.11.2017, 12:03
10. Falscher Ansatz!

Natürlich ist Demenz eine Erkrankung, nur eben keine heilbare. Und nur, weil wir nicht alle Gründe für Ausbruch und Verlauf kennen und eindeutig identifizieren können, lässt sich daraus nicht schließen, dass es sich im keine Erkrankung handelt würde. Was früher "Schwindsucht" hieß stellt sich heute häufig als Krebs heraus. Es würde aber niemand bezweifeln, dass diese Leute nicht trotzdem erkrankt waren, nur weil die Ursache unklar war. Im Umgang mit Dementen bin ich allerdings sehr bei Frau Feil. Am Ende läuft es jedoch häufig darauf hinaus, dass die Familie - so sie denn daran nicht zerbrechen will - eine Entscheidung zur Plegeunterbringung treffen muss. Ich sage muss, weil auch wir meine Oma nach Jahren der Pflege nicht abgeben wollten. Wir konnten aber ihren Bedürfnissen als Mensch und unseren Bedürfnissen als Familie nicht gleichzeitig gerecht werden. Sie hatte den Vorteil eine gute Pflegeeinrichtung genießen zu können, in der es ihr sichtlich besser ging, als es bei uns der Fall war. Gerade die persönliche emotionale Nähe macht es für Familienangehörige schwer den nötigen Abstand zu finden, um Verhalten als gegeben und nicht gewollt zu bewerten. Vor dem selben Problem stehen wir jetzt, viele Jahre später, bei meinem Vater. Zum Glück geht es ihm noch gut und unsere Vorerfahrung hilft uns dabei, ihn zu unterstützen statt zu reglementieren und zu verunsichern. Man sieht schon an uns selbst, dass Erfahrung im Umgang (=Qualifikation) und die Anzahl der helfenden Personen (=Personalstärke) die entscheidenden Faktoren dafür sind, dass diese Erkrankten sich noch wohl fühlen können.

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toskana2 21.11.2017, 12:08
11. Danke

Zitat von schlauchschelle
Zum Glück haben wir in der Familie die Veränderung ihres Wesens sehr schnell erkannt, seit 2005 ist sie in Behandlung. Klar, diese Krankheit schreitet voran, jeder Tag kann neue Überraschungen bringen. Meine Erfahrung im Umgang mit Mum: Laufen lassen, auch wenn es schwer fällt, den Ablaufplan durcheinander bringt, man sehr oft improvisieren muss. Demente Menschen werden wieder zu Kindern, verhalten sich so, und so, wie man Kinder gelassen, aber lenkend führen sollte, muss ich es mit Mum machen. Ihr Leben lang war sie gewohnt, zu helfen, für Andere da zu sein. Das steckt noch drin, daher versuche ich sie so viel wie möglich helfen zu lassen, auch, wenn es meist "daneben" geht und mich Zeit kostet. Wie oben geschrieben, korrigieren bringt nix. Wenn Mum sagt, sie will nicht ins Bett, sie will TV sehen, obwohl es fast 22 Uhr ist und ich um 3 raus muss, tue ich z.B. ganz überrascht und sage, warum die Sonne dann nicht scheint, bringe sie zur Haustür. Sieht sie dann die Dunkelheit ist sie erstaunt, ich zeige ihr die Uhr und sie sagt dann, dass sie müde sei, und es klappt :) (noch). Was viele nicht verstehen: Demente "funktionieren" nicht mehr, machen nie, was sie "sollen", auch Aggressivität kommt vor, besonders, wenn sie sich "unter Zwang gesetzt" fühlen. Hat man das verinnerlicht (fällt oft schwer), bringt ihnen Liebe, Emotion, Spaß und Empathie entgegen, kann man sehr gut mit ihnen umgehen. Jeder ist individuell, wenn man auf sie eingeht, ist vieles leichter...
Ein herzliches Dankeschön für Ihren tollen Beitrag!
Ähnliche Erfahrungen habe ich selber gemacht mit eigenen Familienangehörigen.

Sicher, nicht alle Fälle lassen sich nach dieser "Rezeptur" abhandeln,
aber Liebe und Empathie brauchen die sogenannten "Dementen"
auf jeden Fall.
Davor muss die Öffentlichkeit aufhören,
sie als "Kranke" zu bezeichnen und als solche zu behandeln.

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emporda 21.11.2017, 12:18
12. Demenz ist eine Krankheit

Das logische Gehirn wird langsam zerstört und das emotionale stark verändert
Die Schwiegermutter war eine Geschäftsfrau mit einem Ladengeschäft. Mit 85 fing die Demenz gravierend an. Auf dem Bankkonto gab es monatlich 3 Zahlungseingännge und 1 Ausgang. Das hat sie nicht mehr verstanden, mehrere DIN A4 Seiten voll berechnet und nach 3 Tagen die Erkenntnis gehabt "die stehlen mir mein Geld"

Sie hatte dann alle Krankheiten für die im Fernsehen geworben wurde, wußte nicht was es ist und wie es wirkt, aber die Tabletten hat sie wie Popcorn gegessen. Mit dem Sozialamt wurde ihr der Einkauf von Medikamenten.-Schrott unmöglich gemacht, dann fing sie an auszuraten. Mit der Stahlkrücke hat sie blindwütig auf alle Umstehenden eingedroschen, es blieb nur sie gewaltsam zu fixieren.

Sie wurde mit 90 ins Heim eingewiesen und täglich mit Neuroleptika ruhig gestellt. Sonst konnte man sie nicht mehr auf andere Menschen loslassen. Sie hätte ohne erkennbaren Grund jemanden erschlagen. Mit 93 ist sie an Oberschenklelhalsbruch im Krankenhaus gestorben
Das soll keine Krankheit seit, was für ein Unsinn

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lathea 21.11.2017, 12:45
13. Demenz ist eine Psychose......

......des Alters. Das ist in der Medizin bekannt. Man könnte dementen Menschen auch durch integrative Ansätze helfen, die im professionellen Umfeld wegen zu wenig Personal und unattraktiver Gewinnoptimierung nicht gemacht werden. Dazu müsste der Bevölkerung und dem Pflegepersonal überhaupt erstmal erklärt werden, was Psychose und Bewusstseinsintegration überhaupt bedeutet und wie sie selbst dabei helfen können. Das ist weitgehend nicht einmal dem Pflegepersonal richtig bekannt. Ruhigstellung durch Medikamente und Ignoranz verkürzt lediglich die restliche Lebenszeit bzw. führt einen schnellen oder schnelleren Tod herbei. Wenn die Bevölkerung korrekt darüber informiert wäre, würden sich vielleicht auch ehrenamtliche Helfer finden lassen, die bei Bewusstseinsintegrationen mit Hilfe eines auf die Integration abgestimmten positivem Zuhörens helfen könnten und wohl auch würden. Dazu muss man kein ausgebildeter Psychotherapeut sein, aber man muss die richtigen Informationen haben und wenigstens eine kurze Schulung und Einweisung bekommen. Deutschland ist ein Land von Vereinen und ehrenamtlichen Helfern. Man könnte deren Potential in der Bevölkerung und im Umfeld der Dementen zielgerichtet zum Wohl von älteren (und auch jüngeren) Menschen nutzen. Außerdem ließe sich z.B. ein "Integrationsassistent/-in" als neuer Beruf generieren, der sich auch wunderbar in variabler Teilzeit zu verschiedensten Tages- und sogar Nachtzeiten ausüben ließe. Das wäre sinnvoller, als - so wie es jetzt erfolgt - die Pharmaindustrie, den Gesundheits- und den Pflegesektor auf Kosten unwissender Patienten und deren Angehörigen sowie der Beitragszahler zu subventionieren. Hier fehlt eine korrekte Informierung der Patienten und ihrer Angehörigen sowie der Bevölkerung. Manche "Krankheiten" sind nicht nur behandelbar, sondern auch heilbar. Ich glaube, dass viele Demente mit besseren Behandlungsansätzen wieder oder länger in der Lage wären, selbständig und/oder mit weniger Pflegeaufwand zu leben.

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SPONU 21.11.2017, 12:46
14. Mein Grossvater litt an Demenz....

...es fing erst harmlos an mit dem Vergessen. Aber dann wurde es spürbar schlimmer. Sätze die keiner Logik folgen, schwankend von zutraulich bis aggressiv gegen Oma (60 Jahre verheiratet). Aktionen die nicht nachvollziehbar waren (in den Staubsauger pinkeln, Türen aushängen, nackt auf den Balkon und Passanten grüssen). Problem war auch Weglaufen. Einsperren ist weder erlaubt noch hilfreich. Es war eine Umstellung insb. für Oma. Ueber Jahrzehnte war Opa der Boss, der Entscheider. Nun den eigenen Mann so hilflos zu sehen, mit teilweise unerklärbarer Aggression, der 24/7 Betreuung braucht. Der nicht mehr weiss was er anziehen soll, warum er welche Medikamente nehmen soll (Diabetiker, Herzkrank usw.)....das war hart.

Als Opa dann Oma allerdings mal mit einem Küchenmesser angriff mussten wir handeln. Das Risiko der Verletzung sich selbst oder Dritte zu gross. Auch dies eine sehr schwere Entscheidung insb. für Oma, die lange glaubte das sei nur eine Phase, er könne sich wieder erholen. Sie wollte ihren Mann nicht im Stich lassen.
Wir waren dankbar für einen Kurs der AOK zum Umgang mit Demenzkranken. Laufen lassen, Berührungen sind wichtig, bei Anzeichen von Irritation oder Aggression nicht zurechtweisen, sondern ablenken. Demenzkranke kennen ggf. kein "Mein" und "Dein" mehr, gehen in andere Zimmer und legen sich dort ins Bett (im Heim). Das darf man nicht bestrafen oder massregeln, sondern muss es hinnehmen.
Unser Opa hatte stets Drang nach draussen, das Heim ermöglichte Spaziergänge auf der Terasse. Bei Süssigkeiten war er immer glücklich. Erinnerungen die lange zurückliegen hatte er noch parat und war darauf ansprechbar. Tanzen, alte Melodien, Sportereignisse...damit bekam man noch seine Aufmerksamkeit. Alles andere war weg.
Man braucht unendlich Geduld, Opa fragte alle paar Minuten nach seiner Brieftasche. Zum Schluss erkannte er Oma nicht mehr und mich (seinen Enkel) auch nicht.
Unser Vorteil war dass sich die Familie einig war und es keinen Streit gab, kein Zank um Erbe und Betreuung. Ich empfehle dringenst noch zu halbwegs rationalen Zeiten Vorsorge zu treffen. Eine Vorsorgevollmacht die beim Amtsgericht hinterlegt wird. Nicht erst wenn es zu spät ist.

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helgeharder 21.11.2017, 12:54
15. Demenz und Alzheimer...

sind zwei verschiedene Dinge und eben nicht dasselbe. Man kann sehr wohl dement sein, aber nicht an Alzheimer leiden. Bei Alzheimer wird man nicht "nur" vergeßlich, die Krankheit (ja, das ist eine!) führt auch zum Abbau von Muskulatur und weiteren Problemen. Ein "normal" Altersdementer erkennt zwar andere Personen nicht mehr, weiß aber im Allgemeinen weiterhin, wer er ist und wofür Alltagsgegenstände gebraucht werden. Auch Veränderungen des Charakters treten nicht wie bei Alzheimer auf, in dessen Verlauf die gesamte Persönlichkeit zerstört wird.

Auch relativ junge Menschen können an Alzheimer erkranken, das ist meines Wissens bei einer "normalen" Demenz noch nicht vorgekommen.

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leopold123 21.11.2017, 13:01
16.

Natürlich ist Demenz eine Krankheit, die übrigens auch Kinder und Jugendliche befallen kann. Die funktionierende Hirnmasse nimmt immer weiter ab, bis die Betroffenen sogar das Atmen verlernen und deshalb teils deutlich früher sterben. Wie man mit der Krankheit umgeht, ist wieder eine andere Frage. Das ganze als natürlichen Prozess des Alterns zu verharmlosen weckt allerdings nur falsche Erwartungen bei den Angehörigen.

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merk! 21.11.2017, 13:07
17. Ohne Bein kann man leben, ohne Erinnerungen schwerlich

Die Betreuung meiner Mutter war die Hölle. Über Jahre sah ich, wie eine einst lebensfrohe Person geistig langsam starb, das grosse Vergessen. Am Ende hatte sie nur noch Kindheitserinnerungen, und ich, der Sohn war dann plötzlich ihr Bruder, und ihre Eltern hat sie nur noch gesucht. Auch schrecklich finde ich, dass ihre "Freunde" und Bekannten fast alle das Weite gesucht haben, als wäre die Demenz ansteckend. Schnell ist man sozial isoliert als alter und kranker Mensch in unserer modernen Gesellschaft. Sie starb an den Folgen eines Sturzes. Aber sie hätte auch noch Jahre weiterleben können, aber wie, will ich mir garnicht vorstellen. Ärzte erschienen mir ziemlich ratlos, verschrieben ihr einen bunten Medikamentencocktail, damit sie "ruhiggestellt" war, schrecklich!
Ich machs wie Gunter Sachs, wenn ich mal so weit bin, glaub ich.

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Lord Menial 21.11.2017, 13:24
18.

Zitat von toskana2
Von "Demenz" aber lebt aber ein Großteil der Pharmaindustrie, der Schulmedizin und der Psycho-Heiler - und das nicht schlecht.
In welcher Weise "lebt" die Pharmaindustrie von Demenzen?
Sicher würde die pharmazeutische Industrie gerne Geld mit Antidementiva verdienen, und wenn eine Firma ein wirksames Präparat hätte, könnte kaum jemand etwas dagegenhaben.
Nur: es gibt keinen einzigen Wirkstoff gegen Demenzen!

gegenwärtig leben Pflegeheimbetreiber von der "Demenz", und das zweifellos nicht schlecht.
Die pharmazeutische Industrie guckt bisweilen aber nur dumm.

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Lord Menial 21.11.2017, 13:26
19.

Zitat von alles.auf.horst
Was früher "Schwindsucht" hieß stellt sich heute häufig als Krebs heraus.
Schwindsucht war immer schon ein umgangssprachliches Wort für Tuberkulose:

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