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Umstrittene Familienaufstellung: Psychokurs im Schnelldurchlauf
Corbis

Sie soll helfen, seelische Probleme zu lösen: Die Familienaufstellung ist bei Alternativpsychologen hoch im Kurs - und bei professionellen Therapeuten höchst umstritten. Kann man den Lebenseinfluss der Herkunft im Schnellverfahren klären?

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Caldwhyn 24.10.2014, 08:55
100.

1. Sie bekämpfen einen Strohmann, von Psychopharmaka war keine Rede.

2. Die Methoden funktionieren und sind für eine Bereiche zu recht das Mittel der Wahl, für andere eben nicht. "Wird schon wieder gut" ist keine Psychotherapie. Psychotherapie ist auch keine "rent a friend" Veranstaltung und von daher sind Verfahren die auch mal auf Diskurs und das Aktivieren unangenehmer emotionaler Zustände setzen grundsätzlich notwendig und hilfreich. Wusste auch schon Klaus Grawe ganz schulenunabhängig gut zu beschreiben.

3. Die Studie können sie ja nachlesen, da wird im Schwerpunkt nicht nach irgendwelchen Normen (welche sollten das denn sein? Und welche Therapie macht sowas?) geschaut sondern die Patienten wurden nach Abschluss der Therapie (und Monate, teilweise bis zu 2 Jahren später) gefragt, wie es ihnen geht und ob die Therapie dabei geholfen hat. Wo kommt da jetzt die Norm ins Spiel?

Ganz davon ab - der Zwangserkrankte will natürlich eine Abschwächung der Symptome, der schwer Depressive mit Suizidgedanken natürlich auch, die Agoraphobikerin die seit 3 Jahren ihre Wohnung nicht mehr verlassen kann möchte das üblicherweise auch ganz gerne wieder können. Sollen wir jetzt darauf verzichten, mit diesen Patienten zu schauen ob die Symptome schwächer geworden sind, weil es in Ihren Augen ja eine "Norm" ist, sich nicht die Hände blutig zu waschen, sich aus einem Impuls heraus das Leben zu nehmen oder sein Leben auf 2 kleine Zimmer zu beschränken?

Und leider wird keiner der drei ausschließlich von "empathischer Zuwendung" eine Besserung seiner Symptome erfahren.
(Untersuchungen zur Auswirkung von sozialer Unterstützung gibt es übrigens durchaus, auch wenn ich spontan keine benennen könnte...)

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meinemeinung: 24.10.2014, 12:18
101.

@Caldwhyn
Zu 1.
Ein Mensch dessen Seele leidet und dies bei seinem Arzt anspricht wird in der Regel zum Psychiater überwiesen. Von diesem bekommt er dann entsprechende Medikamente verschrieben. Meiner Erfahrung nach bleibt es meist dabei. Von Psychotherapie ist kaum die Rede und viele Menschen kennen noch nicht einmal den Unterschied zwischen Psychiater und Psychotherapeut. Da Sie betonen wie effektiv der "professionelle" Bereich ist, finde ich es wichtig darauf hinzuweisen wie die Praxis häufig aussieht, die ich für alles andere als effektiv halte.
Zu 2.
Die Haltung die sie zum Ausdruck bringen teile ich nicht. Ein gute Beziehung zum Klienten halte ich für die wichtigste Voraussetzung um einem Menschen zu helfen. Keineswegs halte ich es für angemessen unangenehme Gefühle beim Klienten zu provozieren. Ich halte dies für kontraproduktiv. Unangenehme Gefühle können beim Klienten auftauchen und es ist aus meiner Sicht wichtig mit diesen zu arbeiten, aber nur insofern sie aus dem Menschen selbst heraus kommen.
Jemand der eine solche Haltung definiert hat und auch erfolgreich in die therapeutische Praxis umgesetzt hat ist Carl Rogers mit der klientenzentrierten Gesprächstherapie:
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Rogers

Zu 3.
Sie schreiben von "psychischen Erkrankungen". Wie sind diese definiert? Das DSM bezieht sich ausdrücklich auf statistische Werte, orientiert sich somit an der Norm, was in entsprechenden Behandlungsmethoden seinen Ausdruck findet.
Was entsprechende Studien betrifft, die sich auf die Behandlung von Symptomen beziehen, haben diese für mich eine sehr begrenzte Aussagekraft. Menschsein bedeutet für mich sehr viel mehr als das was in seinen Symptomen zum Ausdruck kommt. Diese verstehe ich eher als Warnsignale die anzeigen das etwas tiefer liegendes im Argen liegt. Ohne dies zu beachten bleibt die Behandlung oberflächlich.
Sicher mag es besser sein wenn ein Mensch zunächst Hilfe bei seinen Symptomen erfährt, oder Dinge an seiner konkreten Lebenssituation verbessern kann. Dennoch ist dies immer nur ein Teil der Geschichte, und vieles bleibt dabei unbeachtet und unverarbeitet, was sowohl einen Mangel an Lebensqualität bedeutet, als auch Risiken enthält, denn der zugrunde liegende Konflikt bleibt so meist ungelöst.
Dies alles wird oft kaum wahr genommen weil Verdrängung in allen Bereichen zum Normalen und Selbstverständlichen geworden ist und so vieles kaum noch als Problem wahrgenommen wird. Keineswegs würde ich Therapeuten davon ausnehmen. Eher im Gegenteil, halte ich vieles was dort versucht wird für Teil der bestehenden Verdrängungsmechanismen.
Empathie alleine mag nicht ausreichen um Menschen zu helfen. Ich halte sie aber zumindest für die wichtigste Voraussetzung um Hilfe leisten zu können.

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