Forum: Gesundheit
Zwangsmaßnahmen: Gurte und Gitter gehören oft zum Klinikalltag
Corbis

Fixierungen und Zwangsmaßnahmen gibt es nicht nur in der Psychiatrie. Auch auf anderen Klinikstationen sind sie nicht unüblich: Fast bei jedem achten Patienten werden laut einer Studie solche Methoden angewandt. Manchmal mit verheerenden Folgen.

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lattifix 17.03.2014, 11:53
1. Manchmal...

...wichtig bzw. richtig.
Ich selbst war 2007 mehrere Monate im Krankenhaus und hatte zwischendurch regelrechte Aussetzer.

Nicht, dass mir die Fixierung gefallen hätte, aber im Nachhinein war die Maßnahme wohl ziemlich sinnvoll.

Wie im Artikel beschrieben wollte (und habe) ich mir diverse Schläuche gezogen, und habe auch den Dr. Kimble gegeben - war also schon "Auf der Flucht".
Das Alles, ohne wirklich bei Bewusstsein gewesen zu sein - nicht auszudenken, was hätte passieren können...

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Steffen M. 17.03.2014, 12:01
2. alles Käse!

die 1 zu 1 Betreuung ist auch in Psychiatrien nicht wirklich gut umsetzbar, der Personalschlüssel ist annähernd identisch mit dem somatischer Krankenhäuser.
Außerdem ist es mehr als kontraprodiktiv, neben einen hoch psychotischen, angespannten, fixierten Patienten, eine Sitzwache (so nennt man die nicht ausgebildeten "Betreuer" - meist extra dafür eingestellte Studentinnen) zu setzen. Die Patienten kommen dadurch überhaupt nicht mehr zur Ruhe, weil ständig ein "Gesprächspartner" im nun beleuchteten Zimmer sitzt. Das führt oft dazu, dass Patienten Nächte lang nicht schlafen, was die Behandlung unnötig in die Länge zieht.

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meinungsforscher 17.03.2014, 12:25
3. Bekannt...

Das Thema ist längts in den Köpfen der handelnden Akteure: zu Recht! Mittlerweile ist auch die Justiz aufmerksamer geworden und prüft die Fälle der freiheitsentziehenden Maßnahmen genauer nach Alternativen. Ich bin seit über 20 Jahren im Gesundheitswesen unterwegs und kann bestätigen, dass sich zu dem Thema einiges in den Kliniken und Pflegeheimen getan hat.

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aa_mode 17.03.2014, 12:31
4. Auf Fixierung fixiert

Ein besserer Personalschlüssel um die Betreuung der Patienten zu verbessern und Fixierungen überflüssig zu machen ginge mit höheren Kosten einher, was von den Kostenträgern - also der Gesellschaft - nicht gewünscht wird. Stationen, auf denen auf denen auf Fixierungen verzichtet wird, sedieren ihre Patienten häufig medikamentös, im Fachjargon nennt man das salopp "chemische Fixierung".
Es gibt eine Patientenklientel, die liegen auf den Intensivstation überwiegend flach sediert und künstlich beatmet. Da reicht ein kleiner Moment kurzer agiltät um sich den lebenswichtigen Beatmungsschlauch rauszuziehen oder die Zufuhr lebenswichtiger Medikamente zu unterbrechen. Es müsste theoretisch 24/7 jmd neben ihnen sitzen um diesen einen kurzen Moment abzuwenden. Diese unbewusste Selbstgefährung bindet auch ärztliche Kapazitäten, die an anderer Stelle, z.b. bei weiteren akuten Notfällen auf der Station bzw. im Krankenhaus fehlen. Fixierung ist Freiheitsberaubung, keine Frage, man muss die Anwendung in jeder Situation neu abwägen, aber dass man ganz auf diese verzichten kann - unter selben Bedingungen in den Kliniken wie heute - für mich nicht vorstellbar.

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Ingmar E. 17.03.2014, 12:33
5.

Klar kann sich auch ein fixierter Patient den Beatmungsschlauch ziehen, aber oft haben wir Patienten in der Wachwerdephase, die z.B. einen Hustenreiz haben und dann ziemlich automatisiert nach dem Schlauch greifen. Da reicht schon eine Handfessel, die die Hand 10cm vorm Tubus stoppt, das ist eher eine Art Erinnerung für den Patienten. Natürlich könnte er mit dem Kopf diese 10cm nach vorne kommen und trotzdem ziehen, aber das machen sie dann eben nicht. Bin auch bald Pflegewissenschaftler, die empirische Beobachtung eines "locker" fixierten Patienten könnte den Kollegen schon helfen.

Dass der Nutzen von Fixierungen auf Intensivstationen nicht belegbar ist, halte ich für ziemlich fraglich. Ich vermute, man hat bisher nur noch nicht ausreichend große Fallzahlen untersucht, um den Effekt aufs Outcome nachzuweisen.

Fakt ist, eine ungeplante Selbstextubation kann viele Patienten akut vital bedrohen. Konkret: Wenn du dann keinen neuen Tubus in die Luftröhre schieben kannst, kann so ein Patient auch mal sterben. Das ist sicher ein seltenes Risiko, und der Effekt von Fixierung geht dann halt unter. Es ist eine von hunderten Maßnahmen, die sehr geringe Effekte zeigen, die man nur bei extrem großen Fallzahlen sichtbar werden, die aber im Zusammenspiel dennoch ergeben, dass die heutigen Überlebensraten auf unseren Intensivstationen stark gestiegen sind.

Es gibt Krankenhäuser die scheuen die Handfessel und zwingen dann aber dem (ja in der Situation nicht einsichtsfähigen Patienten) mehrmals pro Schicht eine neue Magensonde auf. Man sollte mal die Beeinträchtigung, das Missempfinden durch die ständige Neuanlage einer Magensonde, mit der Fixierung vergleichen.

Ich fixiere nicht um mir die Arbeit zu erleichtern, sondern wegen der Sicherheit der Patienten.

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napu 17.03.2014, 12:36
6. Wer nicht arbeitet, wird kostengünstig gefesselt.

Das ist das Resultat neoliberaler Politik. Der Mensch hat entweder zu arbeiten oder so reich zu sein, dass er sich alles selbst bezahlen kann. Wer nicht arbeiten kann und nicht reich ist, wird lediglich zum Minimalkostensatz gerade so am Leben gehalten, wie sich damit in Kliniken und Pharma-Industrie Geld verdienen lässt.
Denn: Mit Gesundheit und mit Tod verdient der Arzt kein Brot. Darum hält er uns stets zu seinem eignem Wohle zwischen beidem so in Schwebe.

Das sieht man besonders deutlich bei Arbeitsunfällen. Besteht die Chance, dass jemand nach einem Unfall wieder arbeitsfähig wird, dann zahlen die Berufsgenossenschaften fast alles, wie beim einem Privatpatienten. Wenn sich aber abzeichnet, dass die Arbeitsfähigkeit nicht wieder hergestellt werden kann, dann wird ein Mensch nur noch als Abfall betrachtet. Dann werden selbst hilfreiche Behandlungen verweigert und der Betroffene mit einer Erwerbsminderungsrente heimgeschickt, auf dass er bald und kostengünstig versterbe.

Und bei chronischen Erkrankungen ist es nicht viel anders. Ärzten und Pharmaindustrie geht es nur darum, nachhaltig mit Schmerzmitteln und "psychosomatischen" Behandlungen sich die Taschen vollzustopfen. An einer Heilung chronischer Krankheiten ist niemand ernsthaft interessiert.

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Biegel 17.03.2014, 13:11
7. Einseitige Datenerfassung

Eine betagte nahestehende Verwandte ist im Krankenhaus nachts aufgrund eines fehlenden Fallschutzes in Form eines Gitters aus dem Bett gefallen und hat sich den Oberschenkel gebrochen. In der Folge ist sie dann an einer Lungenentzündung gestorben.

Sind solche Fälle von Unfällen, die hätten verhindert werden können, von den Untersuchenden auch erfasst worden? Ich glaube nicht, dass sie eine Seltenheit sind.

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Felix HAW 17.03.2014, 13:14
8. Skandal

Soll das jetzt ein Skandal sein?
Mein Vater lag im künstlichen Koma, die Aufwachphase dauerte eine Woche und danach mindestens noch einmal eine Woche bis er halbwegs wieder er selbst war. In dieser Zeit sind auch sonst gesunde Menschen nicht mehr sie selbst, machen allerhand dummes Zeug und haben Zuckungen und Reflexe. Ich war heilfroh dass er teilweise fixiert war, ich bin mir sicher er hätte sich sonst den ganzen Tag über neue Verletzungen zugezogen. Die Alternative dazu sehe so aus, dass ein Pfleger oder eine Schwester rund um die Uhr neben dem Patienten steht. Das ist ja total unrealistisch. Insofern ist es für mich selbstverständlich, dass man Arbeitsprozesse in Kliniken, ebenso wie in jedem anderen Betrieb, stetig verbessern muss. Aber deswegen ist es noch nicht wert das zu ´nem großen Thema zu machen.

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der:thomas 17.03.2014, 13:18
9. Ganz einfach:

Fall dokumentieren und Strafanzeige erstatten. Die Rechtslage ist ja wohl eindeutig.
Sollte eine solche Maßnahme notwendig sein - muss sie envernehmlich geschehen - ode eben richterlich angeordnet sein.

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