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Alltag eines Sonderpädagogen: "Von meinen Idealen ist nichts mehr übrig"
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Ins Referendariat startete er voller Tatendrang. Fünf Jahre später macht er nur noch Dienst nach Vorschrift. Ein Sonderpädagoge erzählt, warum er seinen einstigen Traumjob nicht noch einmal ergreifen würde.

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sloven 05.01.2018, 15:53
1. Bitte keine Diskussion über das "Jammerverhalten" von Lehrkräften

Selbst als Lehrer seit 11 Jahren, kann ich die Aussage des Kollegen verstehen.
Zwar in einer anderen Alterstufe aktiv bekomme, ist es spürbar, dass die Erwartungshaltung der Eltern/ des Schulamtes/ des Direktors ständig zugenommen hat, der Verwaltungsaufwand immer größer wird und der eigentliche Sinn des Lehrers, das Vermitteln von Lerninhalten, immer weiter in der Hintergrund gerät.
Das Eltern die Schule als Erziehungspartner wahrnehmen, ist ein Witz: Viele Eltern kümmern sich nicht um ihre Kinder, was von der Schule übernommen werden soll.
An einer Schule mit 500 Schülern, welche zu 60-80 Prozent psychische Probleme haben, haben wir erst seit ein par Jahren eine Schulsozialarbeiterin mit einer halben Stelle.

Selbstverständlich gibt es Kollegen, welche weniger Dienst als Vorschrift machen und damit einen Top-Stundenlohn haben, aber für alle Kritiker aus der freien Wirtschaft: Wo ist das anders? Es gibt immer Arbeitnehmer, welche einen faulen Lenz auf Kosten anderer machen. Warum sollte es bei "uns" nicht anders sein.
Was tun: Zumindest nicht das, was Helmut Kohl mit der Glasfaserverkabelung gemacht hat. Jetzt, 30 Jahre später, sitzen wir auf dem Rückschritt.
Übertragung auf die Schule: Je mehr Bildung, je geringer die Chance auf Kriminalität (KOSTEN) und H4 (KOSTEN), sondern besser bezahlte Jobs (STEUERN) und bessere Forschung (langfristig mehr Steuern).

Alles, was jetzt an der Schule eingespart wird, werden wir alle an unserer Rente/Pension spüren, oder indirekt durch höhere Steuern.

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h3li05exe 05.01.2018, 16:02
2. Ich kann ihn so gut verstehen...

... denn mir ging es ähnlich. Bin auch Sonderpädagoge. Auch Anfang 30. Meine Ideale habe ich schnell über Bord geworfen. Ich versuche immer noch, das Beste für die Kinder zu erreichen, plage mich aber nicht mehr selbst mit den Gedanken daran, wie die Beschulung von Kindern mit Behinderungen eigentlich aussehen sollte.

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not_knowing 05.01.2018, 16:03
3. Die Geschichten ähneln sich

Sicher werden bald die ersten Kommentare über nicht belastbare Lehrer erscheinen oder Frau Merkels Flüchtlingspolitik wird als Ursache herangezogen, so wie es bei den Kommentaren immer abläuft.
Hört man aber in den Artikel richtig hinein, so wird hier aber ein brennendes Problem offenbar: unsere Gesellschaft ist trotz allen Reichtums nicht bereit für die Berufe , die unsere Welt sichern und unsere Zukunft ausbilden genügend Ressourcen bereitzustellen: Polizisten, Feuerwehrleute , Erzieher, Lehrer usw. Es wird gekürzt bis viele bewährte Mechanismen unserer Gesellschaft nicht mehr funktionieren
und alle die Konsequenzen am eigenen Leib erleben.
Wirklich sehr schade und auch etwas beängstigend.

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Lankoron 05.01.2018, 16:11
4. Das Begutachtungsproblem

ist noch viel grösser als angegeben. Lehrer ohne Forbildung im Bereich des Begutachtens sorgen für ihre eigene Schülerzahl, um die Schule am Laufen zu halten. Das wäre so, als würde VW die Abgasaffäre im eigenen Haus aufklären sollen. Einspruchsmöglichkeiten der Eltern gibt es mangels neutraler, unparteiischer Begutachter nicht wirklich. Wie mit einem solchen System die eigenliche "Förderung" mit dem Ziel der eventuellen Wiedereingliederung in den normalen Schulalltag einer Regelschule gelingen soll, erschließt sich mir nicht.

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spon-1203783564503 05.01.2018, 16:46
5. Verständnis habe ich ja durchaus

und kann vieles vom dem nachvollziehen. Schade ist jedoch das auch die Eltern die durchaus bereit sind mit der Schule und den Lehrern zusammen zu arbeiten keine ausreichende Unterstützung bekommen.

In meinem Fall habe ich einen 13 jährigen Sohn, der schlichtweg zu Faul ist etwas für dich Schule zu tun. Immer wieder habe ich um ein Gespräch gebeten, dieses dann nach 4 Monaten bekommen. Dort wurde mir dann mitgeteilt das mein Sohn fast nie die Hausaufgaben macht. Warum mir dies nicht früher mitgeteilt wurde konnte mir keiner beantworten. Als Elternteil kann ich nur etwas an der Situation ändern, wenn ich von dieser in Kenntnis gesetzt werde. Was leider so gut wie nie passiert.

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mrca 05.01.2018, 16:48
6. das Problem sind so gut wie nie die Lehrer

Es ist leider eine Politik, die entweder aus ideologischen Gründen oder wegen falschem Einsatz von Mitteln under Bildungssystem an die Wand gefahren hat. Statt bei den Sondierungsverhandlungen auf Bildung zu setzen, werden Nebenkriegsschauplätze aufgenacht, damit man(Frau) sich nicht mit unseren drängenden Zukunftsthemen herum schlagen muss. Deutschland ist auf ein funktionierendes Schulsystem angewiesen und da zu sparen, bedeutet unsere Perspektiven für die kommenden Jahre zu verspielen.

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martine-primus 05.01.2018, 16:49
7. gut nachvollziehbar

ich bin zwar keine Lehrerin, aber ich habe drei Kinder, die die Schule durchlaufen (haben). Wenn man nicht blind ist, bekommt man genug mit. Ich beneide keinen Lehrer. Die meisten Lehrer, die ich kennengelernt habe, waren älter und den Schülern sehr zugeneigt. Anders als bei uns damals! Und man bemerkt, dass von den Lehrern aus Elternsicht viel abverlangt wird. Eine Mutter sagte mir wirklich wortwörtlich das, was der Lehrer im Text oben schrieb: die Kinder sind den ganzen Tag in der Schule, von dort sollten sie auch Erziehung mitbekommen! Und es reicht ja in den Regelklassen ein Kind aus, das verhaltensauffällig ist, unter dem dann die ganze Klasse leidet. Ich möchte da nicht den Lehrerjob an einer Förderschule sehen....
Ja, in Berufe, die am Menschen ausgeübt werden, wird zu wenig investiert. Klar, sind sie nach Input eben nicht gleich gewinnbringend! Da aber das Kapital wichtig ist und möglichst hohe Gewinne erwirtschaften soll, wird eben lieber anderweitig investiert.
Wer weiss schon, ob es sich lohnt, in ein Kind, einen Pflegebedürftigen, einen Kranken zu investieren.... aus dem Pflegebedürftigen wird doch eh nichts mehr zu holen sein (alt und für Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehend, belastet nur die Pflegekasse und Rentenkasse), die Kinder aus dem Proletariat (wer weiss, ob die Prägung der Eltern sie nciht schon auf Hartz IV getrimmt hat) und die Kranken (kosten Geld, da macht man nur das Nötigste und lässt eine Krankenschwester für xx Patienten aufkommen). Alles schön auf Schmalspur.

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kanotus54 05.01.2018, 16:50
8. Stimmt!

Ich arbeite zwar "nur" an einer Regelgrundschule, aber ich kann den Artikel voll bestätigen. Die "zusätzlichen" Arbeiten (besonders im Bereich Schulentwicklung) sind in den letzten 15 Jahren massiv gestiegen. Heute erwarten SchulleiterInnen, Schulaufsicht und die Bezirksregierung, dass jeder Lehrer/jede Lehrerin 150% gibt. Das dass nicht funktionieren kann, leuchtet doch BITTE jedem ein!
An unserer Schule sind 3 Stellen nicht besetzt. Trotzdem wird VOLL Unterricht erteilt. In einigen Klassen gibt es sogar noch Stunden über dem Soll (Die Eltern würden sich ja beschweren, dass wollen wir nicht). Unterrichtsausfall gibt es nicht. Sind Kollegen krank (täglich 1-3), werden die überschüssigen Kinder einfach auf die anderen Klassen verteilt. Ist ein richtig toller Unterricht, wenn man eigentlich seine Stundenplanung durchziehen will, aber den Aufteilkindern erst einmal eine Aufgabe geben muss, damit die nicht über Tische und Bänke gehen.
Vor Jahren faselte die SPD-Grünen-Regierung mal etwas von 24 Schülern pro Klasse. An unserer Schule sind es SEIT JAHREN im Schnitt 28 - mit jeweils 3-5 verhaltensauffälligen Schülern (für die wir gar kein Förderantrag stellen brauchen - für die gibt es weder zusätzliche Stunden (wir sind keine GU-Schule) noch die Chance, dass sie an eine GU-/Förderschule wechseln.). Da sind wir völlig auf die Freiwilligkeit der Eltern angewiesen. Mit einem schreienden, einem pissenden und einem depressivem Kind ( und 25 anderen Kindern mit einem Haufen anderer Ansprüche)kann man im dritten Schuljahr sehr gut Mathe machen...

Gott sei Dank stehen mir wenigsten die Eltern (die meisten) bei. Auf die kann ich mich verlassen. Meine Schulleitung ist da keine Hilfe. Die gibt nach unten weiter, was von oben kommt. Und ist von ihrem Stil auch noch überzeugt.
Ach ja - unsere "Schulaufsicht" hat sich ein besonderes Bonbon für uns einfallen lassen. Damit wir nicht so gestresst sind, hat sie für uns ein "freiwilliges" Achtsamkeitstraining rausgeboxt. Kostenlos und - zusätzlich zum alltäglichen Wahnsinn. Wir freuen uns!

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moritz27 05.01.2018, 16:51
9. Ich denke, dass alles

was er beschreibt stimmt. Was ich nicht verstehe ist: Er ist ja nicht im Alter von 14 Jahren von seinen Eltern in irgendeinen Beruf gedrängt worden. Wenn man also Abitur macht und sich anschließend über seinen Berufswunsch einfach auch mal bei den schon berufstätigen Praktikern umgeschaut und umgehört hätte, wäre eine solche Berufswahl wahrscheinlich unterblieben. Und das will er jetzt bis zur Früpensionierung durchhalten?

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