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Alltag eines Sonderpädagogen: "Von meinen Idealen ist nichts mehr übrig"
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Ins Referendariat startete er voller Tatendrang. Fünf Jahre später macht er nur noch Dienst nach Vorschrift. Ein Sonderpädagoge erzählt, warum er seinen einstigen Traumjob nicht noch einmal ergreifen würde.

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wauz 05.01.2018, 22:42
50. Das Schlimme daran

Im Schuldienst sind schon etliche Pfeifen unterwegs. Ich bin einigen frustrierten Krankenschwestern begegnet, die "was mit Kindern" und "halbtags" machen wollten und dann Grundschullehramt studiert haben.Mit gruseligen Resultaten.
Im Bereich der Sonderpädagogik ist das anders. Da landen die höchst Motivierten und die Schlaffis werden schon im Studium abgeschreckt, so dass sie es nicht ins Referendariat schaffen. Zumindest nicht als Sonderschullehrer.
Das erkannte Problem, das es nämlich ziemlich Banane ist, alle Problemfälle auf einen Haufen zu stapeln, hat nur dazu geführt, dass man nun "schwierige" Kinder einfach in die Normalschule steckt, in der Hoffnung, dass das da nicht ausfällt. Wenn man das 'Inklusion' nennt, klingt das gleich toll.
Tatsächlich ist unser Schulsystem veraltet, überaltert, falsch konstruiert und in allem Unterversorgt. Schon die Schulgebäude sind von der Konstruktion her falsch. Und dazu noch oft in desolatem Zustand. Ein Lehrer muss die Kapitalausstattung seines Betriebes selbst besorgen. Schreibtisch/Computer vom Amt? Fehlanzeige! Sozialraum? Isnich, schließlich sollen Lehrer keine Pause machen, sondern Aufsicht führen und Gespräche führen.
Auch wer als Schüler mal einfach 10 Minuten Ruhe braucht, muss dazu während des Unterrichts sich auf die Toilette absetzen.
Da muss man doch krank im Kopf werden...

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redbayer 05.01.2018, 23:04
51. Wie schön, dass sie das zum kotz ... finden

Zitat von Haarfoen
Die Freundin meines Bruders ist ebenfalls Sonderpädagogin, eine sehr starke Frau. Sie hat etwa 15 Jahre durchgehalten und ist dann 1 Jahr wegen völliger Erschöpfung ausgefallen, eine schwierige Zeit. Die Zustände in unserem Bildungssystem sind einfach nur erbärmlich und zum K***en. Freunde von mir sind an der Uni tätig, prekär beschäftigt und in irgendwelchen 1/3 Stellen. Wer sich beschwert, fliegt raus. Aus Kostengründen steht die Streichung von Kunst-, Sport- und Musikunterricht im Raum, viel zu wenig Personal nicht nur an den Sonderschulen, auch bei den anderen Schulzweigen. Wie kann es sein, dass eine reiche Generation nur an die eigenen Renten denkt und den Nachwuchs völlig vernachlässigt? Was ist da schief gegangen? Die Kinder bekommen in den seltensten Fällen ein warmes Mittagessen, werden um 8.00 Uhr in den Unterricht gequält obwohl es nachweislich nichts bringt, Ganztagsschulangebote gibt es nur wenig, vergammelte Gebäude und kein Geld für Kopien ... Es ist so beschämend und macht mich so wütend. Selbst wenn wir dem Diktat der besitzenden Klasse unterstehen, wie kann man nur so wenig in die Zukunft der kommenden Generationen investieren?
aber wer meinen sie hat uns das eingebrockt? Wer macht Politik in den letzten 20 - 30 Jahren in Deutschland? Wer lässt alles verkommen und steckt sich nur selbst die Taschen voll (siehe Diäten, Geldvorteile, fette Frührenten) - die angeblich sozialen Christen oder die Sozial Bonzen im Land. Da müssen sie schon auf "Flüchtling machen" - dann geht es ihnen besser ...

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ford_mustang 05.01.2018, 23:13
52. @5 genau so erleben wir das auch.

Es findet keine Kommunikation mit interessierten Eltern statt, trotz hervorragenden Kommunikationsmöglichkeiten. Die Schule meldet sich erst, wenn die K...e am dampfen ist.

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HansGu 05.01.2018, 23:23
53. zu Post 42 und 48

Er hat sicherlich Recht, das Authorität wichtig ist. Gerade hier fühlen sich einige Lehrer unsicher, weil sie nicht so Streng rüberkommen und gemocht werden wollen, und es auch gegen ihre eigene Vorstellung von wie-sie-sein wollen verstößt. Das wissen Schüler meist unbewusst auszunutzen. Trotzdem gibt es Schulen und Klassen in denen der beste Lehrer nicht "für Ruhe sorgen" kann. in Post 42 schreibt er ja selber er hat Glück mit dem Kollegium und den Schülern. Das gilt bei weitem nicht für alle!
Es gibt bestimmte Schüler, die nicht handhabbar sind und eine intensive 1:1 oder 1:2 Betreuung benötigen.- Teuer. Wenn man solcher Schüler in einer Inklusionsklasse erlebt hat, glaubt man auch bei vormals offener Haltung nicht mehr an das Inklusions-Märchen.

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amberstar 05.01.2018, 23:40
54. Schule, Geld und Bildungssystem

Wir schaffen es in diesem Land ja noch nicht mal ein einheitliches Schulsystem mit gleichen Schulabschlüssen für alle Bundesländer einzuführen, oder das eine Ausbildung als Lehrkraft auch von allen Bundesländern anerkannt wird. Das gesamte Thema Schule gehört in meinen Augen auf den Bund übertragen und hat auf Länder-Ebene nichts verloren. Vor knapp 4 Wochen war ich auf einer Schulveranstaltung (Vorstellung weiterführender Schulen), wo sich ein Mathelehrer einer Realschule in Bayern damit brüstete, in seiner 8. Schulklasse die Mathe-Abschlußprüfung aus Berlin zu machen! Zuerst habe auch ich gelacht, aber dann habe ich mich gefragt ob wir hier in Bayern nicht evtl. zu viel von unseren Kindern verlangen? Oder woanders zu wenig? Oder sind nicht grundsätzlich ein Großteil der Fächer und Lehrinhalte nicht hoffnungslos veraltet?
Warum 3 Stunden Religion die Woche? In meinen Augen ist Religion ein Hobby und hat in der Schule nichts verloren. Warum braucht man unbedingt auf Gymnasien noch eine 2. Fremdsprache wenn einem ALEXA für 34.99 EUR einem simultan in zig Sprachen übersetzen kann? Wo gibt es Schulen in dem man Sprachen lernen kann, die man in der globalen Wirtschaft auch wirklich braucht? Wer braucht heute noch Kunst oder Musik in der Schule? Hat jemals jemand von Euch eine Parabel-Berechnung im späteren Job benötigt? Wo sind die Unterrichtsfächer indem Kinder lernen wie man die neuen Medien (Smartphone, PC, Tablet, etc.) ,Software und Internet sinnvoll als Arbeitsmittel nutzen kann? Was glauben Sie braucht man in der heutigen Zeit zwingend für nahezu jeden Job? Office Kenntnisse oder einen Notenschlüssel?
Und diese modernen Lehrinhalte sollen von Lehren durchgeführt werden die Ihre Ausbildung zu einer Zeitgemacht haben wo es das Wort Personal Computer noch gar nicht gab? Haben diese Lehrer jemals eine Fortbildung bekommen? Oder eine Weiterbildung wie man Office Inhalte für die Unterrichtsgestaltung hernehmen kann? Oder wie sich unsere Politiker die Inklusion vorstellen?
Und kommen Sie bitte nicht mit dem Argument das es alles jetzt schon soviel Geld kostet. Solange wir politisch gewollt seit vielen Jahren auf viele Milliarden EUR Steurgelder verzichten durch die Duldung von Steueroasen, Verschiebung von Gewinnen ins Ausland, Ex-Cum Geschäfte, ausufernde Kosten div. Großbaustellen. + was der Bund der Steuerzahler so jährlich bemängelt. Ich bin mir sicher wir könnten uns dann nicht nur eine wirklich gute Bildung leisten sondern auch alle mit 60 ohne Abzüge in Rente gehen.

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kanotus54 05.01.2018, 23:46
55.

Zitat von kuschl
keinervonvielen beschreibt in Post 42 das Problem auf den Punkt. Wer als Lehrer nicht in der Lage ist, in seiner Klasse für Ruhe und damit für ein entsprechendes Lernklima zu sorgen, hat schon verloren. Die mangelnde personale Autorität vieler Lehrer ist ein Grundproblem an unseren Schulen.
Nein. Sie haben nicht Recht. Und Autorität ist auch nicht das Problem. Ich arbeite in der Grundschule und Autorität ist definitiv nicht mein Problem. Und auch nicht das meiner Kolleginnen oder Kollegen. Auch nicht an den Nachbarschulen. Sind Sie Lehrer oder einer von denen, die ihr Wissen aus der Tatsache beziehen, dass Sie mal Schüler waren?

Das Problem ist schlichtweg, dass wir mit derselben Anzahl von Lehrern wie vor 35 Jahren plötzlich einen vollständigen Rundumversorger-Dienstleister-Job machen.
Wenn früher in meiner Grundschulzeit ein Lehrer krank war, dann wurde ich nach der zweiten Stunde nach Hause geschickt. "Fällt aus!" hieß es dann. Das funktioniert heute überhaupt nicht mehr. Erstens DARF ja kein Unterricht mehr ausfallen - die Schulrätin würde toben. Zweitens KANN ja kein Unterricht mehr ausfallen - wohin sollten die Kinder auch gehen, denn die Eltern arbeiten ja beide in ihren Minijobs um das Kind zu ernähren (ist nicht ironisch, ist halt so!). Und drittens bieten wir ja sowieso Ganztag, Betreuung, Chor, Basketball-AG, Russisch-AG, Schach-AG, und etwa 10 weitere AGs im Nachmittagsbereich an - da können die Kinder ja auch nicht einfach gehen.

Wie gesagt: Mit demselben Personal wie früher!
UNSER JOB IST VERDICHTET BIS ZUM ANSCHLAG!
Früher gab es auch Elternsprechtage. Da kein Unterricht mehr ausfallen darf, nennen wir das nun "Elternsprechwochen", in denen ich meist vor 20.00 Uhr nicht zu Hause bin.
Ich war früher einmal Handwerker, bevor ich Lehrer geworden bin. Ich hatte eine Arbeitszeit von 7.00 Uhr bis um 16.00 Uhr (mit Pausen).
Es gibt nur noch wenige Arbeitstage, an denen ich ungestört eine Pause machen kann oder schon um 16.00 Uhr zu Hause bin.

Um das klarzustellen: Ich liebe den Arbeit mit den Kindern. Aber man könnte etwas dran verbessern. Schon der Kinder wegen!

P.S.
Wissen Sie, was ein Lehrer-Eiskaffee ist??
"Wenn Sie sich vor Unterrichtsbeginn einen Kaffee in die Tasse schütten und ihn dann zum Dienstende zum ersten Mal wiedersehen."

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toc-ra 06.01.2018, 00:08
56. Hauptschule

Die Schüler, die uns noch zugeteilt werden, wären früher alle in einer Sonderschule gelandet. Mit 28 Schüler pro Klassen versuche ich nur noch jeden Tag zu überstehen ohne körperlichen und seelischen Schaden zu erleiden. Wissensvermittlung gib es nicht mehr. Sonderpädagogen kommen höchstens 2 Stunden die Woche mal vorbei.

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Drschlaumeierxy 06.01.2018, 00:15
57. Weil, ....

Zitat von moritz27
(...) Er ist ja nicht im Alter von 14 Jahren von seinen Eltern in irgendeinen Beruf gedrängt worden. Wenn man also Abitur macht und sich anschließend über seinen Berufswunsch einfach auch mal bei den schon berufstätigen Praktikern umgeschaut und umgehört hätte, wäre eine solche Berufswahl wahrscheinlich unterblieben. (...)
... man es
a) nicht wahr haben will, wie dieses System einen sehenden Auges (!) - durch die Bildungsverantwortlichen - kaputt macht. Der Job einer Lehrkraft sieht im Klassenzimmer von der Seite der Eltern/Schüler immer gut und einfach aus. Es ist nun auch leider kein Job, wo man mal eben ein Praktikum machen kann, um zu sehen wie es ist, weil so viel nebenher/außerhalb der Schule und über lange Zeiträume abläuft. Da ist es mit einem Monat Praktikum im Studium auch nicht getan.
Und wenn man eine verbrannte Lehrkraft sieht sind es leider auch zu oft solche, die von vornherein nciht für den Job geeignet waren oder man denkt sich, DAS werde ich besser können.

und

b) alle Nase lang was geändert wird. Hat man sich auf eine Arbeitsweise/ ein Ablauf/ ein Konzept etc. geeinigt (was in einer Schule schon sehr lange dauert) kommt irgendein Politikwechsel oder jemand der/die sich durch ach so tolle Schreibtischideen (verbunden mit Laborerkenntnissen aus der Uni oder dem Ausland) profilieren will. Und dann wird der eh schon volle Lastensack nochmal geöffent um was rein zu packen. Die Lehrkräfte, die sich der Wahl stellen Gesundheit oder kaputt gehen, reißen dann schnell die Leine und machen Dienst nach Vorschrift. DAS sehen dann natürlich alle Nachbarn wieder und fühlen sich in ihrem Lehrerbashing bestätigt. (Und nochmal: Ja, es gibt schlechte Lehrkräfte, die den Job aus den falschen gründen gewählt haben, genauso, wie es schlechte Ärzte gibt oder schlechte Postboten etc.)
Inklusion ist da das beste Beispiel. In einer Testschule ausprobiert, am Schreibtisch schöngerechnet, danach nochmal durch die Schulämter kurzgespart und ZACK: haben wir ein paar Schulleiterstellen und Gebäude pro Amt gespart und wundern uns nach einer Weile über lauter ausgebrannte und überforderte Schüler/Lehrer/Eltern.

Weiter oben steht es. Inevestieren wir doch mal ein paar Summe nicht in noble Chefetagenteppiche, reduzieren den Job einer Lehrkraft auf den Unterricht und geben dem ganzen Konzept etwas Zeit zum ausbalancieren. Früher waren die Schulen auch nicht "Dummkopfschmieden", sonst wären wir heute nicht dort, wo wir sind.

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h3li05exe 06.01.2018, 01:18
58. Die Klassen sind sehr unterschiedlich

"keinervonvielen beschreibt in Post 42 das Problem auf den Punkt. Wer als Lehrer nicht in der Lage ist, in seiner Klasse für Ruhe und damit für ein entsprechendes Lernklima zu sorgen, hat schon verloren. Die mangelnde personale Autorität vieler Lehrer ist ein Grundproblem an unseren Schulen."

Sie sagen das so, als hinge das nur von den Lehrern ab, aber wenn ich mich entscheiden müsste, ob ich 30 normale Mittelstands-Kinder unterrichte oder 14 Kinder mit emotionalen/sozialen Behinderungen, dann würde ich, wenn es um Stressvermeidung geht, immer die 30 Mittelstands-Kinder nehmen. Eine Klasse mit 14 schwerst verhaltensgestörten Kindern ist nur SEHR SCHWER ruhig zu kriegen.

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plutinowski 06.01.2018, 01:31
59. zu kurz gesprungen

Zitat von moritz27
was er beschreibt stimmt. Was ich nicht verstehe ist: Er ist ja nicht im Alter von 14 Jahren von seinen Eltern in irgendeinen Beruf gedrängt worden. Wenn man also Abitur macht und sich anschließend über seinen Berufswunsch einfach auch mal bei den schon berufstätigen Praktikern umgeschaut und umgehört hätte, wäre eine solche Berufswahl wahrscheinlich unterblieben. Und das will er jetzt bis zur Früpensionierung durchhalten?
Es kann ja wohl kaum die Lösung des im Artikel beschriebenen Problems sein, diesen Beruf schlicht zu meiden.

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