Forum: Karriere
Als Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf: "Der härteste Umbruch meines Lebens"
Silke Hoock/ SPIEGEL ONLINE

Zehntausende Lehrer fehlen künftig bundesweit - eine Chance für Seiteneinsteiger. Christian Wahle hat sich auf das Risiko eingelassen und erzählt, warum das nicht schief gegangen ist.

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Schleiter 11.04.2019, 17:06
70.

Zitat von kuschl
Na, hat Ihnen einmal ein Seiteneinsteiger etwas vorgemacht oder plappern Sie jetzt nur eine Meinung von GEW Funktionären
Oh, ich wollte nicht den ärztlichen Stand herabwürdigen. Deshalb beschränke ich meine Seiteneinstiegspläne auch auf Kinderarzt.
Als Mutter kenne ich fast alle Krankheiten. Das sollte doch als Qualifikation erstmal reichen.
Denkbar wäre für mich auch Rechtsanwältin, oder Pastorin, da gehts immerhin nicht um Leben und Tod.

Im Prinzip finde ich es super, dass wir uns in diesem Land nunmehr teure und langwierige Ausbildungswege ersparen, wenn es der Markt nun mal so will. Qualifizierung während des Jobs. Reicht doch.

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Rentenkassierer 11.04.2019, 17:11
71. @ abortus_bang: Ich habe Sie richtig verstanden

Diese Flickschusterei im Schulwesen ist unmöglich. In meinem Bekanntenkreis gibt es auch einige Lehrer (inzwischen auch nicht mehr berufstätig), von denen ich so einiges über Probleme hörte.

In der Schule selber gab es offensichtlich immer Lehrer, die eigentlich nur eine Karriere über die jeweiligen Schulämter anstrebten und ihre Aktivitäten diesbezüglich ausrichteten. Eine weitere Sache fiel mir auch auf, nämlich dass unter Lehrern oft eine Einzelgängermentalität herrscht. Das wurde mir auf Rückfrage auch bestätigt. Solche Sachen unterstützen natürlich nicht Problemlösungsansätze, wenn eigentlich alle am gleichen Strang in die gleiche Richtung ziehen müssten.

Aber diese schulinternen Probleme sind offensichtlich nur Problemchen, da die politischen Vorgaben, sowie die direkten Amtsvorgesetzten, vieles behindern, jedenfalls nach ziemlich übereinstimmender Aussage der mir bekannten Lehrer.

Ich war auch einige Jahre im öffentlichen Dienst in der Forschung. Letztendlich habe ich gekündigt und bin in die industrielle Entwicklung gewechselt, weil einem bei politisch bedingten Änderungen kaum Möglichkeiten bleiben, selber eigene andere Interessen zu vertreten - ausser halt zu gehen.

Meiner Erfahrung nach ist ganze politische Kungelei in den Ebenen des öffentlichen Dienstes, die Anweisungsbefugnis haben, unerträglich. Ich habe es nie bereut dem den Rücken gekehrt zu haben. Im Laufe der Jahre habe war ich in diversen Firmen tätig, auch in mehreren Ländern. Das war interessant und ich hatte immer den Eindruck, dass man auf meine Meinung und meine Ideen Wert legte.

Ich bin mir allerdings einer Sache sicher: Die Organisatoren des Schulwesens hätten in der freien Wirtschaft keine Chance auf einen interessanten Job. Sie beherrschen diese Tätigkeit offensichtlich nicht, sondern können nur durch Druck auf ihnen untergeordnete Mitarbeiter etwas durchsetzen - die können ja nicht so einfach gehen.

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andre_36 11.04.2019, 17:55
72.

Zitat von columbo1
Ach ja, Sie haben ein paar (vermeinlich oder wirklich) negative Exemplare der Gattung Lehrer kennengelernt, und jetzt wissen Sie genau, dass alle Lehrer so sind und dass Quereinsteiger natürlich alle völlig anders sind. Ein eher simples Weltbild, meinen Sie nicht?
Zumindest ahne ich den Grad Ihrer Lesekompetenz. Ich zitiere mal meinen ersten Satz: "Das sollte man natürlich nicht auf alle Einsteiger oder Lehrer beziehen, aber es ist schon etwas dran."
Mitnichten habe ich behauptet, dass es alle Lehrer beträfe. Aber immerhin genug, um den angeblichen Vorteil einer pädagogischen Ausbildung in Zweifel zu ziehen.
Ich habe meine Erfahrungen innerhalb des Schulsystems aufgeführt und könnte das um weitere Anekdoten, die ich durch indirekte Erfahrungen über meine Nachhilfeschüler aus ca. 40 verschiedenen Schulen in Berlin erweitern. Ein Quereinsteiger, ohne Selbstbewusstsein und Sozialkompetenz ist genauso schädlich. Das versteht sich von selbst, Allerdings hören die meistens schnell wieder auf, wenn sie merken, dass ihnen der Job nicht liegt. Lehrer machen dann noch weiter bis zur Rente oder Burnout.

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Rentenkassierer 11.04.2019, 17:59
73. Was darf ich denn als Lehrer überhaupt machen...

,... um Jugendliche zu motivieren.

Zu meiner Schulzeit in den 1950er und 1960er Jahren, ich war zuerst auf einer Realschule mit technischen Zweig, anschliessend auf einem Aufbaugymnasium, gab es in Physik, Chemie und Biologie immer wieder Sachen, die altersentsprechend unsere Neugier erregten.

In Chemie lernten wir, wie man Sprengstoffe jeder Art herstellt, was wir natürlich nach der Schule auch reichlich ausprobierten (die Materialien erhielt man damals problemlos in der Drogerie oder Apotheke, jedenfalls in West-Berlin), in Physik lernten wir alles um Schwarzsender zu bauen, was halt Spass machte und in der 11. Klasse des Aufbaugymnasiums gab es eine Arbeitsgruppe in Biologie, die bei Ratten Nieren amputierte. Die Tiere lebten dann weiter, wurden dann aber im Rahmen des normalen Unterrichtes seziert. Die Aktivisten der Arbeitsgruppe wurden später alles Chirurgen, aber wir anderen fanden die in der Klasse stattfindenden Aktivitäten auch ausgesprochen interessant.

Heute wäre das wohl verboten alle diese Sachen in der Schule zu machen.

Wenn ich jetzt aber als im Informatikunterricht die Leute dazu bringen wollte, dass sie wirklich interessiert mitarbeiten, dann würde ich ähnlich vorgehen. Ich würde ein Projekt anfangen, damit die Jugendlichen auf einer Party zuhause, obwohl alle durcheinander reden, abhören könnten, was in einer Ecke geredet wird.

Das ist ganz einfach. Man braucht nur zwei Smartphones auf denen man termux installiert. Unter diese Linux-Oberfläche installiert man sich dann Ruby, Python und GNU-Octave (was ein wenig Umstände macht, aber geht) und die ganzen kleinen Tools, um an Netzwerke zu kommen. Das reicht für den Anfang erst einmal aus.

Der eigentliche Algorithmus, der dann von den Beteiligten auf ihren Smartphones implementiert werden muss, ist ein Octave-Einzeiler, der so aussieht, als ob ein Spatz erst über ein Stempelkissen hüpfte, ehe er auf Papier kam.

Weitere Details lasse ich jetzt hier weg, weil hoffentlich klar geworden ist, auf was ich hinaus will.

Darf ich so etwas denn einfach spontan als Lehrer in der Schule machen oder riskiere ich grosse Schwierigkeiten für mich?

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andre_36 11.04.2019, 20:14
74.

Zitat von Schleiter
Oh, ich wollte nicht den ärztlichen Stand herabwürdigen. Deshalb beschränke ich meine Seiteneinstiegspläne auch auf Kinderarzt. Als Mutter kenne ich fast alle Krankheiten. Das sollte doch als Qualifikation erstmal reichen. Denkbar wäre für mich auch Rechtsanwältin, oder Pastorin, da gehts immerhin nicht um Leben und Tod. Im Prinzip finde ich es super, dass wir uns in diesem Land nunmehr teure und langwierige Ausbildungswege ersparen, wenn es der Markt nun mal so will. Qualifizierung während des Jobs. Reicht doch.
Studenten der Chemie, Physik, Germanistik etc. erhalten eine weit umfangreichere Ausbildung, als die entsprechenden Lehramts-Studenten. Und die erhalten sie auf langwierigen, teuren Wegen. Ich weiß das, weil ich etliche Vorlesungen mit angehenden Lehrern zusammen besucht hatte. Die Lehrämtler mussten viel Übungen und Praktika nicht absolvieren. Sie wurden unter erleichterten Bedingungen geprüft und einige Module mussten sie gar nicht belegen. Ihre Argumentation spricht sogar für den Einsatz von Quereinsteigern. Deren Qualifikation ist mehr als ausreichend. Was ihnen fehlt, ist der entsprechende Titel. Und das ist auch bei anderen Berufen ein typisch deutsches Phänomen – das richtige Dokument zählt hier mehr, als reale Qualifikation und Fähigkeiten. Mit einem Markt hat das weniger zu tun, sondern eher mit langfristigem Missmanagement bei den zuständigen Behörden, sowie der unangenehmen Arbeitsathmosphäre an vielen Schulen.

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kara_ben_nemsi 11.04.2019, 21:28
75. @Paddel2

Zitat von Paddel2
Eine gute Didaktik lässt sich nicht beibringen. Training kann höchstens die vorhandenen Fähigkeiten optimieren. ... Seiteneinsteiger, die viel Selbstbewusstsein im Berufsleben erlangt haben, können klassisch ausgebildeten Lehrern überlegen sein. Wenn ich für meine Kinder die Wahl zwischen einem klassischen Mathelehrer und einem promovierten Seiteneinsteiger habe, würde ich mich für den Seiteneinsteiger entscheiden.
Diese Thesen sind ebenso abenteuerlich wie falsch!
Schul-Didaktik und -Methodik kann gar nicht überschätzt werden. Das Problem ist, dass im Lehramtsstudium in vielen Fächern und Universitäten eine akademische (wissenschaftliche) Didaktik als Appendix an andere Fachwissenschaften gelehrt wird. Hier fehlt der Bezug zur Schulrealität komplett (oftmals haben die Didaktik-Lehrstuhlinhaber nie als Lehrer in der Schulrealität gearbeitet). Für die praktische Schul-Didaktik (und -Methodik) bleibt dann nur ein mittlerweile auf 18 Monate gekürztes Referendariat. In einigen Bundesländern gibt es zudem noch ein Praxissemester.
Erst hier kommen die angehenden Lehrerinnen und Lehrer in einem "Crashkurs", mit dem professionell Agieren im Berufsfeld Schule in Berührung. Alles, was sich angehende Lehreinnen und Lehrer hier aneignen fehlt für den ganzen Rest des Berufslebens.

Ihre These, dass "Hohe Fachkompetenz" + "Persönlichkeit" alleine schon für "guten Unterricht" ausreichen (und didaktische Kompetenzen quasi angeboren sind) hat geradezu Stammtischniveau. Die Tatsache, dass die Lehrerpersönlichkeit zu den nichterlernbaren Dispositionen gehört, bedeutet noch nicht, dass die erlernbaren Kompentenzen des Lehrerberufs für einen guten und erfolgreichen Unterricht irrelevant sind!

Ihre sehr schlichte Vorstellung, dass die Schülerinnen und Schüler allein durch Fachkompetenz und schiere Fachlichkeit zum (besseren) Lernen gebracht werden, kann in Zeiten in denen (40+x)% eines Jahrgangs aufs Gymnasium gehen nicht mehr stimmen. In jeder Lerngruppe gibt es sicherlich die 10-20% der Schülerinnen und Schüler die unabhängig von Didaktik und Methodik fachliche Inhalte erfolgreich lernen, aber es gibt ja heute auch noch 80% andere Lerner.
Sollten Ihre Kinder also nicht zu diesen 10-20% in der Klasse gehören, könnte es durchaus sein, dass der "promovierte quereingestiegende Mathematiker" ein Trümmerfeld in deren Köpfen anrichtet.

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nordwega 11.04.2019, 22:04
76. willkür°

respekt und wertschätzung ist auch ländersache. im norden scheint einer damit sogar eine konrektorstelle erhalten zu können. im süden deutschlands reicht die die erweiterte lebens- und berufserfahrung höchstens für befristete verträge.

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nordwega 11.04.2019, 22:17
77. ach

fraglich ist ja auch, ob die type mit geisteswissenschaftlichen fächern als quereinsteiger so gern gesehen wäre.
Ausserdem wäre es toll, wenn mir einer erklären könnte, weshalb so viele naturwissenschaftliche rektoren und konrektoren am gymnasium zu finden sind, obwohl doch gerade in den mint-fächern lehrkräftegesucht werden? Die haben dann nämlich keinen vollen lehrauftrag mehr in ihrem Fächern. Find ich persönlich dann doch paradox.

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sportlich-gesund 11.04.2019, 22:26
78. Aha

19 Stunden unterrichten und 6 Stunden zur Qualifikation bei vollem Gehalt...und dann fix das Staatsexamen machen und fertig. Wie dumm von mir, dass ich mir das komplette Lehramtstudium angetan habe mit Staatsprüfung, nicht mal die Hälfte im Referendariat verdient habe und mir Seiten/Quereinsteiger als Kollegen, denen man auch noch hilft als vollwertige Lehrkräfte verkauft werden! Dieses System ist schrecklich und jedes Bundesland hat sich den Lehrermangel selbst zuzuschreiben! Hausgemachte Probleme, welche die neue Generation von Schülern ausbaden muss!

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ondrana 11.04.2019, 23:34
79.

Erfahrungen mit Quereinsteigern:

Wer denkt, dass man an den Schulen Menschen bekommt, die mit viel Lebenserfahrung aus irgendwelchen Jobs an die Schule kommen, der irrt sich. Der Großteil der Bewerber/innen hat vorher nie etwas anders gesehen als Uni, hat teilweise einfach die Nase voll von Kettenverträgen dort und will endlich "was Festes". Ausnahmen bestätigen die Regel.

Meiner Erfahrung nach ist das größte Problem mit Quereinsteigern folgendes:
Diese Menschen haben häufig ein fortgeschrittenes Alter, eine Familie und schon das ein oder andere Ding gesehen. Gestandene Menschen also.
Jetzt kommen sie hoch motiviert an eine Schule und müssen lernen, dass es Schüler/innen gibt, die sich nicht für ihr Fach interessieren, sie müssen sich mit Eltern auseinandersetzen, denen mit Logik nicht beizukommen ist, mit einer Schulbürokratie, die häufig nicht nachvollziehbar ist, mit Schulrechtsdingen, die einem die Sprache verschlagen.
Sie müssen also wieder LERNEN und sich eingestehen, dass sie am Beginn ihrer Tätigkeit stehen und dass die kleine blonde 29-Jährige ihnen einiges voraus hat in punkto Unterrichtsorganisation, Didaktik und Umgang mit Schülerschaft und Eltern.
Wer bereit ist, das einzusehen, der/die kann erfolgreich sein. Viele können das nicht. Sind sie doch Menschen mit Lebenserfahrung und einem Alter, in dem man sich nicht mehr sagen lassen muss, was zu tun ist. Wer bereit ist, sich wieder als Lernende/r zu begreifen, schafft es. Wer meint, sein Alter und seine Lebenserfahrung allein sei schon ein Qualitätskriterium, wird grandios scheitern, wie ich es schon sehr oft erlebt habe.

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