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Autisten im Bewerbungsgespräch: Alles, nur kein Small Talk
Corbis

Akribisch und mit unbestechlichem Blick - wegen ihrer analytischen Fähigkeiten sind Autisten begehrt in der IT-Branche. Aber Personaler können im Vorstellungsgespräch viel falsch machen. Am besten verraten sie ihre Fragen vorher. Und lassen das Aftershave weg.

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vonwoderwestwindweht 03.11.2013, 10:41
1.

Autismus ist keine "Störung". Eine Störung würde ja implizieren, dass es einen Optimalzustand gibt, der durch einen Vorgang (Unfall, Krankheit usw.) beeinträchtigt wurde. Autismus hingegen ist schlicht eine Variante, vergleichbar mit Homosexualität. Eher eine Laune der Natur und keine "Störung" und im Übrigen auch keine "Krankheit", von der man "geheilt" werden müsse - wie ja leider auch im SPIEGEL unverdrossen immer wieder zu lesen ist und wo davon ausgegangen wird, dass der - aus dem Blickwinkel von Autisten häufig ganz bedauernswerte Zustand von neurotypischen Menschen, also "Normalos", als erstrebenswertes "Endziel" dargestellt und definiert wird. Autisten haben häufig nicht das geringste Interesse daran, ihren "Zustand" zugunsten eines "Normalzustands" aufzugeben, erstens weil es gar nicht geht, zweitens aber auch weil sie dann ihre besonderen Fähigkeiten verlieren würden, sich gleichzeitig dann aber auch mit solchen lästigen neurotypischen Plagen wie Einsamkeitsgefühlen, Prestigedenken usw. herumplagen würden - Dinge, die also viel Energie und Lebenszeit kosten, die man an anderer Stelle, etwa für bestimmte Interessengebiete nicht mehr hat.

Von Autisten wird lebenslang eine unfassbare Anpassungsleistung erwartet - viele sind nicht mehr bereit, diesen Aufwand für nichts und wieder nichts zu leisten, weil die Schleifspuren an anderer Stelle so enorm sind, dass sowas existentiell bedrohlich werden kann. Die Wertschätzung gegenüber Autisten in dieser Gesellschaft tendiert gegen Null, was sich auch immer wieder in Artikeln und Foren ausdrückt (in Spiegel-Artikeln ist immer wieder von Umdressur-Therapien zu lesen, die angepriesen werden, obwohl man höchstens lernt, sich zu verstellen). Und in Foren, dass man uns alle "wegsperren" sollte, obwohl Autisten total ungefährlich sind und so gut wie nie kriminell werden. Der Umgang der Öffentlichkeit mit Autismus ist in etwa da, wo er hinsichtlich der Homosexualität in den 1950er Jahren war. Entmündigung, Wegsperren und Umdressieren ist heute absolut noch "State of the Art". Think about it.

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glgg 03.11.2013, 10:46
2. Nichts Neues

SAP beschäftigt schon immer Autisten. Die waren bisher nur nicht als solche deklariert.

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spiegelfrauchen 03.11.2013, 10:57
3. Einfach informiert sein ....

Ich kann Ihnen nur ausdrücklich die Bücher von Temple Grandin empfehlen . Das öffnet den Blick und ruft bestenfalls angemessenes Verständnis hervor.

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truthonly 03.11.2013, 11:13
4. Anwender

Das erklärt dann auch, warum Anwender mit autistischen Tendenzen meistens am besten mit SAP klar kommen.

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a.vollmer 03.11.2013, 11:26
5. optional

Der Asperger oder HFA-Autist ist der Normalzustand. Die emotional-sentimentale Verwirrtheit der so genannten "Normalen" ist eine Devianz, genauso wie der LFA-Autismus auf der anderen Seite. Die "Normalen" sind nur die "Üblichen", die Norm wird nicht durch die Mehrheit bestimmt. Disfunktionale Devianzen wie die Bereitschaft zu Lügen,das Verändern von Sinninhalten durch Sarkasmus und Ironie oder andere Beeinträchtigungen, die sich bei den "Üblichen" zeigen, sind die Normabweichung. Schon die Vorstellung, dass sich die Norm nach der Mehrheit richtet ist deviantes Denken.

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vonwoderwestwindweht 03.11.2013, 11:47
6.

Man bräuchte solche "Autisten-Zoos" überhaupt nicht, wäre unsere Gesellschaft nur halb so "bunt und tolerant", wie es ständig postuliert wird. Viele hochfunktionale Autisten bräuchten sowas gar nicht, gäbe es mehr "barrierefreie" Arbeitsplätze. "Barrierefrei" meint hier: Arbeitsplätze, in denen beispielsweise die Kommunikation nur schriftlich (nicht telefonisch) abgewickelt wird, die geräuscharm sind, bei denen eine Nicht-Teilnahme an Geselligkeiten nicht gleich als "feindseliger Akt gegen die Normalo-Gesellschaft" interpretiert wird und in denen es ok ist, sich ausschließlich auf die Fakten zu konzentrieren (und nicht auf das Socializing). Mal abgesehen von dem Autismus-Thema sind solche Arbeitsarten auch fast immer effizienter. Davon ist man aber noch Lichtjahre entfernt. Die Entfaltungsmöglichkeiten für Autisten spielen sich ausschließlich im absolut tief privaten Bereich ab, was für einen Staat total unsinnig ist.

Mir bricht das wirklich das Herz, wenn ich wie kürzlich mal wieder von einem autistischen Jungen höre, der in irgendsoeiner dieser vielen "therapeutischen Maßnahmen" gezwungen wird, Klopapier-Rollen zu bemalen - und der aber zu Hause für sich im Privaten ganze Straßenzüge detailgetreu nachbaut. Das ist für die meisten hochfunktionalen Autisten eine lebenstypische Erfahrung. Der Junge wird wahrscheinlich später mal in einer Behinderten-Einrichtung landen oder in einem dieser "Autisten-Zoos". In fünfzig oder hundert Jahren wird man mit Grausen auf diese Zeit zurückblicken - so wie man heute mit Grausen auf Zustände in vorigen Jahrhunderten zurückblickt.

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yogibimbi 03.11.2013, 11:48
7. prinzipiell ist der Ansatz von SAP schon mal nicht schlecht...

...allerdings reduziert er Autisten viel zu sehr auf das roboterhafte. Wenn die lange, konzentrierte und eintönige Arbeit als Qualifikation hervorgehoben wird, dann wird schon schnell deutlich, was da eigentlich gesucht wird. Dass man Autisten (und in erster Linie geht es da wohl um Aspies) aber nicht darauf reduzieren kann, bzw. ihnen dadurch ebensogut wieder Gewalt antut, fällt momentan noch immer hinten runter in der Diskussion. Es wird wieder nur eine bestimmte Gruppe oder Verhaltensweise innerhalb der Autisten selektiert, anstatt auf den Menschen an sich einzugehen.
Das grösste Problem eines Aspies/Autisten in der Gesellschaft ist m.M. nach, dass alle diese impliziten Erwartungen und Zwänge der Gesellschaft, z.B. dieses schon fast pathologische nicht-allein-sein-wollen-und-können der Neurotypen, dass man immer versucht und versuchen sollte, einen Deckel für den Topf zu finden, auch wenn ein Blinder mit Krückstock sieht, dass der nicht passt; oder, dass man sich ständig Gedanken darüber macht, wie komme ich bei den anderen an, bin ich noch "normal" und akzeptabel, also ultimativ "liebens"-wert; solcher sozialer Druck und Intoleranz ist viel schlimmer als das, was man als "Einschränkungen" der Autisten bezeichnet, die in Wirklichkeit nur Einschränkungen innerhalb eines bestimmten sozialen und kulturellen Kontextes sind.
Aber es ist ja prinzipiell nichts neues, dass man in Deutschland Menschen gerne als Roboter und black boxes traktiert nur, dass man das jetzt versucht, bei Autisten unter dem Deckmäntelchen der Rücksichtnahme auf eine Behinderung zu machen ist neu.

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digitalesradiergummi 03.11.2013, 12:01
8. Das versteh ich nicht, SAP ist ein wirtschaftunternehmen

Zitat von sysop
Akribisch und mit unbestechlichem Blick - wegen ihrer analytischen Fähigkeiten sind Autisten begehrt in der IT-Branche. Aber Personaler können im Vorstellungsgespräch viel falsch machen. Am besten verraten sie ihre Fragen vorher. Und lassen das Aftershave weg.
und muss pro Deutschen Arbeitsplatz eine Abgabe leisten,
wenn es nicht soundsoviel anerkannte Behinderte(grade) einstellt.
Werden die Autisten als Behinderte anerkannt?

Wenn nicht,
und es Autisten in Indien gibt
warum baut man denn hier eine extrem
betreuungsintensive Workforce auf,
wenns in Indien wesentllich
billiger geht, oder war damit gemeint,
dass man deutsche Autisten nach Indiein
schickt.

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instant_karma 03.11.2013, 12:41
9.

Zitat von yogibimbi
...allerdings reduziert er Autisten viel zu sehr auf das roboterhafte.
... es geht dabei nicht ums "roboterhafte" sondern um einen der teuersten Aspekte in der Softwareproduktion -> Fehlerfinden!

Zitat von yogibimbi
Wenn die lange, konzentrierte und eintönige Arbeit als Qualifikation hervorgehoben wird, dann wird schon schnell deutlich, was da eigentlich gesucht wird.
Softwareproduktion und das suchen von Fehlern ist garantiert nicht eintönig ... wenn der richtige Autist mit der richtigen "Vorliebe" an solch eine Arbeit gesetzt wird, findet er darin seine erfüllung, mit dem Effeckt das kein NT auch nur ansatzweise ihm in diesem Feld das Wasser reichen könnte.

Zitat von yogibimbi
Dass man Autisten (und in erster Linie geht es da wohl um Aspies) aber nicht darauf reduzieren kann, bzw. ihnen dadurch ebensogut wieder Gewalt antut, fällt momentan noch immer hinten runter in der Diskussion. Es wird wieder nur eine bestimmte Gruppe oder Verhaltensweise innerhalb der Autisten selektiert, anstatt auf den Menschen an sich einzugehen.
Menschen werden strenggenommen immer auf das reduziert was sie können, wie nützlich sie sind für Unternehmen oder Gesellschaft unabhängig davon ob Autist oder NT. Wichtig ist nur das die Herrschaften in Politik und Wirtschaft diese Resource wertzuschätzen lernen und uns Autisten die Möglichkeit bieten uns zu beteiligen ohne ständig in die Abhängigkeit verstoßen zu werden.

Zitat von yogibimbi
Das grösste Problem eines Aspies/Autisten in der Gesellschaft ist m.M. nach, dass alle diese impliziten Erwartungen und Zwänge der Gesellschaft, z.B. dieses schon fast pathologische nicht-allein-sein-wollen-und-können der Neurotypen, dass man immer versucht und versuchen sollte, einen Deckel für den Topf zu finden, auch wenn ein Blinder mit Krückstock sieht, dass der nicht passt; oder, dass man sich ständig Gedanken darüber macht, wie komme ich bei den anderen an, bin ich noch "normal" und akzeptabel, also ultimativ "liebens"-wert; solcher sozialer Druck und Intoleranz ist viel schlimmer als das, was man als "Einschränkungen" der Autisten bezeichnet, die in Wirklichkeit nur Einschränkungen innerhalb eines bestimmten sozialen und kulturellen Kontextes sind. Aber es ist ja prinzipiell nichts neues, dass man in Deutschland Menschen gerne als Roboter und black boxes traktiert nur, dass man das jetzt versucht, bei Autisten unter dem Deckmäntelchen der Rücksichtnahme auf eine Behinderung zu machen ist neu.
Naja, man muß den NT's die Leute(Autisten) ja auch irgendwie unterjubeln, und ohne den "Behindertenstatus" funktioniert es eben nicht da so mancher NT wegen seiner mangelhaften Fähigkeiten dumm aussehen würde. Im Grunde brauchen die NT's diese Krücke, ansonsten fühlen sie sich unterlegen ... sehe es jeden Tag auf der Arbeit.

mfg

ps: Ich bin Aspie...

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