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Dolmetscherin : "Hinterher soll keiner mehr wissen, dass ich dabei war"
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Sie kennen die Staatsgeheimnisse dieser Welt und flüstern Barack Obama ins Ohr. Dolmetscherin Helle Fordyce erklärt, wie sie sich auf Konferenzen vorbereitet, und warum Versicherungen sie und ihre Kollegen in eine Risikostufe mit Piloten stecken.

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Sibylle1969 12.10.2015, 20:01
1. Der Beruf hat bis auf Nischen keine Zukunft...

Dolmetscherin/Übersetzerin war auch mal mein erster ernsthafter Berufswunsch, so mit ca. 15 Jahren, weil ich begeistert war von Fremdsprachen. Davon habe ich aber Abstand genommen, als ich u.a. mitbekommen habe, wie schlecht die Berufs- und Verdienstaussichten sind. Stattdessen habe ich ein technisches Studium absolviert und arbeite heute in der IT als Sales Engineer. Das habe ich nie bereut, denn das ist interessant und sehr gut bezahlt, meine Fremdsprachenkenntnisse kann ich auch tagtäglich anwenden. Eine Bekannte von mir ist studierte Übersetzerin mit Universitätsabschluss im öffentlichen Dienst und ist von der Gehaltsstufe aber nur mit damals BAT-IV eingestiegen (für Uni-Absolventen war eigentlich BAT-II normal) . Da verdiene ich heute geschätzt das Dreifache meiner Bekannten. Und ich habe in meinem Berufsleben schon etliche Sekretärinnen erlebt, die mal "irgendwas mit Fremdsprachen" studiert hatten. In ca. 20 Jahren wird es den Beruf der Dolmetscherin / Übersetzerin zudem wohl deutlich seltener geben, da dannder Computer den Großteil der Übersetzungen machen wird. Bei freiberuflichen Übersetzern oder solchen, die in Übersetzungsbüros arbeiten, ist die abgelieferte Qualität zudem oft miserabel. Ich habe bei meiner Arbeit schon öfters die Aufgabe gehabt, die Übersetzungen (Englisch->Deutsch) von Webseiten oder Marketingmaterialien, die auf IT-Themen spezialisierte Übersetzungsbüros erstellt haben, korrekturzulesen, und was da heraus kam, war oft haarsträubend. Man konnte sofort sehen, dass die meisten Übersetzer/innen weder den Sinn des englischen Originaltexts verstanden hatten noch ihre deutsche Muttersprache gut beherrscht haben. Letztendlich habe ich dann immer die Übersetzungen komplett neu machen müssen, wobei alle Kollegen gesagt haben, dass mein Text deutlich besser war als der von den professionellen Übersetzer/innen. Das hat mich darin bestärkt, dass wenn es um fachlich sehr anspruchsvolle Texte geht (z.B. wenn es um IT, Medizin, Jura, Maschinenbau o.ä. geht), Fachleute (d.h. IT-ler, Ärzte, Juristen, Ingenieure), die hervorragend Englisch können, in der Regel bessere Übersetzungen erstellen als ausgebildete Übersetzer, selbst wenn diese sich auf das jeweilige Fachgebiet spezialisiert haben.Ich denke, der Beruf der Dolmetscherin/Übersetzerin hat kaum eine Zukunft, da zukünftig Computer diese Aufgabe übernehmen werden. Ausnahme: Übersetzen von Literatur und Nischen.

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Datenscheich 12.10.2015, 20:16
2. Kollegen

Um mal eine Lanze für den männlichen Teil der Schöpfung zu brechen: Beim Sprachenpaar Arabisch-Deutsch sind wir zumeist Männer, obwohl die Frauen in den letzten Jahren stark aufgeholt haben. Was die Einsatzzeiten beim Simultandolmetschen anbelangt, kann ich Frau Fordyce nur zustimmen - mit einer Ausnahme: Was man man, wenn man am Tagungsort plötzlich alleine da steht, weil irgendjemand geschludert hat? So geschehen 2004 bei einer zweieinhalbtägigen Literaturkonferenz im Jemen, bei der unter anderem auch Günter Grass anwesend war. Ich schaffte es alleine (simultan in beiden Richtungen!) ... torkelte am Abend aber regelrecht aus der Kabine - und erahnte gleichzeitig, wie sich Reinhold Messer gefühlt haben muß, als er ohne Flaschensauerstoff auf des Spitze des Mount Everest angekommen war... LOL

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Blendy 12.10.2015, 20:25
3. Sales Engineer ohne Zukunft

Ich wollte immer was mit Sprachen studieren, am liebsten Dolmetschen. Dann dachte ich, Sales Engineering wäre interessanter und besser bezahlt. Dann bin ich doch Facility Manager geworden. Das technische Know-how gepaart mit den geistigen und sprachlichen Anforderungen erfüllt einfach total.

Meist nehme ich Übersetzungen, die ein Sales Engineer übersetzt hat, die vorher von einem Übersetzer erstellt wurden. Diese Überarbeitungen mache ich meist bei der Butterbrotpause zwischen zwei Artikeln in der Tageszeitung. Die Kollegen sagen immer, diese seien wiederum noch viel besser als die der Sales Engineers und sowieso der Übersetzer. Darüber hinaus verdiene ich ungefähr drei bzw fünf Mal so viel wie die genannten.

Meiner Meinung nach Nischenberufe ohne Zukunft..

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io_gbg 12.10.2015, 20:33
4.

Zitat von Sibylle1969
In ca. 20 Jahren wird es den Beruf der Dolmetscherin / Übersetzerin zudem wohl deutlich seltener geben, da dannder Computer den Großteil der Übersetzungen machen wird. ... Ich denke, der Beruf der Dolmetscherin/Übersetzerin hat kaum eine Zukunft, da zukünftig Computer diese Aufgabe übernehmen werden.
Bei rein technischen Übersetzungen haben Sie weitgehend recht.
Wo's auf Genauigkeit ankommt, auf Nuancen, wird qualitativ hochwertige Übersetzung in Zukunft auch gefragt sein, vielleicht mehr als zuvor.
Das schaffen Computer b.a.w. nicht.

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mich_tav 12.10.2015, 20:47
5. Der Beruf soll keine Zukunft haben?

Nun, nach meinem Strudium der Slawistik habe ich einen Abschluss als Übersetzer gemacht und nebenbei auch sowohl konsekutiv wie simultan gedolmetscht. Ich kann der Kollegin nur zustimmen, ein sehr stressiger aber extrem spannender Beruf, der mich bis zu meiner Rente gut und mehr als gut ernähren wird. Ich bin mir zwar bewusst, dass viele Kollegen unter Preisdumping leiden, dem die zahlreichen "Übersetzeragenturen" mit Linguistikstudenten in Nebentätigkeit Vorschub leisten, doch wenn man betriebswirtschaftlich denkt und sein mit seinen Sprachen auf höchstem Niveau bleibt, dann kann keine Agentur mithalten und die Kunden wissen das. Die computergestützte Übersetzung wird nicht "in 20 Jahren soweit sein". Diese Prognose hatten wir schon vor 20 Jahren. Dass sie irgendwann soweit sein wird, ist sicher, aber es wird noch zwei Menschengenerationen dauern, bis Computer allgemeine Texte einigermaßen verständlich werden übersetzen können, von metasprachlichen ganz zu schweigen.

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stille_leserin 12.10.2015, 21:05
6.

Der Beruf Dolmetschen hat Zukunft, auch wenn es mit der Sprachenkombination Deutsch-Englisch immer schwieriger sein wird, Aufträge zu bekommen, denn 'we all can English, so it's all no problem'. Was das übersetzen angeht, so haben Sie (erste Kommentatorin) nicht ganz unrecht (hier fallen mir anonyme Übersetzungsagenturen ein) . Doch bezweifle ich, dass Sie stilistisch einem Übersetzer das Wasser reichen können... Gerade bei Fachtexten (welche die Mehrheit der zu übersetzenden Texte darstellen) kommt es auf einen Austausch zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer an, um fachliche Fragen zu klären und entsprechend übersetzen zu können. Ich handhabe es immer so, wenn ich für Kunden übersetze (z.B. bitte ich um einen technischen Ansprechpartner). Zwar empfindet das mancher Auftraggeber als lästig, doch die Ergebnisse sprechen für sich.

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superhoschi 12.10.2015, 21:41
7. Sales Engineer viel besser

Dem Sales Engineer kann ich nur uneingeschränkt zustimmen. Als Sales Engineer spielst du in einer ganz anderen Liga und könntest nicht nur Übersetzungen perfekt abliefern. Nein, auch andere Nieschenberufe wie Lehrer, Arzt oder Chaostheoretiker könntest du nebenher ausüben und so noch ein paar Gehälter drauflegen. Nur der Facilitymanager könnte dem Sales Engineer noch das Wasser reichen.

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berthold_langnase 12.10.2015, 22:24
8. Ich stimme meinem Vorredner zu.

Meiner Erfahrung nach sind Sales Engineers den Facility Managern meistens überlegen. Letztere haben ja auch eher den Beruf eines modernen Hausmeisters. Noch vor meinem ersten Biss in der Butterbrotpause lese ich ein paar Übersetzungen beider Berufsgruppen Korrektur während ich nebenher aufmerksam die Zeitung studiere, aber ich als Sales engineer kann zustimmen, dass Übersetzen und Dolmetschern auf lange Sicht einfach keine Perspektiven hat.

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widower+2 12.10.2015, 22:29
9. No future

Bei den Dolmetschern sieht es noch etwas besser aus, die Zukunft für Übersetzer ist finster bis tiefschwarz.

Das Honorar liegt heute im Branchendurchschnitt um 20 bis 30 Prozent unter dem von vor 20 Jahren!

Unser verschnarchter Berufsverband (der mehr als flüssige BDÜ) hat es in Jahrzehnten seiner bedauernswerten Existenz nicht einmal geschafft, die Berufsbezeichnung schützen zu lassen.

So kann jeder, der sich irgendwie berufen fühlt, sich Übersetzer nennen und als solcher am Markt agieren.

Warum darf ich mich nicht Arzt nennen?

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