Forum: Karriere
Ein Rettungssanitäter erzählt: "Mit der Zeit stumpft man ab"
DPA

Er weiß nie, was ihn bei einem Notruf erwartet: Eine Omi, die aus dem Bett gefallen ist oder ein lebensgefährlich verletzter Motorradfahrer? Ein Sanitäter erzählt von seinen Einsätzen - und inwiefern er Verständnis für Gaffer hat.

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geboren1969 02.08.2017, 18:52
60. Bitte mehr Realität!

Ich bin seit mittlerweile fast 20 Jahren hauptamtlicher Rettungsassistent, neue Berufsbezeichnung Notfallsanitäter. Ich habe den Beruf damals gelernt (Ausbildungszeit damals 2 Jahre, heute 3 Jahre). Mich mittlerweile zum Einsatzleiter/ORGL, Lehrrettungsassistent und Notfallsanitäter weitergebildet. Heisst mehr Verantwortung, bei gleichem Verdienst. Nehmt doch bitte das Nächste mal für so einen Bericht jemand, der diesen Beruf auch hauptamtlich ausführt. Ich will hier nicht unsere ehrenamtlichen schlecht machen aber es macht Sinn, dass wie bei uns auf der Rettungswache ehrenamtliche nicht ohne hauptamtlichen Mitarbeiter auf dem RTW dürfen. Der Rettungssanitäter hat "nur" eine Ausbildung, die 520 Std. umfasst und meisst nebenberuflich oder eben ehrenamtlich ausgeführt wird. Der Rettungsassistent hat eine Ausbildungsdauer von 2 Jahren in Vollzeit. Berufsfachschule, Klinikpraktikum und Lehrrettungswache. Erst nach bestandener staatlicher Prüfung darf man die Berufsbezeichnung Rettungsassitent führen. Beim "Neuen" Notfallsanitäter, ersetzt zukünftig den RA, dauert die Ausbildung 3 Jahre und ist dual angelegt. Einiges in dem Bericht habe ich in 20 Berufsjahren so nicht erlebt. Ist vielleicht auch regional unterschiedlich. Vor allem habe ich noch nie, und das gilt Bundesweit, einen Totenschein, auch nicht einen Vorläufigen, ausgestellt. Das ist, Gott sei Dank, einem Arzt vorbehalten. Unter Berücksichtigung des Eigenschutzes habe ich weniger Angst um mein Leben bei Einsätzen auf der Autobahn, als an Nachtschichten in einer bayerischen Großstadt am Wochenende oder zu Volksfesten. Aber auch hier gilt zu Erst Deeskalation und nicht schreien. Für alles andere ist die Polizei zuständig. Das Gewaltmonopol liegt nämlich beim Staat. Bei uns wird nach Möglichkeit jeder Einsatz im Team mit dem Notarzt nachbesprochen, klappt aus Zeitgründen leider nicht immer, dies ist schon ein erster Schritt um nicht abzustumpfen. Das ich während des Einsatzes nur "funktioniere" ist gewollt und gut so. Danach kommen trotzdem Gefühle. Ein Gespräch unter Kollegen ist hier Gold wert. Sollte das nicht reichen, habe ich immer die Möglichkeit mich an die Krisenintervention der Organisation zu wenden. Hauptamtliche Kollegen machen davon auch Gebrauch, weil sie auch mit 50 noch psychisch gesund sein wollen. Also bitte beim Nächsten Bericht vielleicht einen Kollegen fragen, der etwas "näher" an der Materie dran ist. Rettungsdienst ist Teamarbeit, ein Team ist im Normalfall ein RS, ein RA und ein Notarzt. Jeder im Team arbeitet für das Wohl des Patienten. Deshalb sind wir auch mit unsren Notärzten per DU. Ein Team eben. Ich finde es nicht in Ordnung, dass hier pauschal Notärzte kritisiert werden. Die Realität sieht zumindest bei uns anders aus.

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joseferl 03.08.2017, 04:28
61. Leider sehr platt...

Es wurde schon vieles gesagt, aber noch nicht von jedem ;-)
Thema "hochnäsige Ärzte sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert": Tatsache ist leider, dass Ärzte auch noch nebenbei ein paar andere Dinge zu tun haben. Ebensowenig wie sie beim Auffüllen/Putzen des Wagens helfen werden die NS/RA/RS beim Protokollschreiben, der KV-Abrechnung, NA-Dienstplangestaltung etc. helfen. Üblicherweise hat man aber auch Zeiten zusammen. Das fällt aber Hauptamtlichen mehr auf als Ehrenamtlichen...
Der Rettungssanitäter IST das unterste Glied der Rettungskette. Es ist die niedrigstmögliche Ausbildung für einen rettungsdienstlichen Einsatz. Klar gibts noch niedrigere Stufen (FR, RDH oder irgendwelche San A/B sonstwas), aber zumindest in Bayern ist es so dass der Entscheider auf einem KTW zu meiner aktiven Zeit mindestens ein RS sein musste. Für kleinere Sachen oder bei kurzer Anfahrt wurde also mal schnell ein RS hingeschickt, ansonsten immer mindestens ein RA. Und ganz ehrlich: einen RS kann man nebenbei machen, nen RA ist schwierig. Da ist dann irgendwann die Grenze zwischen Amateur und Profi erreicht.
Was mich also stört: in dem Artikel kommt ein doppelter Amateur (niedrige Ausbildung und dann nur ehrenamtlich) zu Wort, statt dass man einmal einen Profi sprechen lässt. Traurig.
Aber immerhin gibt es Artikel wie den der Kinderkrankenschwester "Seid froh, wenn ihr warten dürft". Dieser Artikel ist so schonungslos ehrlich und empathisch. Ohne dass Ärzte als hochnäsig bezeichnet werden müssen oder man ohne wirkliche Erfahrung sich selbst gleich als abgestumpft bezeichnet.

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