Forum: Karriere
Ein Trash-TV-Autor erzählt: "Fette faule Mütter ziehen immer"
DPA

Er schreibt Drehbücher wie am Fließband: Hier erzählt ein Autor von Scripted-Reality-Shows, wie die Nachmittagssendungen im Privatfernsehen entstehen - und warum darin immer geschrien wird.

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Tante_Frieda 26.08.2017, 10:00
80. Einst

Damit hat das Privatfernsehen,einst von Konservativen wie Kohl und Schwarz-Schilling eingeführt,doch seinen Zweck erfüllt:Es wurde ein Medium gesucht,das die einfach strukturierte Bevölkerung vom Nachdenken über gesellschaftliche Missstände ablenkt - und den Besitzern der TV-Stationen noch reichlich Gewinne einfährt.Diese Operation scheint gelungen zu sein,wie man feststellen muss.Und Besserung ist nicht in Sicht - im Gegenteil:Bei der nachwachsenden Generation erlangen die Schrottsender immer höhere Zuschauerquoten...

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ruhepuls 26.08.2017, 10:16
81. Selbstreflektieren?

Zitat von UnitedEurope
Solche Sendungen halten das Prekariat vom Denken und Selbstreflektieren ab. Hauptsache die im Fernsehen scheinen noch dümmer und "assiger" als man selbst, dann ist die Welt in Ordnung. Ernsthaft, solch ein Schmund ist der Beweis, dass unsere Gesellschaft anderen gar nicht überlegen sein kann. Solche Serien führen dann dazu, dass plötzlich überall gegafft und bestaunt, geklatscht und gepökelt wird. Und wir regen uns über Mittelalter Gesellschaften im Nahen Osten auf ..
Beim Selbstreflektieren käme da auch nicht viel raus..

Und überlegen war unsere Gesellschaft/Kultur nicht, weil wir so viel intelligenter wären, sondern weil wir meist die besseren Waffen und mehr Soldaten hatten. Über die Intelligenz einer Kultur kann man sehr geteilter Meinung sein, wenn man sieht, dass wir die "Intelligenz" vorwiegend dafür nutzen, unser Leben angenehmer zu machen - auch wenn der Rest der Welt dafür die Zeche zahlt.

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davornestehtneampel 26.08.2017, 10:43
82.

Zitat von GinaBe
Lächerlich ist, anzunehmen, daß Polizisten "echt" sind, vielleicht sogar die "Verbrecher"? Klar, SAT1 ist life dabei, filmt zufällig! eine Verfolgungsjagd?
Seufz... Komparserie ist unter "echten" Polizisten ein beliebter Nebenjob: http://www.teamworkfilm.tv/Polizeikomparsen/Polizeikomparsen.html

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Jack-in-the-box 26.08.2017, 11:02
83. Eine andere Sicht

auf die abgefahrenen Storys haben die beteiligten Laiendarsteller. Meine Intention, mich in diese spezielle TV-Welt zu begeben, war schlicht die Neugier. Wie Fernsehen gemacht wird, quasi das Handwerk hautnah mitzuerleben. Tatsächlich wurde ich mehrfach zum Casting geladen und auch für Rollen besetzt. Die Teams solcher Agenturen sind in der Regel recht jung, das Du und die flippige Fröhlichkeit Standard. Gagenhöhe locker mitgeteilt, Drehbuch & Co. per E-Mail. Was zunächst ein bisschen wie Kindergarten scheint, wird am Set doch ganz anders gehandhabt. Redakteure, Kamera- und Tonleute arbeiten mit minimaler Ausstattung professionell und hoch konzentriert. Alle leiden unter dem Zeitdruck. In zwei Tagen muss eine Folge zumeist im Kasten sein. Daher ist es nicht lustig, wenn die Darsteller nicht ausreichend vorbereitet sind oder sonstige Pannen passieren. Aber es geschieht auch viel Komisches. Unvergessen für mich die „Schulermittler“ mit einer Handlung, die mich heute noch schmunzeln lässt. Ein Baby wird darin entführt und mit Fahndungsfoto gesucht. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ein Baby gefunden wird, aber die Beschreibung nicht passt. Oder aber, das Ermittlerauto saust auf den Schulhof und stoppt nah an einer Mauer. Kommissar kriegt die Tür nicht auf (Brüller). Bei anderer Gelegenheit waren verschiedene komplizierte Familienamen in Folge zu sprechen. Was zum Teufel hatte sich der Autor dabei gedacht? Ich verhaspelte mich mehrfach á la Fischers Fritz fischt frische Fische. Meine Güte, wie peinlich. Aber alles in allem waren das schöne Erfahrungen. Selbst sehe ich solche Sendungen nie, dafür steht meine Bügelwäsche noch immer ;-)

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valmel 26.08.2017, 15:02
84. Zielgruppe

Die Zielgruppe dürfte in etrwa so aussehen, wie die Darsteller in solchen Formaten.
Da wundert es auch nicht, dass der Großteil der Zuschauer diese Geschichten für real hält.

Arme Schweine, die sich so etwas ansehen. Ob so etwas, oder Top Model & Co - die Menschen wollen Elend und Leid sehen, damit ihr eigenes trostloses Leben nicht mehr ganz so mieß wirkt.

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valmel 26.08.2017, 15:05
85.

Zitat von kumi-ori
aber in den Neunzigern hieß "assig" noch "aso" mit langem a.
"Asi" gibt es seit den 80ern.
Asidas wurden übrigens Träger von Adidas-Klamotten bezeichnet, daran hat sich bis heute nicht viel geändert. ;)

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swenschuhmacher 26.08.2017, 15:53
86.

Schön zu lesen, dass solche Sendungen wirklich rein gar nichts mit der Realität zu tun haben. Das ist doch absolute Volksverdummung. Ich will das zwar nicht verbieten, aber bei Scripted Reality sollte meiner Meinung nach vor jeder Sendung groß eingeblendet werden, dass es sich nicht um eine Doku, sondern um gestellte Szenen handelt. Es gibt sonst zu viele Menschen, die das tatsächlich ernst nehmen.

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davornestehtneampel 26.08.2017, 16:18
87.

Zitat von swenschuhmacher
Ich will das zwar nicht verbieten, aber bei Scripted Reality sollte meiner Meinung nach vor jeder Sendung groß eingeblendet werden, dass es sich nicht um eine Doku, sondern um gestellte Szenen handelt.
Wird es. Schon seit 20124.

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bacillus.maximus 26.08.2017, 18:28
88.

Zitat von davornestehtneampel
Wird es. Schon seit 20124.
Nein, da wird mit abenteuerlichen Satzkonstruktionen um den heißen Brei rumgelabert daß es sich um angeblich echte Sachverhalte handelt die nachgestellt würden.
Eigentlich müßte da aber stehen "Dieser Stuss entstammt den Hirnen von Laien, die ihren privaten Krimikonsum verwursten, dabei gerne auch mal bei erfolgreichen Sendungen wie CSI abschreiben (inklusive sachlicher Fehler wie minutenschneller DNA-Analyse bei Bagatelldelikten, technisch ebenso unmöglicher, metergenauer Peilung eines Mobiltelefones, Fangschaltungen die eine bestimmte Gesprächsdauer voraussetzen uswusf) und dabei jede Menge Blödsinn, billigste Vorurteile und Falschwissen verbreiten."
Ausserdem ist wohl schon mehrfach reklamiert worden daß der "Beipackzettel" gerne von darüberfliegender Werbung überstrahlt wird.
Die Behauptung daß man mit diesen Sendungen nicht den Eindruck von Realität vermitteln wolle ist schlichtweg falsch. Man will das sehr wohl und bei Kindern und Jugendlichen funktioniert es scheinbar auch ganz gut.

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drapondur 26.08.2017, 18:28
89. Fragen an den Autor

Werter anonymer Autor,

dass es nach den Vorstellungen sämtlicher ernstzunehmender Weltanschauungen moralisch verwerflich ist, Wut, Hass, Missgunst und dergleichen Gefühle zu schüren - geschenkt. Diese Vorstellungen muss man nicht teilen. Wie sieht es jedoch mit Ihrer eigenen Lebensqualität aus?
Mit 3000 Brutto sind sie noch ein gutes Stück von den ca. 60.000 Nettojahreseinkommen entfernt, ab dem durchschnittlich die Lebenszufriedenheit mit dem Einkommen nicht weiter ansteigt. Sie haben also vermutlich noch einige Zeit, in dem Sie Zufriedenheit aus gestiegenem Einkommen ziehen können, wenn alles gut geht.
Jedoch ist unser Gehirn, unser Geist, unsere Seele oder wie immer Sie das nennen wollen, sehr, sehr lernfähig. Und was glauben Sie, haben Sie in den sechs Jahre Ihres einzigen Lebens gelernt, als Sie Wut, Hass und Missgunst produziert und vermehrt haben? In welchem Licht sehen ihre „offenen Augen“ die Welt, wenn Sie beständig bestrebt sind, unsere verabscheuungswürdigen Anteile zu erblicken? Was fühlen Sie, wenn sie vorrangig den Morast in uns anderen wahrnehmen? Fühlen Sie sich verbunden? Oder überwiegt vielleicht immer mehr das Gefühl der Isolation, der Fremdheit, das unbestimmte Gefühl, da fehle doch irgendetwas? Viele von uns kennen das, die Glücklicheren kennen jedoch auch die andere Seite, das mildere Licht eines freundlichen Blick auf den Nachbarn, trotz all seiner Makel.
Sie haben „mal wieder neuen Input gesucht“. Klar, Tapetenwechsel brauchen wir alle von Zeit zu Zeit. Doch wieviel Ihres Output hat vielleicht dem Input der vergangenen Jahre eine unbefriedigende Note beigemischt, die nicht mehr ganz als Ermattung durch Routine zu erklären ist? War die „Bürofamilie“ eventuell doch nicht so familiär und konnte letztlich doch keine wirklichen bedeutsamen Bindungen stiften?
Vielleicht ist ja auch alles Paletti und Sie beantworten dieses Fragen für sich durchweg mit „Passt schon alles“. Meine Vermutung jedoch ist, dass Sie sich selbst ganz schön weh tun und irgendwann ein sehr, sehr unglücklicher Mensch sein werden, wenn Sie nicht bald damit aufhören.

Nebenbei bemerkt: das Peinliche an Ihrer Arbeit ist nicht (kreative) Anspruchslosigkeit, sondern Anstandslosigkeit.

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