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Fünf Jahre im "Praktikum": Gericht spricht Arbeitnehmerin 50.000 Euro zu
Corbis

Vollzeit, unbezahlte Überstunden, monatlich 300 Euro: Zu diesen Bedingungen arbeitete eine Münchnerin fünf Jahre bei einem Finanzvermittler, offiziell im Praktikum. Damit kam ihr Chef vor Gericht nicht durch.

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pietpat 14.06.2016, 13:19
50.

Fachberater/in für Finanzdienstleistungen ist eine Weiterbildung, die mit IHK Prüfung abschließt. Gewöhnlich setzt das eine abgeschlossen Berufsausbildung (kaufmännische) voraus, aber zugelassen werden kann zur Prüfung auch wer 4 Jahre Berufspraxis nachweist. Da stellen sich für mich nun einige Fragen, so wie sich die Dinge nach diesem Bericht darstellen. Habe ich das richtig verstanden: Die Frau hat mit 16 gleich nach Abschluss der Realschule bei dem Unternehmen begonnen zu arbeiten, was als Praktikum fehl deklariert wurde? Hat sich bei der IHK bei der Zulassung zur Prüfung für Fachberater niemand gewundert, dass eine junge Frau, ohne Berufsbildung und nur mit Berufspraxis sich angemeldet hat? Hat sich im Umfeld der jungen Frau niemand gewundert und nachgefragt, ggf. mal bei IHK, Berufsberatung des Arbeitsamtes, ob das gängige Praxis ist in diesem Bereich? Wenn sie seit ihrem 16. Lebensjahr beschäftigt wurde, wurde das Jugendarbeitsschutzgesetz eingehalten? Das JArbSchG sieht eine Grenze von 40 Stunden die Woche vor, 8 Stunden täglich, ihr Vertrag sagt 43 Stunden, richtig? Außerdem wäre sie nach Abschluss der Realschule noch bis zu 3 Jahre berufsschulpflichtig gewesen, was ist damit? Enweder werden hier ungenügend Information im Artikel gegeben, oder aber da wäre noch einiges anderes nachzufragen und der Fal ginge eigentlich über Fragen des Arbeitsentgelts hinaus.

Sie wurde quasi als ungelernte Bürohilfskraft beschäftigt, mit Praktikum hat das nichts zu tun. Die junge Frau mag naiv sich darauf eingelassen haben, aber für mich klingt das danach, als hätten da auch einige Leuten und Stellen im Umfeld versagt. Der Fall wirft für mich zumindest noch mehr Frage auf als die Frage nach wenigstens halbwegs angemessener Bezahlung für die Arbeit, die sie geleistet hat.

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Join_Me 14.06.2016, 13:19
51.

Zitat von kjartan75
Ich glaube, das meiste Geld wird sie eh nicht sehen. Ich meine, die Steuern werden dann voll auf dieses eine Jahr angerechnet, so dass die Steuerlast sehr hoch ausfallen wird.
Nein. Es ist eine Nachzahlung, deshalb wird es für die Jahre angerechnet und muss für das jeweilige Jahr nur die Steuer + Sozialversicherung bezahlt werden.

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joerg.braenner 14.06.2016, 13:23
52. Immer wieder

Es gibt immer wieder Meldungen aus München, bei denen ich mich frage, warum Leute sowas mitmachen. Es ist ja nicht so, dass es in München nicht auch richtige Arbeitsplätze gäbe. Ich lese auch immer wieder Meldungen von Leuten, die in völlig überteuerten Bruchbuden wohnen. München ist ein teures Pflaster, aber solche Extremfälle sind nicht die Regel. Wer sich sowas bieten lässt, ist dann zu einem guten Anteil auch selbst schuld. Fünf Jahre Praktikum klingen völlig abstruß. Es gibt aber eben Menschen, die lieber eine schlecht bezahlte aber sichere Stelle behalten, anstatt sich auf dem Arbeitsmarkt umzusehen.

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joerg.braenner 14.06.2016, 13:26
53. Das gibt es auch heute noch - auch in München

Zitat von kopi4
3 Jahre Lehre, danach sofort einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Ein starker Betriebsrat der die Interessen der Arbeitnehmer wahr nimmt und ein Arbeitgeber der sich seiner sozialen Verantwortung bewußt ist. Für alle die unter 40 sind: was wie Science Fiction klingt war in den Siebzigern und Achtzigern Gang und gäbe in Deutschland.
Als Münchner kann ich nur sagen: Solche Firmen gibt es auch heute noch zur Genüge. Man muss halt bloß überlegen, was man beruflich machen will. Manchen Branchen sind für Ausbeutung geradezu predestiniert. Die Finanzbranche gehört dazu, aber auch der soziale und gesundheitliche Bereich, nicht zu vergessen die Gastronomie, wo man in München eigentlich nur ausgebeutet wird.

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joey55 14.06.2016, 13:27
54.

Zitat von Scum
Das Beispiel zeigt auf gute Weise, wie kaputt unser Arbeitsmarkt ist. Und unsere Politiker haben nichts besseres zu tun, als mit höchstem Eifer Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern und die Konkurrenz auf den verbleibenden Arbeitsmärkten durch Zuwanderung zu erhöhen.
Das ist ein extremer Einzelfall. An diesem sollte sich die Politik nicht orientieren, da eine Veränderung sehr schnell zig Millionen völlig ordnungsgemäße Arbeitsverhältnisse erschwert werden.
Ähnliches Beispiel im Kleinen: In Thüringen hat die CDU-Landesregierung eine Regelung erlassen, nach der Arbeitnehmer zwei freie Samstage pro Monat haben müssen. Hintergrund war, dass man Arbeit auf Abruf am Samstag (insb. im Lebensmitteleinzelhandel) verhindern wollte. Folge ist jedoch, dass man alle Branchen getroffen hat und viele Tausend Arbeitsverhältnisse völlig unnötigerweise damit belastet. Es gibt Branchen, für die ist der Samstag der stärkste Tag, gerade im provisionsträchtigen Auto- Küchenhandel wollen Arbeitnehmer am Samstag arbeiten. Oder in Bereichen wie Bäckereien, für die das Wochenende immer wichtiger wird.
Über diese Auswirkungen hat aber die damalige CDU-Regierung nicht nachgedacht.
Ähnliches kann man auch bei den Regelungen des AGG erkennen. Dort sollten ältere AN geschützt werden, man hat nur nicht daran gedacht, dass Regelungen, die älteren AN zu gute kommen, gleichzeitig zu einer Diskriminierung der jüngeren AN, denen diese Regelungen eben nicht zu gute kommen sollen, führt. Einfach nur hanebüchen.

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kojak2010 14.06.2016, 13:32
55.

Zitat von haresu
Indem das Gericht den Mindestlohn zugrunde legt begünstigt es den Arbeitgeber noch im Nachhinein. Das ist skandalös!
Warum muss ich in Deutschland einen Angelschein machen, um Fische zu fangen, kann aber 5 Jahre ein Praktium machen und mich dann am Ende per Gericht besser zu stellen?

warum gibt es keine MPU fürs Berufsleben???

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KaroXXL 14.06.2016, 13:33
56. Nichts Ungewöhnliches

Eher (leider) Normalzustand.
Das Auspressen und Ausnutzen von Arbeitnehmern nimmt ständig zu, der Niedriglohnsektor wird stetig ausgeweitet...Was würde wohl passieren wenn man zB. Mindestlohn für Flüchtlinge aussetzen oder anpassen würde? Das ist nichts Politisches oder Ideologisches, das sind ganz pragmatische Befürchtungen für die Betroffenen - die Nichtbetroffenen wohl nicht verstehen wollen.

Und dank der neoliberalen Ideen einiger (und auch TTIP und Konsorten), dem ständigen "Wachstum!"-Geschrei, siehts in Zukunft wohl noch düsterer aus.

Und am besten sind dann Schlaumeier nach dem Motto "Naja Hauptsache Arbeit" oder "In anderen Ländern ists noch schlimmer" etc. Ganz toll!

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SobiSnoopy 14.06.2016, 13:34
57. das Urteil

Solche Urteile interessieren die Verursacher doch gar nicht. Da stehen in den Städten doch genug Nachfolgepraktikanten vor der Tür, die das weiter mit sich machen lassen (müssen). Bzw. woher sollen sie wissen, dass es solch ein AG ist? Viel besser: Wenn schon "Almosenurteile" zumindest auch gleich den Namen des Verursachers veröffentlichen, damit wir wissen wo wir nicht mehr hingehen!

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hman2 14.06.2016, 13:37
58.

Zitat von
Warum sagte die IHK der Frau nicht ehrlich, dass sie für den angestrebten Beruf als Finanz-Fachberaterin völlig ungeeignet ist? Warum wurde sie überhaupt zur Prüfung zugelassen? Eine angeblich an Finanzen interessierte junge Frau geht 5 Jahre lang jeden Tag in ein Finanzvermittlungs-Büro mitten in München – und kommt dann mit nur 300 Euro monatlich zurück. 5 Jahre lang. Und hat die junge Frau keine Eltern? Keine Freunde?
Hallo? Artikel nicht gelesen? Die war im Praktikum, d.h. sie hatte einen Ausbildungsvertrag. Und ihr Ausbilder war in der Pflicht, sie geeignet auf die Prüfung vorzubereiten, hat das aber verabsäumt. Es wäre völlig unsinnig, wenn die IHK der Frau sagen würde, sie wäre nicht geeignet, würde sie die Unwahrheit sagen. Korrekt wäre die Aussage "wer hat Sie denn geschult? Die Schulung ist Mist".

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kojak2010 14.06.2016, 13:38
59.

Zitat von watch15
Mit der Nachzahlung ist dieser sogenannte Finanzvermittler noch viel zu billig weggekommen. Die Ausbeutung von Arbeitssuchenden und Berufsanfängern ist mittlerweile ja sehr chic geworden. Mindestlohn? ... existiert ja wohl nur in der Theorie. Hier sollten empfindliche finanzielle Strafen erfolgen.
Zum Ausbeuten gehören immer zwei. Das Grundproblem beginnt ja schon dabei, das Leute ja unbedingt beim ach so wichtigen Unternehmen arbeiten wollen, statt beim regionalen Handwerksbetrieb! GEnau hier liegt das Problem, der Lohnsklaven.

Statt für 12 Euro beim Maler zu arbeiten, prositiert man und frau sich eben beim Dax unternehmen, beim Versicherungsbetrieb oder sonstwo. alles schön für den Lebenslauf...

"ich hab mal da und dort gearbeitet!"


wow....

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