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Herr Schmiedl und die Ingenieure: "Der Fliesenleger hat doch recht"
imago/Photoshot/Construction Photography

Ein Handwerker empfindet Ingenieure als Problemkunden und will nicht mehr für sie arbeiten. Sozialwissenschaftler Fritz Böhle kann den Fliesenleger verstehen - und erklärt, warum viele Akademiker mit der Lebensrealität fremdeln.

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HerbyDerby 16.01.2019, 17:21
10.

Zitat von syracusa
... der relevante Unterschied zwischen Theorie und Praxis ...
Theorie ist, wenn alle alles wissen und nichts funktioniert. Praxis ist, wenn alles funktioniert und keiner weiß, warum.

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Funky303 16.01.2019, 17:22
11. Das Zauberwort ist AUDI! Nicht Ingenieur

Beide Artikel (der urspüngliche und dieser hier) vergessen eine Sache. Es geht nicht um Ingenieure an sich, sondern Ingenieure von Audi. Ich habe lange als Lehrer in unmittelbarer Audi-Nähe gearbeitet. Die Ingenieure, die direkt bei Audi arbeiten, sind "besonders". Sie halten sich tatsächlich für einiges viel Besseres. Und wenn man das dann mit Automobilbau in der Oberklasse koppelt, entstehen tatsächlich Nanometer-Toleranzbereiche, die natürlich in normalen Handwerkerbereichen realistisch (d.h. Zeit = Preis) machbar sind.

Ich hatte einige der Ingenieure in meinen Sprechstunden und da merkt man, dass einige der Automobil-Konzern-Ingenieure einfach in einer eigenen Kaste leben und für sich natürlich die Deutungshoheit auf alles beanspruchen. Nach meinem Wechsel nach Stuttgart ist die Sache mit Porsche ähnlich. Zuliefer-Ingenieure sind normal, Bosch-Ingenieure sind schon etwas exquisiter, Porsche- und Daimler-Ingenieure sind oft abgehoben.

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mantrid 16.01.2019, 17:23
12. Ausnahme Lehrer und Juristen

Dem Fazit von Herrn Schmiedl kann ich zustimmen, außer bei Lehrern und Juristen. Die die haben immer Recht (glauben sie zumindest selbst). ;-)

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Sleeper_in_Metropolis 16.01.2019, 17:25
13.

Zitat : "Wir haben nun mal in unserer Gesellschaft diese Hierarchie: da unten der Fliesenleger, der hat "nur" eine berufliche Bildung, und da oben der akademisch Ausgebildete. Das ist falsch."

Stimmt, und diese Hierachie kommt auch im Journalismus immer mal wieder durch, weil dort ebenfalls fast ausschließlich Leute schreiben, die (nur) eine akademische Ausbildung haben (oder sieht das beim Spiegel anders aus ? Vermutlich nicht.)

Beispiel : Schon in Berichten oder selbst Umfragen wird jeder Schulabschluss unterhalb des Abiturs unter "sonstiges" zusammengefasst - als wenn das sowieso nicht zu mehr als zum Hilfsarbeiter befähigt. Oder Journalisten, die über den geplanten Werdegang ihrer Kinder schreiben : Etwas anders als Abitur+Studium liegt völlig außerhalb deren Vorstellungsvermögen. Geschweige denn, das Menschen damit auch glücklich werden könnten.

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thiak 16.01.2019, 17:28
14. die andere Seite

Es gibt bei allem zwei Seiten. Während des Baus meines Hauses habe ich fast sämtliche Handwerker von der Baustelle werfen müssen, bzw. ständig hinterher sein müssen, damit das Ergebnis nur annähernd etwas mit den Plänen zu tun hat. Ja, ich bin Akademiker, aber ich denke nicht dass dies die Ursache dafür ist, das Eisenbewährung falsch verlegt wird, Beton falsch verarbeitet, Fenster beim Mauern vergessen werden, die falschen Steine verbaut werden, der Putzer nur ein halbes Zimmer aber 11 halbe Liter am Tag schafft. Diese blöden Fittinge (90°) sich partout nicht unter 70° zusammenprügeln lassen wollen...ich kann beliebig weitermachen... Die aktuelle Lage auf dem Markt erlaubt es den Handwerkern nun, sich auf die "einfacheren" Kunden zu beschränken und bekommen auch noch Rückenwind von der Innung. Als ich nach der Weigerung eines Heizungmonteures, vorhandenes Material zu verbauen mit dem Hinweis, die Innung empfielt das so, dort nachgefragt habe, ob man tatsächlich seine Mitglieder zu verbotenen Verbundgeschäften animiert, bekam ich gleich einen perfekt anwaltlich formulierten Brief. Ich mache und kann so gut wie alle Dinge im Haus reparieren (nachdem ich die Handwerker rausgeworfen hatte, musste ich ja selbst verputzen, Kabel verlegen, Heizung einbauen, Bad installieren, Fliesen legen, dämmen, etc.), nur manches erlaubt der Gesetzgeber nicht (aus gutem Grund)...und hier bin ich dann auf Handwerker angewiesen, die aber gleich ein riesen Geschäft machen wollen....und das darf ich dann nicht kritisieren?
Klar, ich habe auch brilliante Handwerker erlebt, was ich dann aber auch immer kommuniziere.

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From7000islands 16.01.2019, 17:28
15. die Andersartigkeit des Europäers aus deutschem Raum

Die deutsche Gesellschaft liebt die Hierarchie aber wehe, man sagt etwas Schlechtes über jemanden, weil er einer anderen Klasse angehört. Gleichzeitig werden diejenigen, die nicht ins Schema passen geschnitten. Das ist nicht in allen Ländern so. In England habe ich keine Arroganz festgestellt, mein Freund, der Ingenieur, der zu Hause den Geschirrabwasch für die Familie erledigt, geht mit seinem Gärtner so um als sei er ein Verwandter.

In Deutschland gibt es den Wettbewerb, den Kampf gegen die Konkurrenz und entspricht damit der Mentalität der Mehrheit der Bio Deutschen. Damit ist Deutschland erfolgreich geworden, und nur damit kann es Qualität "made in Germany" geben. Der Ingenieur fühlt sich zwar nicht direkt als Konkurrenz zum Fliesenleger, aber er möchte doch sein Wissen an jedem, der ihm begegnet, loswerden. Das ergibt bei dem Bildungsgefälle dann "Arroganz", wenn die Person nicht ein selbstkritisches Leben führt. Selbstkritik lernt man im Elternhaus, in der Schule und in der Kirche.

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ericus 16.01.2019, 17:29
16. Gegenseitige Wertschätzung

Das bringt es m.E. auf den Punkt. Mangelt es daran bei einer Partei, dann ist der Ärger oft nicht weit.

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muellerthomas 16.01.2019, 17:30
17.

Zitat von wi_hartmann@t-online.de
Akademiker fast alles Erbsenzähler und belehren Handwerker auf deren Fachgebiet. Deshalb sagt die Erfahrung diese Klientel meiden.
Wenn sich die Handwerker auf ihren Fachgebiet auskennen würden, wäre ja alles gut. Aber wie oft habe ich schon erlebt: "Ne, das gibt es nicht!". Ich Handy raus, gezeigt, doch gibt es. Oder: "Das können wir hier nicht machen!" Und wenn man es so und so macht? "Na dann vielleicht." Viele Handwerker scheinen vor allem, was vom Standard abweicht erst einmal eine Abneigung zu haben.

Dazu kommt meine Erfahrung, dass ich auf noch keiner einzigen Baustelle erlebt habe, dass auch nur ein Gewerk komplett ohne anfängliche Fehler erledigt wurde.

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la1402 16.01.2019, 17:30
18. Nur die halbe Wahrheit

Die theorielastige Ingenieursausbildung stimmt. Es stimmt aber auch, das sich gerade Deutsche Handwerker für besonder schlau halten und gern Kunden ein X für ein U vormachen, und in der aktuellen Marktlage wird das besonders schlimm ausgenutzt. Es werden aber wieder andere Zeiten kommen. Ich beauftrage mittlerweile lieber Polen, die bei Arbeiten wie z.B. Fliesenlegen in Bezug auf Preisleistung, Arbeitseinsatz und Qualität locker mithalten können.

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hman2 16.01.2019, 17:31
19. Au weia

"Das Defizit der akademischen Ausbildung liegt darin, dass sie wissenschaftlich fundiert ist und man davon ausgeht, dass Wissenschaft in der Lage ist, alle wichtigen Dinge der Realität und Praxis exakt zu erfassen und zu beschreiben. Gerade im Bereich Naturwissenschaften und Technik. Und das ist leider nicht der Fall."

Das tut weh, wenn man das liest. Ein Sozialwissenschaftler redet von den Naturwissenschaften, und dokumentiert seine Ignoranz plakativ... Offensichtlich hat er die Mathematik nicht verstanden.

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