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Herr Schmiedl und die Ingenieure: "Der Fliesenleger hat doch recht"
imago/Photoshot/Construction Photography

Ein Handwerker empfindet Ingenieure als Problemkunden und will nicht mehr für sie arbeiten. Sozialwissenschaftler Fritz Böhle kann den Fliesenleger verstehen - und erklärt, warum viele Akademiker mit der Lebensrealität fremdeln.

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varesino 18.01.2019, 11:35
290. Seien wir doch einfach ehrlich

Eigentlich ist jeder froh wenn er keinen Handwerker benötigt. Es bedeutet einfach Aufwand und potentiell Ärger.
Jemanden finden, der Zeit hat und bezahlbar ist. Ihm verklickern was zu machen ist. Dann das bangen ob er kommt.
Wenn er denn kommt macht er auch was vereinbart war.
Verschwindet er sofort wieder zum Material und Werkzeug holen.
Dann, „Das wird aber teurer“.

Das braucht niemand. Eigentlich sind wir doch Alle froh wenn wir keinen Handwerker benötigen und nicht zum Zahnarzt müssen.

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oisklar 18.01.2019, 13:37
291. "Ich weiß, dass ich nichts weiß"

und damit weiß ich schon mal viel mehr als die meisten anderen Besserwisser.

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fuzzilogik 18.01.2019, 14:49
292. Perfektion wird verinnerlicht

In der Autoindustrie ist Qualität und Perfektion oberstes Gebot. Wer in der Autoindustrie und bei Zulieferern arbeitet spürt das jeden Tag. Es geht nicht nur um wichtige Dinge sondern um ALLES.
Es dürfen keine Fehler passieren, ALLES selbst unwichtig erscheinende Dinge müssen perfekt sein.
Das geht soweit das selbst Doktoren am Freitag mit dem Staubwedel Ihren Schreibtisch säubern, und alles in Listen dokumentieren.
Es wird nicht aktzepiert das unbearbeitete eMails im Posteingang verbleiben, oder am Feierabend noch Arbeitsgegenstände am Schreibtisch liegen.
Wer das täglich erlebt kann nicht mehr abschalten und überträgt das auch auf seine Außenwelt.
Mich wunder das nicht das das von der "Außenwelt" abgehoben wahrgenommen wird.

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energieingenieur 18.01.2019, 19:41
293.

Zitat von varesino
Eigentlich ist jeder froh wenn er keinen Handwerker benötigt. Es bedeutet einfach Aufwand und potentiell Ärger. Jemanden finden, der Zeit hat und bezahlbar ist. Ihm verklickern was zu machen ist. Dann das bangen ob er kommt. Wenn er denn kommt macht er auch was vereinbart war. Verschwindet er sofort wieder zum Material und Werkzeug holen. Dann, „Das wird aber teurer“. Das braucht niemand. Eigentlich sind wir doch Alle froh wenn wir keinen Handwerker benötigen und nicht zum Zahnarzt müssen.
Ich freue mich immer sehr auf Handwerker, weil danach entweder ein Problem gelöst ist oder etwas Neues geschaffen wurde, was man im Netz oder im Supermarkt eben nicht kaufen kann.
Die Sache mit dem Material und Werkzeug holen... Nun... wenn es eine geplante Baustelle (z.B. Badsanierung) ist, dann braucht keiner erst Werkzeug und Material holen, weil das vorher durchgeplant wurde. Wenn es um spontane Dinge geht: D.h. du rufst morgens an, weil bei dir ein Rohr im Keller tropft. Wenn du jetzt dem Handwerker am Telefon schon sagst, dass es sich bei der undichten Stelle um ein Übergang von zwei Zoll schwarzem Gewinderohr auf 28er Kupfer handelt, dann weiß er, dass er auf jeden Fall die große Gewindeschneidkluppe, zwei Red-Stücke unterschiedlicher Größe, ein neues Übergangsstück auf 28er Cu, ein Stück 28er Cu-Rohr und eine Cu-Schiebemuffe mitnehmen muss. Während er das Kupfermaterial vermutlich tatsächlich im Auto hat, so hat er die 2"-Gewindeschneidkluppe sicher nicht dabei. Die braucht er nämlich vll. nur 3x im Jahr, wenn er vor Rohrsystemen aus den 50ern steht. Deswegen fährt er das Zeug dafür nicht 99% des Jahres unnütz durch die Gegend... Wenn der alles an Material und Werkzeug für alle Eventualitäten dabei hätte, müsste der schon mit einem 40-Tonnen-Sattelzug vorfahren. Je genauer du also einem Handwerker vorab beschreibst, was das exakte Problem ist, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass er erst noch Material holen muss.

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ingo.adlung 19.01.2019, 03:32
294. Ich liebe Ihren Beitrag ...

Zitat von k.u.m.
Ich denke, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe z. B. Werkzeugmacher immer wegen ihrer hohen Präzision bewundert, aber in Diskussionen mit ihnen auch stets gesagt: Es gibt außerhalb eurer Welt noch andere Maßeinheiten jenseits des 1/100 mm.
Ich hätte während meines Hausbaus Werkzeugmacher gebraucht. Wir hatten uns für einen Erker entschieden und den über 2 Stockwerke gezogen, um im über dem Wohnzimmer liegenden Bad eine größere Dusche und Wanne verbauen zu können. Soweit so gut. Bis wir im 1. Stock plötzlich feststellten, dass die Tür zum Badezimmer nicht erlauben würde dahinter Waschbecken zu setzen. Was war passiert? Als der Erker ausgemessen wurde haben sie die eine Mauer auf der falschen Seite des Maßes platziert, womit der Erker und somit das darüber liegende Bad schmaler als geplant wurden. Weil diese Erkermauer aber als tragende Mauer betoniert war, konnte dies nun nicht mehr "einfach" korrigiert werden. Und im Schlafzimmer daneben entstand plötzlich eine Nische, wo keine geplant war. Fiel dem Polier nicht auf und auch dem Architekten nicht. Also weder Handwerker noch Akademiker, sondern erst meiner Frau und mir ... zum Glück hatten wir noch Platz zur Dusche, so dass wir die Tür versetzen konnten, aber die ungeplannte Nische im Schlafzimmer blieb und den Esstisch, den wir längs in den Erker stellen wollten musste nun quer, in den Raum ragend rein ...

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ingo.adlung 19.01.2019, 03:56
295. Hat aber teilweise etwas damit zu tun ...

Zitat von bandelier
Geld in einem sehr renommierten designorientierten Unternehmen, in dem studierte Designer nur dann eine Jobchance hatten, wenn sie vorher einen verwandten Handwerksberuf erlernt hatten. Das hatte zwei enorme Vorteile: Beim Entwerfen hatten sie eine Vorstellung davon, wie der Entwurf sich praktisch und wirtschaftlich umsetzen lässt, und während der Entwicklung hatten sie guten und fachmännischen Kontakt zum Werkzeugmacher, dessen Arbeit sie zu schätzen wussten und auch begleiten konnten. Der Synergieeffekt stimmte und funktioniert immer noch. Das Wissen und Können des Handwerkers ist ebenso wertvoll wie das des Ingenieurs oder des Designers, und nur gemeinsam können sie erfolgreich sein. Das Bewusstsein dafür ist leider in einer Gesellschaft, die theoretisches Wissen höher einschätzt als praktisches Können, verliorengegangen, und das spürt man überall. Man vernetzt sich in seiner Kaste, weil man ja wer ist, und realisiert nicht mehr, dass man sich in einer Inzuchtvereinigung eingeigelt hat. Bestes Beispiel dafür, hier off topic, die Politik. Mir jedenfalls ist mein Kfz-Werkstattbetreiber, der nicht sehr eloquent ist, erheblich angenehmer als der junge Arzt, der mich arrogant behandelt. Bei dem Nicht-Akademiker fühle ich mich immer gut beraten, an dem überheblichen Akademiker habe ich berechtigte Zweifel, übrigens mit gutem Recht, wie ich inzwischen leider weiss.
... dass für manche Berufszweigen nicht die geeignetsten Kandidaten genommen werden, sondern die mit den besten Gesamtnoten, weil es einen NC gibt/gab. So gab es etwa Zeiten, wo man mit Sport und Religion als Leistungsfächer Abitur machen konnte um dann Maschinenbau zu studieren. Ok, die scheiterten dann später spätestens an der techn. Mechanik im Grundstudium, aber der NC für manche Fächer an manchen Hochschulen hat nicht immer den geeignetsten Kandidaten sondern dem besten Abiturienten einen Studienplatz verschafft. Und mit Abstrichen ist dies auch heute mitunter noch der Fall. Auch wenn sich die Abituranforderungen gewandelt haben, so mussten teils erst Gerichtsurteile her um nicht nur 1er Abiturienten Zugang zu Medizin und anderen NC Fächern zu ermöglichen ... ohne Jahre an Wartezeiten zu benötigen (es war noch nie plausibel, warum Wartezeiten die Eignung verbessern sollten, entweder man ist geeignet, oder nicht ...).

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ingo.adlung 19.01.2019, 04:04
296. Selten so gelacht

Zitat von ElvisTheKing
Das ist nicht ganz richtig. Ich bin selbst studierter Ingenieur und Informatiker, habe auber auch langjährig auf der "anderen Seite" in der Fertigung gearbeitet. Es gibt auf dem Bau gewisse Toleranzen. Z.B. darf eine Mauer bis zu 1 cm vom Maß abweichen. Für einen Ingenieur ist das viel, auf dem Bau oft nicht anders machbar. Je nach Preisklasse und Qualität haben Fliesen unteraschiedliche Güte. D.h. bei billigen Baumarktfliesen kann die Oberfläche gewölbt oder Kanten krumm bzw. verzogen sein. Alles im Rahmen der Toleranz der Qualitätsklasse. Da kann der Fliesenleger nichts daran ändern. Ich kenne einige Leute, die zu geizig sind sich teuere qualitativ hochwertige Fliesen mit kalibrierten und rektifizierten Kanten zu kaufen und die sich dann beschweren, warum Fugen zu breit oder ungleich sind. Gerade bei großen Fliesenformaten summiert sich die Ungenauigkeit auf der Fläche auf. Der Fliesenleger wird dann dafür verantwortlich gemacht. Er kann aber aus einer Kurve keine Gerade machen, das ist en Naturgesetz. Ein Ingenieur sollte das eigentlich wissen. Auch manche Badezimmerwand ist nicht gerade oder alle Ecken im rechten Winkel. Auch dafür kann der Fliesenleger nichts.
Natürlich kann man auf 10 m Hauslänge mit Toleranzen von < 1 cm bauen. Ob sich der Aufwand lohnt ist eine andere Frage, aber selbstverständlich kann man das machen. Konnten bereits die alten Ägypter vor mehr als 4000 Jahren und mit modernen Lasermessgeräten ist das auch heute wahrlich kein Hexenwerk. Man muss nur die richtigen Werkzeuge nutzen und Pläne lesen (können). Und wenn Böden eben und Wände im Lot stehen, dann erleichtert dies auch dem Fliesenleger seine Arbeit.

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blödbacke 19.01.2019, 10:47
297. Solche und solche und dann noch ganz andere...

Kann ein Ing, der nie praktisch gearbeitet hat, ein guter Ing sein? Ich weiß es nicht. Ich hab nur den persönlichen Vergleich zwischen meinem Vater und einem Freund von mir. Ersterer würde Ing über den zweiten Bildungsweg. Lehre als Maschinenbauer auf einer Werft, dann Seefahrtsschule und viele Jahre dann im Maschinenraum auf Frachter in alle Welt, dann bzw dabei Ing/FH. Und als die Kinder kamen: Landgang für immer. Konnte beides, handwerklich arbeiten und "theoretisieren". Dagegen ein Freund von mir: Wirtschaftsingenieur. Zwei linke Hände. Weiß nicht mal, wie man einen Schraubendreher oder einen Pinsel benutzt. Vorteil: er wird nie gefragt, ob er helfen könnte... Da sind andere Freunde, z.B. der Dachdecker, viel besser...

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durchsichtig 19.01.2019, 14:17
298. Mich

interessiert weniger die technische Komponente des Vorwurfs. Eher wüsste ich gern, ob die Zahlungsmoral tatsächlich so kümmerlich ist.

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fritzberg1 19.01.2019, 18:53
299. Lustiger Artikel

Vor allem der Satz

Das Defizit der akademischen Ausbildung liegt darin, dass sie wissenschaftlich fundiert ist und man davon ausgeht, dass Wissenschaft in der Lage ist, alle wichtigen Dinge der Realität und Praxis exakt zu erfassen und zu beschreiben.

Eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung ist schließlich unerlässlich und notwendig für alle naturwissenschaftlichen Fächer inklusive der Ingenieurwissenschaften.
Auf eine wissenschaftlich nicht fundierte Ausbildung können natürlich Sozialwissenschaftler (etc.) voll verzichten, denn deren Aufgabe ist es schließlich nicht die "wichtigen Dinge der Realität exakt zu erfassen".
:-)

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