Forum: Karriere
Hochschullehrer aus Überzeugung: Ja, wir mögen Studenten
Nikolaus Rötting

Prestige und Aufstiegschancen winken allein in der Forschung, traditionell gelten Vorlesungen und Seminare als lästige Pflicht. Muss das so sein? Manche akademische Talente lehren gern und aus echter Überzeugung - ein Glücksfall für Universitäten unter Zugzwang.

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futtermeister 31.05.2012, 11:14
1. Di-Mi-Do

Ich habe nicht viel Ahnung vom Hochschulleben, meine FH-Zeit ist auch schon lange vorbei. Aber wenn ich meine studierenden Kinder höre, bekomme ich immer die Wut. Ich glaube gerne, das es viele Professor(inn)en gibt, die sich sehr bemühen und einsetzen. Ich höre aber immer von denen, die Montags und Freitags gar nicht mehr da sind, Veranstaltungen nach Belieben ausfallen lassen oder verschieben, weil irgendeine "hochwichtige" Nebentätigkeit winkt. In der vorlesungsfreien Zeit existieren sie quasi gar nicht mehr. Für gute Professoren sind die angesprochenen Gehälter sicher nicht genug, die haben auch mehr verdient. Aber das ich und andere Idioten jeden Tag den Buckel krumm machen, damit diese Dimidos (das Klischee lebt) ein saturiertes Leben führen, k.... mich an.

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alfor 31.05.2012, 11:38
2.

"Manche akademische Talente lehren gern und aus echter Überzeugung - ein Glücksfall für Universitäten unter Zugzwang"

Wahrhaft paradiesische Zustände, wie sie Frau Müller an der Universität Bremen schildert! Die banale Realität einer ‚Eliteuniversität’ sieht doch anders aus: Bei 8 Semesterwochenstunden Lehre freut man sich auf 1.500 Euro insgesamt – nicht pro Monat, sondern am Ende des ganzen Semesters, wohlgemerkt! Nur gut, dass dieser akademische Spaß noch nicht der Vergnügungssteuerpflicht unterliegt. Herr Schäuble, bitte weggucken!

Selber schuld, wer da so blöd ist, denkt da der normale Mensch – und vergisst, dass diese freie Lehre oft die einzige Möglichkeit ist, Studenten auf etwas seltenere Forschungsgebiete und Themen aufmerksam zu machen. Wie, um ein Beispiel zu nennen, die Erforschung ‚seltener’ Tropenkrankheiten (orphan diseases), die zwar gar nicht so selten sind, aber an denen hierzulande kein Geld zu verdienen ist. Dafür sprudeln die Drittmittel, über 3 Million Euro für Feldforschung in Afrika, um am Beispiel zu bleiben, die ich für meine Universitäten eingeworben habe.

Für die Durchführung eines solchen Projektes engagieren sich wiederum Studenten im Rahmen ihrer Diplom-, Master oder Doktorarbeit mit großem Einsatz und mit der Gewissheit, ein hochinteressantes und für die Weltgesundheit relevantes Thema zu bearbeiten. Berufsqualifizierend ist diese Tätigkeit jedoch nur sehr bedingt, da an ‚orphan diseases’und ihrer Erforschung auch weiterhin kein Geld zu verdienen sein wird.

Alle ‚Orchideeenfächer’ kennen dieses Dilemma: Nur durch persönliches Engagement und unter selbstausbeuterischen Bedingungen überleben diese für Forschung und Kultur so wichtigen Disziplinen. Die gerechte Verteilung von Planstellen, Drittmitteln und Lehrmitteln ist somit eine ständige, aber nicht unlösbare Herausforderung für die Kultur unserer Forschungslandschaft.

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gerald246 31.05.2012, 12:10
3. Lecturer usw

"Inspirieren ließ sich die Uni Bremen auch im Ausland, wo hauptberufliche Lecturer schon lange einen Großteil der Hochschullehre schultern - etwa in Schweden, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden. "Nach einer kurzen Probezeit ist die unbefristete Anstellung als Hochschullehrer üblich, mit der Möglichkeit des internen Aufstiegs zum Senior-Lecturer oder Professor", erläutert Karin Zimmermann vom Institut für Hochschulforschung der Universität Halle-Wittenberg"

Frau Zimmermann scheint sich ueber die Rolle aund Aufgaben der 'Lecturer' in z.B. in GB nicht genau informaiert zu haben. Lecturer haben als Aufgabe Forschung, lehre und Verwaltung (in dieser Reihenfolge), und nicht nur die Lehre wie der Artikel impliziert.
Auch lecturer haben das Promotionsrecht und das Recht auf freie Forschung (hat das die Uni Bremen auch implementiert??), und koennen daher unabhaengigvon alten Professoren arbeiten was die Energie und Dynamik der jungen leute deutlich besser freisetzt als es in Deutschland der Fall ist. Dieser Aspek des angelsaechsischen Systems wurde in D natuerlich nicht uebernommen, was man an den Forschungsleistungen und Dritmitteleinwerbungen z.B. bei EU-Antraegen deutlich sehen kann.

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bblaze 31.05.2012, 12:34
4.

Zitat von gerald246
Frau Zimmermann scheint sich ueber die Rolle aund Aufgaben der 'Lecturer' in z.B. in GB nicht genau informaiert zu haben. Lecturer haben als Aufgabe Forschung, lehre und Verwaltung (in dieser Reihenfolge), und nicht nur die Lehre wie der Artikel impliziert. Auch lecturer haben das Promotionsrecht und das Recht auf freie Forschung (hat das die Uni Bremen auch implementiert??), und koennen daher unabhaengigvon alten Professoren arbeiten was die Energie und Dynamik der jungen leute deutlich besser freisetzt als es in Deutschland der Fall ist. Dieser Aspek des angelsaechsischen Systems wurde in D natuerlich nicht uebernommen, was man an den Forschungsleistungen und Dritmitteleinwerbungen z.B. bei EU-Antraegen deutlich sehen kann.
Danke, ich dacht auch gerade ich bin im falschen Film. Lecturer in GB sind das Aequivalent zu Assistant Professors anderswo. Das das reine Lehrstellen sind mag an manchen der alten Polytechs der Fall sein, stimmt aber sonst schlichtweg nicht. Ich (Lecturer an einer der Russel Group Universities) lehre z.B ungefaehr 100 Stunden im Jahr (in rund 14 Wochen), also roundabout 7 Stunden in den Wochen in denen ich lehre. Fuer Senior Lecturers gilt aehnliches. Das in Deutschland alle Unis ihre Lehrkraefte fuer besondere Aufgaben zu Lecturern umbenenne, koennen sie ja gerne machen, das heisst aber trotzdem nicht, dass die vergleichbar mit Lecturers englischem (oder australischem) Zuschnitts sind.

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hythlodaeus 31.05.2012, 14:42
5. Bis heute hat sich die Lehre

an den Universitäten nicht verbessert. Daher werden wichtige Ressourcen vergeudet, weil Dozenten eher der Forschung frönen, als den zweiten Teil ihrer Verpflichtung, die Lehre nämlich, ernst zu nehmen. Manche sind methodisch.didaktische Naturtalente, während andere davon so viel verstehen, wie die Kuh vom Fussballspielen.Eine Hochschuldidaktik ist überfällig!

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vincentius 31.05.2012, 16:46
6. Inhalte

Noch immer finde ich die Inhalte und die "Wahrhaftigkeit" der Themen wie der Erklärungsarten als primär
Und DORT sind m.E. über die institutionelle Umgestaltung (was auch die normative Ausrichtung, das Zulassen von und die Ausrichtung auf Themen) die größten Shifts passiert.
Der "honorige" und aufrechte Professor, der eine in sich stimmige Lehre vornimmt, befreit von der Ausrichtung an externen Interessen, ist m.E. auf dem absteigenden Ast.
Daran würden "didaktisch einwandfreie" Vortäge auch nichts ändern

Diskutiert übergewichtig (vor Fragen der Vermittlung) die Inhalte, die Interessen und Einflußnahmen auf/von Forschung und Lehre!

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Dumme Fragen 31.05.2012, 18:33
7.

Auch wenn es in den letzten Jahren vermehrt "Lecturer"-Stellen bzw. "Lehrkräfte für besondere Aufgaben" (12-16 SWS Lehre) gibt, sind die oftmals auch befristet und ihre Anzahl so gering, dass es die Probleme der PostDocs nicht lösen kann...

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Dumme Fragen 31.05.2012, 18:36
8. Anmerkung

Zitat von gerald246
Frau Zimmermann scheint sich ueber die Rolle aund Aufgaben der 'Lecturer' in z.B. in GB nicht genau informaiert zu haben.
Und in den USA wird ein Großteil der Lehre von den "Teaching Assistents" (meist in Teams aus Graduate TA und Undergraduate TA) geleistet...

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parresia 01.06.2012, 12:54
9. optional

Angesichts der katatrophalen Arbeitsbedingungen - zumindest in den GW - muss man schon seine Studentinnen und Studenten mögen, sonst geht wohl jede Motivation flöten. Die Bedingungen der Lehre werden einerseits immer schlechter, die Zeit für die Forschung immer weniger. Wie auch immer, jeder, der seine Zeit mit Lehre, Verbesserung der Lehre oder gar hochschuldidaktischer Qualifizierung verbringt, begeht im deutschen Universitätssystem einen schweren Fehler - denn das kostet nur Lebenszeit und bringt keine Anstellung, dies es eben nur für Forschung gibt. Die System Universtität ist geradezu pervers, denn es verschiebt dank Bachelor immer mehr Studierende auf den Mittelbau, der als Lehrproletariat ausgequetscht wird bis zum Auslaufen des Vertrags. Klug ist, wer seine Aufaben in der Lehre vernachlässigt, denn nur so ist weiterzukommen.

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