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Informatiker-Gehälter: Für den Fachkräftemangel zu billig
DPA

Gute IT-Leute sind kaum zu bekommen, klagen die Unternehmen. Gleich zwei Studien sorgen für Zweifel an dieser Behauptung: Demnach sind die Gehälter in der Branche zuletzt um zwei bis drei Prozent gestiegen. Müssten seltene Fachleute nicht viel besser bezahlt werden?

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herrurlaub 05.03.2013, 10:00
1. Öffentlich jammern, heimlich Preise drücken - die alte Leier

Die Unternehmen jammern öffentlich, gleichzeitig werden die gesuchten Experten entweder beim Einstellungsgespräch klassisch heruntergehandelt ("Das würde die Gehaltsgerechtigkeit im Unternehmen beeinträchtigen!") und die selbständigen Spezialisten durch die "Preferred-Supplier"-Masche im Preis gedrückt - kein noch so guter Entwickler bekommt heutzutage als Einzelkämpfer einen direkten Vertrag mit einem Konzern.

Der Endkunde zahlt an die Tochterunternehmen von Randstat und anderen Seelenhändlern üppige Provisionen (oft 25% und mehr) und lässt dort die schmutzige Arbeit machen und hält sich gleichzeitig Scheinselbständigkeitsprobleme vom Hals. Die besten Leute suchen sich dann eben andere Betätigungsfelder, oft als Trainer oder mit eigenen Produkten. Die fehlen dann natürlich bei den Bitkom-Beitragszahlern. Ich kenne genug Kollegen die sich das Projektgeschäft nicht mehr antun.

Dort, wo der Mangel überdeutlich ist, im zugangsgeregelten Bereich der SAP-Consultants werden dann auch realistische Sätze von 120 Euro/h und mehr gezahlt, statt die üblichen 50-80 Euro- Das ist das was beim Spezialisten ankommt, die 74 Euro sind - wie man den einschlägigen Datenquellen entnehmen kann recht hochgegriffen, zumal PHPler oft nur 20-30 Euro die Stunde verdienen.

Ich weiß, im Vergleich zu Reinigungskräften und Krankenschwestern klingt das alles unheimlich viel. Aber im Vergleich zu den Verdiensten von Managern ist das "all-in", d.h. alle Fahrtkosten (viele Pendeln zwei-dreimal die Woche mit der Bahn über 200+km zur Familie) selbst bezahlen, Sozialabgaben, kein bezahlter Urlaub, keine Bezahlung bei Krankheit, Rente selbst bezahlt, kein Arbeitslosengeld sondern vom Ersparten leben. Den Stress, wenn wieder irgendeine auf dem Golfplatz vom Top-Management gekaufte Komponente Probleme macht gar nicht eingerechnet. Zudem wird regelmäßig die Outsourcing-Keule geschwungen ("Die Inder verdienen nur 400 Euro im Monat!" / "If you pay with peanuts...").

Ein Handwerker für Gas/Wasser/Sch**** nimmt über 80 Euro die Stunde (plus Fahrzeit, selbst wenn er doof ist und was im Betrieb vergessen hat - super!) und die Krankenschwester ist für den Patienten nach Sozialabgaben, Krankenhauskosten und Profit des Betreibers auch nicht wesentlich billiger.

Den "Mangel" gibt es nicht, nur schlechte Arbeitsbedingungen (vom "Fenster auf/Fenster zu", über "mehr Leute ja, Speicher nein" bis zu "keine Klimaanlage im Hochsommer...") und viel zu viele IT-Spezialisten, die sich über's Ohr hauen lassen. Öfter mal wechseln sag ich nur - das bringt als einzige Option mehr Gehalt/Honorar.

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77b1hts 05.03.2013, 10:35
2. es gibt in der IT Branche keinen Mangel

Es gab auch nie einen. Das Problem ist das die Wünsche der Firmen für einen passenden Kandidaten ein klein wenig zu hoch sind. Berufsbedingt seh ich viele der Stellenanzeigen der IT Firmen und die Anforderungsprofile sind komplett überzogen. 6-7 Programmier Sprachen, studiert, 25, Bereitschaft ohne Murren mehr als 40 Stunden zu arbeiten, Kenntnisse in allen Betriebssystemen, Datenbanken (auch DB's die meist nur sehr selten sind bzw die man eh so nicht lernen kann da diese astronomisch teuer sind), Computersysteme die der Otto Normal Studierende vom Hörensagen ggf kennt usw usw usw .. Das wäre das gleiche als wenn man nach einem Lehrer für eine Schule sucht der alle Fächer lehren und alles aus dem Eff Eff auswendig kann und das dann bitte nur für einen Hungerlohn.

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großwolke 05.03.2013, 10:43
3. optional

Meine Einzelerfahrung ist sicher nicht repräsentativ, allerdings sehe ich zumindest, dass bei uns in der Bude die IT-ler (ähnlich übrigens wie die Elektro-Fachleute, falls noch irgendwer nach guten Vorschlägen für eine Karriere ohne Notwendigkeit zu studieren sucht), verglichen mit den Abteilungen, die das Geld reinholen, ein deutlich entspannteres Leben haben. Weniger Überstunden, deutlich geregeltere Arbeitsabläufe, keine Schwierigkeiten, den Jahresurlaub zu planen. Klar, wenn man nur auf die Zahlen schaut, stehen die nicht besser da als der Rest, allerdings bekommen sie viel mehr Streicheleinheiten, damit sie sich nicht anderweitig umsehen. Gute Leute können sicher ausbildungsunabhängig jederzeit woanders hingehen, wenns ihnen nicht gefällt, aber ich sehe schon auch, dass es in einigen Bereichen mehr Fluktuation gibt. Ist vielleicht im IT-Bereich noch kein richtiger Arbeitnehmermarkt, aber zumindest schonmal eine komfortablere Situation als bei anderen Qualifikationen.

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mm2112 05.03.2013, 10:54
4. Geiz ist Geil!

....gilt leider auch bei den IT-Firmen - und deren Kunden. Es wird nur auf den Preis geschaut, nicht auf die Qualität. Das das auf Dauer nicht gut gehen kann ist klar.
Wenn also jemand einen 'Senior Project Manager' sucht, der auf Board-Level (Vorstandsebene) operieren kann, und dafür ein Salär auslobt, für das man keinen brauchbaren Programmierer bekommt, stimmt etwas nicht.
Möglicherweise liegt das Problem aber auch bei den sogenannten 'Personalvermittlern', ohne die ein Freiberufler praktisch nicht mehr an Unternehmen herankommt (Stichwort: Lieferantenkonsolidierung). Bar jeden Wisens was sie da tun oder vermitteln, sitzen sie auf der Leitung und halten die Hand auf. Und vermitteln im Zweifel eher jemanden, bei dem die Marge höher ist, als jemanden, der besser auf die gefragte Position oder das Unternehmen passt.
Evtl sollten die Firmen mal anfangen, über ihre Personalpolitik nachzudenken.

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phaeno 05.03.2013, 11:30
5. Es ist kaum zu glauben...

... aber eine Gehaltserhöhung von knappen 2 % ist in nichtärztlichen Gesundheitsberufen wie der Krankenpflege ganz normal. Auch der Personalmangel ist dort eklatant gewachsen. So wirklich bemitleiden kann man die IT-Leute also nicht. Aber vielleicht sollte man sie wirklich besser bezahlen, dann lässt sich, wenn sie selbst mal im Pflegebett liegen, der Ausfall an Stunden wenigsten bis auf die zweite Nachkommastelle berechnen.

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UHamm 05.03.2013, 11:30
6. Es gibt keinen Mangel

Was es gibt, ist ein Fachkräftemangel mit Niedriglohn. Wer gut bezahlt, hat die freie Auswahl.

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yogibimbi 05.03.2013, 11:31
7.

Zitat von 77b1hts
Das Problem ist das die Wünsche der Firmen für einen passenden Kandidaten ein klein wenig zu hoch sind. Berufsbedingt seh ich viele der Stellenanzeigen der IT Firmen und die Anforderungsprofile sind komplett überzogen.
Sie haben noch die mindestens 7 Jahre Auslandsaufenthalt, fliessende Englischkenntnisse (die aber nicht besser sein dürfen, als die des Chefs, d.h. man sollte so sprechen, dass der Interviewer einen noch versteht, was meist dann ein Vokabular knapp oberhalb dessen eines gemeinen Pornofilms zur Folge hat) natürlich auch fliessend Deutsch und am besten zwei andere Fremdsprachen.
Und, was das Anforderungsprofil angeht, hat man alles out-of-the-Box zu beherrschen - wo kämen wir denn da hin, wenn man noch Sachen on-the-job erlernen würde. Da kommt dann so ein Schwachsinn zustande wie, dass im Web-Bereich immer Ajax-Kenntnisse gefordert werden, separat von JavaScript-Kenntnissen, wobei Ajax eigentlich nur _ein_einziger_ Befehl in JavaScript ist (XMLHttpRequest - der Vollständigkeit halber), das ist dann in etwa so wie Basic-Kenntnisse zu fordern und dann separat noch einmal den "print" - Befehl aufzuführen.

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and_one 05.03.2013, 11:46
8. Da sollte man sich mal öffentliche Arbeitgeber und die Arbeitsagentur anschauen

Öffentliche Arbeitgeber bieten qualifizierten ITlern (z.B. erfahrenen SAP-Beratern) Gehaltsstufen 10 & 11 nach TVÖD an. In der Weiterbildungsbranche verdienen Dozenten als Freiberufler meist nicht einmal 20 EUR/Stunde (das ist nicht vergleichbar mit einem Gehaltsbrutto), weil die Arbeitsagentur nicht bereit ist angemessene Preise zu bezahlen.

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n+1 05.03.2013, 11:54
9. In Deutschland

Zitat von UHamm
Was es gibt, ist ein Fachkräftemangel mit Niedriglohn. Wer gut bezahlt, hat die freie Auswahl.
gibt es derzeit den größten Fachkräfteüberschuß der Wirtschaftsgeschichte - und das wird in den nächsten 10 Jahren so weitergehen, auch ohne Einwanderung von angeblich "Hochqualifizierten".
Das Problem ist ein anderes:
Da sollen für Ingenieure mit Berufserfahrung 2000 Euro und mehr gezahlt werden. Im Monat!

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