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Ingenieur-Studiengänge: Hochschulen verpassen den digitalen Anschluss
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Nur jeder zehnte Ingenieurstudent fühlt sich gut vorbereitet auf die digitale Arbeitswelt. Auch Berufseinsteiger beklagen zu wenig digitale Inhalte im Studium - doch die Hochschulen warnen vor Aktionismus.

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kunibertus 12.04.2019, 10:38
1. Schon zu meiner Studienzeit an einer TU

hat es das gegeben. Die Hälfte von dem, was uns in den Lehrveranstaltungen, Seminaren und Praktika vermittelt worden ist, haben wir im Beruf nicht gebraucht und die Hälfte von dem, was wir gebraucht hätten, haben wir nicht gelernt. Aber im Studium haben wir neben reinem Faktenwissen vor allem auch gelernt, wie wir uns fehlendes Wissen aneignen können, damit wir unsere Arbeitsaufgaben erfüllen können. Wir haben den Begriff "lebenslanges Lernen" zwar nicht gekannt, wir haben es einfach gemacht. Diese Einstellung - sich selbst Wissen anzueignen - vermisse ich bei den heutigen Studierenden. Die wollen alles möglichst häppchengerecht vorgekaut bekommen - wie sie es von der Schule gewöhnt sind. Dass Studium sich vom lateinischen studere ableitet - sich bemühen, streben nach - ist den heutigen Abiturienten völlig fremd. Sie haben mit dem Abitur offiziell die Genehmigung zum Studien erhalten, ob sie aber auch die Hochschulreife und Studienbefähigung erworben haben, muss ich leider stark anzweifeln. Ein Kollege beklagt z. B. die ständig sinkenden Kenntnisse in Mathematik. Er lässt jedes Jahr eine Eingangsklausur schreiben, um den Wissensstand der Neuimmatrikulierten zu erfahren. Dabei kann er allerdings nicht mehr auf Aufgaben von vor zehn Jahren zurückgreifen. Die kann kaum noch jemand lösen.

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nici_d 12.04.2019, 10:42
2. Projekte, Projekte, Projekte

Projekte im frühen Stadium des Studiums werden völlig überbewertet. Für den Zeitaufwand kommt zu wenig dabei heraus, bzw. herüber. Das Fachwissen bleibt an der Oberfläche, statt in die Tiefe zu gehen. Und dann noch dieses Präsentations- und Verkaufsgehabe. Das flache erarbeitete Ergebnis muss dann so aufgeplustert werden, dass eine dolle Präsentation dabei herauskommt. Der überwiegende Teil der Projektzeit geht drauf für Planung, Kommunikation und Präsentation, das muss nicht unbedingt schon in der sowieso so knappen Studienzeit sein, das kommt später noch zur Genüge, da ist dann aber keine Zeit mehr für fachliche Tiefe. Passend meinte mal ein Kollege im Großkonzern: "Als ich hier angefangen habe, war ich Diplomingenieur, dann wurde ich zum Folieningenieur und nun bin ich Besprechnungsingenieur." Wenn die Leute im Studium mal richtig Wissen anhäufen würden, dann müssten sie sich nicht für dummes Zeugs freitags vor den Karren spannen lassen.

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m82arcel 12.04.2019, 11:03
3.

"Die Hochschulen konzentrierten sich in den Studiengängen zu sehr auf die Vermittlung von Fachwissen." Genau das ist meiner Meinung nach aber die Aufgabe von Universitäten. Meiner Meinung nach sollten sich Politik, Wirtschaft und auch Studierende mal wieder klar machen, dass ein Studium keine staatliche finanzierte Berufsausbildung ist. Ein Studium der Informatik ist beispielsweise keine Ausbildung zum Programmierer. Dies gibt es nunmal als Ausbildungsberuf. Mehr Praxisorientierung würde zwangsläufig zu weniger theoretischen Grundlagen führen. Außer, man verlängert die Regelstudienzeiten.

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erzengel1987 12.04.2019, 11:15
4. Nein

Ein Studium ist dazu da um zu lernen wie man sich selbst möglichst effektiv wissen aneignet. Mehr soll ein Studium erstmal nicht tun.

Natürlich ist es sinnvoll etwas zu studieren, was einem im späteren Berufsleben nutzt. Ein Ingenieur kann bereits auf fertig geplante Studienangebote zugreifen und diese besuchen. Da lernt der Student allerdings lediglich die Grundlagen. Mehr ist doch gar nicht erforderlich nur auf den Grundlagen baut alles andere auf. Digitalisierung bringt erstmal nicht viel. Programmieren muss man ebenfalls erstmal lernen. Das heißt auch hier Grundlagen lernen und verstehen.

Die Praxis kommt anschließend in den Abschlussarbeiten. In der Bachelor Thesis kann man einiges an Praxis erlernen. Sehr viele gehen auch parallel zum Studium arbeiten. Effektiv natürlich in bereichen, die ihrem späteren Berufsfeld entsprechen. Auch hier lernen Studenten genügend Praxis.

Also ein Studium muss nicht Praxisorientiert sein. Die deutschen Universitäten sind Weltweit gesehen die besten die es gibt. Wir haben nur kein Elitäres denken. Aber ich glaube ein Student aus einer Wald und Wiesen Uni aus Deutschland kann sich ohne Probleme mit dem durchgeschleusten Reichen Harvard Studenten messen.
Nur das der reiche Schönling später eine Hohe Position geschenkt bekommt an der dieser nicht mehr groß arbeiten muss. Ob das effektiv ist wer weiß^^.

Also wer im übrigen mehr Praxis möchte, kann an eine Hochschule gehen. Der Abschluss einer Hochschule ist dank dem Mastersystem absolut gleichwertig mit dem Abschluss einer Universität. Es gibt faktisch keinen unterschied mehr.
Außer dass ein Absolvent einer Hochschule direkt in der Industrie arbeiten kann während der Akademiker noch etwas angelernt werden muss.
Vorteil vom Akademiker ist, dass dieser es wesentlich einfacher in der Forschung hat. Es muss also kein Nachteil sein, wenn man kaum Praxiserfahrung hat. Es ist für die Forschung sogar gut, wenn es Akademiker gibt, die sich sehr gut in der Theorie auskennen. Da helfen einem Computer auch nichts. Das wissen muss in den Kopf.

Denn dank Wikipedia haben wir tendenziell alle jederzeit Zugriff auf ein gigantisches Wissen. So gebt jetzt einem Kind ein Mobiltelephon mit Internetzugang und Wikipedia. Lasst das Kind mal das Abi schreiben. Gebt ihm eine Woche Zeit ich bezweifel das das Kind die Abiaufgaben mit Wikipedia lösen kann, obwohl alle Information enthalten ist, die es zur Lösung der Probleme braucht.

Die Digitalisierung wird absolut überbewertet. Das ist meine persönliche Meinung.

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Danno 12.04.2019, 12:46
5. Eigenständig lernen!

Ich muss dem Foristen Nr. 1 zustimmen. Ein wissenschaftliches Studium sollte einem die Befähigung bringen, sich solches Wissen auch in Eigeninitiative anzueignen. Auch mein Ing.-Studium an der TU Ende der 90er war extrem theorielastig. Nebenher habe ich aber bereits in Ing.-Büros gejobbt und damit Zugang zur Software und zur digitalen Projektbearbeitung erhalten. Ich war einer der Wenigen, wenn nicht der Einzige, der seine Belegarbeiten und Entwürfe einschl. der technischen Zeichnungen bereits damals komplett am PC verfasst hat, während alle anderen noch mit Hand kritzelten. Was man in der Ausbildung nicht vermittelt bekommt, muss man sich eben selber aneignen, wenn die Notwendigkeit bereits absehbar ist. Alles Weitergehende lernt man dann spätestens nach dem Berufseinstieg. Die Fähigkeiten dazu sollte man im Zuge des Studiums erwerben, darüber hinaus ist natürlich Einsatz gefragt. Wer echtes Interesse an seinem Studienfach hegt, der wird sich ganz von allein damit befassen. Mit einer solchen soliden Grundlage hat man dann auch keine Angst vor den Herausforderungen der Zukunft in jeder Hinsicht. Aber da man heute mit dem Studium oft nur etwas darstellen möchte, bleiben die Inhalte eben auf der Strecke.

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T. Wittlinger 12.04.2019, 13:03
6. VDI - Mythologie!

Wenn Forscher durch den Signifikanstest fallen!
Wer sich die "explorative Analyse" sowie die beiden "Befragungs-Studien" detailliert anschaut, wird nicht umhinkommen festzustellen, dass Stochastik ein weites Feld ist und für den VDI ein zu weites.
Wer mit solchen "n - Größen" unterwegs ist, interpretiert nur Grundrauschen (data-noise) und niemals Signifikanz!
Vielleicht schauen sich die Autorin und der Herr Direktor einmal in der wissenschaftlichen(!) Literatur um, zu den „digitalen Mythen“ z.B.
>Mythen der Digitalisierung mit Blick auf Studium und Lernen< (Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach 2017)
https://ub-deposit.fernuni-hagen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/mir_derivate_00001263/DTiD_Schulmeister_Loviscach_Mythen_Digitalisierung _Studium_2017.pdf

P.S. Unfassbar [...] "Wir müssen weg von der Wissensvermittlung hin zu einer Kompetenzvermittlung." (Ralph Appel) - wer möchte sich von einem "Kompetenz" orientiert ausgebildetem Chirurgen operiert lassen oder wer möchte von einem "Kompetenz" vermittelten Piloten in den Urlaub geflogen werden?

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satin 12.04.2019, 14:50
7.

Zitat von kunibertus
hat es das gegeben. Die Hälfte von dem, was uns in den Lehrveranstaltungen, Seminaren und Praktika vermittelt worden ist, haben wir im Beruf nicht gebraucht und die Hälfte von dem, was wir gebraucht hätten, haben wir nicht gelernt. Aber im Studium haben wir neben reinem Faktenwissen vor allem auch gelernt, wie wir uns fehlendes Wissen aneignen können, damit wir unsere Arbeitsaufgaben erfüllen können. Wir haben den Begriff "lebenslanges Lernen" zwar nicht gekannt, wir haben es einfach gemacht. Diese Einstellung - sich selbst Wissen anzueignen - vermisse ich bei den heutigen Studierenden. Die wollen alles möglichst häppchengerecht vorgekaut bekommen - wie sie es von der Schule gewöhnt sind. Dass Studium sich vom lateinischen studere ableitet - sich bemühen, streben nach - ist den heutigen Abiturienten völlig fremd. Sie haben mit dem Abitur offiziell die Genehmigung zum Studien erhalten, ob sie aber auch die Hochschulreife und Studienbefähigung erworben haben, muss ich leider stark anzweifeln. Ein Kollege beklagt z. B. die ständig sinkenden Kenntnisse in Mathematik. Er lässt jedes Jahr eine Eingangsklausur schreiben, um den Wissensstand der Neuimmatrikulierten zu erfahren. Dabei kann er allerdings nicht mehr auf Aufgaben von vor zehn Jahren zurückgreifen. Die kann kaum noch jemand lösen.
dem kann ich nur beipflichten! Bei uns war die "wissenschaftliche Grundlage" erarbeitet worden (Mathe/Informatik) und das sollte einen schon bemächtigen, sich als Autodidakt in neue Themenbereiche einzuarbeiten. Die Innovationszyklen werden nun einmal (logischerweise) immer kürzer und niemand kann lediglich mit seinem erworbenen UNI-Wissen ein gesamtes Arbeitsleben bestehen

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ostseekuestenbewohner 12.04.2019, 14:55
8. Es ist die Aufgabe der Universitäten, Fachwissen zu vermitteln!

Für das Arbeiten in Projekten können die Unis durchaus fakultative Kurse anbieten. Letztendlich gilt hier, learning by doing. Fachwissen lernt man nicht learning by doing, deshalb lernt man das an der Uni. Fachwissen ist die Grundlage für Ingenieurarbeit. Und ohne Grundlage arbeiten geht schlecht (oder man versucht sich als von jeglichem Fachwissen befreiter Projektleiter).
Ähnliches hatte ich einmal zum Thema Schule, eine Lehrerin erzählte mir, daß es heutzutage ja nicht mehr auf Fachwissen, sondern auf Soft-Skills ankommt. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Universitäten und Ausbildungsbetriebe über ein zu geringes Vorbildungsniveau klagen.

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gumbofroehn 12.04.2019, 15:00
9. Ach, der VDI ist immer groß im Fordern ...

... aber wohlgemerkt sind dies die gleichen Leute, die sich zu anderer Gelegenheit lauthals darüber beschweren, dass die Mathematik-Fähigkeiten der Absolventen immer weiter abnehmen. Bei einem Bachelor-Studium, was nun einmal nur 6 bis 7 Semester Regelstudienzeit umfasst, kann man nicht immer weiter zusätzliche Kompetenzanforderungen reinstecken (jetzt auch bspw. solche zur digitalen Transformation, zumal vielfach auch überhaupt nicht klar bzw. im Fluss ist, was konkret benötigt wird) ohne dass die Basics leiden. Im Übrigen sollte niemand die Erwartung hegen, dass ein Studium eine passgenaue Berufsausbildung darstellt. Vielmehr ist es das Ziel eine vernünftige Gesamtschau auf die Grundlagen und den aktuellen Stand des jeweiligen Studienfachs, verbunden mit der Fähigkeit, sich fehlendes Spezialistenwissen selber erarbeiten zu können.

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