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Jobs: "Vitamin B" ist bei jeder dritten Stelle ausschlaggebend
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Stellenbörse, Headhunter, Zeitungsannonce - wie finden Firmen neue Mitarbeiter? Am besten läuft es über persönliche Kontakte, die Erfolgsquote der Arbeitsagenturen ist mickrig.

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Thomas Schnitzer 22.08.2017, 15:58
60.

Zitat von Little_Nemo
[...] Wer in der Unterschicht geboren wird hat es ohnehin schwer nach oben zu kommen. [...]
Das wird sich sich auch nicht grundsätzlich ändern, wenn man die Nutzung von Beziehungen ab sofort einschränken würde, denn auf der mittleren Ebene ist kein Platz für alle. Dazu gibt es ein schönes Zitat aus einer älteren Nummer von Volker Pisper: "Golfplätze für alle funktioniert, aber ein paar von uns müssen eben die Schläger tragen und die Bälle holen."

Insofern wird es immer so sein, dass einige es leichter haben als andere. Dennoch war es noch nie in der Geschichte der Menschheit so einfach, sozial aufzusteigen als heute.

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steffen.ganzmann 22.08.2017, 16:13
61.

Zitat von Chaosfee
[...] Ein Bekannter von mir wollte nie Praktikanten einstellen, obwohl es ausreichend Anfragen gab. Dann nahm er doch einen, weil er der Sohn von einem Freund war [...]
1) Der Sohn des Bekannten nahm niemandem seinen Praktikumsplatz weg, Sie schrieben ja selber, Ihr Chef nahm grundsätzlich - bis auf diese eine einzige Ausnahme - keine Praktikumsplätze!

2) Das Ganze erinnert mich daran, dass ich meinen ersten Chefarzt Prof. K. quasi erpressen musste, um meine heissbegehrte AiP-Stelle in Allgemeinchirurgie zu bekommen, weil er das ausbeuterische AiP-System nicht mittragen wollte (seltsam, Zivildienstärzte, die noch weniger verdienten, nahm er problemlos). Ich wusste, dass der damalige Zivi.-Arzt in einem Monat fertig sein würde, also appellierte ich an sein Gewissen, schliesslich machte ich bei ihm mein Pflegedienstpraktikum, arbeite für ihn als Nacht- und Sitzwache, zudem machte ich meine Chirurgiefamulatur bei ihm und zwei andere in seinem Haus (ja, Forist Little_Nemo, Beitrag 56, eine Beziehung gemacht während des Studiums). Schlussendlich gab er mich zwar murrend, aber zumindest mit gutem Gewissen die Stelle des Zivi.-Arztes, sogar mit übertariflicher Bezahlung (immerhin DM 500 pro Monat mehr), um seine prinzipielle Verachtung des ausbeuterischen AiP-Systems weiterhin kundzutun ...

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LeBigMacke 22.08.2017, 16:19
62. Vitamin B hat immer ein Geschmäckle

Zitat von allesbanane1
"Vitamin B" klingt so, als ob man an bestimmte Stellen nur über Vitamin B kommt. Hat einen so negativen Beigeschmack, als hätte man geschmiert um die Stelle zu erhalten. "Persönliche Kontakte" klingt bereits besser, und umfaßt auch einen großen Bereich (aus meiner Erfahrung) bei dem der Arbeitgeber aktiv seine Kontakte durchsucht, und auf mögliche Bewerber zugeht. Dabei werden oft auch die Mitarbeiter befragt, ob die noch jemand passenden kennen. Fällt letztlich alles unter "persönliche Kontakte", ist jedoch weit davon entfernt als Unfähiger an Stellen zu kommen, für die andere Bewerber viel geeigneter wären. Letztlich eine effekthaschende Überschrift ...
Es klingt nicht nur negativ, es ist auch negativ. Immer dann, wenn Sie mehrere Bewerber zur Auswahl haben, von diesen aber den Großteil ignorieren oder deren Eignung nicht gründlich prüfen, weil eben auch ein Vitamin-B-Kandidat zur Verfügung steht, dann schneiden Sie sich ins eigene Fleisch. Dieses Verhalten provoziert geradezu, 'nicht' den besten Bewerber einzustellen.

Als ich noch Arbeitnehmer war, habe ich trauriger Weise so einige Vitamin-B-Kandidaten erlebt, die der erforderlichen Qualifikation ihrer Position einfach nicht gerecht wurden. Sie müssen sehen, dass bei dieser Art Stellengesuch natürlich ein Druck durch die soziale Komponente aufgebaut wird. Wie wird der Arbeitnehmer reagieren, wenn ich seinem Verwandten/Bekannten nicht die Stelle gebe, sondern jemand anderen bevorzuge? Wer da nicht drüber steht (was keineswegs einfach ist), wird zwangsweise auch hin und wieder die schlechtere Option wählen, denn Vitamin-B-Bewerber sind ebenso zwangsweise nicht immer (oder gar selten?) die beste Wahl.

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Little_Nemo 22.08.2017, 16:32
63. Linke haben wenigstens Herzen

Zitat von derBob
Nun diese allzu konstruierte Geschichte taugt vielleicht dazu, am Lagerfeuer der "Falken" erzählt zu werden. Um Ihr Beispiel mal auf die Füße zu stellen: Wenn der Sproß des Billglöhners für die gleiche Stelle qualifiziert ist, muss er die gleiche Ausbildung wie derjenige genossen haben,.....
Den Ausbildungsweg kann man aber nur entsprechend seiner schulischen Qualifikationen und finanziellen Möglichkeiten wählen. Und die Beziehungen nur anhand seines sozialen und beruflichen Umfelds. Kinder von Billiglöhnern haben es an den Schulen ungleich schwerer, weil z.B. für Nachhilfe, Bücher usw. und Bildungsangebote oder gar Urlaubs- und Bildungsreisen schlicht das Geld fehlt und auch die Wohnsituation das Lernen oft nicht eben begünstigt. Ich selbst bin als Sohn einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder aufgewachsen und weiß insofern wovon ich rede. Mein Vater hat nie Unterhalt gezahlt. Dementsprechend war nie Geld da. Wir hatten eine sehr kleine Wohnung und ich musste mir mein 9 Quadratmeter großes Kinderzimmer mit meiner Schwester teilen, bis ins Teenager-Alter hinein. Zum Glück haben wir nicht in einem sozialen Brennpunkt gewohnt, so dass ich tatsächlich auch Kinder wohlhabender Eltern unter meinen Freunden hatte. Beruflich relevante Netzwerke konnten so allerdings nicht entstehen. Und das soziale Gefälle war immer zu spüren, auch im Umgang. Ich habe zwar studiert, aber um so weit zu kommen haben sowohl meine Schwester, als auch ich natürlich eine ganze Zeit länger gebraucht als viele aus dem Umfeld, die Nachhilfestunden und ganz andere Möglichkeiten hatten als wir. Während meines Studiums musste ich im Gegensatz zu vielen meiner Kommilitonen ziemlich viel arbeiten um über die Runden zu kommen. Die meiste Zeit nachts bei einem Logistik-Unternehmen. Das hat das Studium auch nicht gerade vorangetrieben.

Ich denke, damit ging es mir noch besser als vielen anderen, die ich in meinem Leben so kennengelernt habe. Von Chancengleichheit würde ich aber anhand meiner Erfahrungen nicht sprechen. Passt das noch irgendwie in Ihre allzu reduzierte Weltsicht?

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Little_Nemo 22.08.2017, 16:47
64. Auf dem Golfplatz der Menschheitsgeschichte

Zitat von Thomas Schnitzer
Das wird sich sich auch nicht grundsätzlich ändern, wenn man die Nutzung von Beziehungen ab sofort einschränken würde, denn auf der mittleren Ebene ist kein Platz für alle. Dazu gibt es ein schönes Zitat aus einer älteren Nummer von Volker Pisper: "Golfplätze für alle funktioniert, aber ein paar von uns müssen eben die Schläger tragen und die Bälle holen." Insofern wird es immer so sein, dass einige es leichter haben als andere. Dennoch war es noch nie in der Geschichte der Menschheit so einfach, sozial aufzusteigen als heute.
Da wird Herr Pispers sicher nicht erfreut sein, dass Sie ihn so fehlinterpretieren. Sicher können nicht alle das gleiche machen. Darum geht es aber auch nicht. Es geht darum, dass in einer modernen, aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft alle das gleiche Recht darauf haben irgend was werden und tun zu können. Chancengleichheit nennt man das. Laut Artikel 3 des Grundgesetzes sind vor dem Gesetz alle Menschen gleich. Das sind die Grundwerte unserer Gesellschaftsordnung. Und dazu passt es nicht, dass sich einige selbstgefällig in ihrer gesellschaftlichen Top-Lage einigeln und gegen missliebige Konkurrenz aus den unteren Schichten verbarrikadieren. Das nämlich ist mittelalterlicher Feudalismus und obendrein, seien wir ehrlich, charakterlos.

Es mag sein, dass es noch nie so leicht war aufzusteigen. Das wäre ein begrüßenswerter Fortschritt. Er scheint mir aber noch lange nicht vollendet zu sein. Und es hat dem Fortschritt noch nie genützt wenn man sagte "Naja, immerhin ist es schon besser als gestern" und sich dann darauf ausruhte.

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theroadtoutopia 22.08.2017, 17:01
65. Firmen sind offenbar nicht zukunftsorientiert

In meinem Umfeld erlebte ich ein paar Mal, dass privat empfohlene neue Mitarbeiter sich als - sagen wir mal - nicht sonderlich fähig und willens erwiesen haben. Notwendige Trennungen führten dann auch zu Zerwürfnissen mit dem Bekannten- und Freundeskreis der Inhaber, oder aber sie schreckten sogar aufgrund von Verflechtungen mit dem Umfeld vor einer Kündigung zurück.

Es ist offensichtlich nicht immer eine gute Idee den scheinbar bequemsten Weg zu gehen. Ausserdem, und diverse mir bekannte Fälle haben das gezeigt, entgeht einem oft eine bis dato unbekannte Person, die sich dann als ausgesprochen fähig und engagiert herausstellt, selbst wenn sie mangels vollständig passender Qualifikation parallel zur Einarbeitung etwas Schulungsbedarf hatte.

Wenn eine durch Inhaber geführte Firma an einer erfolgreichen Zukunft interessiert ist, dann sollte sie auch Aufwand in die Personalsuche stecken, selbst wenn dass viel Zeit in Anspruch nimmt und auch gelegentliche Rückschläge bedeutet.

Abgesehen von Berufen, die ein Hochschulstudium erfordern, hilft es auch sich auf die Ausbildung zukünftiger Mitarbeiter zu konzentrieren. Auch das kostet Zeit, Geld und Zusatzaufwand, aber wenn eine Firma nicht dauerhaft vor der Hand in den Mund leben will, dann ist eben eine mittel- und längerfristige Planung erforderlich, die auch umgesetzt und gegebenenfalls angepasst werden muss.

Durch Inhaber geführten Firmen, die mir als möglichem zukünftigen Mitarbeiter keine Strategie für zukünftige Weiterentwicklung des Betriebes nennen können, waren für mich immer uninteressant. Glücklicherweise gab es diese Fälle nicht so oft, so dass ich nie auf diese Unternehmungen angewiesen war.

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helgeharder 22.08.2017, 17:18
66.

Zitat von Aquifex
Hmm, Sie sind also der Meinung, der Arbeitgeber soll seine Forderungen hinterfragen, seine Arroganz ablegen und dem Bewerber etwas bieten, während Forderungen und Arroganz der Bewerber in Ordnung sind und er sich weiter Arbeitsbedingungen verweigern soll? Das ist aber schon arg einseitig....
Arroganz, egal von welcher Seite, ist nie in Ordnung. Nur sind es doch die Arbeitgeber, die jammern und meinen, keine Arbeitnehmer zu bekommen!

Dann sollte man als Unternehmer doch in der Lage sein, Ursachenforschung zu betreiben, wieso das so ist. Wenn ich meine Waren am MARKT nicht losbekomme, schaue ich doch auch nach, woran es liegt!

Und auch wenn der ArbeitsMARKT so seine Besonderheiten hat, ist es eben doch einer. Dann müssen sich die Unternehmen, die in den vergangenen Jahrzehnten massiv verwöhnt wurden, eben auch mal bewegen. Das findet aber, wie man an den geringen Gehaltssteigerungen sehen kann, aber nicht statt.

Ich als Informatiker (in ungekündigter Stellung) bekomme immer wieder Anfragen von Headhuntern. Klappt nur nie, weil man nicht mal das bezahlen will, was ich derzeit angelehnt an den TV-L bekomme. Und natürlich weniger Urlaub, mehr Wochenstunden und mit dem Gehalt abgegoltene Überstunden. Kein Wunder, daß diese Firmen nur die finden, die keine Wahl haben. Da müssen sich die Firmen aber mal an die eigene Nase fassen! Mit Fachkräftemangel hat das nix zu tun!

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cave68 22.08.2017, 17:28
67.

Zitat von Paul G.
Auch ich frage im Freundes und Bekanntenkreis ob diese jemanden kennen, der einen Job SUCHT. Es ist sehr schwer geworden, geeignetes Personal zu finden. Heute haben wir uns von unserem neuen Azubi getrennt. Ausbildungsbeginn war der 01.08.2017. Von 15 Arbeitstagen 9 x zu spät. 1 x krank, dafür heute zum 3 x die Pause überzogen. Und wir waren echt glücklich. Von 28 Bewerbern machte er den besten Eindruck. Das Arbeitsverhältnis endet zum Monatsende und er war richtig enttäuscht als wir ihm sagten: nein, du kannst den Firmenwagen bis dahin nicht weiter nutzen. Wir haben heute schon Kontakt mit einer Empfehlung aufgenommen. Nicht das beste Zeugnis. Wenig Selbstbewusstsein. Aber laut Empfehlungsgeber ein ehrlicher Junge der eine Chance verdient hat und dessen größter Wunsch eine kaufmännische Ausbildung ist.
ich habe selbige Erfahrung selbst schon gemacht und auch schon oft genug selbiges gehört.
Diese Vitamin-B-Diskussion und die Kritik bezieht sich meines Erachtens sowieso nicht auf die typischen Ausbildungsberufe (kaufmännischer Bereich,Handwerk) die leider Gottes immer weniger Menschen ausüben und erlernen wollen sondern wohl eher auf die typischen "In-Berufe",bei denen die Zahl der Bewerber bei weitem die Zahl der Stellen übersteigt...ich glaube ich brauche ihnen nicht zu sagen,dass dies bei uns leider nicht der Fall ist und auch in Zukunft sich ändern wird....

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xcountzerox 22.08.2017, 17:58
68. Arbeitsagentur?

Welch Wunder. Die Arbeitsagenturen und jobcenter sind auch nur dafür da, die Bedürftigen unter Druck zu setzen und am liebsten sofort zu befreundeten Zeitarbeitsabzockern geschickt zu werden. Die ganze Leihn- und Zeitarbeitsbranche sollte dringend abgeschafft werden oder die Löhne dort den Verhältnissen angepasst werden. Wenn ein Unternehmen die angeblichen "Auftragsspitzen" abarbeiten will, dann soll so ein Zeitarbeiter NETTO 50% mehr im vergleich zum normalen Mitarbeiter verdienen.

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Loosa 22.08.2017, 18:42
69.

Zitat von xcountzerox
Die ganze Leihn- und Zeitarbeitsbranche sollte dringend abgeschafft werden oder die Löhne dort den Verhältnissen angepasst werden. Wenn ein Unternehmen die angeblichen "Auftragsspitzen" abarbeiten will, dann soll so ein Zeitarbeiter NETTO 50% mehr im vergleich zum normalen Mitarbeiter verdienen.
Das kommt sehr stark auf den Beruf an. Fachpersonal verdient als Zeitarbeiter richtig gut, und das oft sogar noch mit besseren Bedingungen.

Im Handwerk oder ähnlichem sieht das natürlich weniger prickelnd aus.

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