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Machtmissbrauch an Hochschulen: Junge Professoren fordern Abschaffung der Lehrstühle
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Viele Wissenschaftler in Deutschland leiden unter veralteten Strukturen an deutschen Hochschulen und Forschungsinstituten. Die Jüngeren wollen die Missstände nicht länger hinnehmen.

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strixaluco 20.04.2018, 09:29
1. System aus dem 19. Jahrhundert

Das derzeitige Hochschulsystem stammt zu großen Teilen noch aus dem 19. Jahrhundert und ist der heutigen Gesellschaft mit einer relativ breiten Schicht höher Gebildeter schon lange nicht mehr angemessen. Gepaart mit dem Reformversuch Befristung, welcher der Willkür jegliche Grenzen genommen hat, ist es eine menschliche Katastrophe. Forschungsfreiheit existiert nur noch, wo sich Großzügige finden, die es mit ihrem Thema ernst meinen. In der Regel bedeutet das große persönliche Nachteile. Vieles wird mehr für die Karriere als für die Wahrheit getan, und bei weniger redlichen Charakteren eher alles.
Ich weiss nicht, ob man Professuren abschaffen muss, ältere, erfahrene Vertrauenspersonen - das sollten sie sein! - braucht es durchaus. Aber das Machtgefälle, das mit den heutigen, teils auch korrupten Strukturen verbunden ist, muss dringend beseitigt werden, für die Menschen, die dieser Arbeit ihr Leben widmen, und vor allem auch dafür, dass der Inhalt wieder an erster Stelle zählt.
Wie wäre es mit einem Grundgehalt, unbefristet, das viel mehr Wissenschaftler bekommen könnten, plus Zulagen für weitere Lehrstunden und Forschungsprojekte?

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Wassup 20.04.2018, 09:30
2. Messtechnik-Prof: 15 Jahre veralteter Lehrstoff

Die Vorlesung "Messtechnik" an der TU-München werde ich nie vergessen:

Der Professor promotete als erstes sein Buch, indem alle möglichen analogen Messverfahren beschrieben waren. Über digitale Meßverfahren gabs einen Kapitel "Ausblick in die Zukunft - digitale Meßverfahren".
Nebenher jobbte ich in einem Ingenieurbüro, die lachten über das angestaubte Lehrmaterial.

Dort nutzte man fast ausschließlich seit über 10 Jahren ausschließlich digitale Meßgeräte.
So bin ich auf den Arbeitsmarkt vorbereitet worden!

Als Ausrede kam: die analogen Verfahren sind die Grundlage, nur die Grundlage wird an einer wissenschaftlichen Hochschule gelehrt.

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gumbofroehn 20.04.2018, 09:31
3. Einige berechtigte Kritik ...

... mischt sich hier mit sehr viel "Wünsch' Dir was": Natürlich hat das Department-Konzept eine Menge für sich ... die Fachbereiche bzw. Fakultäten an Hochschulen für angewandte Wissenschaften funktionieren auch heute schon so.

Aber auch in einer solchen Organisation gibt es "unsichtbare Fleißarbeiten", die gemacht werden müssen (übrigens durchaus auch von Professoren). Wenn sich der Mittelbau hierfür zukünftig zu fein wäre, wie es im Artikel anklingt, funktioniert die Hochschule / Universität in einem wesentlichen Kernbereich (Lehre) schlichtweg nicht mehr.

Dass der Tenure-Track in Deutschland praktisch inexistent ist, liegt in aller erster Linie am politischen Willen: Das aktuelle System (am Fließband wissenschaftliche Mitarbeiter auszubeuten und als Gegenleistung vielleicht zu promovieren) ist von der Kosteneffizienz her aus Sicht der Wissenschaftsministerien in Bund und Ländern unschlagbar. Die Kollateralschäden, die sich daraus ergeben (bspw. kaputte Erwerbsbiographien, aufgeschobene oder verhinderte Familiengründungen) werden geflissentlich ignoriert.

Meine Prognose: Ändern wird sich hier erst etwas, wenn der durch den demographischen Wandel induzierte Fachkräftemangel die Einstiegskonditionen in der Privatwirtschaft für Studienabsolventen soweit verbessert hat, dass sich die Knochenmühle im wissenschaftlichen Mittelbau niemand mehr antun will. Schon heute landen dort gerade im MINT-Bereich nicht mehr die Besten.

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ede-wolff 20.04.2018, 09:33
4. Physikdepartment TU München

Das Physikdepartment der TU München, das auf den Nobelpreisträger Mößbauer zurückgeht, hat nichts mit dem im Artikel beschriebenen Departmentssystem zu tun, außer dass die Lehrstühle nicht nach den Inhabern benannt sind, sondern Nummern tragen. Aber jeder Doktorand oder Postdoc ist genau einem Professor zugeordnet, das gleiche gilt für Gelder, Räume und Ausstattung. Allerdings gibt es Lehrstuhl übergreifende Forschungseinrichtungen, die von mehreren Lehrstühlen gemeinsam, sogar gemeinsam mit der LMU München betrieben und genutzt werden.
Aber "Sonnenkönig" trifft es schon sehr gut!

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qwertreiber 20.04.2018, 09:38
5. Wissensherrschaft und Herrschaftswissen

Wissen ist in unserer Zeit nicht länger eine Domäne einzelner Personen - eher im Gegenteil. Das rein auf ein Themengebiet fokussierte Forschen und Eingruppieren bringt keinen mehr weiter, sondern endet nicht selten in Sackgassen der Forschung. Das muss auch Auswirkungen auf Strukturen haben. Nicht umsonst hat vielen Herrschern die Weisheit "Teile und herrsche" viel Erfolg gebracht. Führen ist keine Frage des Titels oder Ranges, sondern wem Menschen folgen. Wer das als Führungsperson nicht erkennt, sollte zum Militär gehen. Und sogar dort haben Befehle ihre Grenzen.

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m.sc. 20.04.2018, 09:44
6. Forschungsalltag

Der Artikel beschreibt die Situation sehr gut. Doktoranden sind fast ausschließlich befristet und in der Regel auf 50 Prozentstellen angestellt. Hierdurch ist man massiv von den Professoren abhängig, da der Vertrag sonst jederzeit nicht verlängert werden kann. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Doktoranden in Halbzeit trotzdem Vollzeit arbeiten müssen. Wer sich bei diesem Gehalt sorgen machen muss, wie er das WG Zimmer bezahlt, der ist den Professoren vollends ausgeliefert, da sonst die Existenz bedroht ist. Oft hört man das Argument, dass das überall so ist und schon immer so war. Aber das macht es nicht besser. Es ist interessant, dass die Politik solche Arbeitsbedingungen in der Industrie lautstark anprangert, aber gleichzeitig im öffentlichen Dienst an deutschen Universitäten selbst bietet.

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markus.sitzmann 20.04.2018, 09:45
7. Wenn ich höre, dass in Amerika schon die Lösung praktiziert wird ...

Wenn ich höre, dass in Amerika schon die Lösung praktiziert wird, kann ich leider nur laut lachen. Ich war in den USA 10 Jahre in den akademischen Mühlen, dort ist alles noch viel schlimmer (tenure-track schmeißen sie einem da garantiert nicht hinterher).

Eigentlich gibt es für das Problem nur eine harte Lösung: der Oberbau wird dem Mittelbau angepasst, heißt, alle akademischen Positionen einschließlich aller "Senior"-Positionen werden ebenfalls befristet, z.B jede Professur 2 x 6 Jahre. Danach muss der Inhaber auf eine neue Position wechseln. Befristungen sind zwar nie gut, aber anders kommen wir aus diesem Problem leider nicht raus.

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333beiissos 20.04.2018, 09:46
8. Deutschland! Eine Kultur der A****löcher!?

Egal wo man hinschaut, man wird ihn überall finden: Den Machtmissbrauch. Einen Kulturwandel hätte unser Land nötig. Nicht nur an den Unis.

Gesellschaftlicher Verrohung findet in allen sozialen Schichten statt.

Dass wir nur "Primaten" sind, wird immer deutlicher. Die Verhaltensforschung von Säugetieren zeigt die Gemeinsamkeiten mit dem Menschen auf. Der Mensch, das rationale Wesen? Darüber kann man nur noch schmunzeln. Wir haben uns dermaßen von unsererer biologischen Herkunft entfremdet, dass wir nicht einmal merken wie "dumm" wir tatsäcchlich sind. Technische Errungenschaften hin oder her.

Wir leben im totalen Überfluss, nur schätzen wir das nicht.

Die Deutschen, ein Volk der A*****löcher, mehr lässt sich dazu nicht sagen. Wir sollten uns echt dafür schämen. Land der Dichter und Denker????

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alina.timmermann 20.04.2018, 09:47
9.

Für meinen Verlobten als wissenschaftlichen Mitarbeiter im Ingenieurwesen sind 50h-Wochen die Regel, auch mal am Wochenende arbeiten ist nicht unüblich, um die bestehende Projektlast stemmen zu können. Die Anstellung ist natürlich auch befristet.
Es wäre also wirklich wünschenswert, die Situation der wissenschaftlichen Mitarbeiter langfristig zu verbessern, da vermutlich immer weniger junge Leute bereit sein werden, sich diesen Stress anzutun.

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