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Nachwuchsmangel: Wie das Handwerk um Azubis kämpft
DPA

Das Handwerk boomt, aber jedes Jahr bleiben Tausende Lehrstellen unbesetzt, auch, weil das Image vieler Ausbildungen mies ist. Die Branche will das ändern - mit ungewöhnlichen Maßnahmen.

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Kanalysiert 10.01.2018, 13:03
60. Gehalt?

Wenn ich mit den jungen Leuten spreche, höre ich eigentlich immer nur, dass die keine Lust auf die unteriridische Bezahlung haben, die man als Lehrling bekommt. Hat halt nicht jeder Mama und Papa als Unterstützer, um diese ersten 3 Jahre als unterbezahlter Blödmann vom Dienst zurechtzukommen. Womit auch - sofern diese bereit sind, das Kind länger zu beherbergen - ein Umzug zur Ausbildung woanders oft auch flach fällt. Lebenshaltungskosten hat man auch als Stift, das interessiert die zB Miete nicht, ob man zu wenig verdient. Das Problem ist hausgemacht.

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Moshpit 10.01.2018, 13:03
61. wieder mal der Fachkräftemangel

Ich arbeite im Handwerk, zum Glück als kaufmännischer Angestellter. Die alten Gesellen, die ihre Ausbildung noch in den 80ern gemacht haben verdienen heute einigermaßen. Wer heute als junger Geselle übernommen wird, braucht ewig, bis mal eine Zahl auf der Lohnabrechnung steht, die für ein anständiges Leben reicht. Als Single in einer kleinen Mietwohnung: okay aber für viel mehr ist das nicht gut. Familienplanung + Wohneigentum können die mal darüber nachdenken, wenn sie mit Mitte 30 ihren Meisterbrief in der Tasche haben für den sie größtenteils selber zahlen müssen. Ohne Meisterbrief kommen die nie auf einen grünen Zweig. Azubis kriegen heute nur wenig mehr Vergütung als ich vor fast 30 Jahren als kaufmännischer Azubi nach Industrie-Tarif. Aber hey, liegt ja bestimmt nicht am Geld wenn zu wenig gute Bewerber kommen. Die Zeiten sind vorbei als man mit einem Hauptschulabschluss und einem Gesellenbrief noch so was wie ein normales Leben führen konnte.

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Plasmabruzzler 10.01.2018, 13:04
62.

Zitat von 86wd
Mit einen höhen Bildungsabschluss kann man mmn. im Gehaltspoker mehr rausholen und ggf. nach Jahren in höhere Position rutschen als mit Ausbildung.
So ist es. Wo man früher mit einer guten Ausbildung und Fleiß aufsteigen konnte (bspw. ins mittlere Management), ist heute mindestens ein akademischer Grad notwendig. Nicht selten ist eine Promotion und Auslandserfahrung nötig.
Wo es vor einigen Jahren noch in einer Uni-Werkstatt reichte, einen Meistertitel (Entgeltgruppe max. E9a) zu haben, ist heute ein Bachelor-Abschluss nötig (Entgeltgruppe ab E9b).

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kuschl 10.01.2018, 13:11
63. Die "Bildungsinflation"

Die Bildungsinflation mit immer höher werdendem Abiturientenanteil wurde nicht etwa durch bessere Beschulung ausgelöst, sondern durch das Herunterschrauben der Ansprüche, weil Bildungspolitiker nicht den Hintern in der Hose hatten, klare Leistungsvorgaben zu geben. Damit sollte eine Wählerklientel bedient werden, die das Leistungsniveau ihre Sprösslinge schlichtweg überschätzt hatte. Ein großer Teil dieser Schüler gehörte und gehört heute nicht aufs Gymnasium und ist später auch nicht studierfähig. Die hohen Abbrecherzahlen auf den Universitäten zeigen das. Trotzdem gibt es zusätzlich ein unzufriedenes studiertes Prekariat, das auf Stellen sitzt, die früher ein Realschüler oder sogar Hauptschüler besetzt hat. Wenn ein Abiturient heute, wie erlebt, nicht in der Lage ist, eine einfache Dreisatzaufgabe zu erkennen und zu lösen, läuft etwas falsch im Lande. So hat man aber auch dem Handwerk keinen Gefallen getan, ihm Meschen durch das Vorgaukeln höherer Bildung vorzuenthalten, die im Handwerk besser aufgehoben gewesen wären als im frustrierten Studienabbruch.

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Pless1 10.01.2018, 13:18
64.

Zitat von tope1212
Es muss sich auch was ändern Und zwar bei den Unternehmen. Meiner Meinung sind die Standards der Unternehmen zu hoch gesetzt. Es kann nicht angehen, dass Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss keine Ausbildung mehr machen können.
Nein, das Problem liegt (leider) nicht bei den Anforderungen der Unternehmen. Die sind heute nicht höher als früher. Das Niveau vieler junger Menschen, die die Schule verlassen ist aber deutlich niedriger als früher. Und ich rede dabei nicht nur vom fachlichen Bildungsniveau. Das könnte man noch innerhalb der Ausbildung ausgleichen. Es ist die Persönlichkeitsbildung, an der es leider viel zu oft mangelt. Insofern sind auch die Schulen nur bedingt dafür verantwortlich. Das eigentliche Problem liegt im Elternhaus. Viel zu viele bekommen dort nicht einmal mehr die grundlegendsten Dinge vermittelt. Ein ganz wichtiger Punkt dabei ist, dass es an jedem selbst ist, sein Leben in die Hand zu nehmen und darauf hin zu arbeiten, eigenverantwortlich durchs Leben zu kommen.

Wenn wir einfach nur die Anforderungen senken, um auch wirklich jeden irgendwie mitgenommen zu bekommen löst das das Problem nicht. Denn solchen Leuten kann man nichts beibringen, weil sie nicht erkennen, welchen Nutzen Bildung für die hat.

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observerlbg 10.01.2018, 13:19
65. Kann ich absolut unterschreiben

Zitat von wauz
Sie verstehen offenkundig nicht, wie ein Handwerksbetrieb kalkulieren muss. Es fängt damit an, dass der tatsächliche Lohn höher ist als der nominale Bruttolohn, denn die sogenannten Arbeitgeberanteil an Sozialkassen und Steuer kommen ja noch dazu. Des weiteren auch Rücklagen für Urlaub und Krankheit Dann sind die reinen Personalkosten höher als die Lohnkosten. Die Verwaltung des Personals und solche Dinge wie Berufsgenossenschaften und Versicherungen sind auch zu berücksichtigen. Zu den Personalkosten kommen kalkulatorische Zuschläge. Schließlich muss man seine Leute mit Werkzeug ausstatten und hat eventuell auch eine Werkstatt, die einfach Kosten erzeugt. Die werden auf die verkauften Stunden umgelegt. Sinnvollerweise kalkuliert ein Handwerker auch ein, dass vielleicht in Zukunft auch für neue Technik mehr Geld braucht, als für die reine Ersatzbeschaffung. Und letztendlich muss ein Handwerker auch einkalkulieren, dass er die Arbeit, die er in die Leitung des Betriebes hineinsteckt, auch über die Stundensätze bezahlt bekommt. Und at last: es wäre ja auch noch nett, wenn ein Gewinn übrig bliebe. Ich kenne Handwerksmeister, die haben ihren Betrieb so verkleinert, dass sie wieder selbst produktiv arbeiten konnten, weil die Stundensätze, die sie für sich selbst berechnen können, ihr tatsächliches persönliches Einkommen sind. So viel also zu den "hohen" Stundensätzen.
Vielen hier ist einfach nicht klar, wie im Handwerk kalkuliert werden muss. Mal eben mehr Geld für Lehrlinge und Gesellen ist nicht. Um noch ansatzweise mit den vielen Schwarzarbeitern im Markt konkurieren zu können (ja, es gibt noch einige ehrliche und soziale Menschen) kann ich den Stundensatz nicht beliebig erhöhen. Für viele Betriebe liegt der Cash flow so ungünstig, dass die Einstellung von Gesellen selbst bei bester Auftragslage unmöglich ist. Lehrlinge könnten da helfen, werden dabei natürlich auch als billige Arbeitskräfte "missbraucht". Gut, sie lernen auch dabei. Und wenn mir das wirtschaftlich und vom Leistungsvermögen her zuviel wird, mach ich den Betrieb halt zu. Ich verdiene jetzt etwas weniger, habe aber geregelte Arbeitszeiten, weniger Risiko, viel weniger Streß, mehr Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich bin mir sicher, dass die Arbeitsleistung meines ehemaligen Betriebes nun im wesentlichen schwarz erbracht wird. Aber damit müssen sich andere auseinandersetzen.

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T.Rödel 10.01.2018, 13:26
66. Stellt mehr ältere Menschen ein!

Wenn die Jugend das Handwerk nicht mag, oder es wird zu wenig bezahlt ist das verständlich, wäre und war bei mir auch nicht anders.
Dann sollen die Betriebe auch ältere Menschen einstellen, klar kein Mensch mit über 50 kann noch Fliesenleger werden, aber es gibt doch bestimmt Berufe im Handwerk in denen es vielleicht nicht so sehr ins Körperliche geht, sondern um Pünktlichkeit, Verantwortung usw.
Ich könnte mir vorstellen das die älteren (und heute ist jeder mit 40 schon alt) das Handwerk wieder beleben könnten, das Interesse
ist bestimmt vorhanden.
Ich werde in 3 Jahren arbeitslos und traue mich nicht bei einer Schneiderei , Hutmacherei , Schuster zB.vorzustellen weil der Makel 'Alter' ins Gesicht und auf Papier geschrieben steht. Dabei hätte ich wirklich Interesse ein Beruf im Handwerk zu erlernen, alles was ich in meiner Jugend nicht konnte weil Geld eine wesentliche Rolle spielte.
Es geht doch soviel Wissen verloren.

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Pless1 10.01.2018, 13:26
67.

Zitat von Guerilla_77
Wozu brauchtein Tischler ein Abitur? Nur mal so als Frage.
Wer solch eine Frage stellt hat den Sinn von Bildung nicht verstanden.

Sie denken viel zu statisch. Wer weiß denn schon mit 16, was er sein ganzes Leben lang machen wird. Heute niemand mehr, und das ist auch gut so. Mit dem Abitur steht einem aber alles offen: Sie können BWL studieren, Architektur oder auch Medizin. Sie können aber rauch ein Tischlerlehre machen und als Tischler glücklich werden. Oder danach noch immer studieren oder was auch immer.

Bildung ist IMMER ein Gewinn. Das Abitur, aber auch eine Tischlerlehre.

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pipipupu 10.01.2018, 13:29
68. Ohne Moos nix los

2003 Ausbildung zum Maler begonnen und mindestens 50 Stunden die Woche gearbeitet und das mit 16 Jahren . Mittag ging nur 10 Minuten, da man an der Tankstelle Bier und Jack Daniels für die ruhenden Gesellen holen musste. Wenn man den Jacky nicht bekam, gab es Ärger.
Dann noch schön gezwungen sein, bei den Besoffenen in das Auto zu steigen. Und das alles für damals 320€ im Monat. Das Alkoholproblem zieht sich durch einige Unternehmen durch - was man täglich auf der Baustelle sehen konnte. Realschule, Abitur und Studium mit Hilfe von Bafög, KfW und diversen Nebenjobs durchgezogen und bezahle die Kredite heute mit Links ab. Ich könnte niemanden mit gutem Gewissen empfehlen eine Ausbildung auf dem Bau zu machen, was schade ist, da die Arbeit an sich echt Spaß macht.

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mama_arbeitet 10.01.2018, 13:29
69. zuhause wohnen

Zitat von marcnu,
Während der Lehre und aus danach kann sich kaum jemand eine Wohnung leisten. Das muss auch erwähnt werden.
Warum sollte jemand mit 16, also zum Zeitpunkt einer Ausbildung, sich eine eigene Wohnung leisten?
Was ist so schlimm dran, bis Anfang 20, bis zu einem passablen Lohn, im Elternhaus zu verbleiben und die Eltern ggf. als Zeichen der Dankbarkeit minimal unterstützen - dafür sollte bei der Vergütung doch was drin sein?
Solange man lernt, hat man eigentlich keinen Anspruch auf Lohn.
Wie machen es denn Studenten, die mit 19 erst aus der Schule kommend für weitere 4-5 Jahre lernen? Die kommen ja auch über die Runden.

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