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Personalnot: Die Justiz sieht alt aus
Candy Welz / Arifoto Ug / DPA

Richter und Staatsanwälte klagen über zu viel Arbeit. Mancherorts mussten schon mutmaßliche Straftäter auf freien Fuß gesetzt werden - wegen personeller Engpässe. An den Gerichten fehlt der Nachwuchs.

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hegoat 03.05.2019, 13:43
1.

Es gibt genug Interessenten für die Richtertätigkeit. Der Beruf des Richters ist trotz der beschriebenen Nachteile mit einigen erheblichen Vorteilen verbunden: Unkündbarkeit, freie Arbeitszeiten, keine Verantwortung gegenüber einem Vorgesetzten. Ich kenne genug, die gerne Richter werden würden, allerdings sind die Notenanforderungen immens hoch. Es ist wie bei allen Jobs: Will ich mehr Leute einstellen, muss ich auch die etwas Schlechteren nehmen.

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sh.stefan.heitmann 03.05.2019, 13:46
2. 55-Stunden-Woche

...da würde ich unter 7500 Brutto pro Monat (bei 13 Monatsgehältern) nicht mal drüber nachdenken

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matbhmx 03.05.2019, 13:55
3. Also, wenn die Proberichterin Ehrenberg 500 bis 600 ...

... Verfahren im Jahr bearbeiten muss, sind das ja traumhafte Verhältnisse. Als ich 1992 anfing, hatten wir am Amtsgericht 1.200 Verfahren im Jahr zu bearbeiten - bei einem offiziellen Pensenschlüssel von 570 Verfahren im Jahr. Es ist ja nicht nur die in weiten Teilen unzumutbare Arbeitsbelastung bei im Verhältnis zur Privatwirtschaft mieser Vergütung und geringen Aufstiegschancen, hinzu kommt noch die grottenschlechte sächliche Ausstattung (man mag sich Mal die zum Teil winzigen und potthässlich eingerichteten Arbeitszimmer von Richtern und Staatsanwälten ansehen, zum guten Teil werden Arbeitsplatzvorschriften nicht eingehalten), die inzwischen äußerst mäßige Qualifikation des nachgeordneten Bereichs (Geschäftsstellen, Rechtspfleger). Auch da zeigt sich, dass die Besoldung zu schlecht ist, als das gute Leute in den Justizdienst gehen. Und aus Kostengründen hat man die Beamten in der Justiz weitestgehend abgeschafft, was eben auch und vor allem auf Kosten der Qualifikation geht. Und von den guten Examina hat sich die Justiz als Einstellungsvoraussetzung für Richter und Staatsanwälte längst verabschiedet. Ohne Weiteres werden in den Bundesländern Leute mit 7-Punkte-Examina genommen. Und in der Politik findet keinerlei Umdenken statt, weil dort eben auch in weiten Teilen völlig Unqualifizierte arbeiten.

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krautrockfreak 03.05.2019, 13:56
4. Typisch für Deutschland! Geld ist im Überfluss vorhanden und der Staat

vernachlässigt seine ureigensten Aufgaben immer mehr (Sicherheit, Bildung, Verbraucherschutz etc.). Hier wird gespart auf Teufel komm raus mit all den katastrophalen Folgen. Für Kunst und Kultur, Subventionen, Gutachter für Jobs, die eigentlich die Ministerien machen sollten, Weltraumforschung und all diese drittrangigen Sachen sind aber Milliarden vorhanden, da spielt Geld keine Rolle.
Ein weiteres Beispiel, wie tausende von Abgeordneten im Prinzip nichts mehr hin kriegen, vor lauter Bäumen sieht man den Wald (eben die ureigenen Aufgaben des Staates) nicht mehr. Armes Deutschland...

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didiastranger 03.05.2019, 14:02
5. Olle Kamelle

der Artikel ist ein Ladenhüter. Aber warum wundert mich das nicht?

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christianu 03.05.2019, 14:17
6. Richter müssen wieder Herr der Verfahren werden

Die Strafprozessordnung lässt viel zu viele Möglichkeiten offen, Verfahren in die Länge zu ziehen. Rechtsanwälte agieren häufig nicht als Anwälte des Rechts, sondern agieren allein als Interessenvertreter ihrer Mandanten. Das mögen manche für richtig halten, aber das war so nie gewollt. Unangemessenes Auftreten vor Gericht wie auch völlig aus der Luft gegriffene Antragsbegründungen müssen Richter zurückweisen können. Auch gilt es zu überdenken, wie lang die Instanzenwege bei verschiedenen zu verhandelnden Dingen sein dürfen. Solange die Richter jede Frechheit und jede prozessuale Finte emotionslos hinnehmen müssen, braucht sich niemand zu wundern, dass immer weniger Juristen diesen Berufsweg wählen.

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mghi 03.05.2019, 14:19
7. #2

In Niedersachsen z.B. ist das 13. Monatsgehalt für Beamte und Richter abgeschafft.
Ich kann die jungen Leute verstehen, dass sie nicht erheblich weniger verdienen wollen, als z.B. ein guter RA.
Weniger ist ok, weil der Beamtenstatus weitere Vorteile bringt, aber irgendwo ist eben Schluss.

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xees-ss 03.05.2019, 14:21
8.

Eine 1 und besser im Jura Studium zu erreichen ist was besonders, eben herausragend. Und diese Elite vergrätzt sich der Staat mit diesen Arbeitszeiten und Gehältern. Überhaupt, nicht verheiratet, diese Gehaltsstaffelung sollte mal grundlegend überprüft werden. So wird das nichts...

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Furiosus 03.05.2019, 14:22
9. Zustimmung an 1.

Genau so sieht es aus. Es gibt mehr als genug Interessenten. Aber die Justiz verlangt eben völlig absurde Mondnoten, mit denen sie sich eben selbst in Konkurrenz zu Wirtschaftskanzleien setzt, die locker das Doppelte zahlen. Und das zum Berufseinstieg! Je weiter jemand in der Justiz bleibt, desto höher wird der Abstand zu seinen Kollegen in der freien Wirtschaft. Dabei kann ich mit 100% Überzeugung sagen, für die Arbeit am Amtsgericht braucht man ganz sicher nicht die besten 10% des Jahrgangs. Das ist völlig mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Jeder, der das zweite juristische Staatsexamen besteht, hat die "Befähigung zum Richteramt". Einfach vom hohen Justizross runterkommen und sich mal anschauen, was man denn tatsächlich so macht. Mietrecht, Verkehrsstreitigkeiten, Werkverträge, Kaufverträge. Nichts davon ist "Jura am Hochreck" mit ein bisschen Anleitung und Einarbeitung kriegt das wirklich jeder hin, der das zweite Staatsexamen bestanden hat.
Plus: Nach der Wende wurde in der Justiz im Osten auch alles Eingestellt, was irgendwie zwei Staatsexamen hatte. Mir ist nicht bekannt geworden, dass deshalb das Rechtswesen in Sachsen oder Brandenburg zusammengestürzt ist oder wesentlich mehr Fehlurteile produziert als in Hessen oder Niedersachsen.

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