Forum: Karriere
Psychische Erkrankungen im Job: "Sagen Sie Ihrem Chef nicht die Wahrheit"
Uwe Umstätter/ Westend61 / Getty Images

Wer im Laufe seines Berufslebens psychisch erkrankt, steht vor zwei Fragen: Woran liegt's? Und wie sage ich es meinem Chef? Ein Experte erklärt, wie er sich verhalten würde.

Seite 1 von 9
new#head 03.04.2019, 05:45
1.

Tolle Tipps von Herrn Falkai, Stress,durch eine Lüge und dem damit verbundenen Schuldbewusstsein zu erhöhen. "Burn out" ist doch ein Erscheinungsbild, was in erster Linie ehrgeizige und überloyale Mitarbeiter trifft. Sie setzen sich selber unter Druck; und will jemand, der die Last seiner Aufgabe psychisch nicht bewältigt wirklich befördert werden?
Die Stigmatisierung und dazu trägt am Ende eine solch seltsame Empfehlung bei, ist die Ursache dafür, dass psychisch belastete Menschen bis zu 7 Jahre brauchen, bis sie sich in eine Therapie begeben. Psychische Belastungen sollten nicht verschwiegen werden, sie gehören viel stärker in die Öffentlichkeit um den Menschen die Scheu zu nehmen, sich zeitnah, adäquat behandeln zu lassen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
f_bauer 03.04.2019, 06:34
2. Es geht den Chef nichts an?!?

Es geht mich sehr wohl etwas an, denn ich habe eine Fürsorgepflicht meinen Mitarbeitern gegenüber. Ich habe dafür zu sorgen, dass die Arbeitsbedingungen sie nicht krank machen. Bei jeder körperlichen Arbeit ist das selbstverständlich - jedes Fließband in einer Fabrik ist mit Warnhinweisen zugepflastert. Warum soll das bei einer geistig anspruchsvollen Tätigkeit anders sein? Herr Falkai lebt vielleicht noch in einer Zeit, wo es Aufgabe von Vorgesetzten war, die Arbeitskraft aus Mitarbeitern rauszuquetschen, wie aus einer Zitrone. Das Jahr 2019 sieht anders aus. Moderne Firmen haben verstanden, dass man auf lange Sicht nichts von einem ausgebrannten Mitarbeiter hat. So kommt es durchaus vor, dass ich Kollegen, die sich unsinnig überfordern auch mal nach hause schicke und mit den Kollegen Pläne erarbeite, wie man Stress und Arbeitszeit auf vernünftigen Levels halten kann. Und da akzeptiere ich auch, dass jeder Mensch eine andere Überforderungsgrenze hat. Das funktioniert aber nur, wenn meine Mitarbeiter mit mir offen reden. Herr Falkai, meine Kollegen verbringen etwa ein Drittel ihrer wachen Lebenszeit auf der Arbeit, und ich bin verantwortlich dafür, diese Zeit positiv mit ihnen zu gestalten. Wie soll ich das tun, wenn mir ein Mitarbeiter, der psychisch am Ende ist, vortäuscht, er habe einen Infekt? Dann habe ich plötzlich eine Krankmeldung über ein halbes Jahr auf dem Tisch, die man ohne Täuschen und Lügen hätte vermeiden können. Wirklich, Herr Falkai, kommen Sie doch mal bei uns im Jahr 2019 an.

Und um schon die Antworten a la „Mein Chef quetscht mich aber aus!!“ vorwegzunehmen: Gerade bei der aktuellen Arbeitsmarktsituation sucht sich jeder seine Arbeitsstelle selbst aus. Das will nicht jeder, der in seiner beruflichen Komfortzone feststeckt, wahrhaben, aber das ändert nichts an dieser Tatsache. Es ist auch an den Mitarbeitern, die Firmen und die Chefs zu trainieren.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
wally76 03.04.2019, 06:38
3. Hrm, Stempel auf der AU?

Wenn der Stempel auf dem Krankenschein vom Psychiater ist, dann nützt das Lügen auch nichts. Oder verwenden die Stempel ohne Angabe der Fachrichtung? Dann gibt es immer noch Name und Adresse. In großen Firmen mit Personalabteilung vielleicht etwas weniger problematisch, in kleinen Firmen ist es sofort rum.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
SatzMitX 03.04.2019, 07:19
4. Bronchitis statt Depression...

... bei einem stationären Aufenthalt? Ich bin gerade stationär in der Psychiatrie auf der Depressionsstation. Dass hier jemand nach 2 Wochen wieder geht ist absolute Ausnahme. Meist sind es 6-8 Wochen, ich bin jetzt in der elften. Es kommt immer drauf an ob die Medikamente anschlagen und ob nich weitere Behandlungen nötig sind.

Mit einer Bronchitis hätte ich das nicht erklären können.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
spiegelleserin7 03.04.2019, 07:27
5. Ich sehe das

etwas anders. Ich habe noch nie erlebt, dass eine depressive Episode, die zur Arbeitsunfähigkeit führte, nach 2 Wochen vorbei war. Angeschlagen nach 2 Wochen wieder zu arbeiten mit einer Depression ist auch keine gute Idee. Warum lügen? Man kann auch sagen, dass man nicht über seine Erkrankung sprechen mag. Was macht man denn, wenn man lügt und dann für 6 Wochen wegen einer "Bronchitis" ins Krankenhaus muss, Kollegen einen besuchen wollen, etc.... Lügen haben kurze Beine. Man hat aber durchaus das Recht sich zu schutzen

Beitrag melden Antworten / Zitieren
mawabo 03.04.2019, 07:33
6. Leider der richtige Rat

Gratulation an Herrn Falkai für den Mut, denn unbequemen Rat zu geben, dass man lügen sollte. Klar wäre in einer idealen Welt ein offenes Gespräch über psychische Probleme wünschenswert. Aber in der Realität sollte man sich wirklich gut überlegen, ob man seine Krankheit offen im Betrieb kommunizieren sollte. Die beschriebenen Nachteile sind durchaus gegeben, wie ich aus langjähriger Praxis im Personalwesen bestätigen kann. Trotz allen öffentlichen Bekenntnissen zu betrieblichen Gesundheitsmanagements etc. gilt bei vielen Chefs die Devise, dass nur stets belastbare und immer verfügbare Beschäftigte etwas zählen.
Was den Stempel auf der AU angeht: Viele einschlägige Praxen haben genau aus diesem Grund einen neutralen Stempel, der nur die notwendigsten Daten enthält. Einfach mal fragen.
Aber da liegt tatsächlich ein Problem, wie schon die Datenschutzbeauftragten bemängelten. Diagnosen bzw. Hinweise auf mögliche Diagnosen haben auf AU´s nichts zu suchen.
Daher

Beitrag melden Antworten / Zitieren
harwin 03.04.2019, 07:37
7. Falscher Tip

Jeder der eine psychische Erkrankung wie eine Depression schon über Jahre (rezidivierend) erlebt hat, wird wissen dass sich diese nicht dauerhaft verstecken lässt. Wer ein Lügengerüst aufbaut, und über das Jahr hin mehrmals wegen Krankschreibungen fehlte, der wird schnell in die Schublade psychische Erkrankung und Low Performer gesteckt, auch mit Lüge. Außerdem erzeugen Lügengerüste die über Jahre hinweg aufgebaut werden auch Stress. Nicht akzeptiert zu werden weil man eine körperliche Erkrankung (Hirnstoffwechsel) hat, und das zu wissen löst zustätzlich Stress aus. Wer oft fehlt, wird von seinen Kollegen blöd angemacht, er würde sein Team in Stich lassen, wegen einer kleinen Grippe bleibt man doch nicht zu Hause etc. Außerdem sind Klinikaufenthalte in psychosomatischen Kliniken (6-8 Wochen) auf eine längere Dauer angelegt als die von orthopädischen Problemen (3 Wochen). Wenn ein Chef nicht gerade blöd ist, wird er dieses wissen. Ferner sollte man sich nicht überlasten, nachdem man zurück von der Klinik ist. Der Chef erwartet aber das die Reha oder der Klinikaufenthalt dazu diente wieder fit und leistungsfähig zu sein. Der Teufelskreis aus Lügen, und Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung führen meiner Meinung noch weiter in eine Depression.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
unaufgeregter 03.04.2019, 07:43
8. Lüge als Selbstschutz

Sehr gute Tipps. In meinem Arbeitsumfeld haben Kollegen mitgeteilt, dass sie psychisch erkrankt sind. Das war innerhalb weniger Tage in der Behörde rum. Die dummen Sprüche in Abwesenheit der Betroffenen mag ich nicht wiederholen. Bronchitis oder Rückenschmerzen und die damit verbundenen Abwesenheiten waren hier nie ein Thema. Sie interessieren Frau Tratsch und Herrn Klatsch nicht. Manche Menschen haben die Wahrheit einfach nicht verdient.

Auch mir wurde ein Diensthandy überlassen und ich schalte es zu Dienstbeginn ein und zum Dienstende wieder aus. Es liegt immer im Schreibtisch des Büros. Dienst ist Dienst.

Außerdem trenne ich meine privaten und dienstlichen Beziehungen konsequent. Das hat sich in den letzten 40 Jahren als genau richtig erwiesen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Gelber Rabe 03.04.2019, 07:48
9. Psychiatrien

Haben auch neutrale Stempel.Traurig, daß das nötig ist.
Hatte selbst nach zweijährigem gemoppt werden eine schwere Depression mit längerem Klinikaufenthalt.
Als ich zurückkam, wurde das ganze umgedreht. Es rechtfertigte daß Verhalten mir gegenüber, daß ich in der Psychiatrie war: "Haupttäterin" meine :siehst du, ich wußte doch, daß was mit dir nicht stimmt.
Von Ehrlichkeit ist abzuraten.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 9