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Verurteilung eines Jungmediziners: Wann Studenten spritzen dürfen
DPA

Ein Münsteraner Medizinstudent wurde wegen fahrlässiger Tötung eines Babys verurteilt - er hatte eine falsche Spritze injiziert. Das Urteil verunsichert Jungmediziner wie Ausbilder. Die Rechtslage ist zwar klar, die Umsetzung im Klinikalltag aber heikel.

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honos 15.08.2013, 07:46
20. traurig

überall, wo Menschen arbeiten, wird es zwangsläufig zu Fehlern und Fehlentscheidungen mit teils gravierenden Ausmaßen geben.

Sehr schade um das Baby und um deren Angehörigen. Was sie fühlen, kann man sich gar nicht vorstellen, aber eine praktische Ausbildung von unerfahrenen Studenten ist wichtig. Irgendwann muss die Praxis anfangen. Wenn nicht im Studium, wann dann?

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EmmaDiel 15.08.2013, 08:00
21. Horror!

Zitat von sysop
Es ist die Horrorvorstellung jedes Patienten...
Was dem angehenden Arzt passiert ist, ist die Horrorvorstellung aller! Der Druck auf das Personal wird immer höher, immer häufiger müssen Medikamente unter Zeitdruck gegeben werden.
Dazu die völlig blödsinnige Marketingstrategie der Hersteller, ständig die Namen der Medikamente zu ändern.
Es kann heutzutage derart leicht passieren, dass man ein falsches Präparat oder eine falsche Dosierung erwischt! Und hier kann es um Leben und Tod gehen. Eine Geldstrafe von 1800 Euro, das ist nichts, wenn man ein Leben lang daran denken muss, versehentlich einen Mitmenschen um die Ecke gebracht zu haben.
Schlecht bezahlt und immer mehr Druck - Verantwortung haben bei uns ja nur die grossen Wirtschaftlenker. Auch Busfahrer, Stellwerkleiter - scheiss drauf. Selber schuld, wer heute noch in Medizin / Pflege geht!

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oliverlaue 15.08.2013, 08:12
22. Guter Artikel

Vermeidet die übliche Hysterie und Schuldzuweisungen

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thelma&louise 15.08.2013, 08:15
23. Falsche Gefahrendefinition

Blut abnehmen ist eine sehr einfache Tätigkeit, die nach schnellem Anlernen von jedem Menschen durchgeführt werden kann. Dass diese Tätigkeit von der Schwesternarbeit zur ärztlichen Arbeit geworden ist, ist ein Auswuchs aus der Zeit des Ärzteüberschuss bei gleichzeitigem Schwesternmangel und geht auf die damaligen ÖTV Aktivistinnen unter dem Pflegepersonal zurück. Da das Ärzteblatt jede Woche mehr als hundert Seiten Stellenangebote für Ärzte hat und die Bevölkerung altert, kann sich unsere Gesellschaft nicht leisten, weiter derart die ärztliche Ressource zu verschleudern. Das muss dringend geändert werden.
Das Erheben der Anamnese ist eine typische Medizinstudentenarbeit, bei der auch keine gravierende Fehler gemacht werden können. Der Student spricht mit dem Patienten in der Regel, bevor der Stationsarzt Zeit dafür hat. Dann berichtet er dem Arzt, der dann anhand der Aufzeichnungen mit dem Studenten zusammen wiederum mit dem Patienten spricht, offene Fragen klärt und die Behandlung bespricht. Wenn daran etwas juristisch nicht korrekt ist, dann muss nicht die Praxis, sondern die Rechtslage geändert werden, weil sie unsinnig ist.
Wieso das Verabreichen eines Medikaments eher delegiert werden kann als diese beiden harmlosen Vorgänge, ist für mich als sachverständige Person nicht nachvollziehbar. Hier krankt die Rechtslage.
Völlig unverständlich ist mir, wie der Student auf die Idee kam, einen Saft zu spritzen. Ich kann mir nur vorstellen, dass das Unglück auf einer Intensivstation passiert ist. Bekanntlich hatten wir in letzter Zeit auch Probleme mit Keimen auf Neugeborenen Intensivstationen. Der Grund für diese Katastrophen liegt im kaputtsparen der Personalsituation.
Ich frage mich oft, wie in unserer Gesellschaft immer wieder der Spruch geklopft werden kann, Gesundheit sei das höchste Gut. Ist das der Grund, warum sie nichts kosten darf?
In den Krankenhäusern sollte man die Betriebswirtschaftler besser entmachten und zurück zum ärztlichen Direktor kommen, der nicht mehr von irgendwelchen wirtschaftlichen Zielvorgaben genervt wird. Aber das könnte ja Geld kosten. So kostet das System Menschenleben. Das scheint unsere Gesellschaft zu akzeptieren. Hauptsache in den Medien gibt's regelmäßig Ärztebashing. Wir werden es schon schaffen, dass der ganze Nachwuchs auswandert.

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teeou 15.08.2013, 08:33
24. @Dave_1

---Zitat: Wie ein Medikament zu verabreichen ist, wird doch wohl auch auf der Verpackung stehen? Zitatende---

In diesem Fall nicht, da (das stand in einem anderen Artikel) eine Krankenschwester die Sprutze vorbereitet hat und ohne nähere Anweisung unbeschriftet (und auch nicht für orale Gabe markiert) in das Krankenzimmer gelegt hat. Es wurde sogar erwähnt die Mutter hätte das Medikament später oral geben sollen.

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Martin Lobo 15.08.2013, 08:38
25. Fehler durch überkommene Hierarchie

Leider leidet die Ausbildung in Deutschland vor allem in letzter Instanz unter der altertümlichen Hierarchiestruktur in Krankenhäusern. Die traditionelle Vereinigung von Budget- und (ärztlicher) Personalgewalt in der Person des Chefarztes, die zusätzlich auch noch in jeglicher klinischer Entscheidung das letzte Wort hat, wird noch in die nächste Generation hinein zu unzulänglichen Ausbildungsstrukturen an den Unikliniken führen. Hier wird grundsätzlich nur auf Qualität geachtet wenn dies eine Herzensangelenheit des Chefarztes oder seiner unmittelbaren Vertrauten (oftmals das gleiche) ist. Dies wird in den letzten Jahren dadurch verschlimmert, dass Verwaltungen, ohne jede medizinische Sachkenntnis, das Ruder übernehmen.
Eine qualitätsorientierte medizinische Selbstverwaltung wird mit dem deutschen Geschäftsmodell der Medizin leider nie Realität werden. Man hat sich für ein monetär kompetitives System entschieden, dass den Erfolgreichen verspricht Millionenbeträge zu verdienen, verbunden mit falschen Anreizen. Zudem führen hohe Gewinnmöglichkeiten im Niederlassenenbereich zu einem brain drain von Fachärzten aus den Kliniken. All dies schlägt sich letztlich in der immer knapper werdenen Zeit für die Nachwuchsausbildung nieder. Leider unmöglich, dieses System umzuwandeln, die grossen Player werden dies auf Generationen hin verhindern.

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christiandex 15.08.2013, 08:43
26. Bei allem Verständnis

Bei allem Verständnis für die Situation, die Lage des Studenten etc.: Eine solch milde Strafe unterstellt ja, dass es sich im vorliegenden Fall um eine der denkbar mildesten fahrlässigen Tötungen handelt. Das kann doch nicht der Ernst des Gerichts sein!

Hier hat jemand grob fahrlässig gehandelt: hat Arbeiten ausgeführt, die er gar nicht ausführen durfte, in einer evident dämlichen Art! Wie Dave_1 schon sagte: Man muss doch nur lesen können!

Ich kenn zwar die Akte nicht, aber ich halte das hier für ein schändliches Fehlurteil!

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tiit 15.08.2013, 08:52
27. Schrecklich

ein Baby zu verlieren.
Und dann auch noch die Umstände...völlig unnötig!
Natürlich müssen und sollen Studenten lernen!
Wenn ich aber ein medikament zum ersten Mal gebe, lese ich die Gebrauchsanleitung (klingt sehr platt, aber so ist es) und informiere mich!!
Dieser Student hat jedoch in meinen Augen grob fahrlässig gehandelt und hat offensichtlich sich nicht darum gekümmert was er verabreichen soll und wie! Aber genau dafür ist er doch im Krankenhaus!!
Wer sich als Student, seinem Mangel an Kenntnissen schon nicht gewahr ist, wie handelt dann dieser Student als "fertiger" Arzt, wenn er glaubt "Alles" zu wissen?
Und so eine Person soll über Leben und Tod entscheiden?
Nein, Danke!!
Ein zu mildes Urteil! Und der in der Verantwortung stehende Arzt sollte auf jeden Fall auch eine Verurteilung bekommen!

Meine Gedanken sind bei den Eltern des Kindes!!

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KeineIdee100 15.08.2013, 08:58
28.

Zitat von Dave_1
wie dieses milde Urteil zustande gekommen ist. Wie ein Medikament zu verabreichen ist, wird doch wohl auch auf der Verpackung stehen? Der Student müßte also keine besonderen ärztlichen Kenntnisse haben, sondern einfach nur lesen können!
Im Klinikalltag? Mit dem Druck? Der Überlastung? Ihren Routinen, in denen sich ein PJler am Anfang nur als eines empfindet, als Störfaktor und vor die Wahl gestellt ist, entweder so zu tun, in die Routinen hineinzupassen oder überall anzuecken und eins über die Rübe zu bekommen?
Haben Sie, als Sie nach Ihrer Ausbildung Ihren Bürojob antraten, die Gebrauchsanweisungen von Telefon, PC, Kopierer gelesen? Wohl kaum. Man macht einfach oder versucht das umzusetzen, was ein erfahrener Kollege einem so signalisiert, aber in den seltensten Fällen erklärt. Schon mancher Kopierer ist beim Tonerwechsel durch einen Neuen draufgegangen.
Dass es sich hier um einen lebendigen Menschen handelt, tut leider, leider auch nichts zur Sache. Die Ausbildung an unseren Krankenpflegeschulen und Universitäten vermittelt dieses Bild nicht, eher das des Menschen als Mechanismus/HighTech-Gerät und des Patienten als gestörter oder defekter Mechanismus.
Unser Gesundheitssystem, mit seinen Kostenoptimierungs- und Einsparungs-Mantras sieht im Personal auch nur noch Roboter, die jederzeit durch ein billigeres und noch effektiveres Modell ausgetauscht werden können.
Ich bin nicht vom Fach, sondern Klinikseelsorgerin und verbringe mittlerweile mehr Zeit in Ärzte- und Schwesternzimmern, als in den Patientenzimmern (die werden eh gleich wieder entlassen). Was man da zu hören bekommt ist übel.
Ausgebildete Pflegekräfte, die in ihrem Job als Putzfrau unterfordert oder in ihrem Job als Assistenzart überfordert sind, nie Lust auf ihre Aufgabe als sesselpubsender Assessor in einer Behörde hatten (wenn man an die ganzen Dokumentationen denkt).
PJler und Assistenzärzte, die nachdem sie die Klinke des Verwaltungsbüros losgelassen haben, sofort und ohne Hilfe im eisigen Wasser des Kliniktümpels schwimmen müssen, oder sie gehen unter.
Krankenschwestern aus Kirgisien, die sich als Analphabeten entpuppen, Ärzte aus der Mongolei, die schon Russisch mit so einem starken Akzent sprechen, dass niemand sie versteht, aus Dritt-Welt-Ländern importierte Fachärzte, die zwar unsere Sprache perfekt, aber nicht unsere modernen Medikamente und modernen Geräte kennen.
Beim gesamten Personal haben sich so viele Überstunden angestaut, dass wenn sie sie abfeiern wollten, nach Weihnachten erst wieder kommen. Nur, die werden ja nicht mehr gezählt. Wenn man nicht rechtzeitig die Stechkarte zieht und offiziell Feierabend macht, wird man abgemahnt.
Und dann riesige Verwaltungsapparate, die zwei Juristen beschäftigen, um Fehler und Kunstfehler zu vertuschen.

Mir tun die Eltern leid, die auf diese tragische Weise ihr Kind verloren.
Mir tut der junge Arzt leid, der keinen Fehler machen wollte und nun den verhängnisvollsten Fehler gemacht hat, den ein Arzt machen kann.

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dennisballwieser 15.08.2013, 09:06
29. Informationsquelle

Zitat von mystiqer
Hallo, bin Medizinstudent im 6. Fachsemester und mich würde interessieren, wo wir Studenten uns denn kurz und knapp (oder auch ganz ausführlich) darüber informieren können, was wir jetzt genau dürfen und was nicht. Besonders interessant für die 4*1Monat abzuleistende Famulatur/Praktikum im Krankenhaus innerhalb der 3 Jahre des klinischen Unterrichts sowie im einjährigen, 6. Jahr, dem PJ. Das oben verlinkte Pdf ist mir da etwas zu allgemein formuliert. Darf ich nun in meinem 3. Studienjahr morgens selbstständig und alleine in der Famulatur das Blutabnehmen auf Station übernehmen? Braunüle/Zugang legen ebenso? Ist "Rufweite" auch gewährleistet, wenn die Zimmertür geschlossen ist? Darf ich einem Patienten seine Untersuchung erklären(=Aufklärung) wenn ich bei weiteren Fragen jederzeit den behandelnden Arzt hinzuziehen kann? Darf ich standardisierte, einfache psychologische (Fragebogen)-Tests mit dem Patienten durchführen oder auch komatöse Patienten routinemäsig, morgendlich untersuchen/"testen"? Bin (wohl fälschlicherweise) davon ausgegangen, dass die Ärzte schon wissen, was sie rechtlich an uns deligieren dürfen. Wenn auch von uns (beim drüber nachdenken natürlich völlig gerechtfertigter Weise) der rechtlicher Background gefordert wird, würde ich mich über seriöse Infoquellen sehr freuen, die wir über unseren Fachschaftsrat an alle Studenten verteilen können. Liebe Grüße, T Ps: Es könnte glaube ich für uns Studis nichts Schlimmeres geben, als das was dem Kollegen mit dem Baby passiert ist. :(
Ich fürchte, Sie müssen sich vorläufig mit dem im Text verlinkten PDF zufrieden geben. Etwas detaillierteres, das eine gewisse Sicherheit bietet, scheint es derzeit - nach meinen Recherchen - nicht zu geben. Wobei die Situation, die Sie ansprechen, nach meiner Sicht in der Vereinbarung von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung durchaus geklärt wird, auch wenn sie nicht explizit als Beispiel aufgeführt ist.

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