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Abschreiben bei Wikipedia: Zwei Historiker geraten in Plagiatssturm

Im renommierten Verlag C.H. Beck ist ein 400-Seiten-Historienschinken über große Seeschlachten erschienen. Die Autoren, zwei Historiker, haben dafür Wikipedia kräftig geplündert - und teilweise wortwörtlich abgeschrieben.

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suprafluid 23.04.2014, 20:18
10. Das Medium ist noch kein Qualitätsmerkmal

Zitat von Hamberliner
Was für ein Schaden dadurch entsteht, dass Personen, die es besser wissen sollten, diesen Laien-Sandkasten ernst nehmen, hab ich auch schon erlebt.
Ich muss mich bisweilen über die argumentative Logik gewisser Aussagen bezüglich der Verlässlichkeit von Online-Quellen wundern. Das betrifft sowohl Lehrer zu meiner Schulzeit, als auch Dozenten im Universitätsprinzip. Von unreflektierter Technikeuphorie bis zu dogmatischer Ablehnung habe ich wirklich alles erlebt.

Selbstverständlich sollte man jegliche Informationen, die man rezipiert, kritisch auf ihre Korrektheit hinterfragen. Das gilt natürlich völlig unabhängig vom gegebenen Medium. Eine Internetquelle ist nicht per se schlechter oder besser als ein Buch, eine Zeitschrift, ein Film oder was auch immer Sie mögen. Für die Qualität einer Information viel wesentlicher als das Medium ist -- und das sollte jede Person wissen, die schon einmal wissenschaftlich gearbeitet hat -- der Autor, ggf. der Herausgeber, das Veröffentlichungsdatum und die (gesellschaftlichen, politischen etc.) Umstände der Publikation. Zugegeben sind derlei Informationen im Internet, auch in der Wikipedia häufig schwierig einzusehen.

Das Argument "da kann ja jeder reinschreiben" möchte ich dennoch nicht so stehenlassen. Es hat ja nun schon zahlreiche Studien gegeben, die die Qualität der Wikipedia untersuchten und ihr insbesondere in größeren Artikeln und hinsichtlich Faktinformation ein Niveau auf Augenhöhe mit der Encyclopædia Britannica oder dem Brockhaus bescheinigten. Wenn Sie ihre Falschinformation also aus einem Buch entnehmen, kann es Ihnen dann letztlich auch nur ein geringer Trost sein, dass Sie zumindest weniger Mühe haben, den Verursacher des Fehlers zu identifizieren.

Angesichts der bei einigen Leuten sehr ausgeprägten Printgläubigkeit möchte ich davor warnen, Nachverfolgbarkeit und Qualität von Information gleichzusetzen.

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WolfHai 23.04.2014, 20:28
11. Wissensrecycling - das müsste jedem Grünen gefallen!

Zitat von sysop
Im renommierten Verlag C.H. Beck ist ein 400-Seiten-Historienschinken über große Seeschlachten erschienen. Die Autoren, zwei Historiker, haben dafür Wikipedia kräftig geplündert - und teilweise wortwörtlich abgeschrieben.
Und wenn jetzt Wikipedia-Autoren wiederum dieses Buch als seriöse, weil gedruckte Quelle für ihre Ausführungen nehmen, dann schließt sich der Kreis auf wundersame Weise. Perfektes Recyclen, besser als jeder Umweltschützer es hinkriegen würde. Geradezu buddhistisch, dieser ewige Kreislauf des Seins. Ich bin schon jetzt auf einer höhern Bewusstseinsebene.

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THINK 23.04.2014, 20:38
12.

Zitat von sysop
Im renommierten Verlag C.H. Beck ist ein 400-Seiten-Historienschinken über große Seeschlachten erschienen. Die Autoren, zwei Historiker, haben dafür Wikipedia kräftig geplündert - und teilweise wortwörtlich abgeschrieben.
Das spricht für die Qualität von Wikipedia. Das Plagiat ist die höchste Form der Anerkennung.

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matokla 23.04.2014, 20:41
13. .

Zitat von Hamberliner
Was für ein Schaden dadurch entsteht, dass Personen, die es besser wissen sollten, diesen Laien-Sandkasten ernst nehmen, hab ich auch schon erlebt. Ein Ex-Mitschüler von mir, heute Leiter eines Gymnasiums, wollte mir eine bestimmte Behauptung nicht glauben. Also ging er an den Rechner, guckte bei Wikipedia nach und meinte kleinlaut "Du hast Recht.". Danach verriet ich ihm, dass dieser Passus in der Wikipedia von mir stamme (damals, als ich noch so dumm war mir als Autor die Zeit stehlen zu lassen). Sein Gesichtsausdruck hätte gereicht für den Berliner Spruch "Mund zu, kommen Fliegen 'rein."
Dazu 2 Fragen:
1. Wo ist der entstandene Schaden?

2. Haben Sie sich nicht selbst gerade die Zeit mit dieser ausufernden Selbstbeweihräucherung gestohlen, bzw. hätte nicht der Satz "Ich bin toll!" gereicht?

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drnice1983 23.04.2014, 20:56
15.

unterliegt ein solches Buch eigentlich dem Copyright?
Ich Meine, man kann doch nicht einfach etwas "freies" Nehmen, behaupten es wäre von sich selbst, und belegt es mit einem Copyright-und verklagt dann noch evtl Leute, die etwas 'unerlaubt' kopieren?

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günter1934 23.04.2014, 21:01
16. Wikipedia?

Wenn ich in einer Abhandlung schreibe, tags ist es hell und nachts dunkel, dann habe ich mindestens tausendmal abgeschrieben. Bei Dichtern (der Mond steht hell und schweiget), bei Wissenschaftlern und so weiter.
Meiner Meinung nach ist Wiki grundlegendes Wissen, das man verwenden darf, ohne darauf hinzuweisen.

Ich denke weiter, den Wiki-Mitarbeitern ist das auch schnurz egal.
Oder gibt es da Rechte?

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razer 23.04.2014, 21:03
17.

Zitat von Hamberliner
Was für ein Schaden dadurch entsteht, dass Personen, die es besser wissen sollten, diesen Laien-Sandkasten ernst nehmen, hab ich auch schon erlebt. Ein Ex-Mitschüler von mir, heute Leiter eines Gymnasiums, wollte mir eine bestimmte Behauptung nicht glauben. Also ging er an den Rechner, guckte bei Wikipedia nach und meinte kleinlaut "Du hast Recht.". Danach verriet ich ihm, dass dieser Passus in der Wikipedia von mir stamme (damals, als ich noch so dumm war mir als Autor die Zeit stehlen zu lassen). Sein Gesichtsausdruck hätte gereicht für den Berliner Spruch "Mund zu, kommen Fliegen 'rein."
Für was soll Ihre kleine Geschichte denn ein Beleg sein ?
Dafür, daß Sie bewußt Unsinn im Wkipedia veröffentlicht haben, oder dafür daß man immer mehrere Quellen für irgendwelche Behauptungen suchen sollte ?
Sie klingen wie so mancher selbsternannte Experte, dessen "Meinungen" nicht immer im Wikipedia übernommen werden, Wikipedia sei keine seriöse/wahrheitsgetreue Informationsquelle.
Es gibt kein Lexikon, welches nur wissenschaftlich völlig unbestrittene, letzte Wahrheiten, verkündigt, nicht einmal der Brockhaus.
Das ist, wie Ihnen ein anderer Forist schon ins Stammbuch geschrieben hat, natürlich völlig unabhängig vom Medium, Verlag oder sonstigen Organisationen die Nachschlagwerke, wie Lexikas veröffentlichen. Wikipedia ist eben nur eine-allerdings extrem vielfältige-Informationsquelle, erst recht für Wissenschaftsautoren. Im Übrigen belegen doch diese Historiker, daß Wikipedia offensichtlich wissenschaftlich gar nicht so schlecht ist.

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mr.verloc 23.04.2014, 21:12
18. Was ist mit

Vieles, was bei Wikipedia steht, kann als Allgemeinwissen gelten, auf dessen Quelle nicht unbedingt verwiesen werden muss. Insoweit es sich bei dem Buch nicht um eine Forschungsarbeit, sondern um ein populärwissenschaftliches Werk oder einen langen Essay handelt, können manche Verweise weggelassen werden. Der Plagiatsvorwurf hängt also an der Frage, ob tatsächlich größere Textabschnitte kopiert wurden und wenn ja: Wie oft und in welcher Form?

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Hamberliner 23.04.2014, 21:17
19. Eine Enzyklopädie ist das nicht.

Zitat von passover
Viel weitergehende Unterschiede sehe ich aber nicht zwischen dem Laien-Sandkasten und einer beliebigen Enzyklopädie. Es mag bei einer gedruckten Ausgabe mehr Wert auf Fehlerfreiheit gelegt werden, da er nicht mal eben schnell behoben werden kann. Aber arbeite(te)n bei Brockhaus oder Meyer absolute Koryphäen ihres Faches, die ihr Wissen in das Gesamtwerk einfließen ließen, oder waren es doch auch nur Schreiberlinge, die Wissen aus unterschiedlichsten Quellen zusammentrugen?
Bei der Wikipedia läuft das so: Wenn man auf seiner Benutzerseite klargestellt hat, wo man Fachmann ist (z.B. promovierter Ingenieurwissenschaftler) und versucht, irgendwo fußnagelaufrollenden Unsinn zu korrigieren erntet man den vollen Hass und die volle Verachtung pickeliger Jugendlicher, denen nichts mehr stinkt als jemanden zu respektieren, der mehr Ahnung oder Lebenserfahrung hat. Sie reverten dann die Korrektur und beschimpfen sie als "Vandalismus". Gleiches gilt nicht nur für Fachwissen, sondern Lebenserfahrung, z.B. Auslandserfahrung.
Wenn es bei Wikipedia überhaupt vereinzelt und lückenhaft brauchbares Fachwissen gibt lieg das daran, dass Wikipedia süchtig macht und man als Fachmann, wenn man erkannt hat was für ein asozialer Zeitdiebstahl zum Schaden der Fachleute Wikipedia ist, sich nur schwer davon losreißen kann.

Bei Meyer und Brockhaus findet man solche Probleme wohl kaum.

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