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ARD-Bestseller-Verfilmung "Der Turm": Die DDR lebt am Ende auf
DAS ERSTE

Sparen mit Gewinn! Die ARD-Verfilmung von Uwe Tellkamps DDR-Roman "Der Turm" konzentriert sich auf die TV-tauglichen Momente des Großwerks und besticht vor allem im letzten Drittel. Und zum Gück verzichtet sogar Jan Josef Liefers auf das Knallchargentum seiner "Tatort"-Rolle.

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crassus 05.10.2012, 01:45
50. Kernsätze

Mir als ehemaligen „Bürger der DDR“, der mit 18 J. 1957 seine Heimaterde verlassen hat, ist der Satz im Film: „Das ist doch alles verlogene Sch……“ aus tiefster Seele gesprochen. Und den schon als Schüler vernommenen (von vernehmen, besser verhören) Satz, der auch im Film vorkommt: “Wo haben Sie (in unserem Falle habt ihr) das her“ ist mir unvergesslich (ernsthafte Androhung von „Kindererziehungsheim“ durch linientreue Lehrer für ein selbst verfasstes politisches Gedicht). Viel mehr braucht es nicht, um das Abgleiten einer ideal geborenen Idee des Sozialismus in die Tiefen der Diktatur einer neuen herrschenden Klasse zu begreifen. Die täglichen Lügen und Phrasen der SED standen im Widerspruch zur täglichen Realität und zum Glück im Widerspruch zu den häuslichen Familienkreisen meistens. 17. Juni und Ungarnrevolution waren klare Helfer zur Erkenntnis. Als frei denkender Mensch hatte ich keine Chance. Ich galt einerseits als „geläutert“ (Junge Pioniere zur Abwehr des Erziehungsheims, dann FDJ), das war praktisch Schutz. Trotzdem waren ein Gegenwartskundereferat über die Ungarnrevolution (die wahren Ereignisse) und ein Aufsatz über das Funktionärssystem der DDR meinerseits fällig. Bei der Stasi war ich deshalb nicht fällig, weil ich von den Lehrern nicht verraten wurde. Zur damaligen Zeit hatte ich nicht das Gefühl, dass es genug Freunde gab, die wirklich etwas gewagt hätten, wie es später dann der Fall war. Obwohl ich studieren „durfte“, war ich überzeugt gehen zu müssen, um nicht in dieses Unrechtssystem verstrickt zu werden. Einheit und Freiheit lagen in weiter Ferne und die Gefahren für Menschen wie mich waren sehr groß. Jedenfalls war es für viele damals eine Gewissensfrage und keine Frage „warum die Butter in der DDR mehr kostete“. Der Film erfasst diesen Zeitpunkt nicht, obwohl das DDR-Prinzip gleich geblieben ist. 1957 war es mutig in die Wahlkabine in der DDR zu gehen, gerade weil man wusste, dass 99,99% sowieso schon feststehen. Ich war jedenfalls mit 18 drin.

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mxxr 05.10.2012, 06:53
51. Was das Buch zu lang ist ist der Film zu kurz

Klar kann man einen solchen Wälzer der nach meiner Ansicht doch einige "Längen" hat nicht in einen Film pressen ohne dass einiges auf der Strecke bleibt, aber als Film ist der doch nicht schlecht geworden. Wer sich jetzt wieder aufregt, so sei es nicht gewesen, hat entweder immer noch nichts verstanden oder war der SED-Nomenklatura angehörig. Genau so waren Staatsbürgerkundelehrer! Genau so haben sich die Schleifer bei der NVA benommen! Genau so haben die Parteisekretäre geschwafelt! Und es gab sehr wohl Menschen die versucht haben bürgerliches Leben und Kultur aufrecht zu erhalten, es gab die Zerrissenen zwischen Kompromissen der Karriere wegen und dem Versuch Mensch zu bleiben. Viele sind daran zerbrochen.
Ein paar Kleinigkeiten sind mir aufgefallen die nicht stimmten - eher belanglos wie das Hemd mit Schlips zu der Dienstuniform (die ohne Hemd getragen wurde weil bis oben geknöpft), einige Gespräche die etwas gestelzt waren und so in der Realität eher nicht gesprochen wurden. Es war erschreckend und wie ein Grusel, die Kulisse zu sehen, die ganzen herunter gekommenen Häuser mit abgeblättertem Putz, das triste Grau in Grau dass sich durch diesen Sozialismus zog. SO, liebe Ewiggestrige war die DDR wirklich!
Die Schauspieler fand ich durchweg Klasse, allen voran Jan Josef Liefers und Claudia Michelsen - beide eine Liga für sich. (Dass Liefers auch was anderes spielen kann als Börne sollte nicht überraschen. Freut sich ein Journalist eigentlich auch darüber festzustellen, dass Götz George nicht jede Rolle wie Schimanski spielt?) Aber auch bis in die Nebenrollen ist der Film perfekt besetzt.

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Flitzpiepin 05.10.2012, 09:09
52. so wars

Ich, die ich leider an den vielen Seiten des Buches gescheitert bin (vielleicht versuch ichs jetzt nochmal), fand den Film so schrecklich realistisch, dass meine ganze Kindheit und Jugend in diesem so schrecklichen Land wieder hochgekommen ist. Diese Kindheit, die durch meine Eltern eine schöne war. Dieses System, was mich wegen der Akademiker-Eltern nicht hatte studieren lassen, meine Jugend versaut hat. Es sah in dem Film wirklich genau so aus, wie ich auch die 80er erlebt habe und es fühlte sich auch so an- gruselig. Ich hatte das Glück, nachdem ich keinen Studienplatz bekam und nach einigen Monaten Knast, dieser DDR den Rücken kehren zu können und im Westen was zu werden.
Aber allen, die meinen, so schlimm sei es doch wohl nicht gewesen sei gesagt, doch- so und noch schlimmer wars dort.

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Starmoon 05.10.2012, 10:10
53. Einsicht ist nur eine Sicht

aber von sengenator lese ich eine Einsicht, die das triftt, was ich von einigen Kollegen und Freunden aus dem Osten gehört habe. Präziser und zweisichtiger geht es nicht mehr. Die Draufsicht behalten oder erlangen, das ist halt sehr sehr schwer. Die DDR-ler müssten sie eigentlich haben, besser gesagt bekommen haben. Aber die Sucht der Verklärung ist stärker. Irgendwann geht es zu Ende damit, das ist sicher. Und sicher ist auch die Erkenntnis: "wir" hätten es nicht besser gemacht. Ich bin ein Wessi.

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kael 05.10.2012, 12:45
54. Ein gut gemachter Film....

...aber für den Westen (und vor allem für den Osten) nichts Neues!

Aber so lange mit Historienfilmen über die Ex-DDR Preise gewonnen werden, wird die Serie der "Aufarbeitungen" vermutlich bis zum 50sten Jahrestag des Mauerfalls im Jahre 2039 anhalten.

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nurmi51 05.10.2012, 13:32
55. Ddr ?

Ich habe mir die Mühe gemacht, darüber nachzudenken, was an dem Film DDR - typisch war. Wenn ich die Konflikte, die Häuser usw. nehme und in andere Länder (Staaten) verfrachte, dann können die doch überall auf der Welt gespielt haben, oder. So gesehen war doch die DDR nicht außergewöhnlich.

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kagu 05.10.2012, 14:10
56.

Zitat von Starmoon
aber von sengenator lese ich eine Einsicht, die das triftt, was ich von einigen Kollegen und Freunden aus dem Osten gehört habe. Präziser und zweisichtiger geht es nicht mehr. Die Draufsicht behalten oder erlangen, das ist halt sehr sehr schwer. Die DDR-ler müssten sie eigentlich haben, besser gesagt bekommen haben. Aber die Sucht der Verklärung ist stärker. Irgendwann geht es zu Ende damit, das ist sicher. Und sicher ist auch die Erkenntnis: "wir" hätten es nicht besser gemacht. Ich bin ein Wessi.
Über Ihren letzten Satz habe ich mich sehr gefreut. Ich habe unmittelbar nach dem 03.10.1990 und dann kontinuierlich weiter beruflich sehr viel mit "Wessis" zu tun gehalbt und dabei den Eindruck gewinnen müssen, sie alle wären Widerstandskämpfer gewesen, wenn sie in der DDR gelebt hätten. Eine junge Juristin, die in der Ex-DDR anfänglich als Richterin am Amtsgericht und bald danach am Landgericht eingesetzt wurde, hat mich gefragt, wie es möglich war, dass die Ossis sich so lange "einsperren" ließen, dagegen hätte man kämpfen müssen.

Ich war am 13.08.1960 in Berlin und habe die die Panzer an der Mauer stehen sehen. Die Rohre zeigten nicht in Richtung des angeblichen Gegners, sondern in Richtung Ostberlin, und Hilfe von Außen war nicht zu erwarten. Das ging ja offensichtlich auch gar nicht anders, wenn man einen neuen Krieg vermeiden wollte.

Dass die Ossis angesichts dieses Szenarios und angesichts ihrer Erfahrungen aus dem Aufstand vom 17.07.1953 auf sinnloses "Heldentum" verzichteten, müsste m. E. einleuchtend sein.

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klaus2301 05.10.2012, 15:12
57. einiges im Film war arg überspitzt

insgesamt ein guter Film, aber wer hat in der DDR 1983 zu Weihnachten im Pelz unterm Weihnachtsbaum gesessen? Die Szenen von der Armee waren auch sehr überspitzt. Ich habe auch in dieser Zeit gedient, aber das jemand mit dem Kopf in die Toilette gesteckt wird, kannte ich nicht mal vom hörensagen. Die Zeit in der Armee war hart, aber das mit der Eskaladierwand entstammt doch der Märchenwelt. Ein wenig mehr Realität hätte dem ganzen gut getan.

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guentilein 05.10.2012, 15:21
58. Ich hab zum gleichen Zeitpunkt gedient

aber irgend wie miß sich dieser Militärapparat gehäutet haben. Schwedtgäste als Ufz. zu entlassen, war mir bis dato neu. Den Kommentaren nach zu urteilen, ist es dem Regiseur sehr gut gelungen, seine vom amerikanischen Hirnweichspüler, geläuterten Mitbürger, auf Linie zu halten.

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WA_Chemnitz 05.10.2012, 20:06
59. ...

Ich habe selten so ein dümmliches, plattes, und von den seit 22 Jahren allgemein üblichen (west)-journalistischen Klischees behaftetes Machwerk über die ehemalige DDR gesehen. Wie nicht anderes zu erwarten, wurden zum
x-ten Male von offenbar profilierungssüchtigen Machern (die die DDR vermutlich höchstens als Kindergarten- kinder kannten...) alle Negativseiten, die vorallem dem
ungelernten Westbürger seit fast 23 Jahren serviert werden, in 4 Stunden Film gepresst.
Ich kann nur sagen: Armes, vereintes Deutschland !
Ich hatte 1989, im Alter von 27 Jahren, eine hervorra- gende 10-klassige Schulbildung (die heute in den meisten Bundesländern Abiturniveau hätte !!), eine Lehre und Studium erfolgreich absolvieren können, ohne dass ich je ein DDR-Kader oder besonders geförderter Mensch gewesen wäre.
Und ich hatte Lehrer und Lehrmeister die uns zwart hart, aber erfolgreich und mit viel Liebe gefördert und gefordert haben !
Davon zehre und lebe ich heute noch als Leitender Angestellter eines großen Unternehmens.
Es ist unbestritten das vieles grau und kaputt war, es wurden Menschen geknechtet und tot geschwiegen. Das wissen wir heute.
Wir wissen heute jedoch auch, dass es in JEDEM Gesellschaftssystem und in jeder Epoche einer gewissen Anpassung bedarf um weiterzukommen ! Und auch, dass es politisch gesteuerte Beeinflussung und Unterdrückung darin lebender Menschen gibt und gegeben hat, die sich gegen das jeweilige System stellen.
Das 23 Jahre nach der Wende so wenig Differenzierung und platte Darstellung des Ostens stattfindet, der 1945 leidergottes das Pech hatte in der falschen Himmelsrich- tung zu liegen, ist ein Schlag ins Gesicht Millionen Ostdeutscher Landsleute !
Lasst Euch das gesagt sein und macht es demnächst endlich einmal besser !!
Die Menschen in der DDR haben nämlich die Fahne trotz Teilung und sowjetischer Besetzung, incl. Reparationen bis in die 1960-er Jahre (...als der Westen schon längst einen Marschallplan hatte) hochgehalten !
Sie haben fleissig gearbeitet, studiert, gelebt, gelernt und Kinder großgezogen.
Ich sage Euch voller Selbstbewusstsein: Ich denke trotz vieler Entbehrungen sehr sehr gern an meine Kindheit und Jugend im Osten zurück !
Und ich weiss genau, dass es Millionen anderer meiner Generation aus dem Osten auch tun !
Ich biete den Machern dieses Films gern, einmal ihr Allgemein-und Tiefenwissen über die ehemalige DDR zu testen, incl. der jüngeren deutschen Geschichte seit 1945.
Viele Grüße aus Chemnitz ! W.A. (geboren 1962)

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