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ARD-Film über Computerspielsucht: Paranoia hinter der VR-Brille
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Der Glanz des Spiels, das Elend des Teenagers: Der Film "Play" zeichnet nach, wie sich eine Schülerin in einer Videospiel-Parallelwelt verliert - keine pädagogische Fallstudie, sondern großes Drama mit Sogwirkung.

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ZhuBaJie1 11.09.2019, 15:44
1. Oh weh! Das lineare Fernsehen demontiert sich mal wieder selbst

Es sind so einige Schlüsselsätze in dem Text, die mir zeigen, dass weder die Filmschaffenden noch der Rezensent irgendeinen realen Bezug zum Gaming haben. Schon die Grundidee ist wirklichkeitsfremd. Mal länger als 30 Minuten eine VR-Brille auf der Nase gehabt? Das ist im besten Fall eine Sucht für angehende Models, die eine Alternative zum Finger im Hals suchen!

Gaming als existenzgefährdende Sucht zu präsentieren, kommt beim noch verbleibenden, älteren TV-Publikum (inkl. besorgter Pädagogen) natürlich immer gut an. Ausgerechnet das lineare Fernsehen mahnt! Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, da war es gerade das TV, dem diese Rolle zugesprochen wurde (ebenso wie VHS-Videos, das World Wide Web, Comics oder, wenn man hinreichend weit zurückgeht: Bücher...).

Die Eingruppierung einer "Gaming-Disorder" als Krankheit ist ja grundsätzlich sehr umstritten. Ich habe in meinem Leben so einige "Süchtige" getroffen: Serien-Süchtige, Sprach-Lern-Süchtige (oh ja!), Mathesüchtige (sic!), Sport-Süchtige aller Art (inkl. Zerstörung des sozialen Umfelds, der eigenen Existenz und paradoxerweise der Gesundheit) und last not least jede Menge Arbeitssüchtige (bis hin zur Todesfolge).

Spiele sind ja nach Genre (mal bessere, mal schlechtere) Unterhaltung, Koordinations- und Gedächtinistraining, Rätselbuch-Ersatz, eine nicht-lineare Art des Geschichtenerzählens, Kreativitätsoutlet, Schule, Simulation oder schlicht Kunst.

Und wenn das mal eines sehr fernen Jahres tatsächlich hinreichend real werden sollte (Stichwort Galvanic vestibular stimulation) - vielleicht eine CO2-arme Alternative zum Pauschalurlaub?

So, und jetzt freue ich mich auf den Feierabend mit einer Runde im herrlich bizarren Control.

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Merlini 11.09.2019, 16:59
2. Typisch

Es ist mal wieder typisch, dass VR Gaming im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht als spannende neue Chance, sondern nur als Gefahr gesehen wird. So wird Deutschland nie wieder Technologieführer in irgendwas werden...

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Taiga_Wutz 11.09.2019, 22:03
3. Flesh for Fantasy

Klar, dass sich hier auch wieder abstreitende Stimmen zu Wort melden, ist ja auch okay. Den Schritt von der klassischen Konsolensucht zur VR-Sucht zu vollziehen, war dramaturgisch schon okay, weil so generelle Parallelwelt-Sucht in so einem Format konsequenter abgebildet werden kann. Das aber aus -anscheinend überrissener- Tech-Affinität als komplett abwegig abzutun, halte ich für genauso verkehrt, wie die damit kritisierte Zech-Hysterie. Klar war die ganze Zeit: das Mädel hatte bereits vorher eine seelische dispositive Labilität und nicht die in solchen Situationen hilfreichen anderen Ausgleichsaktivitäten. Das hat der Film ganz prima dargestellt. Die Darsteller waren alle sehr gut, die Hauptdarstellerin ganz groß! Schön auch, dass die Castingchefin Tolkien hieß.

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toninotorino 11.09.2019, 22:25
4. Play

Emma Balding spielte die Rolle der Jennifer hervorragend. Der Film ging mir unter die Haut. Schade, dass es nach dem Film zum Thema Gaming Disorder keine Dokumentation oder eine Diskussionsrunde gab.

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Plasmagreen 11.09.2019, 22:37
5. Nicht gelungen

Als Mitarbeiter einer Kinder- und Jugendpsychiatrie kann ich sagen, dass die Entwicklung einer Computerspielsucht nicht gut dargestellt wurde. Das Mädchen leidet bereits VOR dem ersten Zocken unter Stimmhören, was für ein schizophres Störungsbild spricht. Die sich daraus entwickelnde Spielsucht wird im Anschluss offensichtlich innerhlab weniger Wochen, höchstens Monate entwickelt. Das entspricht nicht einem realen Verlauf. Dieser vollzieht sich in Jahren, in den meisten Fällen ab der Kindheit. Auch an Erklärungen, warum die junge Frau süchtig wird, mangelt es. Sie hat sie liebende Eltern, von einem „dritten Rad am Wagen“, kann überhaupt nicht die Rede sein. Sie gestaltet ihre Freizeit mit Sport und hat, wenn auch nur oberflächliche, Freundschaften. Eine soziale Verpflanzung, wie im Film dargestellt, reicht nicht aus, um eine deratige Suchtspirale in Gang zu setzen. Es mag Einzelfälle geben, in denen die Sucht ohne erkennbaren Grund entsteht, aber das war sicher nicht die Intention des Films, das zu zeigen. Es bleibt als Erklärung die Wahnvorstellungen (sie hört ja die Stimmen, die ihr einflüstern, sie sei häßlich und werde nicht gemocht und darauf hin entscheidet sie, sich in die Spielwelt zu flüchten). Somit nimmt sich der Film selbst die Chance, betroffenen Eltern eine Hilfe zu sein, warum ihre Kinder in die Computerspielsucht abgleiten und betroffenen Kindern/Jugendlichen ebenso. Sehr schade.

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static_noise 12.09.2019, 07:01
6. Überschrift

Der Film ist sicher spannend und gute Unterhaltung, aber bitte, wenn ich aus dem Beschriebenen und solchen Sätzen: "Für das breite Publikum, das noch nie eine VR-Brille von innen gesehen hat, spielt das keine Rolle." aber auf Authentizität Rückschlüsse ziehe dann ist das wie in den 70ern als vor "Cannabis spritzende Junkies" gewarnt würde.

Man kann hervorragende Unterhaltung zu dem Thema machen, man kann schwergängige pädagogische Lehrfilme machen, überdrehte Parabeln... nichts dagegen einzuwenden, aber bitte nicht behaupten das eine sei adäquat zum Anderen.

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kup66095 12.09.2019, 07:58
7.

Zitat von Plasmagreen
Als Mitarbeiter einer Kinder- und Jugendpsychiatrie kann ich sagen, dass die Entwicklung einer Computerspielsucht nicht gut dargestellt wurde. Das Mädchen leidet bereits VOR dem ersten Zocken unter Stimmhören, was für ein schizophres Störungsbild spricht. Die sich daraus entwickelnde Spielsucht wird im Anschluss offensichtlich innerhlab weniger Wochen, höchstens Monate entwickelt. Das entspricht nicht einem realen Verlauf. Dieser vollzieht sich in Jahren, in den meisten Fällen ab der Kindheit. Auch an Erklärungen, warum die junge Frau süchtig wird, mangelt es. Sie hat sie liebende Eltern, von einem „dritten Rad am Wagen“, kann überhaupt nicht die Rede sein. Sie gestaltet ihre Freizeit mit Sport und hat, wenn auch nur oberflächliche, Freundschaften. Eine soziale Verpflanzung, wie im Film dargestellt, reicht nicht aus, um eine deratige Suchtspirale in Gang zu setzen. Es mag Einzelfälle geben, in denen die Sucht ohne erkennbaren Grund entsteht.
Unser Protagonistenmädchen "hört keine Stimmen" und ist auch nicht schizophren! Das sind lediglich vertonte Erinnerungen oder Rückblicke, um dem Zuschauer langwierige und langweilige Erklärungen zu ersparen!

Und falls Sie wirklich "Mitarbeiter einer Jugenpsychatrie sind, kann ich es absolut nicht nachvollziehen, wie Sie hier verharmlosen und schönreden! Es mag zwar in Ihren Schulbüchern stehen, dass es mehr als "eine Handvoll Auslöser für Suchten" benötigt.... In der Realität sollten Sie aber wissen, dass das Quark ist!

Falls Sie jemals, und das bezweifle ich, eins der gängigen Suchtpotential-Spiele gespielt haben (oder sich ein klitzekleinwenig damit befasst haben), wüssten Sie, dass bei den Herstellern Heerscharenweise Psychologen beratend tätig sind, um die Spieler (Kinder/Jugendliche und auch Erwachsene) psychologisch genau so zu anzukicken, dass auch "fest" im Leben Stehende in kurzer Zeit süchtig werden können!

Der Film hatte bestimmt Schwächen, war aber um Großen Ganzen sowohl glaubhaft als auch spannend. (Aus technischer Sicht würde ich ihn allerding etwa 3 Jahre in der Zukunft ansiedeln.)

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Ichaufloesung 12.09.2019, 11:23
8.

Zum Gruße ;-)

ZhuBaJie1 , ich werd mir mal erlauben etwas auf deinen Beitrag einzugehen, so per du, von Gamer zu Gamer.

Du hast natürlich recht mit vielen Dingen und einiges ist, wie so oft im Leben, natürlich eine Frage der Perspektive.

So ziemlich jedes Verhalten kann in eine Sucht ausschlagen.
Ob es jetzt nötig ist alle möglichen "Krankheitsbezeichnungen" dafür zu erfinden mag ich nicht beurteilen.
Vielleicht ist es aber nötig um besser helfen zu können.

Ich für meinen Teil bin als Kind und Jugendlicher in eine Spielsucht abgestürzt und das als Flucht vor einer Realität, die ich nur noch vergessen wollte.

Es war ein gutes Mittel um meinen Sresslevel zu senken und das hat mir geholfen zu überleben. Damals konnte man es nur patologisch betrachten.

Weiterhin kann man sehrwohl eine VR Brille stundenlang nutzen, überhaupt kein Problem.
Die Bewegungsübelkeit ist bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt und im Regelfall trainierbar.

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Hudson, Jane 12.09.2019, 12:19
9. Ein Gewinn für alle

Oma und Opa haben ein Anrecht auf Furcht. Phobos ist elementare Unterhaltung. Alle etwaig Jüngeren. die sich zufällig in den TV Konsum verirrt haben, haben ein Anrecht auf Hohn. So ist doch für alle ein Gewinn.

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