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Begriffschaos: Nicht alles, was brennt, ist Anarchie
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90 Prozent der Politik besteht aus Wortgefummel. Nach dem G20-Elend hoch im Kurs: das Rumgeschmeiße mit dem Anarchie-Begriff. Keine gute Idee.

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acitapple 11.07.2017, 18:29
1.

Eine schöne Vorstellung, niemand herrscht, Gesetze brauchen wir nicht weil wir uns ja alle respektieren... Kann man so naiv sein und wirklich versuchen auf solch eine Gesellschaft hinzuwirken ? Es widerspricht der menschlichen Natur. Hätten wir ALLES im Überfluss und niemand würde dem anderen was neiden, könnte es halbwegs funktionieren. Aber das wird nie soweit kommen. Bis zu einem gewissen Grad ist der mensch sozial und rücksichtsvoll, aber nur solange das Soziale ihm nützt. Ab da gilt dann das Gesetz des Stärkeren...

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NatanielPusch 11.07.2017, 18:31
2. Hätte Hamburg eine funktionierenden Anarchie ...

... dann hätte es keine linkschaotischen Ausschreitungen gegeben. Denn die Hamburger Bürger hätten sich in einer funktionierenden Anarchie längst selbst organisiert und bereits die Vorbereitungen dieser Ausschreitungen verhindert. Wenn Hamburg eine funktionierende Anarchie hätte, wären auch solche chaotischen Örtlichkeiten wie die "rote Flora" längst geräumt und verschwunden. Und die G20-Gespräche hätten dann auch nicht in Hamburg stattgefunden. In einer Anarchie lebt es sich sehr friedlich und sehr ruhig. Kein Zweck heiligt Zwang! Und Leute, die anderen etwas aufzwingen wollen - z.B. nationalsozialistisches (rechtes) oder auch internationalsozialistisches (linkes) Gedankengut - gegen solche Leute würde man sich in einer funktionierenden Anarchie wirksam zur Wehr setzen. Denn die nationalen und die internationalen Sozialisten haben eine Gemeinsamkeit: Sie wollen einen maximalen Etatismus, der die Freiheit aller maximal behindert und sie bekriegen Andersdenkende mit Gewalt.

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HeisseLuft 11.07.2017, 18:34
3. Ja, aber...

Schon recht, Anarchie bedeutet zunächst einmal nix anderes als Herrschaftslosigkeit. Und nicht per se Chaos und Gewalt.
Der kleine Haken: wenn komplexe Gesellschaften in einen Zustand der Anarchie abgleiten, bedeutet das eben doch Chaos und Gewalt.

Anarchie funktioniert eigentlich nur in kleinen Gruppen, am Besten für Jäger und Sammler. Die brauchen keinen komplexen Staat, wozu?
Für die anderen Teilnehmer der Rallye, die sich in Gesellschaften aufhalten, in denen sie sich mit renitenten Internetlieferanten, renitenten Internetkäufern, renitenten Mietern, übergriffigen Vermietern etc.pp aufhalten gilt das eher nicht. Speziell auch dann nicht, wenn jemand dabei ist Autos abzufackeln. Egal ob die sich als Anarchisten verstehen oder nicht.

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medium07 11.07.2017, 18:36
4. Doch Kluggeschnackt!

Ihre Definition der gängigen Theorie(n) betreffs Anarchie dürfte weithin bekannt sein. Nur die gängige Praxis sieht eben schon immer so aus, wie gerade erst in Teilen Hamburgs. Allerdings wundert es mich nicht, dass Sie Herrschaftslosigkeit bei gütlicher Vereinbarung gegenseitiger und allgemeiner Wohlgesonnenheit für möglich halten. Ist Ihnen das Stanford-Prison-Experiment kein Begriff?

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dulcineadeltoboso 11.07.2017, 18:39
5.

Der Begriff Anarchie ist wahrscheinlich dehnbar wie ein Kaugummi. Tolstoi war auch Anarchist. In "Krieg und Frieden" legt er seine Meinung dar, dass die Gesellschaft sich von alleine hierarchisch anordnet. Es muss ein Oben geben, das die "Verantwortung" hat ohne zu handeln, und ein Unten, das handelt ohne die Verantwortung zu haben. Handeln und gleichzeitig die Verantwortung haben, hält der gewöhnliche Mensch nicht aus. Der Anarchist im Tolstoischen Sinne wäre dann einer, der für sein Tun auch die Verantwortung übernimmt. Damit sind die Hamburger Chaoten selbstverständlich keine Anarchisten.

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specchio8 11.07.2017, 18:39
6. Na endlich...

Eine vernünftige Auseinandersetzung mit einem der inflationär gebrauchten Begriffe nach diesem Wochenende.

Weiterhin zu besprechen sein, sollte der Begriff der Autonomie bzw. des oder der Autonomen.

Ich glaube, dass die Bilder von Chaos und Zerstörung herzlich erwünscht oder zumindest freudig in Kauf genommen sind um Menschen die sonst so tollen A. Wörter madig zu machen. Wobei das madig machen ein noch sehr diplomatischer Ausdruck ist. Kurzum: es lebe die Anarchie. Im hier beschrieben Sinne.

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senapis 11.07.2017, 18:40
7. Danke

Fr. Stokowski, für Ihre Einschätzung. Allen, denen das Thema nicht vertraut ist, empfehle ich, mal die Namen "Sacco und Vanzetti" in die Suchmaschine ihres Vertrauens einzugeben. Der Song dazu, u.a. in der Version Ennio Morricone/ Joan Baez ist ergreifend.

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bronstin 11.07.2017, 18:41
8. Wie immer bei PoWi...

Theorie bleibt Theorie und man (hier weiland frau) sucht offenbar Versuchkarnickel dafür. Danke für Ihr Engagement für eine "Bessere Welt" - aber den Versuchkarnickelstatus hatte ich schon ungefragt im "Sozialismusexperiment" der SBZ (oder auch DDR genannt). Als mündiger Büger verzichte ich gern darauf, nochmals für Experimente zur Verfügung zu stehen... Wandern Sie mal lieber dahin aus, wo man sowas aufgeschlossen gegenübersteht! Gibt ja so einige Möglichkeiten inkl. Venezuela...

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stat_ist 11.07.2017, 18:45
9. Danke für die Klarstellung, allerdings ...

wie geht diese herrschaftsfreie Gesellschaftsform mit inneren und äußeren Feinden um?
Die Geschichte zeigt: Mit physischer Vernichtung, und zwar ohne Unschuldsvermutung.
Deswegen kann man Macchiavelli nur zustimmen, wenn er die Anarchie als schlimmeres Übel als die Tyrannei bezeichnet.
Eine herrschaftsfreie Gesellschaft funktioniert nur, wenn es ausschließlich gute Menschen gibt. Da hat das Christentum einen weit realistischeren Blick auf den Menschen, wenn es ihn als Sünder sieht. Das Wort Sünder (und das Konzept dahinter: die Entfernung von Gott) mag veraltet sein, beschreibt aber das Dilemma: Der Mensch ist nicht "an sich" gut. Wenn man über neue Gesellschaftsformen nachdenkt, muss man Konzepte entwerfen, die mit dem schlechten (z. B. egoistischen, machtbesessenen, neidischen, geizigen, hochmütigen, faulen oder jähzornigen etc.) Menschen umgehen, ohne letztlich in Lösungen á la Pol Pot zu enden.

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